Achtung Buch: Im dunklen dunklen Wald von Ruth Ware

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Freundschaft ist…

… wenn man eigentlich seit geraumer Zeit gar kein Freund von Thrillern ist, sich aber im Gespräch mit den anderen Lesemädels doch dazu breit schlagen lässt, es zu versuchen. So kam es, dass ich mich der Herausforderung gestellt habe, und nicht nur das Buch gelesen, sondern auch an der Blogtour zum Buch teilgenommen habe. Was wir da so erlebt haben, könnt ihr auf den folgenden Seiten nachlesen:

Kurzvorstellung des Buches bei Ronja

Eine besondere Cocktailparty bei Anja

Interview mit Ruth Ware bei Sabine

Dialog über die Freundschaft und ihre Besonderheiten bei Yvonne, Pauli und mir

Eva erklärt uns warum wir Angst im Wald haben und was ihn so besonders macht

Heike erklärt uns das Phänomen des Junggesellinnenabschieds

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Das war sie also, unsere sehr spannende und gruselige Blogtour zum Thriller von Ruth Ware. Doch um was geht es nun genau?

Der Klappentext verrät uns Folgendes: 
Eine bizarre Junggesellinnenparty.
Ein Spiel, das aus dem Ruder läuft.
Manche Partys sind gut, manche sind schlecht. Diese hier ist tödlich.
Als Nora, 26, eine Einladung zum Junggesellinnenabschied ihrer ehemals besten Freundin Clare bekommt, ist sie mehr als überrascht. Sie hat Clare seit zehn Jahren nicht gesehen. Seit dem Vorfall damals, den Nora nie ganz überwunden hat… Und jetzt aus heiterem Himmel diese Einladung. Ein idyllisches Wochenende in einem Haus tief in den winterlichen Wäldern Nordenglands ist geplant. Was kann es schon schaden? Nora gibt sich einen Ruck und fährt hin. Doch etwas geht schief. Grauenvoll schief.

Viel mehr Worte möchte ich dazu gar nicht verlieren, denn jedes Wort zu viel wäre ein Wort, das euch einen, wenn auch noch so kleinen Teil der Spannung nehmen könnte. Was zunächst wie ein allseits bekanntes Schema für dieses Genre klingt, entwickelt sich schon ab der ersten Seite zu einem perfiden Katz und Maus Spiel. Jeder Mensch hat zwei Seiten, heißt es immer so schön. Und genau dies wird im Buch bewiesen. Da wird die beste Freundin zur Kratzbürste und die Feindin zur Verbündeten. Da glaubt man jahrelang, sich zu kennen und wird sich auf engstem Raum doch fremder als man es je zu glauben gewagt hatte.

Dass ein Mord passieren wird, wird hier jedem klar sein. Denn was ist schon ein Thriller ohne Blut und ohne Mord. Aber wie er vollzogen und vor allem wie sich die Geschichte im weiteren Verlauf entwickelt, das ist schon gar nicht von schlechten Eltern. Ein Mord also, MORD… wieso kann sich Nora aber an nichts erinnern? Und wieso liegt sie im Krankenhaus? Was machen die Polizisten vor ihrem Zimmer? Wie ein undurchdringlicher Nebel liegt die Vergangenheit über ihrem Gedächtnis und kann selbst mit der größten Anstrengung nicht hervorgeholt werden. Der Druck auf die junge Frau nimmt zu und da ist sie: eine erste kleine Erinnerung. Schritt für Schritt rekonstruiert Nora im Geiste die Geschehnisse vom Tag der Einladung zum Junggesellinnenabschied bis hin zum Krankenhaus. Und je weiter sich der Nebel lichtet, desto mehr wird sich Nora der Gefahr bewusst, in der sie und die anderen schweben.

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Ruth Ware ist brillant. Anders kann man es nicht sagen. Ihr ist es gelungen, einen althergebrachten Stoff so gekonnt neu zu verpacken, dass man von der ersten bis zur letzten Seite im Buch gefangen ist. Man hegt erste Ahnungen, verwirft sie wieder. Man verfolgt Spuren, die zunächst klar zu sein scheinen und dann im Schnee verlaufen. Man vertraut, um am Ende mehr zu misstrauen und man dreht sich ähnlich wie Nora permanent im Kreis, um die richtige Lösung zu finden. Perfekt spielt Ware dabei mit der Vergangenheit und der Gegenwart ihrer Protagonisten und lässt still und leise Unstimmigkeiten aus der Schulzeit einfließen. Unstimmigkeiten, die Misstrauen säen und kleine, subtile Boshaftigkeiten, die auf den ersten Blick als Neckereien abgetan werden könnten. Am Ende weiß man gar nicht mehr, wem man überhaupt noch trauen kann…

Untermalt wird dies noch durch die schaurige Kulisse. Ein Glashaus mitten im dunklen und dichten Wald. Gegensätzlicher hätte es nicht sein können: Transparenz trifft auf Bedrohung. Man fühlt sich permanent beobachtet und kann doch selbst keinen Blick ins Dunkle werfen. Dazu noch dichter Schnee und kein Handyempfang. Viel mehr braucht es nicht, um eine beklemmende Stimmung zu verursachen. Auch die einfache und knapp gehaltene Sprache unterstreichen diese Gefühle. Bis zuletzt spinnt Ruth Ware ihre Fäden, die sich mehr und mehr zu einem tödlichen Kokon verfestigen und es bleibt lange Zeit unklar, auf wen das Ganze nun eigentlich abzielt und ob Nora sich wirklich wieder komplett erinnern können wird.

Trotz einiger Längen im ersten Teil und des doch bekannten Stoffes konnte mich der Thriller komplett überzeugen und hat den Ausflug in dieses Genre für mich zu einem lohnenswerten Leseerlebnis gemacht. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der sich gern in eine beklemmende Stimmung voller Spannung entführen lassen will und danke auch meinen Mitleiterinnen sowie dem dtv für die tolle Leserunde!

Le phénomène continue: Das Bildnis aus meinem Traum von Antoine Laurain

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Während ich gerade in London auf Klassenfahrt war, erreichte mich ein wundervolles Päckchen meines Lieblingsautors und des Atlantik-Verlags. Ich hatte die Nase gerade aus der Rhapsodie Française genommen als nun auf einmal das Bild aus meinem Traum druckfrisch mit einem wundervollen persönlich gewidmeten Bild, und vielen liebevoll ausgewählten Accessoires vor mir lag. Schon in diesem Moment huschte mir ein Lächeln über die Lippen – ist es doch genau diese Detailverliebtheit, die Antoine Laurain ausmacht.

Doch worum geht es nun in seinem neuen Meisterwerk? Allem voran um eine große und zentrale Frage:

Wie viel sind wir bereit aufzugeben, um die große Liebe zu gewinnen?

Eine Frage, die sich sicher jeder von uns schon einmal gestellt hat. Eine Frage, die den Protagonisten Pierre-François Chaumont eiskalt erwischt. François ist Anwalt, verheiratet mit Charlotte, wohnhaft in Paris, wenn man es einmal knapp und nüchtern zusammenfasst. Denn: Nüchtern gestaltet sich ihr Zusammenleben. Arbeit, Routine und vor allem kein gegenseitiges Verständnis dominieren sein Leben. Kein Verständnis? Ihr habt richtig gelesen, denn François hat ein Hobby: Er sammelt Antiquitäten. Eine Leidenschaft, die schon in frühester Kindheit mit einer Sammlung von Radiergummis begann:

„Eine Sammlung beginnt mit zweien, wenn man auf der Suche nach dem dritten ist.“
(S.22)

Dass er damit jedoch noch nicht die hohe Kunst des Sammelns erreicht hatte, wurde ihm spätestens dann klar, als er sich mit seinem Onkel Edgar – ach, ich hätte ihn so gern kennengelernt – einem Paradiesvogel mit besonderen Eigenarten, über sein Hobby unterhielt. Denn Edgar war es, der ihm den wahren Sinn des Sammelns erklärte. Nicht irgendwelche Antiquitäten oder schöne Dinge solle man sammeln, sondern diese, die eine Geschichte erzählen und die Seele ihrer Vorbesitzer wahren konnten.

„“Wenn du ein echter Sammler werden willst, musst du eines verstehen: Die Dinge, die echten Dinge“, hatte er mit gehobenen Zeigefinger betont, „bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben.““
(S. 27)

Von diesem Moment an änderte sich das Leben François‘ komplett. Er sammelte gezielter und entwickelte einen besonderen Sinn für das Geschäft. Auktionen wurden seine zweite Heimat, sehr zum Leidwesen seiner Frau, die ihn mehr und mehr ins Abseits drängte, sodass sein Hobby bald komplett in sein Arbeitszimmer ausgelagert wurde. Man stelle sich das einmal vor: Regale, Schränke, Ablagen zum Bersten gefüllt mit kleinen und größeren Schätzen, die den vorgegebenen Rahmen zu sprengen drohen! Nach und nach erobert er sich mehr Platz in der Wohnung zurück – sehr zum Missfallen von Charlotte.

Zur Eskalation kommt es jedoch erst, als François bei einer Auktion auf ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, das niemanden geringeren zeigt als ihn selbst. Zu Hause verhöhnt und von den Freunden milde belächelt, macht er sich auf, um die Geschichte des Bildes zu erforschen. Ein Weg, der ihn zu einem Weingut im Burgund und einer jungen Gräfin führt, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Mit großer Freude wird er dort empfangen, schließlich ist es doch er: Aimé-Charles de Rivaille, der Graf von Mandragore… oder etwa nicht?

***

Im Januar habe ich euch ja die ersten beiden auf Deutsch beim Atlantik Verlag erschienenen Bücher von Antoine Laurain vorgestellt. Damals unter dem Titel „Vom Suchen, Finden und Gefunden werden“. Ein Thema, an das ich beim Bild aus meinem Traum nahtlos anknüpfen kann. Denn auch François war verloren, auf der Suche nach dem Glück und der Liebe. Der Job war für ihn keine Erfüllung, genauso wie seine Ehe mit Charlotte. Und wieder einmal war es das Schicksal, das ihm zugute kam: Ein Bild tauchte in einer Auktion auf, nicht irgendein Bild, sondern DAS Bild. Ein Gemälde, das ihn selbst zeigt. Spätestens seit Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray sollte sich der Leser ja der Gefahr bewusst sein, die von einem spontan auftauchenden Bildnis seiner selbst ausgehen könnte, aber wie es so oft der Fall ist, überwog auch hier die Neugier. François musste das Bild haben, um jeden Preis. Und er ging als Sieger aus der Auktion hervor.

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Ehekrach, Spott und mildes Kopfschütteln waren die Reaktionen auf sein Bild und die Ähnlichkeit, die keiner außer ihm zu erkennen vermochte. Doch ihm öffnete all dies die Augen: neue Perspektiven, eine neue Zukunft. Er stürzte sich in die Recherchen und die Mühen sollten belohnt werden. Der Weg führe ihn ins Burgunder Land auf ein Weingut der Gräfin von Mandragore. Dort angekommen schien die Zeit stillzustehen. Fast schon magisch und ein wenig märchenhaft mutet die Geschichte von diesem Moment der Ankunft an. Ein Dorf, das sonst von allen Landkarten gestrichen zu sein scheint und eine traurige Vergangenheit hegt. Ist der Graf doch vor einigen Jahren spurlos verschwunden und die Gräfin einsam und in Trauer. Und nun ist er wieder da. François…. nein, Aimé, oder doch François?

Die Ankunft im Dorf bestimmt eine wichtige Wende im Leben des Anwalts, eine Entscheidung, die nur schwarz oder weiß zulässt. Eine endgültige Entscheidung ohne Weg zurück, egal welche Richtung er einschlagen würde.

„Pierre-François Chaumont, bist du da? Ein Schlag ja, zwei Schläge, nein.“
(S.189)

Auch in diesem Buch von Antoine Laurain dient die Geschichte zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen. Man muss manchmal aus bekanntem Terrain ausbrechen und den Mut haben, Neues zu wagen. Dann wird man auch irgendwann seinen Platz und seine Bestimmung finden.

Paris als Schauplatz rückt dieses Mal etwas in den Hintergrund, aber gerade der Sprung von der Stadt als Ort des unglücklichen Lebens des Anwalts bis hin zum märchenhaften, fast ein wenig wie in Pastell gezeichneten Weingut zeigt gleichzeitig den Weg heraus aus dem trüben Grau zum erfüllten Bunt der Zukunft. Untermalt wird dies von einer Fülle an Details, die lebendiger und liebevoller nicht sein könnten. Jeder Laurain ist davon geprägt, genau wie von einem einzigartigen Charme, der jede Seite zu einem besonderen Genuss macht. Greift zu und erlebt auch mit diesem Buch einen ganz besonderen Genuss, der den Leser mit viel Wärme und einem Glücksgefühl im Inneren zurücklässt

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189 Seiten Leseglück liegen hinter mir, 189 Seiten, die ich mit einem Lächeln im Gesicht beende, in der Gewissheit auf nachfolgende Geschichten und in der Erinnerung an einen Tag im April am Louvre im strahlenden Sonnenschein. An den Tag, an dem ich mit Antoine Laurain genau dort saß und über seine Bücher, Projekte und Gott und die Welt geredet habe. Jede Seite seiner Bücher ist Antoine Laurain, jedes Wort und jeder Satz. Ich bin sehr dankbar, diesem wundervollen Menschen begegnen zu dürfen und freue mich schon auf ein Wiedersehen in Paris. Und bis dahin bleiben ja noch einige wunderbare Geschichte.

Merci, Antoine! Merci pour le bonheur que tu apportes dans ma vie!#

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Achtung: #mädelswaldtour: Im dunklen dunklen Wald von Ruth Ware

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Hallo ihr Lieben und herzlich willkommen im dunklen Wald… Heute ist schon der 4. Tag unserer tollen Blogtour.

Ihr habt doch keine Angst, oder? Hier ist es nur ein bisschen dunkel und es passieren ziemlich schräge Dinge. Ihr wollt wissen was passiert? Na dann macht mit bei unserem Gewinnspiel und lest diesen fantastischen Thriller selbst. Der Klappentext soll euch aber dennoch einen kleinen Hinweis geben:

Eine bizarre Junggesellinnenparty. Ein Spiel, das aus dem Ruder läuft.
Manche Partys sind gut, manche sind schlecht. Diese hier ist tödlich.
Als Nora, 26, eine Einladung zum Junggesellinnenabschied ihrer ehemals besten Freundin Clare bekommt, ist sie mehr als überrascht. Sie hat Clare seit zehn Jahren nicht gesehen. Seit dem Vorfall damals, den Nora nie ganz überwunden hat… Und jetzt aus heiterem Himmel diese Einladung. Ein idyllisches Wochenende in einem Haus tief in den winterlichen Wäldern Nordenglands ist geplant. Was kann es schon schaden? Nora gibt sich einen Ruck und fährt hin. Doch etwas geht schief. Grauenvoll schief…
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Eine besondere Rolle spielt das Thema Freundschaft. Was würde es da besseres geben, als ein bisschen mit unserer lieben Yvonne und der herzallerliebsten Pauli von der „Lesenden Samtpfote“ über das Thema Freundschaft zu plaudern. Ich habe sie die Tage zufällig im Wald getroffen und mit ihr über das Geheimnis einer langlebigen Freundschaft gesprochen. Aber lest selbst:

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Pauli: Hey Jule, ich lese gerade „Im dunklen, dunklen Wald“ und da sind mir ganz viele Frage in den Kopf gekommen, die ich unbedingt loswerden wollte. Wie lange hatten Frauchen und du eigentlich keinen Kontakt mehr?

Jule: Hey Pauli, schön, dich hier auf dieser Bank im Wald zu treffen! Findest du es nicht ein wenig dunkel hier? Gerade wo wir doch noch zusammen im passenden Buch stecken!

Puh, das waren schon einige Jahre, die wir nichts voneinander gehört haben. War sehr traurig, aber wir hatten ja auch beide viel um die Ohren. Vieles hat sich spontan geändert, viele schöne und unschöne Dinge sind passiert, wir haben unseren Weg im Leben gesucht und mussten so manche Entscheidung treffen. Da blieb einfach kaum Zeit. Aber weißt du, was richtig schön ist? Nachdem wir durch die liebe Brigitte Riebe wieder so richtig in Kontakt kamen, war es so, als hätte es diese „leeren“ Jahre nie gegeben. Als würden wir einfach wieder bei Animal Crossing und Caramel Latte dasitzen und über Gott und die Welt reden. Es hatte sich absolut nix geändert. Die gleiche Vertrauensbasis, der gleiche Humor, wir können lachen, weinen, uns kritisieren, … Hat man nur selten im Leben und umso mehr bin ich froh, dass wir uns das so erhalten konnten.

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Was meinst du denn dazu? Dich hab ich ja auch so vermisst! Was macht für dich die enge und langjährige Freundschaft aus?

Pauli: Ich finde es auch ziemlich dunkel hier, fast schon gruselig. Aber ich hab es im Buch und dem Glashaus nicht ausgehalten. Doch wenn ich mir recht überlege, gruselt es mich noch mehr, dass du mir genau die Frage gestellt hast, wegen der ich zu dir komme. Mir geht es einfach nicht mehr aus dem Kopf, wie Tom Nora gefragt hat, was das Geheimnis einer langlebigen Freundschaft ist und Nora gar nicht wusste, was sie antworten soll, weil sie und Clare so lange Funkstille hatten. Deshalb dachte ich, ich frage dich. Frauchen und du, ihr hattet doch auch so lange Funkstille. Ist das Geheimnis eurer Freundschaft vielleicht genau diese Funkstille? Eine Zeit, in der sich jeder weiterentwickelt hat, um dann dem anderen gegenüberzutreten und genau da weiterzumachen, wo man vor vielen Jahren aufgehört hat – ohne Vorwürfe, sondern mit Verständnis? Ich denke, das ist der Schlüssel! Verständnis für den anderen, den man so gut kennt, auch nach einer längeren Kontaktpause. Und welche Rolle spiele ich dabei, hier in diesem Rahmen, in dem wir uns wiedergetroffen haben. Bin ich vielleicht so besessen von Frauchen, wie Flo von Clare? Das Buch macht mich paranoid…

Darf ich dich was anderes fragen?

Jule: Flo ist wirklich besessen von Clare. So etwas kenne ich auch. Ich hatte einmal eine beste Freundin in der Schule. Sie rief mich jeden Tag an, ich durfte nur mit ihr etwas unternehmen und kaum Kontakt zu anderen haben. Das hat mich dann so fertig gemacht, dass ich es kaum mehr ausgehalten habe und diesen Kontakt auch sehr zurückgeschraubt habe.

Pauli: Solche Freunde kenne ich auch. Man denkt, sie können ohne diese eine andere Person nicht existieren, weil sie so abhängig sind. Das ist nicht nur für den Freund sehr anstrengend, an den sich diese Person klammert, sondern auch für alle anderen Personen. Man hat immer das Gefühl, dass man diese eine Person mitschleifen muss.

Aber irgendwie finde ich es traurig, dass es Menschen gibt, die sich so abhängig machen von einem Menschen. Allerdings bin ich ehrlich gesagt ja auch so abhängig und besessen von Frauchen… bei Katzen ist das aber was anderes.

Jule: Das stimmt. Aber wieso tun sie das? Vielleicht aus Bewunderung oder auch aus dem Gefühl heraus, einfach etwas Besonderes in der Person zu sehen, ihr nahe sein zu wollen? Ist das gut dosiert, kann das sehr schön sein. Aber sobald es ungesunde Ausmaße annimmt, muss man schon vorsichtig sein.

Pauli: Mir tun die Menschen leid, die sich von jemandem so abhängig machen. Jeder ist doch auch allein toll, auf seine eigene Art.

Jule: Magst nicht vorbei kommen und bissl kuscheln? Ich mag keine gruseligen dunklen Wälder, obwohl ich sonst sehr gern draußen bin! Und was wolltest du mich fragen?

Pauli: Oh ja, es ist auch ziemlich kalt, da kuschel ich gern. Aber nun zu einer dieser Fragen, die mich nicht loslässt. Stell die vor, Frauchen hätte dich in all den Jahren der Kontaktpause aus heiterem Himmel auf ihren Junggesellinnenabschied eingeladen… wärst du gegangen, um der alten Zeiten willen?

Jule: Oh…. diese Frage ist wirklich schwierig, da ich ja eigentlich kein Freund dieser ganzen Spektakel bin *Lach* komisch, wo ich doch so ne ewig endlose Romantikerin bin. Ich kann dir darauf keine eindeutige Antwort geben, da das auch die Zeit und die Umstände bestimmt hätten. Wäre es in der Zeit gewesen, als mein Pa… sicher nicht, wäre es zu machen gewesen, vielleicht… hmm das ist wirklich ein etwas schwieriges Thema, auf Frauchen hätte ich mich sehr gefreut und hätte es bei ihr sicher auch in Erwägung gezogen, auch wenn ich sonst niemanden gekannt hätte.

Pauli: Hättest du dich gar nicht gewundert?

Jule: Gewundert – sicherlich etwas, aber ich kenn so viele verrückte Pärchen, bei denen das Knall auf Fall passiert und auch Freunde, mit denen man viel weniger als mit Frauchen zu tun hatte, die einen einladen, von daher wäre ich sicher überrascht gewesen, aber positiv und erfreut. Und hundert pro hätte das dazu geführt, dass wir wieder eher mehr Kontakt gehabt hätten – egal, ob ich hingegangen wäre oder nicht.😉

Pauli: Und wenn ihr so lange keinen Kontakt gehabt hättet, dass du nicht mal weißt, wer der Bräutigam ist? Wärst du gegangen? Ist das das Geheimnis, dass man sich nach Jahren noch blind vertraut.

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Jule: Gegenfrage: Steht da meine Meinung denn zur Debatte? Ich meine, ich hätte ihn zwar nicht gekannt, aber Frauchen ist ja dennoch meine Freundin und wird schon wissen, was sie da tut. Hofft man zumindest.🙂

Und du hast recht: Verständnis ist die Grundvoraussetzung, um nahtlos an etwas anzuknüpfen, das lang unterbrochen war. Wie eben unsere Freundschaft. Und dazu kommt sicher noch die Ebene auf der man sich bewegt hat. Wir waren ja so arg auf einer Wellenlänge, da war das kaum ein Problem. Eher habe ich mich geärgert, dass es überhaupt alles so lang auf Eis lag. Umso schöner ist es aber, dass wir uns jetzt wiedergefunden haben.

Magst du denn Hochzeiten? Und Junggesellinnenabschiede? Wie würdest du den denn gern feiern? Oder wie überhaupt nicht?

Pauli: Ich hätte eingeladen zur Wellnessbehandlung an einem Mauseloch an einem See oder so. Ich hätte aber alle eingeladen. Nicht nur Katzen, auch Kater. Alle Kumpels! SamRoc, Wallee, Ponyo, Jack, Chester (aber nur bis 22 Uhr) und alle anderen und wir hätten Milchskey getrunken und uns von unseren Frauchen kraulen lassen. Aber wenn, dann würde ich nur Frauchen heiraten und die hat gesagt das geht nicht. Da fällt mir ein, dass ich gar nicht weiß, wie und ob sie feiern würde. Da muss ich genau zuhören, was Heike am 31.10.2016 von Frauchen zu berichten hat.

Wurdest du schon mal nach langer Zeit der Funkstille zu einem Junggesellinnenabschied eingeladen?

Jule: Eine liebe Freundin, die ich ewige Jahre auch nicht mehr gesehen habe, hat mich auch zur Hochzeit eingeladen gehabt und war unterdessen Mama geworden und so einige Überraschungen mehr, das war auch etwas komisch und am Ende aber eine riesen Freude.🙂

Pauli: Ich bin ja von Natur aus skeptisch.

Aber ich weiß, dass Frauchen genau diese Sache zu schaffen macht. Vor dem Studium, in der Schulzeit, gab es schon mal eine Juliafreundin. Zu der war auch einige Jahre der Kontakt abgebrochen, als plötzlich eine Einladung zum Junggesellinnenabschied und zur Hochzeit kam. Frauchens Mama war in der Zeit grad so krank und Frauchen ist kaum noch aus dem Haus gegangen, weil alles zu viel war. Deshalb hat sie die Einladung abgesagt. Ich weiß aber ganz genau, dass sie nicht mehr bereut, als diese Entscheidung. Nachvollziehbarerweise, ist der Kontakt zu dieser Freundin jetzt nicht mehr so gut. Ich glaube, sie hat es Frauchen nie verziehen, dass sie nicht gekommen ist. Frauchen ist deshalb immer sehr traurig.

Yvonne: Pauli, hier bist du? Ich habe schon gesucht! Hey Jule, schön dich zu sehen. Na, plaudert der Fellball wieder aus dem Nähkästchen.

Jule: Hey Yvonnchen! Mannomann, Pauli ist aber wissbegierig. Man kommt ja gar nicht zum durchatmen.😉

Yvonne: Wem sagst du das. Aber ich bin froh, dass Pauli so clever ist. Ohne ihre Idee mit dem Blog, hätten wir uns wohl nicht so schnell wieder gefunden. Aber wieso ist das Kontakthalten oftmals so schwierig heutzutage? Wir leben doch im Zeitalter der modernen Kommunikation.

Jule: Vielleicht besteht genau da das Problem – wir sind übermedialisiert! Nie war es leichter als heute, Kontakt zu knüpfen und zu halten. Man kann auf Facebook schauen, auf Instagram, Twitter und wie die ganzen Social Medias alle so heißen. Deshalb macht man sich ja kaum noch die Mühe, einen Kontakt bewusst aufrecht zu erhalten. So mit Briefe schreiben und so. Ich will wissen, was jemand macht: Ach schau, ein neuer Snap, ein neuer Eintrag auf der Pinnwand. Man wird so von Informationen aus allen Bereichen überflutet, dass man auch manchmal einfach den Überblick verliert. Jeder arbeitet viel und hart und will in seiner Freizeit so wenig Stress wie möglich haben. Da wird es einem ja sehr leicht gemacht. Allerdings sind das sehr oberflächliche Kontakte. Wenn man diese vertiefen möchte, muss man dann schon wieder auf die konventionellen Wege zurückgreifen. Oder wie siehst du das? Ach… ich bin gern hier mit euch!

Yvonne: Das stimmt schon. Man denkt immer, man kann ja jederzeit jemandem schreiben, weil man so gut vernetzt ist. Aber irgendwann ist so viel Zeit vergangen, dass man sich irgendwie nicht mehr traut und dann die Funkstille immer länger wird.

Ich bin jedenfalls froh, dass wir uns wiedergefunden haben und es nun auch hinbekommen, den Kontakt zu halten.

***

Bei der #Mädelswaldtour könnt ihr übrigens auch ein Exemplar von Ruth Wares „Im dunklen, dunklen Wald gewinnen – und das müsst ihr dafür tun:

Auf allen 6 Stationen sind 4 Buchstaben, bzw. einmal 3 Buchstaben, im Text rot markiert.
Diese ergeben in die richtige Reihenfolge gebracht das Lösungswort (23 Buchstaben), welches per Mail an lesende_samtpfote@web.de bis einschließlich 31.10.2016, 23.59 Uhr geschickt werden sollte und euch mit viel Glück das Exemplar von „Im Dunklen dunklen Wald“ beschert.

Teilnahmebedingungen:

  • Wer darf teilnehmen? Minderjährige nur mit Erlaubnis der Eltern, nur Teilnehmer aus Deutschland. Teilnehmer aus dem Ausland sind ebenfalls zugelassen, sofern diese das Porto selbst tragen.
  • Die Gewinner werden ausgelost und stimmen durch ihre Teilnahme zu, namentlich auf den teilnehmenden Blogs genannt zu werden.
  • Die Verlosung beginnt am 26.10.2016 und endet auch am 31.10.2016 um 23:59 Uhr.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Eure Daten werden ausschließlich für das Gewinnspiel und den Versand benutzt und danach gelöscht.
  • Eine Haftung für den Versand ist ausgeschlossen.
  • keine Barauszahlung möglich
  • Meldet sich der Gewinner auf unsere Nachricht nicht innerhalb von 7 Tagen nicht, wird neu ausgelost.

Der Gewinner wird am 01.11.2016 gezogen und veröffentlicht, bzw. bekommt dann auch eine entsprechende Mail mit der Bitte um Angabe seiner Anschrift.

VIEL GLÜCK

Achtung Buch: Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

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Und weiterhin hält mich Paris in ihrem Bann! Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges springen wir heute zurück ins Jahr 1889, präzise zum Nachmittag des 29. Oktober, zweieinhalb Tage vor den Abschluss der Exposition Universelle, der Weltausstellung in Paris. Und welch prunkvolles Bild präsentiert sich uns: Einem Bienenstock gleich, summt es und brummt es an allen Ecken und Enden. Aufgeregt und fröhlich plaudernd bewegen sich die fein gekleideten Leute durch die Hallen und Ausstellungsbereiche aus aller Herren Länder. Begeisterung und Staunen ob des Unbekannten und mittendrin fröhlich tobende neugierige Kinder.

Paris – ein Fest für’s Leben! Wahrlich ein passender Spruch, den Hemingway einst prägte. Die Weltausstellung – ein Markenzeichen, das die Stadt Paris auszeichnet, und inmitten des ganzen Spektakels ragt er auf: Der Eiffelturm, Turm der Welt. Gehasst, verflucht und vergöttert zugleich. Ein Symbol der Macht, ein Sieg über die Elemente und ein Sieg der Wissenschaft, die so vieles zu erreichen vermochte und vermag. Mit respektvoller Neugier wird er bestaunt, bestiegen, angezweifelt und ist dennoch in aller Munde. Ein glanzvoller Mittelpunkt des bunten Treibens, das jedoch nicht ganz so makellos ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

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Ein Doppelmord hinter den Kulissen der Exposition. Zwei Polizisten aufgespießt auf den Zeigern der Berneau’schen Uhr, einem Meisterwerk der technischen Entwicklungen, die bisher so noch nie denkbar waren und die einen Höhepunkt der Ausstellung darstellen. Fünf vor zwölf – exakt fünf Minuten vor Mitternacht war die Uhr stehengeblieben. Eine Zufall oder doch eine böse Vorahnung auf die weiteren Geschehnisse? Es ist fünf vor zwölf in Paris – und nicht nur in Paris.

Denn: Die brisante internationale Lage scheint für den Augenblick in den Hintergrund zu rücken, aber nur an der Oberfläche. Im Untergrund brodelt es gewaltig, und jedem halbwegs intelligenten Menschen dürfte es klar sein, dass gerade in Paris, im internationalen und bunten Gewimmel der Nationen während der Ausstellung, ein Funke genügen würde, um die Situation zur Eskalation zu treiben. Wieso? Ganz einfach: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger der politisch und wirtschaftlich hochkarätigen Besucher der Ausstellung eng verknüpft. Da haben wir eine französische Aristokratin – Königin der Salons, die um ihr Familiengeheimnis bangt. Daneben ein deutscher Offizier mit einem großen persönlichen Anliegen, der zum Spielball der Mächte gemacht wird. Ein junger und talentierter Fotograf, der einen wahren Teufelspakt eingeht, um das Herz seiner großen Liebe zu erobern. Und eine stadtbekannte Kurtisane, deren Innerstes undurchdringlich tief ist. Letztendlich versammelt sich das gesamte Who is Who der Weltpolitik an der Spitze des Eiffelturms, um das fulminante Abschlussfeuerwerk zu bewundern. Ein perfekter Zeitpunkt für einen Anschlag, der die Welt in Chaos versinken lassen würde. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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In seinem historisch angelehnten Roman nimmt uns Benjamin Monferat mit auf eine Reise in eine der (meiner Meinung nach) schönsten und spannendsten Epochen der Pariser Geschichte. Das ausgehende 19. Jahrhundert sprühte nur so vor Innovation und Entwicklung und verlor dabei aber nie den traditionellen Charme, der die Stadt so einzigartig macht. Und genau diesen Charme fängt er brillant ein. Man flaniert durch die eindrucksvolle Ausstellung und spürt die Aufregung, Spannung und Neugier fast körperlich, während einem die Vielzahl fremder Düfte um die Nase zu wehen scheint.

Mit viel Authentizität verknüpft er dieses mit den Geschehnissen in der Politik und ganz Europa und gibt auch tiefe Einblick in die damalige Gesellschaft samt der eindrucksvollen Salonkultur. Diese in Kombination mit der Magie der Stadt und der Ausstellung wird abgerundet vom Interesse und der Faszination für die Technischen Innovationen des industriellen Zeitalters, das schon Ende des 19. Jahrhunderts seine Schatten voraus warf.

Zu einem solchen vielseitigen Bild einer Stadt gehören natürlich auch die Charaktere, die Monferat ebenso verschieden, vielseitig und bunt gestaltet. Anfangs von der Fülle der Personen nahezu erschlagen, machte es von Seite zu Seite mehr Freude, sich auf die Spuren der Vicomtesse Albertine de Rocquefort, des jungen Offiziers Friedrich-Wilhelm von Straten, Celeste Marêchal -der Chefin des Hôtel Vernet, Madeleine Royals und Lucien Dantez zu begeben. All diese Figuren erwecken in der Geschichte das Bild der gesamten Pariser Gesellschaft sowie der Internationalen High Society aus den Bereichen Politik und Wirtschaft, sodass man sich direkt von Beginn des Romans an in einer realen und lebendigen Welt wiederfindet.

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Abgerundet wird dies noch durch den zweiten Handlungsstrang, nämlich durch die Ermittlungen im Mordfall der zwei Polizisten. Niemand geringeres als die Polizeilegende Alain Marais wird mit Hilfe des jungen Agenten Pierre Trebut auf die Spuren des Attentäters angesetzt und erleben eine wahre Schnitzeljagd durch die Seine-Metropole. All dies unter dem Deckmantel der absoluten Geheimhaltung, was gar nicht so einfach ist, nachdem mehrere Menschen zu Tode kommen.

Sie merken, liebe Leser, jede Figur – ganz gleich ob Hauptfigur oder auf den ersten Blick unscheinbare Nebenfigur – durchläuft eine große Entwicklung und spielt ihre fest zugedachte Rolle im Räderwerk der vielschichtigen Handlung. Jeder hegt seine Geheimnisse, jeder hat etwas zu verbergen, hat eine Mission zu erfüllen, ist in zwielichtige Machenschaften verstrickt oder folgt eigenen Zielen. Eine Geschichte wie ein großes dreidimensionales Puzzle, das es mit viel Geschick zusammenzufügen gilt. Spannung pur und eins ist klar: Zum Lesen erfordert es einen wachen Geist!

Wie schon angedeutet ist die gesamte Handlung sehr lebendig und verstrickt. Viele Handlungsstränge verlaufen auf den ersten Blick unabhängig parallel voneinander, um irgendwann doch durch winzig kleine Verknüpfungen miteinander verbunden zu werden. Bevor dies jedoch klar wird, bleibt viel Zeit für eigene  Gedanken, Ideen und Interpretationen. Nach und nach lichtet sich das Feld, bis ganz zuletzt alle Fäden in einem besonders fulminanten Feuerwerk zusammenlaufen und sich alles spiegelklar präsentiert. Keine Frage bleibt ungeklärt, keine Verbindung ungelöst! Ein wahrlich literarisches Meisterwerk, das uns Benjamin Monferat da präsentiert.

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Man braucht Zeit für diesen Roman, Zeit, um ihm den Raum zu geben, den er benötigt. Zeit, um die Personen kennenzulernen. Zeit, um zu ermitteln, zu forschen und zu vermuten. Zeit, um das besondere Flair zu genießen, den Charme, der den Roman umgibt und einen wie in eine weiche Decke hüllt, aus der man nicht mehr heraus möchte. Man braucht Zeit, um sich mit Verlusten abzufinden; um sich zu verabschieden; um zu bangen und zu trauern.

Benjamin Monferat hat sich mit diesem Roman selbst übertroffen. Er schuf ein Meisterwerk, eine Hommage an eine Stadt, an das Savoir Vivre, an das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er schrieb einen Roman über einen Anschlag in einer Stadt, die in jüngster Vergangenheit so oft Opfer von Terror wurde und verpackte das so gekonnt in ein Puzzle aus Wahrheit, Geschichte und Fiktion, das man nicht anders kann, als gebannt von Seite zu Seite zu fliegen und dem Geschehen atemlos zu folgen. Benjamin Monferat, dir ist ein Meisterwerk gelungen, das ich sicher nicht das letzte Mal gelesen haben werde! Auch wenn mich der Verlust einer Person mehr als schmerzt… Aber Verluste gehören nun einmal zum Leben. genau wie die Liebe es tut…

 

Achtung Theater: „Terror“ von Ferdinand von Schirach

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Biegler, Verteidiger Daniel Koch – Vorsitzende Ute Menzel – Nelson, Staatsanwältin Anja Schreiber – Protokollführerin Susann Schmidt

Endlich gibt es Neues aus der Kategorie „One Night at the Opera“. Diesmal ist es aber kein schöner Musiktheaterabend, den ich euch präsentieren möchte, sondern ein brisanter Premierenabend aus der Sparte Schauspiel.

Wie an vielen anderen Theatern in Deutschland und in der Welt steht auch bei uns am Theater Plauen-Zwickau seit dem 08.10.2016 das Stück „Terror“ auf dem Spielplan – ein Stück zum nachdenken, in sich gehen und reflektieren. Ein Stück von erschreckender und knallharter Realität. Denn „Terror“ ist kein Fantasiegebilde. Mann kann ihn nicht leugnen oder verdrängen. Er ist da. Allgegenwärtig. Anschläge und Attentate bestimmen die Nachrichten und das Leben der Menschen in allen Ländern. Auch bei uns. Doch um was geht es im Stück genau?

Ferdinand von Schirachs Justizdrama macht den Zuschauer zum Schöffen und gibt ihm somit die Macht, der  den Ausgang des Prozesses direkt mitzuentscheiden. Schuldig oder unschuldig, das ist also die Frage, die wie ein Damoklesschwert von Beginn an über dem Abend schwebt. 124 gegen 164 könnte ein solches Ergebnis lauten. 124 plädieren für Schuldig, 164 für unschuldig – solche Ergebnisse sind es, die momentan an den Theatern besprochen und international ausgewertet werden. Ergebnisse, die die Meinung spalten, die moralische Entscheidungen fordern, welche niemandem leicht fallen dürften und die dennoch binnen weniger Momente getroffen werden müssen.

Terror

Lars Koch, Angeklagter – Leonard Lange

Wir sind mitten dabei in einem Prozess, bei dem ein 31jähriger Angeklagter verhört wird. Lars Koch sein Name, Major der Luftwaffe sein Beruf. Eine Frau, ein Sohn – Boris, 2 Jahre alt. Koch schoss mit seinem Kampfjet eine Zivilmaschine der Lufthansa ab, welche von Terroristen übernommen worden war. Der Terrorist hatte gedroht, ebendiese Maschine in die mit 70.000 Zuschauern ausverkaufte Allianz Arena zu steuern und dort zum Absturz zu bringen. 70.000 Opfer wären die Folge gewesen. Koch widersetzte sich der Anweisung des Vorgesetzten und verhinderte dieses Attentat, indem er das Flugzeug abschoss und somit vom Kurs auf die Arena brachte. Mit der Rettung der 70.000 tötete er jedoch bewusst 164 Menschen (die allerdings in der logischen Konsequenz des Attentats so uns so gestorben wären). Und genau damit befinden wir uns im Konflikt: Ist Lars Koch ein Verbrecher oder ein Held? Der Aspekt der Justiz, nachdem er natürlich schuldig zu sprechen ist, sei hierbei jedoch hinten angestellt, denn die Verhandlung basiert auf einer viel höheren Ebene, der Ebene der Moral.

Terror

Christian Lauterbach, Michael Schramm – Vorsitzende Ute Menzel – Protokollführerin Susann Schmidt

Ohne Kitsch und unnötige Nebenhandlungen und Überraschungen läuft die vom Schauspieldirektor Gilbert Mieroph auf den Punk inszenierte Gerichtsverhandlung ab. Als Kulisse dient ein klassischer Gerichtssaal. Wir haben die Vorsitzende (Ute Menzel), den Angeklagten Lars Koch (Leonard Lange) samt seines Verteidigers (Daniel Koch) und auf anderen Seite die Staatsanwältin Nelson (Anja Schreiber) samt Nebenklägerin Meier (Nadine Assmann). Abgerundet wird das ganze durch den Zeugen Lauterbach (Michael Schramm), den Wachtmeister (René Weidlich) und die Protokollführerin (Susann Schmidt). Nur wenige Leute in einem imposant aufgebautem Gerichtssaal. Eine angespannte Stimmung, die sich auf den Zuschauer überträgt. Standpunkte werden vorgetragen, mit Argumenten untermauert und umgeworfen. Meinungen und Weltbilder prallen aufeinander, die Verhörten werden moralisch in die Ecke gedrängt. Was wäre wenn… Fragen, die schwer zu beantworten sind; die man sich jedoch stellen muss, um ein Urteil fällen zu können. Ein Urteil, das jeder für sich allein fällen muss – in kürzester Zeit. Denn das ist eine weitere Besonderheit dieses Stücks. Wenn man das Buch vorher nicht gelesen hat, findet man sich genau in einem einmaligen Experiment wieder. Im ersten Teil, etwa 80 min. wird man mit der Materie des Falls vertraut gemacht. Was geschah?  Was hätte geschehen können? Wie lauteten die Anweisungen, die der Pilot erhalten hat? Hätte er anders handeln können? Knall auf Fall wie aus einem Maschinengewehr werden die Fakten im angespannten Stakkato abgefeuert und auch die Gerichtsdiener sind sich nicht immer einig, was die impulsiven Reaktionen zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft an verschiedenen Stellen deutlich machten. Eine Reaktion, die rein menschlich ist, im Anbetracht dieses Falls.

20 Minuten Pause

Danach: Etwa 30 Minuten Zeit für die Plädoyers der Staatsanwaltschaft sowie der Verteidigung. Man ist verwirrt, hin und her gerissen in seinen eigenen Gedanken. Lag man richtig mit seiner Entscheidung, oder soll man diese noch einmal hinterfragen? Wann hat sich die eigene Meinung geändert? Und warum? Schuldig? Nicht schuldig? Aber sie wären ja sowieso gestorben… Es sind doch Menschen… Kann man wenige Menschenleben gegen viele aufwiegen? Fragen über Fragen. Man ist gewissermaßen in die Ecke gedrängt. Ging es Lars Koch nicht ebenso? Er musste handeln, binnen Sekunden eine Entscheidung im großen Ausmaß treffen. So wie es nun jeder einzelne Zuschauer tun muss. Koch entschied über 164 Leben, wir in gewisser Weise über eines. Die Saaltüren fliegen auf, Zeit für die Abstimmung. Man bemerkt die Unruhe unter den Leuten, die leisen gemurmelten Diskussionen, ein kurzer Austausch, bevor das Signal zur Abstimmung ertönt. Jeder wirft seinen Abstimmungs-Coin in eine der vorgesehenen Boxen. Schuldig oder Unschuldig. Auch nach der Abstimmung herrscht ein reger Austausch, während hinter den Kulissen das Ergebnis ausgezählt wird. Es schien – zumindest auf unserer Seite – sehr ausgewogen.

Terror

Biegler, Verteidiger Daniel Koch – Wachtmeister Rene Wedlich – Lars Koch, Angeklagter Leonard Lange – Vorsitzende Ute Menzel – Protokollführerin Susan Schmidt

 Die Vorsitzende tritt auf: Lars Koch wird in diesem Fall freigesprochen. Es folgt die Urteilsbegründung und das Stück ist vorbei. Begeisterung und viel Applaus begleiten die Verbeugungsordnung – sehr verdient, denn wenngleich das Stück nicht von viel körperlicher Handlung oder einem fulminanten Bühnenbild geprägt ist, zeigt es eine große sprachliche Kunst. Gesetzestexte, moralische Fragen, Gedankenspiele, Gleichnisse, Anschuldigungen und Verteidigungen reichen sich wie Pistolenschüsse die Hand. Eine Dynamik entwickelt sich, die während des Stückes zu starker Spannung heranwächst und den Zuschauer im Bann hält. Eine großartige Leistung aller Beteiligten, der Regie sowie der Ausstattung!

Ferdinand von Schirach hat für seinen Richter zwei Urteilsbegründungen verfasst, eine, die er spricht, falls der Angeklagte freigesprochen wird, und eine, falls er für schuldig befunden wird. Beide Urteile sind untermauert mit bildhaften Beschreibungen, die jedes Urteil als Plausibel erscheinen lassen. Es gibt folglich kein richtiges Handeln in diesem Fall, was auch die knappen Ergebnisse bei den Abstimmungen zeigen. Aber das eigentliche Ziel der Inszenierung wurde dennoch erreicht: Die Menschen denken nach. Sie überdenken moralische Fragen, denken über den Terror und die Hintergründe nach. Sie Hinterfragen und nehmen es nicht nur hin.

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Vorsitzende Ute Menzel – Protokollführerin Susann Schmidt – Biegler, Verteidiger Daniel Koch – Franziska Meier Nadine Aßmann – Nelson, Staatsanwältin Anja Schreiber

Leute, geht ins Theater. Schaut euch dieses Stück an und hinterfragt euch, das Gesehene, die Welt. Werdet Teil dieser besonderen Atmosphäre! Ich freue mich schon auf unsere nächste Vorstellung und bin sehr gespannt, wie sich das gesamte Projekt weltweit weiterentwickeln wird.

HIER findet ihr die internationalen Abstimmungsergebnisse

Das Copyright aller in dieser Besprechung gezeigten Fotos liegt beim Theaterfotografen Peter Awtukowitsch

Achtung Buch: Die Nachtigall von Kristin Hannah

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Und wieder verschlug mich meine Lesereise nach Paris. Diesmal in ein Paris, das in seinen schwersten Jahren steckte, nämlich mitten in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Noch immer zehrten die Menschen an den Verlusten, Ängsten und sonstigen schlimmen Folgen des Ersten Weltkrieges, als sich die neue Katastrophe unausweichlich anzubahnen begann.     Ein historischer Rahmen, des es wohl recherchiert zu füllen gilt – damit hat sich Hannah eine wahrlich schwierige Aufgabe gestellt. Denn: So aktiv wie sich die deutsche Seite von Beginn des Krieges an zeigte, so passiv verhielten sich die Franzosen. Kristin Hannah gelang es jedoch auf Anhieb, genau diese besondere Stimmung im Land einzufangen. Man erduldete die Übernahme, ohne sich ihr wirklich entgegenzusetzen. Seitens des Vichy-Regimes wurden die Menschen angehalten, sich ruhig zu verhalten und kaum jemand traute sich, dem Feind entgegenzutreten. „Drôle de Guerre“ lautet ein Stichwort – ein passives Verhalten an der Westfront seitens der Franzosen und der Briten. Keine wirkliche Kriegshandlung fand statt. Beruhigend für die Franzosen, die zwar über ein mehrere Millionen Mann starkes Heer verfügten, dieses aber nie auf einen wirklichen offensiven Krieg vorbereitet hatten. Außerdem stütze sich alle Aufmerksamkeit sowieso auf die Maginot-Linie, die es zu verteidigen galt.

Eine wahrlich komische Situation, die so jedoch nicht Bestand hatte. Im Laufe der folgenden Kriegsjahre schlug sich die Passivität im Land um: die Deutschen besetzten das Land mehr und mehr, die Maginot-Linie hatte nicht gehalten. Und auch die Franzosen begannen sich zu regen. Politische Aggression grids um sich und Begriffe wie Deportation, Judenverfolgung, Vertreibung der Bevölkerung, Repressalien und Flucht begannen den Alltag zu prägen. Das Vichy-Régime versagte und gestand sich dieses Versagen nicht ein. Und unter dieser Decke begann man einen Namen zu murmeln: de Gaulle. Ein Mann, den niemand kannte, der aber schon bald mit Begriffen wie Résistance – Widerstand in Verbindung gebracht werden sollte. Eine politische Kulisse, die Kristin Hannah perfekt umzusetzen versteht. Jede Seite des Buches atmet die Seele Frankreichs zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Und inmitten dieser Geschichte haben wir sie: Zwei Schwestern, die vieles gemeinsam haben und doch verschiedener nicht sein könnten: Vianne und Isabelle de Rossignol.

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Beide Frauen leben ihr Leben im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkrieges und müssen allein auf sich gestellt ihren eigenen Weg finden. Nach dem Tod der Mutter scheiterte der Vater an seiner neuen Rolle und die Mädchen schlugen sich mehr oder weniger allein durch – eine Tatsache, die durch das übersprühende Temperament Isabelles noch verschlimmert wurde. Vianne, die Ältere ist glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter. Ein Glück, für das sie wie eine Löwin kämpft. Im Vergleich dazu springt Isabelle zeitlos durch ihr Leben. Kaum zu bändigen ist sie und Regeln und Normen sind ihr fremd. Und genau diese verschiedenen Charakterzüge sind es, die die beiden Frauen an einen Scheitelpunkt bringen: Der Krieg ist da, aber wie geht man mit ihm um?

Viannes Mann Antoine wird einberufen und gerät ziemlich schnell in Kriegsgefangenschaft. Bald schon quartiert sich ein deutscher Offizier bei ihr ein und der Zwiespalt zwischen Abneigung und Kompromissbereitschaft bestimmt das Leben der jungen Frau und ihrer Tochter. Viel schlimmer trifft dies jedoch Isabelle, die sich genau damit nicht abfinden kann. Sie kann nicht still zusehen, wie die Deutschen ihr Land, ihr Leben und nun auch noch ihre Familie okkupieren. Ihre Gefühlsausbrüche schweben permanent wie ein Damoklesschwert über dem Leben der Familie, bis zu dem Tag, an dem sie beschließt, etwas  gegen den Krieg zu tun. Durch ihre Zähigkeit und ihren starken Willen findet sie ihren Platz und ihre Bestimmung in den Reihen der Résistance und ist bereit, selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen – koste es, was es wolle.

„In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.“

Zwei Schwestern, zwei Wege. Wege, die auf den ersten Blick nicht weiter auseinandergehen könnten und die nicht weiter zur Entfremdung führen könnten. Zwei komplexe Erzählebenen, die dem Leser eine breite Sicht auf das Geschehen in Frankreich sowie auf das Leben der Frauen, einmal im privaten und einmal im Widerstand, vermitteln. Eine Sichtweise, die sehr authentisch und klar ist. Vianne erlebt tagtäglich das Grauen der Besatzung mit dem steigenden Mangel der Versorgung bis hin zur harten Durchsetzung der antijüdischen Gesetze. Sie sieht Freunde abtransportiert werden, sie sieht Kinder sterben und erträgt dies. Noch. Im Gegensatz dazu stürzt sich Isabelle in ein wagemutiges Abenteuer: Ihr gelingt es unter dem Decknamen „Nachtigall“ abgeschossene alliierte Piloten über die Pyrenäen zu bringen und wird zu einem der meistgesuchten Feinde der Deutschen. Angst kennt sie dabei nicht. Noch nicht.

Und doch sind es genau diese verschiedenen Wege, die die Schwestern wieder vereinen sollen, ohne dass diese es zu Beginn merken. Beide stellen sie fest, dass der Krieg seine eigenen Regeln schreibt. Vianne, die immer voller Liebe war, muss lernen, dass eine Liebe nicht mehr geliebt werden darf. Isabelle hingegen erfährt die erste große Liebe, allerdings auch eine Liebe, die nicht geliebt werden darf. Doch zum ersten Mal kann sie nun verstehen, wie ihre Schwester bedingungslos alles erdulden kann, um ihre Familie zu schützen. Auch der Verlust des Vaters, von dem beide Schwestern nach dem Tod der Mutter nur Ablehnung erfuhren, prägt das Leben der Schwestern auf besondere Weise. Beide Schwestern beginnen zu kämpfen, jede auf ihre Art und Weise, aber beide – ohne dies zu wissen – für dasselbe Ziel. Und beide haben doch mehr von der anderen in sich, als sie es sich je eingestehen würden.

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Zwei Frauen vor einer einmalig realistisch erschaffenen Kulisse. Zwei Frauen, deren Schicksal mich nachhaltig so stark prägt, dass es nur schwer einzuordnen ist. Zwei Leben, die genau so hätten gelebt werden können. Keine Klischees, keine Übertreibung, sondern zwei präzise herausgearbeitete Charaktere, die für ein ganzes Land stehen. Ihre Entwicklungen und Denkprozesse, die einfach nur beeindruckend sind. Ein über sich selbst Hinauswachsen der ganz besonders großen sprachlichen und stilistischen Klasse wird präsentiert, das einen atemlos an der Seite beider Schwestern hält. Für Romantische Verklärung ist nicht viel Platz, aber dennoch wird jedes zarte Gefühl der Liebe und Zuneigung so klar beschrieben, dass es die Kälte des Krieges wie eine zarte Flamme zu durchdringen vermag.

Ein Roman, der so tief ist, so intensiv und so herzzerreißend, dass ich ihn nie wieder aus meinem Herzen vertreiben mag. Ein Roman, der mich so stark beeindruckt hat, wie es nur wenige Romane mit dieser Thematik zu tun vermögen. Zwei Schwestern, die mich seit der letzten Seite wie zwei Schatten begleiten, mit denen ich eine intensive Zeit verbrachte, mit denen ich lebte, litt und weinte und die mich mit ihrer Stärke zu prägen vermochten. Zwei Schwestern, die ihren Platz in meinem Herzen gefunden haben, die mich nicht nur einmal zum Weinen brachten und die mich festhielten und mir Wärme gaben, als mich die Kälte des Krieges gefangen hielt. Ein Buch für die langen Herbstabende, ein Buch zum sich darin verlieren. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Für mich nahezu unübertrefflich!

„Manche Geschichten haben kein glückliches Ende. Selbst wenn es um Liebe geht. Womöglich vor allem dann.“

 

Die Frauen und Augustus

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Im Rahmen einer tollen Blogtour mit dem dtv habe ich mich gemeinsam mit vier anderen Bloggern mit dem „Augustus“ von John Williams auseinandergesetzt und diesen intensiv durchleuchtet. Was nach dem Lesen bleibt, ist die Erkenntnis, einen wahrlich monumentalen Roman gelesen zu haben, der in seiner Tiefe und Besonderheit nachhallt und das Herz eines jeden Freundes von Rom höher schlagen lassen wird. Ich nehme euch hier mit auf eine kleine Reise durch das Leben des Kaisers und lege mein besonderes Augenmerk dabei auf die Begegnungen mit Frauen und deren Auswirkungen auf das Leben Octavius‘.

Ein besonderes Erlebnis ist dieser Roman auch in der Hörfassung. Berühmte Stimmen aus Fernsehen und Rundfunk erwecken das alte Rom zum Leben und vermitteln ein einmaliges Gefühl, direkt in das Geschehen involviert zu sein.

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Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau – diesen Spruch kennt wohl jeder von euch, doch trifft er auch auf einen der größten und wichtigsten Menschen der römischen Geschichte zu? Eins steht fest: Abgeneigt war Augustus dem schönen Geschlecht in keiner Weise, jedoch konnten ihn nur wenige Frauen wirklich nachhaltig prägen.

Beginnen wir also einmal bei der wichtigsten Frau im Leben eines jeden Mannes: seiner Mutter Atia. Weise und mit mütterlicher Wärme hielt sie stets die Hände über ihren Sohn und warnte ihn vor den Folgen, die ihn erwarten würden, sollte er Cäsars Erbe annehmen. Glanz und Ruhm auf der einen Seite, aber auch Unbekanntes, Dunkles und Mächtiges, dessen Ausmaß er in seinem jungen Alter noch gar nicht ermessen könne.

„Das Testament wurde öffentlich gemacht, und es ernennt Dich zu Cäsars Sohn und Erben. Ich weiß, Dein erster Impuls wird sein, beides anzunehmen, den Namen und das Vermögen, aber deine Mutter fleht dich an zu warten, zu überlegen und abzuschätzen, in welche Welt Dich das Testament Deines Onkels einlädt. Es ist nicht die schlichte Welt von Velletri, diesem Ort auf dem Land, in dem Du Deine Kindheit verbracht hast, (…). Dies ist die Welt Roms, in der niemand Feind noch Freund kennt, in der Freizügigkeit stärker als Tugend bewundert wird und Prinzipien nur den Eigennutz dienen:“
(S. 43)

Trotz aller gut gemeinten Ratschläge tritt Octavius das Erbe des Onkels an und wird binnen wenigen Jahren zu einem mächtigen Herrscher, der seine Mutter aber immer im Herzen trägt, was insbesondere nach deren Tod während der Beerdigungszeremonie deutlich wird. Sehr wohl trug er ihre Ratschläge im Herzen und versuchte diese für sich und das römische Volk umzusetzen. So spricht er über sie:

„Rom wird dich, die du Rom warst, nie wieder erblicken. Ein Verlust, der allein durch deine beispielhafte Tugend zu ertragen ist, die uns doch sagt, dass unser Kummer, währt er zu lang und wird er zu tief empfunden, dem eigentlichen Ziel deines Lebens zuwiderläuft. (…). Du, der du einen ehrenwerten römischen Namen trägst, hast in vollem Maße jene alten Tugenden des Landes verkörpert, die unsere Nation im Laufe ihrer Geschichte genährt und erhalten haben.  (…). Dank deiner Sanftmut besaßt du eine anderen Feinde als die Zeit, die dich nun von uns genommen hat. Rom, ach Rom, blicke auf jene, die hier ruht und sehe in ihr das Beste deines Wesens, deines Erbes.
(S. 122-123)

Insbesondere diese Worte zeigen, welch wichtige Rolle Atia im Leben ihres Sohnes gespielt hat. Sie war es, die ihm die monumentalen Werte, die Ideale vermittelt hat, die für ihn Rom ausmachen. Ihre Güte und Weisheit sollen auf ewig in den Menschen weiterleben. Eine Rede, eine Geste, die nur von wahrer Liebe zeugen kann.

In diesem Zusammenhang sei auch Hirtia zu nennen, deren Mutter zur Zeit der Geburt Octavius‘ als Sklavin in Atias Haushalt arbeitete. Sehr eng war ihre Bindung zu dem kleinen Jungen und bis ins hohe Alter, als sie noch einmal nach Rom fuhr, um die Stadt mit schwindendem Augenlicht ein letztes Mal zu sehen, hielt sie die Erinnerungen an den kleinen Jungen Tavius im Herzen. Nun, nach über fünfzig Jahren sieht sie diesen Jungen am Ende ihres Lebens noch einmal wieder. Er begegnet ihr voller Güte und auch sie entgegnet ihm die Wärme des Herzens.

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Ganz anders war es dabei um die Ehen Octavius‘ bestellt. Arrangiert wurden sie durch Maecenas und erfolglos waren sie. Man mag von Liebe gar nicht sprechen. Die erste Ehe wurde mit Servilia arrangiert und basierte – wie auch alle folgenden Ehen – auf politischen Gründen. Sie wurde niemals geschlossen, da sie in der Endkonsequenz nicht nutzbringend für Rom gewesen wäre. Die zweite Ehe betraf Clodia und ihr lag einer Vereinbarung des Triumvirats zugrunde, mit dem ein Friede mit Antonius einhergehen sollte. Ganz das Gegenteil war jedoch der Fall und somit wurde die Scheidung beschlossen. Die dritte Ehe wurde mit Scribonia beschlossen, mit der Frau, die ihm seine einzige Tochter Julia schenken sollte. Auch diese Ehe wurde letztendlich geschieden.

Wenn man diese Erlebnisse so betrachtet, wird deutlich, dass die Politik und die Liebe einfach nicht zu vereinen sind. Zweckmäßig arrangierte Ehen erfüllen nie den Zweck der Liebe, der zur Zeit Octavius‘ aber sowieso hintergründig war. Allerdings erfüllten seine Ehen nicht einmal die politischen Zwecke, für die sie ausgerichtet wurden. Ist es also verwunderlich, dass er sich den leichten Vergnügungen zuwendete?

Eine Frau gab es jedoch, die sein Herz erreichte, die ganz die Seine war: seine Tochter Julia. Wider aller Gesetzmäßigkeiten ließ er ihr alle Bildung zukommen und sie von seiner neuen Frau Livia – einer starken Person, die genau wusste, was sie wollte und wie sie es bekommt – anstelle einer Amme großziehen. Julia bewunderte Livia und beide Frauen entwickelten über die Jahre hinweg eine gewisse Art von Freundschaft. Und das, obwohl Livia die Berechnung und Härte in Person war, die alles tat, um ihre persönlichen Wünsche und Ziele zu erreichen, koste es was es wolle. Julia lernte die traditionellen Hausarbeiten ebenso wie die Kunst des Latein und der Rhetorik gleichwertig mit den Jungen. Über ihre Kindheit sagte sie:

„Mir scheint, dass ich damals glücklich gewesen bin, vielleicht so glücklich wie sonst nie in meinem Leben, doch nach drei Jahren ging diese Zeit zu Ende, und ich musste zur Frau werden. Es war der Abschied von einer Welt, auf die ich nur erste Blicke geworfen hatte.“
(S. 245)

Und es sollte nicht der letzte Abschied im Leben der jungen aufstrebenden Frau bleiben. Drei Ehemänner hatte sie, die sie nicht liebte. Mit siebzehn wurde sie das erste Mal zur Witwe, als ihr Mann Marcellus verstarb. Es folgte die Ehe mit Marcus Agrippa, dem engen und vertrauten Freund des Vaters, die neun Jahre andauern sollte. Doch auch in Julias Leben dominierte nicht die Liebe, sondern das Pflichtgefühl:

„Ich war des Kaisers Tochter. Ich war auch die Frau von Marcus Agrippa, meines Vaters Freund, zuallererst aber war ich die Tochter des Kaisers. Man ging gemeinhin davon aus, dass meine Pflicht vor allem Rom galt.“
(S. 294)

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Doch genau gegen diese Pflicht begann sich die junge Frau aufzulehnen und widersetzte sich den Gepflogenheiten des Landes. So setzte sie selbstbewusst durch, dass sie die Stadt verlassen dürfe, um an der Seite ihres Mannes zu reisen. Sie lernte die Welt kennen, durchlebte diverse mythische Rituale und musste letztlich doch eines bitter erfahren: Sie würde immer Rom sein und in dessen Pflicht stehen.

„Im Jahr des Konsulats von Tiberius Claudius Nero, Livia Sohn und Ehemann von Vipsania, der Tochter meines Mannes, fuhr ich wieder nach Rom. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt. ich, die eine Göttin gewesen war, kehrte zurück als einfach Frau und verbittert.“
(S. 307)

Nach Agrippa Tod wurde Julia von ihrem Vater an Tiberius Claudius Nero versprochen, dem Ehemann, den sie abgrundtief hasste. Ein Hass, der soweit reichte, dass sie ihn nur mithilfe einer Vielzahl von Liebhabern ersticken konnte. Liebhaber, die ihr zum Verhängnis werden sollten. Denn was Julia nicht merkte war, dass ihre Liebhaber hinter ihrem Rücken gegen ihren Vater verschworen hatten und ein tödliches Komplott schmiedeten. Des Ehebruchs und der Mitschuld bezichtigt würde das unweigerlich den Tod Julias mit sich bringen. Eine Tatsache, die der liebende Vater mit klugen Schachzügen aus der Welt schaffen kann. Aber zu einem teueren Preis: die geliebte Tochter muss ins Exil. Dies war der einzige Weg um ihr Leben und die Ehre der Stadt Rom zu retten. Zwei Schicksale, auf ewig und unzertrennlich aneinander gebunden. Und immer blieb in ihm die Liebe zu seiner Tochter:

„Aller Groll, den ich meiner Tochter gegenüber gehegt haben mag, ist längst versiegt, da ich einsam, dass es trotz ihrer Rolle bei der Verschwörung noch immer eine Julia in ihr gab, die das den Vater liebende Kind blieb und vielleicht alle vernarrt in ihn war, eine Julia, die entsetzt vor dem zurückgewichen sein muss, wozu sie gedrängt wurde, eine Julia die sich immer noch, auch in der Einsamkeit Reggios, an die Tochter erinnert, die sie einmal gewesen war. (…). Ich wünschte mir damit, dass Rom einmal jenes Potential besäße, das ich in meiner Tochter sah. Letzten Endes haben sie mich beide verraten, nur kann ich sie deswegen nicht weniger lieben.“
(S. 432)

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Ja, die Frauen begleiteten Octavius von jungen Jahren an und hinterließen ihre Spuren in seinem Leben. Spuren, die Williams auf eine einzigartige Weise in seinen Briefen lebendig werden lässt und die den Leser bannen. Wie intensiv die Beziehung zwischen Vater und Tochter in diesem Zusammenhang war, zeigt schon allein die Tatsache, dass er ihrer Geschichte ein ganzes Buch im Roman eingeräumt hat. Doch weniger Platz hätte auch nicht gereicht, um das Leben und die Beziehung zwischen Vater und Tochter in all ihrer Vielschichtigkeit darzustellen.

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Flüchtige und zweckdienliche Beziehungen waren es vordergründig, die Octavius‘ Leben prägten, sieht man von seiner Mutter, der Tochter und seiner letzten Frau Livia ab, die einen großen Einfluss auf ihn und die Geschichte Roms hatten. Rom über alles, Rom ist der Atem, das Leben und der Tod. Und dennoch schlummert auch im stärksten Kaiser die Sehnsucht nach der Liebe, die insbesondere bei Julia zu spüren ist, aber auch in der Beschreibung seiner Ehe mit Terentia, einer auf den ersten Blick einfachen Frau, die es jedoch verstand, ihm Liebe und Zuneigung zu geben, für ihn da zu sein und ihm Trost zu spenden. Dinge, die er, das Oberhaupt Roms, nur selten erfahren durfte. Denn es ging schließlich um Rom, immer um Rom…

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