Archiv | Dezember 2013

achtung buch: marc staten (4) – eine nacht und ein tag von tharah meester

Wiese und Himmel in Salzburg.

Nach zwei verwirrenden Küssen geht die Reise nun fix weiter. Für alle? Nein… zunächst nur für Thomas, der den gestohlenen Wagen nun endlich zurückbringen will. An seiner Seite: Tessa, die eine Spritztour in eben diesem  – einem Lamborghini – natürlich nicht ausschlagen kann.

Marc macht sich indessen, dank eines nicht gerade günstigen Tipps des Paten, wieder auf die Suche nach Rebecca und trifft dabei auf eine schöne, junge Frau.

Und auch wir gehen auf eine Reise: nämlich auf die Reise in die Vergangenheit von Tessa und Marc. Woher kennen sich diese beiden wohl? Ein Tipp: Die PS spielen auch hier eine Rolle 😀

Wird dies eine weitere Lebensnacht in Marcs Laufbahn als unwiderstehlicher Sonnyboy? Wird Thomas seiner angebeteten Tessa näherkommen und seine Scheu und Eifersucht überwinden? Werden sie Rebecca aufspüren? Und: Wer ist Phil?

Lest selbst! Hinter mir liegen erneut spannende Seiten voller interessanter Wendungen und Erlebnisse, die die Lust nach mehr bei weitem nicht versiegen lassen! Mal wieder ein Genuss à la Tharah Meester! Danke dafür!

5 von 5 😀

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achtung buch: sheila levine ist tot und lebt in new york von gail parent

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All the single Ladies:

Achtung, lange Zeit vor Carrie Bradshaw und Bridget Jones gab es eine andere Single-Lady in New York. 1972 erschien bei G. P. Putnam’s Sons erstmals der Roman Sheila Levine is dead and living in New York von Gail Parent. Jetzt, über 40 Jahre später, schaffte es der Roman über die quirlige junge Dame auch nach Deutschland und erschien 2013 in erster Auflage beim Metrolit Verlag.

Doch wer ist Sheila Levine?
Ihr erwartet ein quirliges Mädel à la Carrie? Da liegt ihr leider teilweise falsch. Sheila ist mittlerweile 30 Jahre alt, Jüdin und noch immer Single. Grund genug für sie, freiwillig aus dem Leben scheiden zu wollen. Eine Entscheidung mit der sie sich mehr und mehr anfreundet. Doch wie kam es zu diesem Entschluss?

Im Roman, Sheilas knapp 300 Seiten langem Abschiedsbrief, erfahren wir detailliert, wie ihr Leben von Geburt an bis jetzt verlaufen ist – eine desaströs, chaotisch-humorvolle Mischung aus Fettnäpfchen, lustigen und skurrilen Erlebnissen und der Erfüllung des großes Zieles: den einen wahren Traummann zu finden.

Ja, der perfekte Partner steht schon seit ihrer Geburt ganz oben auf der Liste. Die Hochzeit DAS Thema schlechthin, welches sich wie ein roter Faden durch das Leben der jungen Frau zieht und welches immer wieder für Depressionen und Verwicklungen sorgt.

„Geboren: am 12. August  vor dreißig Jahren… „Schau dir das an, was für ein hübsches Kind!“… Es ist also ein Mädchen, Manny? Dir ist wohl klar, dass du die Hochzeit bezahlen musst.“ … Einen Tag alt! Gerade mal einen Tag alt und schon reden sie von Heiraten.“

Schlimm genug, wäre da nicht noch das Problem, einen geeigneten Partner zunächst einmal finden zu müssen. Von Jahr zu Jah schraubt Sheila ihre Ansprüche weiter nach unten, findet eine Langzeitbeziehung, die sie eigentlich nicht will. Aber: Alles besser, als allein zu sein. Oder eher schlimmer? Schließlich scheint auch er keinerlei Ambitionen an einer Hochzeit zu haben, sodass Sheila letztendlich sogar zusehen muss, wie ihre kleine Schwester vor ihr vorm Altar landet.

Auch in ihrem sonstigen Leben läuft nicht gerade alles rund. Sheila ist unglücklich mit ihrer Figur, der Arbeit, der Wohnsituation und fühlt sich mehr und mehr wie eine Versagerin. Deshalb die Selbstmordentscheidung und der Brief, in dem Freunde, Verwandte und Bekannte, allen voran ihre Eltern, ihr Fett wegbekommen…

Insgesamt ist Gail Parent ein relativ unterhaltsamer Roman gelungen, in welchem sie mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus und schwarzem Humor sowie echter Verzweiflung das Leben der Protagonistin in allen Facetten schildert. Der Leser fühlt sich komplett in die 70er Jahre zurückversetzt, was dem Roman einen absoluten Retro-Bonus verleiht.
Trotz aller Unterhaltung und auch viel Charme und Witz war der Roman mir aber insgesamt etwas zu düster und zu depressiv. Sheila steht sich so oft selbst im Weg und man hat das Gefühl, dass sie sich in ihrem Selbstmitleid sonnt. Nur die anderen scheinen Schuld an ihrer Misere zu sein. Der Carrie-Glam bleibt dabei definitiv auf der Strecke und wird ersetzt durch ordentliche Jammerei. Auch das Ende konnte mich nicht wirklich überzeugen, da es dann doch etwas schnell und an den Haaren herbeigezogen wirkt.

Insgesamt ein unterhaltsamer Roman mit vielen netten Momenten, der mich aber aufgrund der oben genannten Dinge nicht  überzeugen konnte. Leider nur 3 von 5 Sternen.

achtung buch: die heilanstalt von simon geraedts

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Stell Dir vor, Du erwachst an einem unbekannten Ort. Unbekannt, aber sehr luxuriös. Aber wieso sind da überall Pfleger? Richtig – ein Sanatorium. Aber wieso bist du da? Und wer bist Du überhaupt?

Dieser Situation begegnen wir in Simon Geraedts Roman Die Heilanstalt. Ein junger Mann erwacht in einer Heilanstalt ohne zu wissen, wer er ist und was ihm überhaupt fehlt. Ein Pfleger erklärt ihm daraufhin, dass er, Patrick Baumgartner, schon auf dem perfekten Weg zur vollkommenen Genesung sei, wenn er nur weiterhin brav den Tee trinken würde, der überall gereicht wird. Der junge Mann akzeptiert dies, obwohl tief in seinem Inneren Zweifel nagen – Zweifel an der Anstalt, an den Behandlungen, an der eigenen Identität. Zweifel, die vom Personal schon im Keim erstickt werden, da den Patienten ein Leben voller Genuss und Luxus geboten wird und der mysteriöse Tee sein Übriges tut, um den Patienten einen perfekter Aufenthalt zu bieten, bevor in Sektor 2 die endgültige Genesung eintreffen soll.

Zweifel, die jedoch fest in einer Patientin verankert bleiben, nämlich in Melanie Kahlbach, die aufgrund eines traumatischen Erlebnisses keinen Tee trinken mag und somit als einzige von den Nebenwirkungen verschont bleibt. Dafür wird ihr die Realität in der Anstalt umso bewusster: Patienten mit trüben, verklärten Augen, nahezu apathische Verhaltensweise oder starke Aggressionen und Suchtverhalten in Bezug auf den Tee. Was passiert wirklich in der Anstalt? Wozu werden die Patienten zu willenlosen Zombies gemacht? Melanie versucht dieses mithilfe von Patrick herauszufinden, der dem Tee und der Anstalt jedoch auch mehr und mehr zu verfallen scheint. Nachdem die junge Frau auch noch spurlos verschwindet, regt sich das Unterbewusstsein in Patrick und ein Rennen gegen die Zeit beginnt. Denn viel bleibt ihm davon nicht mehr, um sich aus der Sucht zu befreien und viele Menschenleben zu retten…

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Simon Geraedts ist mit seinem Roman ein tolles Erstlingswerk gelungen. Spannung von der ersten bis zur letzten Seite!!! Dafür sorgten einerseits die liebevoll gezeichneten Charaktere und das gut durchdachte Umfeld und andererseits die Story. Anfangs fühlte man sich als Leser schnell auf der sicheren Seite mit seinen Vermutungen über den Tee und die Anstalt, wobei dann der große Knaller kam. Viele würden sicher eine Entwicklung der Handlung in Richtung abartiger Experimente mit den Patienten vermuten, wobei dies nur zu einem Bruchteil stimmt. Größere Dinge erwarteten die Protagonisten und die Leser, was wirklich zu Erstaunen und Überraschungsmomenten führte!

-achtung spoiler-

Vielmehr entwickelt sich der Plot in eine absolut konträre Richtung, in eine gesellschaftskritisch nämlich: Eine ganze Siedlung steht unter der Kontrolle eines furchtbaren Wesens, welches monatlich ein Opfer verlangt. Die, welche mutig genug sind, den Versuch des Widerstands zu wagen oder die, die einfach nur Pech hatten, geraten entweder direkt in die Hände dieses Wesens oder aber in die Anstalt, wo sie gefügig und zu Opfern gemacht werden sollen. Wahnsinnig packend und spannend, wie die Entwicklung an dieser Stelle vorangetrieben wird und welche Wendungen der Autor einschlägt. Kopfkino lässt grüßen! Patrick, oder besser Janick, machte sich auf die Suche nach seinem Bruder, der in die Fänge dieser Menschen geriet und wollte ihn befreien. So kam er überhaupt in die Klinik. Wieder draußen, beginnt für die Protagonisten ein Kampf ums Überleben und um die Befreiung der ganzen Siedlung. Wird’s gelingen?? Schaut selbst!

-spoiler ende- 

Insgesamt ein super Roman, mit minimalen Schwachstellen (die zu schnelle Befreiung aus der Sucht z. B.), über die man aber dank der tollen Ideen und Entwicklungen schnell hinwegsehen kann! Tausend Dank für die vielen spannenden Stunden in der Heilanstalt und bitte mehr davon, lieber Simon! 4,75 von 5 Sternen für Dich!!!

Frohe Weihnachten!!!

Ich wünsche Euch allen eine wundervolle, besinnliche und plätzchenlastige Weihnachtszeit im Kreis Eurer Lieben! Lasst den Stress und den Alltag hinter Euch und genießt einige schöne Momente!

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Ladislaus und Annabella

von James Krüss (1926)

In der Ecke eines Fensters
Unten rechts im Warenhaus,
Sitzt die Puppe Annabella
Mit dem Bären Ladislaus.

Annabella weint und jammert,
Ladislaus, der grunzt und schnauft:
Weihnachtsabend ist gekommen,
Und die zwei sind nicht verkauft.

„Armer Bär!“ seufzt Annabella,
„Arme Puppe“ schluchzt der Bär.
Tränen kullern in die Ecke,
Und das Herz ist beiden schwer.

In dem leeren Warenhause
Löscht man langsam Licht um Licht,
Nur in diesem einen Fenster,
Da verlöscht die Lampe nicht

Voller Mitleid mit den beiden
Läßt der brave alte Mann
Von der Wach- und Schließgesellschaft
Diese Lampe an.

Dann verläßt er Annabella
Und den Bären , welcher klagt,
Und mit sehr gepreßter Stimme
„Lebewohl“ und „Servus“ sagt.

In der menschenleeren Straße,
Abendstill und schneeverhüllt,
Sind die beiden in dem Fenster
Ein betrüblich Jammerbild.

Traurig vor der großen Scheibe
Fallen Flocken, leicht wie Flaum,
Und im Haus gegenüber
Glänzt so mancher Lichterbaum

Zehn Uhr schlägt’s vom nahen Turme,
Und fast schlafen beide schon,
Da ertönt im Puppenhause
Laut das Puppentelefon.

„Hallo!“ fragt der Bär verschlafen.
„Hier im Kaufhaus. Wer ruft an?“
Da vernimmt er eine Stimme,
Und die brummt: „Der Weihnachtsmann!“

Oh!“ ruft Ladislaus erschrocken.
„Was darf’s sein ich bitte sehr?“
„Eine schöne Puppenstube,
Eine Puppe und ein Bär!“

„Das ist alles noch zu haben!“
Ruft die Puppe Annabella.
„Kommen Sie zum Warenhause
Unten rechts, doch bitte schnell!“

Das ist eine Überraschung!
Ladislaus kämmt schnell den Schopf
Und die Puppe Annabella
Flicht ein Schleifchen in den Zopf.

Und schon zehn Minuten später
Kommt ein Schlitten, kommt ein Roß,
Und ein Alter steigt vom Schlitten,
Und ein Schlüssel knarrt im Schloß.

Ladislaus, der quiekt und jodelt,
Annabella lacht und singt,
Als der Weihnachtsmann die beiden
In den Pferdeschlitten bringt.

Grad in diesem Augenblicke
Kommt der brave alte Mann
Von der Wach- und Schließgesellschaft
Wieder zur Kontrolle an.

Höflich grüßt er die Gesellschaft,
Springt zurück ins Warenhaus,
Holt die schöne Puppenstube,
Und dann trägt er sie hinaus.

Leise sagt er zu der Puppe:
„Frohes Fest, mein kleines Kind!“
Während eine kleine Träne
in den großen Schnurrbart rinnt.

„Frohes Fest!“ sagt Annabella.
„Frohes Fest sagt Ladislaus,
Dann wird’s dunkel in dem Fenster
Unten rechts im Warenhaus.

achtung extra leseprobe zu den gossen von farefyr

Hier nun, wie versprochen, ein weiterer Abschnitt aus Temper R. Harings Die Gossen von Farefyr für Euch 🙂

~

Kapitel 2

Der Sturm hatte sich gelegt, doch das half ihm nicht viel, da der Mond ihm dennoch nicht den rechten Weg weisen wollte. Durch die dichten Baumkronen drang keinerlei Licht, man sah kaum die eigene Hand vor Augen, geschweige denn etwas anderes. Der Nebel war kühl und feucht und umhüllte ihn wie eine eisige Hand, die ihn in die Hölle hinabziehen wollte. Die Kälte kroch unter seine Kleidung, ließ ihn in stetigen Abständen unwohl erschaudern.

Er musste sich verlaufen haben, irrte nun schon eine ganze Weile durch den Wald außerhalb von Farefyr und kam doch nicht am vereinbarten Treffpunkt an.

Am ganzen Körper bebend, hielt Robert Brailey plötzlich inne, als er glaubte, ein Geräusch hinter sich zu hören. Ruckartig wandte er sich um und keuchte in die Finsternis, in welcher er nichts erkennen konnte. Schwer atmend setzte er seinen Weg fort, wo auch immer ihn dieser hinführen mochte. Hoffentlich raus aus diesem Dickicht, in dem er sich nicht mehr zurechtfand.

Aus der Ferne hörte er das Heulen eines Wolfes und wimmerte auf. Gewiss lauerte ihm dieses Raubtier bereits hinter dem nächsten Baumstamm auf, begierig ihm die Eingeweide aus dem Leib zu fressen.

Was wäre wohl schlimmer?

Von einem ausgehungerten Wolf angefallen zu werden oder von Wentworths blutdurstigem Nachtschatten erwischt zu werden, welcher unaussprechliche Dinge mit Johnson und Varlyle angestellt hatte?

Sein Bruder, bereits in der Hölle brütend, konnte beinah von Glück reden, dass er schon in jener Nacht sein Leben lassen durfte.

Die Art und Weise wie es ihm genommen worden war, schien Robert nun im Vergleich, recht milde und fast schon wünschenswert.

Erneut vernahm er ein verräterisches Rascheln hinter sich und wandte sich um, argwöhnisch ins Leere stierend.

War da jemand? Verfolgte man ihn?

Tatsächlich glaubte er, einen Schatten zwischen den dicken Stämmen umherhuschen zu sehen. Seine Unterlippe zitterte und sein Blick verschwamm.

In Gedanken betete er zu Gott, der ihn gewiss schon lange nicht in seiner Kartei von redlichen Menschen führte und ihm wohl somit seine Hilfe verwehren würde.

Seine Augen glaubten eine dunkle Gestalt, nicht weit von ihm entfernt, zu erkennen.

„W-wer ist da?“, stammelte er heiser, wischte sich mit dem Hemdsärmel Tränen und Rotz aus dem Gesicht. Er erhielt keine Antwort und brach vollends in Panik aus. Es war zweifellos der grausame Nachtschatten, der gekommen war um ihn zu holen.

Aufschluchzend lief er davon, rannte durch das dichte Gewirr aus Bäumen und Sträuchern. Der unebene, matschig gewordene Waldboden machte ihm seine Flucht nicht einfacher.

Das dornige Gestrüpp, welches die Erde bedeckte, schien nach ihm zu greifen und wollte ihn zu Fall bringen.

Wimmernd stolperte er weiter, prallte heftig gegen einen Baumstamm und wurde zu Boden geschleudert. Für einen Moment blieb ihm die Luft weg, als er auf dem Rücken landete, doch er konnte sich sogleich erneut aufrappeln.

Schwere Schritte waren hinter ihm zu hören und Brailey schrie ängstlich auf, während er versuchte, dem Schatten zu entkommen…

Weit war er jedoch noch nicht gekommen, als er plötzlich von hinten gepackt und zu Boden schleuderte wurde.

Er landete mit dem Gesicht im Matsch, konnte sich halb aufrichten und kauerte sich dann wie ein kleines Kind zusammen, drückte die Hände schützend gegen sein Hinterteil.

Nun war es zu Ende mit ihm, gleich würde er unerträgliche Schmerzen erleiden und dann einen langsamen, qualvollen Tod sterben müssen.

Er dachte an seine Katy und stellte sich vor, wie sie an seinem Grab weinen würde.

„Nein, nein, nein.“, bettelte er leise, schluchzend wie ein Säugling und fühlte warme Pisse zwischen seinen Schenkeln. Sein Herz schlug dermaßen heftig, dass er glaubte, es würde jeden Augenblick vor Angst zerspringen.

„Steh’ auf, du arschgefickter Hurensohn! Ich bin es!“, brüllte eine bekannte Stimme hinter ihm und den harten Worten folgte ein deftiges Lachen. „Du solltest dich mal sehen, Brailey! Hast Angst um deinen hübschen Arsch, was?!“

Eine grobschlächtige Hand packte ihn am Kragen und hievte ihn auf die wackeligen Beine, auf welchen er kaum noch stehen konnte.

„Marsden.“, brachte er keuchend hervor, während er sich gegen einen dicken Stamm lehnte und versuchte, sich zu beruhigen.

Zur Hölle, wie musste Wentworth sich gefühlt haben?

Diese Frage, die sich ihm nicht zum ersten Mal aufdrängte, und die Antwort, die er nun plötzlich darauf wusste, waren so unerträglich, dass er beides weit von sich schieben musste, um wieder atmen zu können.

„Du dreckiger Bastard!“, stieß er hervor, versetzte Freddy Marsden einen heftigen Stoß gegen die Brust, welcher den anderen jedoch nicht einmal ins Wanken brachte.

„Warum läufst du hier herum wie ein streunendes Kätzchen? Wir wollten uns doch auf der Lichtung treffen.“, grinste Marsden boshaft, denn er schien die Antwort bereits zu kennen.

Robert schwieg beharrlich und wischte sich in einer fahrigen Handbewegung den gröbsten Schmutz aus dem Gesicht.

„Warum wolltest du mich sprechen?“, forderte er stattdessen zu wissen.

„Unsere Pläne sind noch nicht zu Ende geschmiedet, Junge.“

„Unsere Pläne…“, begann Robert in dem abfälligsten Tonfall, den er in diesem Moment zustande bringen konnte. „…sind wohl durch Varlyles Tod durchkreuzt worden.“

Marsden lachte ein dröhnendes Lachen, welches einem einen kalten Schauer über den Rücken treiben konnte, wenn man es nicht gewohnt war. Robert hatte gelernt, sein Erschaudern zu unterdrücken.

„Der Plan war, diesen Hurensohn von einem Viscount umzubringen, bevor sein Nachtschatten uns ein Jagdmesser in den Arsch rammt. Francs trauriges Ableben ändert daran nichts.“

„Für mich schon. Bereits drei Männer sind einige zu wenig, um diese Idee erfolgreich in die Tat umsetzen zu können. Zu zweit wäre das reiner Selbstmord.“

Roberts Stimme klang bestimmt und fest. Sein Entschluss war gefasst.

Er würde sich nicht länger auf die verrückten Machenschaften einlassen, welche stets sein älterer Bruder angeführt hatte. Schreckliche Dinge, noch schlimmere Dinge als sonst, waren in der letzten Zeit geschehen und er wollte diese zum Anlass nehmen, um endlich aus diesem kläglichen Leben auszubrechen.

Ein Leben, das er geführt hatte, um dem großen Bruder zu gefallen.

Nun war Jack tot und es gab nichts mehr, dass ihn hier noch hielt. Hier in dieser verkommenen Stadt, die den Namen Farefyr trug.

„Du hoffst wohl, dass der Nachtschatten dir vor dem Jagdmesser noch den Schwanz reinsteckt, was?!“, knurrte Marsden und trat einen Schritt näher. „Gut, dann lauf’ schnell nach Hause, Junge, und warte dort auf deinen Fick. Ich brauche dich nicht, um Wentworth aufzuschlitzen.“

„Ach, Rosi, was sollen wir nur tun?“ Nath saß, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, da und schaute geknickt auf den Boden. „Jetzt suche ich schon drei Tage lang alle Gasthäuser nach Zauberern ab und überall lachen die Leute zwar freundlich, ignorieren aber meine Fragen oder wissen keine Antwort darauf.“

Rosi war, von den anderen Kühen her, zu Nath gegangen, als dieser über den Zaun gesprungen war und bei der Eiche gewartet hatte.

Sie hatte sich inzwischen hingelegt, während Nath weiterredete. „Ich hab’ nur noch Geld für, vielleicht, sieben Tage. Wenn man die Rückreise mitrechnet…“

Der Druck auf ihn wurde immer größer. Es musste bald was passieren.

In der Stadt war es leicht, zu verzweifeln, aber hier bei den Kühen konnte er neue Kraft schöpfen.

Egal wie schwer es für ihn war, wie musste es denn für Rosi sein?

Besonders wenn er immer wieder allein in das Gewirr von Häusern und Menschen verschwand und sie bei den anderen Rindern ließ.

Sie würde das nie zugeben, aber Rosi war sicherlich eifersüchtig. Lauerten nicht hunderte willige Frauen in der Stadt auf ihn und wollten ihn verführen?

Solche Gedanken mussten sie ja innerlich auffressen.

Aber sie lag nur mutig neben Nath und zeigte ihre wahren Gefühle nicht, um es ihm nicht schwerer zu machen. Nath war froh, so ein starkes Weib an seiner Seite zu haben und das machte ihm Mut.

Er genoss noch einige Zeit die Stille mit seiner Frau und machte sich dann wieder auf die Suche.

„Mach’ dir keine Sorgen. Es dauert sicher nicht mehr lange. Ich werde einen Magier finden.“

Nath sprang über den Zaun und strengte sich beim Gehen an, seinen Worten Glauben schenken zu können.

An diesem Tag wagte sich Nath ein bisschen weiter ins Stadtinnere vor. Bisher hatte er es bei den Gasthäusern im südlichen Teil der Stadt versucht, aber dort schien man nicht viel von Magie und ähnlichem zu halten.

Er schlenderte bis zu dem großen Gebäudekomplex in der Mitte der Stadt, der von einer massiven Steinmauer umgeben war.

Dort befanden sich einige Wachen in polierten Rüstungen mit langen Schwertern, doch Nath hielt sich zurück, diese mit seinen bescheidenen Problemen aufzuhalten. Schließlich waren sie ja mit der Sicherheit der ganzen Stadt beschäftigt genug.

Aus irgendeinem Grund zog es ihn mehr in Richtung Meer und diese Eingebung sollte sich als richtig herausstellen.

Nath schlängelte sich zwischen den Marktständen hindurch und sah unter den ganzen Menschen auch einige Straßenkünstler.

Ein bunt gekleideter Junge schmiss immer wieder Bälle in der Luft, sodass sie Kreise zogen, ohne dass auch nur einer herunterfiel.

Nath fand es schön anzusehen und auch die Musik, die von etwas weiter hinten kam, trug zu einer sehr heiteren Stimmung bei.

Einige Schritte weiter, auf einer Holzkiste, stand ein Schauspieler, der in Fetzen gekleidet war und einen langen schmutzigen Bart trug.

Um seiner Rolle mehr Authentizität zu verleihen.

„…Verdammung! Er wird die Sündigen bestrafen. Niemand kann sich vor ihm verstecken. Er…“

Nath bereute, das Stück nicht von Anfang an gesehen zu haben, da der Künstler es mit sehr viel Leidenschaft vorführte.

„…dunkelsten Abgründe der Hölle, voller Folter und endloser Qualen. Glaubt nicht, dass er Mitleid zeigen wird mit den erbärmlichen Kreaturen, die seine Welt verpestet und…“

Plötzlich schien die Geschichte eine Wendung zu nehmen.

Zwei Männer, verkleidet als Wachen, traten an den Langbärtigen heran und zogen ihn von der Kiste.

Dieser wehrte sich, ohne dabei aus der Rolle zu fallen, worauf die in Rüstung Gekleideten mit Stöcken auf ihn einprügelten.

Für Naths Geschmack wurde die Vorführung ein bisschen zu realistisch. Und leider verstand er die, dieses Schauspiels zu Grunde liegende, Botschaft nicht.

Es endete damit, dass der Schauspieler von seinen Kollegen weggeschleppt wurde und Nath schien der einzige zu sein, der applaudieren wollte. So hielt er sich zurück. Vielleicht kam ja noch ein weiterer Akt, aber er hatte keine Zeit mehr, zuzusehen.

Irgendwo musste auch ein Zauberer sein, der seine Künste zur Schau stellte und tatsächlich! Zwischen ein paar Häusern konnte man das Meer sehen und dort in der Nähe standen, wie bei der anderen Vorführung, einige Leute im Halbkreis, um einen prächtig angezogenen Greis mit Magiermütze. Nath stellte sich dazu und wartete, bis jener mit seinen Tricks fertig war.

„Sehr beeindruckend.“, musste er zugeben, als er an den Magier herantrat.

„Freut mich, wenn Ihr Gefallen an meinen Talenten gefunden habt.“

„Sehr geehrter Herr Magier, ich habe eine dringende Bitte. Meine Frau ist verzaubert worden.“

„Nun ja, ist sie besessen und hat ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle?“

Nath überlegte kurz und kam zum Schluss, dass genau das der Fall war. „Ja, genau.“

„Also ein Dämon.“

„Nein, eine Kuh.“

Der Zauberer schien verwirrt. „Was… Wo befindet sich denn deine Frau?“

„Sie steht beim Bauern am Stadtrand bei den anderen Kühen.“

„Was macht sie dort?“

„Gras fressen und… ähm… mit den anderen Tieren reden? Ich weiß nicht.“

Der Alte schien eine Einsicht gehabt zu haben und wurde plötzlich wütend: „Du willst dich über mich lustig machen. Wie kannst du dir so eine Frechheit erlauben? Hinfort mit dir!“

Nath war verwirrt. „Aber…“

„Verschwinde und wage es nicht, mir noch mal unter die Augen zu treten.“

Hatte seine unglaubliche Macht den armen Mann etwa den Verstand verlieren lassen? Nath konnte sich vorstellen, dass man als Zauberer mit mysteriösen Kräften zu tun haben musste, die auch den vernünftigsten Menschen in den Wahnsinn treiben konnten. Dies schien hier der Fall gewesen zu sein. Nath hielt es für besser, das Weite zu suchen. Nicht, dass wieder etwas Schlimmes passierte.

Er fand sich, als er sich von der Aufregung erholt hatte, am Hafen wieder. Er ging vorbei, an einer Seemannsspelunke und bewunderte das majestätische Schiff, das erst vor kurzem angekommen sein musste, da gerade noch einige Passagiere und Matrosen von diesem an Land kamen. Metallern schimmerte die Hülle des Gefährts in der untergehenden Sonne und Nath konnte nur staunen, da dies für ihn ein sehr seltener Anblick war.

„Wunderschön, hm?“, sagte einer der Neuankömmlinge zu Nath. „Ich bin froh, es wieder von außen sehen zu können. Die Reise war nicht sonderlich angenehm. Besonders in diesen Gewässern.“

„Ich war noch nie auf einem Schiff.“, erzählte Nath dem Mann, der mit einem langen Mantel bekleidet war und einen kurzen Bart trug. Ihm fielen auch seine scharfen Gesichtszüge auf, die einen sehr entschlossenen Eindruck machten. Er schien etwas jünger als Nath, aber das konnte auch täuschen.

„Sei froh. Ich reise lieber zu Land, wenn die Strecke nicht zu lang ist. Übrigens, mein Name ist Nathan Cook.“

Nath musste lächeln. „Ich heiße Nath.“

„Ah, ein Namensbruder. Du bist mir sofort aufgefallen, Nath. Wirktest irgendwie verloren und die Verlorenen nach Hause zu bringen ist einer der wichtigsten Grundsätze der ethischen Schriften von Achestius. Also bist du auf der Suche nach irgendetwas? Liebe, Glück, Reichtum?“

„Ich suche einen Zauberer.“

„Haha, ich bin leider nur ein bescheidener Philosoph. Weißt du, in den heiligen Büchern der Katharsi steht geschrieben, ein Zauberer ist derjenige, der die Hungernden speist, den Schwachen hilft und Herzen heilt. In dem Sinn kann jeder von uns ein Zauberer sein. Ist es das was du meinst? Du bist auf der Suche nach dem Zauberer in dir, du willst ein besserer Mensch werden?“

Nathan Cook sah Nath fragend an, doch an irgendeinem Punkt hatte jener ihn verloren. Den einfachen Holzfäller hatten die großen Worte des Philosophen etwas verwirrt. Also versuchte Nath, der nicht wusste, was dieser von ihm wollte, ihm die Geschichte von Anfang an zu erklären: „Also… ähm… Meine Frau und ich lebten ein bescheidenes Leben, bis der Zauberer kam. Weil ich falsch gehandelt habe, hat er sie in eine Kuh verwandelt und nun bin ich auf der Suche nach einem Magier, der sie wieder zurückverwandelt.“

„Ah, sehr interessant. Dein Gleichnis gibt mir zu denken und ich habe gleich gewusst, dass ich einen Gleichgesinnten vor mir habe. Du bist auch ein Philosoph, nehme ich an.“

„Ich will gern einer sein, aber um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht mal sicher, was ein Philosoph ist.“

„Ein Skeptiker also. Ich muss dir zustimmen. Du willst also in Frage stellen, ob es das Ideal eines Philosophen überhaupt geben kann. Sind wir nicht alle gleichermaßen Entdeckter, seit wir auf diese seltsame Welt gekommen sind. Was macht die einen zu Philosophen und die anderen zu Bäckern? Weise Worte, mein Freund. Lass’ uns doch einige Schritte zusammen gehen.“

Nath konnte nicht sagen, ob der Philosoph ihn richtig verstanden hatte. Schließlich erkannte er keinen Zusammenhang zwischen dem was er gesagt hatte und dem was der weise Mann geantwortet hatte. Aber er war ja hier nicht der Philosoph.

Vielleicht konnte dieser ihm noch beibringen, so schlau daherzureden.

Nath hatte ja gesagt, dass er klug werden wollte.

Die beiden gingen in Richtung des nördlichen Stadtteils, was Nath, der sich hier noch gar nicht umgesehen hatte, sehr recht war.

„Ich habe über deine Parabel nachgedacht und ich weiß jetzt, was du damit sagen willst. Sehr gerissen. Heutzutage so was direkt auszusprechen könnte einen wirklich in Schwierigkeiten bringen. Aber du hast Glück, dass du auf einen Gleichgesinnten gestoßen bist. Die alten Werte müssen wiederhergestellt werden. Deine Frau, Farefyr,…“ Er zwinkerte Nath zu. „…wurde von der Revolution zu etwas amoralischen, triebhaften, animalischen gemacht: Zu einer Kuh. Ein sehr passendes Bild. Und wer ist schuld?“

Nath bemerkte, dass der Philosoph eine Frage gestellt hatte und wurde nervös, da er nicht aufgepasst hatte. Zu seiner Erleichterung fuhr dieser sogleich fort, er hatte offensichtlich sowieso keine Antwort erwartet.

„Natürlich wir selbst, das Volk. Wer hat denn den alten König gestürzt? Wer hat die Religion aus Farefyr vergrault? Und nun stellt sich die wichtige Frage, wer verwandelt unsere Kuh wieder zurück?“

Die beiden waren inzwischen vor ein großes Anwesen mit einer mannshohen Mauer gekommen.

„Ach, wir sind schon da. Das ist mein Zuhause. Drei Wochen war ich nun weg von hier. Tut gut, wieder da zu sein. Ebenso sehr, wie ich das Gespräch mit dir genossen habe, Nath.“

Nath konnte sich nicht erinnern, mehr als drei Sätze dazu beigetragen zu haben, dennoch fand er es sehr nett.

„Es würde mir äußerst zusprechen, wenn wir es beizeiten mal fortführen könnten.“

„Sicherlich. Gern.“, gab Nath ehrlich zur Antwort.

„Wo wohnst du? Wenn du willst, bringt dich einer unserer Kutscher dorthin. Wie du siehst, ist es schon Abend geworden und so wäre es wahrscheinlich sicherer.“

„Letzte Nacht habe ich im Stall bei Rosi geschlafen. Ist nicht so weit.“

„Auf meiner Reise im Empire habe ich auch sehr viel über den asketischen Lebensstil der Mönche gelernt. Das weiß ich sehr zu schätzen. Wenn es dir recht ist, kannst du aber auch hier übernachten.“, lud der Philosoph Nath freundlich ein.

„Danke, aber ich möchte Rosi nicht allein lassen. Ja, allein ist sie nicht wirklich, aber…“

„Die kann natürlich auch mit. Ich bestehe sogar darauf.“

„Gibt es hier denn einen Stall?“

„Natürlich. Mein Vater ist der Vorsitzende des Kutschenunternehmens hier in der Stadt. Wieso?“, fragte Cook.

„Für Rosi.“

„Kein Problem. Ich muss zugeben, du hast mich neugierig gemacht auf deine Rosi.“ Der kluge Mann überlegte kurz. „Ich schlage vor, du nimmst eine Kutsche und holst sie. Weißt du was? Ich begleite dich dorthin.“

 

 Die Fahrt dauerte nicht besonders lange. Nath überlegte, wie langsam er zu Fuß gewesen wäre, während Cook bei der ‚komplexen Dekonstruktion Naths revolutionärer Parabel’ dort weitermachte, wo er zuvor aufgehört hatte. Aber Nath fand das enthusiastische Gerede auch irgendwie beruhigend, obwohl er kaum ein Wort verstand.

Das war anscheinend aber nicht wichtig, denn sobald er es zugab und sagte, dass er nicht wusste, was der Philosoph meinte, empfand dieser das nur als akademische Herausforderung noch weiter zu reden und zu erklären und zu reden…

So, wie sich Nath mit Nathan fühlte, musste auch Rosi sich mit Nath in den letzten Tagen gefühlt haben, jedoch aus anderen Gründen, versteht sich. Rosi war schließlich in dem Fall die Intelligentere von beiden.

Die Kutsche fuhr, mühelos von dem fleißigen Pferd, die kleine Erhöhung hinauf, auf der der Bauernhof stand.

Die beiden Naths stiegen aus und der eine klopfte an die Tür des Hauses, worauf ein müder Bauer aufmachte. Dieser erkannte Nath sofort und schon wenige Minuten später, nachdem alles erklärt worden war, machten sie sich auf den Weg zum Stall.

Cook konnte man die Neugier direkt ansehen und als sie hineingingen, schien er erst etwas enttäuscht, dass er keinen Menschen dort vorfand.

Doch als Nath die beiden einander vorstellte, wandelte sich dessen Gesichtsausdruck schnell in einen voll von Verwunderung um.

„Eine Kuh? Ich muss zugeben, Nath, ich bin wirklich überrascht… haha. Aber du scheinst großen Wert auf Symbolik zu geben, das weiß ich sehr zu schätzen. Du bist kein Mann für halbe Sachen, oder?“

Retour bewegte sich die Kutsche nicht ganz so schnell, da es Rosi nicht gerade eilig hatte. Sie schien sogar ein klein wenig gereizt, da sie in der Nacht noch ausreisen musste.

In Farefyr hatte inzwischen das Nachtleben begonnen und die Gasthäuser hatten sich mit Leuten gefüllt.

Es war bewundernswert wie schnell manche Gäste schon so betrunken sein konnten, aber viele hatten wahrscheinlich schon am Nachmittag angefangen, vermutete Nath.

So stand also ein besonders fleißiger Trinker um die Ecke des Einganges zur toten Ratte, beugte sich vor und würgte wieder hoch, was noch vor einiger Zeit den anderen Weg gegangen war.

Als Nath auf der Kutsche neben Rosi bei jenem vorbeifuhr und er Nath erkannte, zeigte er mit dem Finger auf die Reisenden und begann lauthals zu lachen. Dies lockte weitere Gäste heraus, die, teils noch mit Flaschen in den Händen, herausfinden wollten, was los war.

Der Erste war, wahrscheinlich aufgrund des übermäßigen Lachens, wieder dabei, sich zu übergeben, während der Rest nun mit dem heiteren Gebrüll anfing.

Immer zu Späßen aufgelegt, die Gäste der toten Ratte. Nath schüttelte mit einem Lächeln den Kopf. „Die fröhlichste Kneipe die ich kenne.“

Erst in den frühen Morgenstunden kam sie nach Hause in ihre Kammer, hatte noch lange Zeit bei Miles verbracht und war dann eine Weile durch die Stadt gestreift, um erfolglos die Gegend abzusuchen.

Gähnend wollte sie sich auf ihr Bett legen, doch sie hielt inne, als sie die kleine Nachricht und die Zeichnung auf ihrem Kissen entdeckte.

Lächelnd griff sie erst nach dem fein gemalten Bild, welches einige anmutig galoppierende Wildpferde zeigte, um es nach einer eingehenden, bewundernden Betrachtung zu den anderen Zeichnungen an die Wand zu hängen.

Schließlich widmete sie sich neugierig und mit einem Schmunzeln auf den Lippen der Mitteilung, welche man ihr hinterlassen hatte.

Nachtdienst hinter mich gebracht. Habe keine Lust zu schlafen. Lust auf einen Ausflug? Habe mich beeilt und das Meisterwerk soeben zu Ende gelesen. Unsere Erwartungen wurden wahrhaftig übertroffen. Über Seite 199 können wir gerne diskutieren. Ich warte hier.

Übrigens: Danke.

Ihr ungläubiger Blick hing an dem letzten Wort, welches sie äußerst selten zu lesen und noch seltener zu hören bekam. Ihre Freude darüber ließ sie erneut lächeln. Ihre Müdigkeit war plötzlich verschwunden, während sie eilig aus ihrer Kleidung schlüpfte, um diese gegen frische Sachen zu tauschen und sich dann auf den Weg zu machen. Man wartete auf sie und sie wollte nicht warten lassen.

 

Nachdem ich ihr seinen Finger gebracht hatte, habe ich sie nicht wieder gesehen.

Ihre Worte hingen immer noch in der Luft, auch als die Sonne am nächsten Tag bereits kräftig vom blauen Himmel strahlte.

Dieser Satz hämmerte schmerzhaft in seinem Kopf und brannte in seinen Eingeweiden.

Würde es so kommen? Würde er sie, nachdem sie ihm das letzte Leben geopfert hatte, nie mehr wieder sehen?

Mit einem Ruck war er auf den Beinen, konnte nicht länger ruhig auf seinem Bett verweilen, dessen Laken in dieser Nacht tatsächlich trocken geblieben waren.

Natürlich würde es so kommen…

Wieder fühlte er dieses grauenvolle Stechen in der Brust, als würde ihm jemand ein Messer hineinrammen.

Was für einen Grund hätte sie denn auch, ihn weiterhin aufzusuchen?

Keinen. Ihre Arbeit würde erledigt sein, der Auftrag vollendet.

Unruhig wanderte er in seinem Gemach umher, welches er kaum noch verließ.

Die ganze Zeit über hatte er gehofft, sein Nachtschatten würde alsbald jeden einzelnen seiner Peiniger umgebracht haben und nun…

Nun hegte er gar die Hoffnung, Granvell würde nicht so einfach in die Fänge zu bekommen sein wie die anderen Bastarde, der Baron würde sich so gut verstecken, dass Temperance ihn niemals erwischen würde.

Dieser abwegige Gedanke, dieser verrückte Wunsch, bestätigte Miles’ Befürchtung, er würde den Verstand verlieren. Offenbar war er tatsächlich drauf und dran.

Aus welchem Grund würde er sogar auf seine Rache verzichten, lediglich um sie nicht zu verlieren? Das war verrückt!

War er in dieser kurzen Zeit so abhängig von ihr geworden, dass er sich nun nicht mehr vorstellen konnte, sein Leben ohne ihre Hilfe zu leben?

Hatte er bloß Angst davor, alleine zu sein oder war da noch etwas anderes?

Mit der Rechten fuhr er sich durchs dichte Haar, seufzte einmal tief auf, ehe er sich an den Schreibtisch setzte und nach einem leeren Briefbogen und der Feder griff.

Was immer es auch war, für den Fall, dass er seinen Nachtschatten in Bezug auf den Baron unterschätzte, musste er gewappnet sein.

Anstatt sich auf den Dächern der Stadt fortzubewegen, wie sie es für gewöhnlich zu tun pflegte, war sie auf den Wegen außerhalb von Farefyr unterwegs.

Es würde sie nicht allzu viel Zeit kosten und – was noch viel interessanter und vor allem amüsant war – sie konnte auf diese Weise prüfen, wie weit er ihr folgen würde. Er stellte sich, wollte man ehrlich sein, nicht sonderlich geschickt dabei an.

Temperance war bewusst, dass man sie oft mit einer Raubkatze verglich, da sie meist lautlos und unverhofft irgendwo auftauchte.

Keith Caruthers war wohl eher ein plumper Kater, dessen wohlwollendes Herrchen ihm stets zu viel Milch in sein Näpfchen schüttete. Der Kater, den schönen Seiten des Lebens nicht abgeneigt, leckte die Schüssel natürlich immer bis auf den letzten Tropfen leer.

Es kostete sie viel Mühe, sich nicht einfach zu ihm umzudrehen und ihm klar zu machen, dass er sich mehr als dumm anstellte.

Doch sie hatte andere Pläne…

So richtete sie den Blick stur in die Ferne, in der sie nach einiger Zeit des Wanderns bereits das weite, blaue Meer erkennen konnte. Die Sonne war gerade dabei unterzugehen und spiegelte sich rötlich auf der Wasseroberfläche.

Es war ein schöner, lauer Abend und sie war glücklich darüber, diesen wundervollen Tag, welchen sie mit einem Ausritt – auf Dexters breitem Rücken – zum Wasserfall und Seite 199 verbracht hatten, nicht mit dieser überbewerteten Sache namens Schlaf vergeudet zu haben.

Die Luft war angenehm frisch und roch nach Frühlingsblumen, welche sich nach einem harten Winter durch den ebenso harten Boden kämpfen mussten, um erneut die Sonne verehren zu können.

Temperance lauschte schmunzelnd und vernahm seine schweren Schritte, welche er erfolglos zu dämpfen versuchte. Gut, er war also immer noch hier und vermutlich der festen Überzeugung, er wäre ausgesprochen unauffällig. Das war er jedoch in keinster Weise.

Es würde ihm eine Lehre sein, ihr nachzuspionieren.

Schließlich nahm sie eine kleine Abzweigung, konnte ihn kurz abhängen und etwas Abstand gewinnen. Geschickt schwang sie sich auf einen der vielen Bäume, welche den Kiesweg säumten und wartete lauernd auf ihr Opfer. Sein suchender Blick verriet ihr, dass er sie aus den Augen verloren hatte.

Er verharrte kurz überlegend an der Kreuzung, ehe er den Weg nahm, welchen Temperance einige Momente zuvor genommen hatte.

Mühevoll musste sie ein mädchenhaftes Kichern zurückhalten und bemerkte dabei, wie beunruhigend gut ihr dieses kleine Spielchen gefiel.

Endlich war er bei dem Baum angekommen, auf dessen starkem Ast sie ungeduldig verweilte, bis Keith nahe genug war. Lautlos beugte sie sich soweit wie nötig vor und zupfte ihm seinen Hut vom Kopf.

„Was zum…“, stieß er keuchend hervor und wich erschrocken zurück.

Temperance sprang vom Baum, landete lachend auf ihren Beinen und streckte Keith seine schwarze Kopfbedeckung entgegen, während sie, mit Genugtuung, seinen entsetzten Gesichtsausdruck musterte.

„So ein stattlicher Mann und doch so schreckhaft.“, neckte sie ihn lächelnd. „Das sollte dir eine Lehre sein.“

„Du findest mich stattlich?“, grinste er. Offenbar hatte er sich schnell von seinem kleinen Schock erholt und war bereits erneut zu Scherzen aufgelegt. Zur Erwiderung gab sie ihm einen sachten Rippenstoß, der ihn zum Lachen brachte.

„Ich war also nicht besonders gut?“, fragte er nach und schnitt dabei eine Grimasse, als würde er die Antwort bereits kennen.

„Das war der schlechteste Versuch einer unauffälligen Verfolgung, den ich jemals erleben durfte.“, bestätigte sie seine Befürchtung mit einem Nicken. „Wie wäre es, wenn du mich einfach begleitest?“

„Wo gehen wir hin?“, wollte er wissen, es schien ihm jedoch nicht allzu wichtig zu sein, da er sich sogleich in Bewegung setzte.

Temperance folgte ihm.

„Zu Granvells Anwesen. Ich will mich dort ein wenig umsehen.“

Eine Weile wanderten sie schweigend nebeneinander her, dem schmalen Weg folgend, der die Stadt säumte.

„Wie geht es Miles?“, fragte Temperance schließlich.

„Er hat sich den ganzen Tag nicht blicken lassen, außer beim Mittagessen, von dem er nur drei Bissen genommen hat.“, erwiderte Keith ernst und leise.

Für einen Moment senkte sie ihren Blick, seufzte innerlich auf und wischte sich eine verirrte Strähne ihres Haares aus der Stirn.

„Das Essen ist aber auch wirklich nicht besonders gut. Vielleicht hätte Miles statt dem tollpatschigen Küchenjungen lieber den Koch behalten sollen.“, meinte Keith schmunzelnd, doch der Klang seiner Stimme war seltsam, nicht wie sonst, wenn er scherzte. Hatte sie vermutlich doch laut geseufzt?

„Wir müssen ihn aus seinem Zimmer holen. Ein Ausflug würde ihm gut tun.“, stellte sie fest und aus den Augenwinkeln sah sie, dass Keith zustimmend nickte. „Wollen wir ihn heute Nacht dazu überreden?“

Ihre Frage brachte ihn dazu, sich ihr zuzuwenden und sanft zu lächeln.

„Sehr gerne.“, erwiderte er sachte. Temperance nickte nun ebenfalls.

„Da vorne ist es.“, murmelte sie plötzlich und zeigte mit dem Finger auf Granvells kleine Festung, welche hinter hohen Mauern verborgen lag und von groß gewachsenen, gut bewaffneten Männern bewacht wurde.

„Komm’ mit.“, forderte sie ihn auf, während sie sich daran machte auf einen Baum zu klettern, um besser sehen zu können.

Immerhin machte es wenig Sinn, hier unten zu stehen und auf die dunklen Steine der Mauern zu starren.

Keith zögerte einen kurzen Augenblick. Offenbar war er sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war, doch ohne ein Murren erklomm er die Äste und gesellte sich dann zu dem Mädchen, welches es sich bereits so bequem wie möglich gemacht hatte.

Ihr Blick schweifte über das hoheitsvolle Anwesen, in welches ein Eindringen, ohne dabei unzählige, mehr oder weniger unschuldige, Männer umzubringen, nicht möglich war. Prüfend musterte sie die Mauern, auf welchen eine Patrouille unaufhörlich ihre Kreise zog. Die großen Tore wurden von zwei Leuten bewacht und diese machten nicht den Anschein, besonders freundliche Zeitgenossen zu sein.

Ihre Befürchtungen wurden bestätigt, sie würde…

Keith klopfte ihr unvermittelt und behutsam gegen den Oberarm und deutete mit einer Kopfbewegung nach unten, um ihre Aufmerksamkeit auf den, etwas in die Jahre gekommenen, Mann zu lenken, der dort seines Weges ging. Eine Kuh an seiner Seite.

Mit ruhiger, angenehmer Stimme sprach er unentwegt zu dem Tier, welches brav neben ihm hertrottete und seinen Worten aufmerksam zu lauschen schien.

Hatte er seine Kuh gerade Rosi genannt?

Temperance blickte schmunzelnd zu dem ungleichen Pärchen hinab, welches gemächlich weiter in Richtung Stadt wanderte.

„Süß.“, murmelte Keith und sie stimmte ihm zu. „Und ein klein wenig verrückt.“

 Ohne zu Klopfen stürmte Keith in Miles’ Gemach und ließ dabei die Türe hinter sich offen stehen. Lächelnd klatschte er in die Hände und blickte erwartungsvoll zu seinem Vetter hinab, der auf dem Bett lag und auf seinen Nachtschatten wartete.

„Steh’ auf und zieh’ dich an. Wir machen einen Spaziergang.“

„Nein danke, Keith. Wenn du mich jetzt bitte alleine lassen würdest.“, gab Miles trocken zurück, der nun wahrlich nicht in der Stimmung für die dummen Kindereien seines Cousins war. „Ich warte hier auf jemanden, falls du das nicht bemerkt haben solltest. Ohne sie gehe ich nirgendwo hin.“

Keith verdrehte entnervt die Augen.

„Habe ich etwa gesagt, dass du das musst? Nein. Du sollst dich lediglich anziehen.“

Miles setzte zu einer Erwiderung an, als er ihre helle Stimme im Rücken hörte, welche ihn verstummen ließ, noch ehe er tatsächlich etwas gesagt hatte. „Bitte steh’ auf, Les.“

Miles unterdrückte ein tiefes Seufzen, versuchte dasselbe erfolglos mit seiner aufkommenden Angst und erhob sich, bloß um dann einfach dazustehen, unfähig sich zu bewegen. Das brauchte er auch nicht.

Mit dem Blick folgte er dem Mädchen, welches bereits den Raum durchschritten hatte und nun seinen Kleiderschrank öffnete. Keith hatte sich inzwischen gesetzt und seinen Marzipanvorrat, der niemals zur Neige zu gehen schien, hervorgeholt.

„Auf mich will er ja nicht hören.“, murrte er beleidigt und stopfte sich dann eine Süßigkeit in den Mund.

„Dann solltest du an deinen Überredungskünsten arbeiten.“, gab Temperance kühl zurück, während sie offenbar gefunden, wonach sie gesucht hatte. Behutsam zog sie einen schwarzen, kurzen Ausgehmantel hervor.

„Vermutlich sind sie auf demselben Niveau wie deine Spionagefähigkeiten.“, fügte sie hinzu und Keith keuchte entsetzt auf.

„Hast du das gehört, Miles? Schon wieder beleidigt sie mich.“

„Worum geht es denn?“, hakte er nach, da er nicht verstand, worüber gesprochen wurde. Offensichtlich hatte er wieder etwas versäumt und nicht zu wissen, was es war, bereitete ihm Unbehagen.

„Dein Vetter hat mich vorhin verfolgt, als ich auf dem Weg zu Granvells Anwesen war, um mich dort umzusehen.“, antwortete Temperance, welche jetzt bei ihm angekommen war und ihm in seinen Mantel half. „Er hat sich nicht sonderlich geschickt angestellt, um es milde auszudrücken.“

„Sie sagt, ich gleiche eher einem plumpen, alten Kater als einem schleichenden Raubtier.“, rief Keith grinsend aus, schüttelte sachte den Kopf.

„Was der Wahrheit entspricht. Und wenn du weiterhin so viel Marzipan in dich reinstopfst, bist du bald ein plumper, alter Kater, der obendrein zu dick ist.“

Flirteten die beiden miteinander? Es schien beinah so und es störte ihn gewaltig.

Miles schluckte hart, während er auf Temperance hinabsah, die einen seiner Gürtel aus der Kommode genommen hatte und diesen nun unter dem Mantel um seine Taille schlang. Sachte strich sie das weiße Hemd zurecht, welches er zu beigen Beinkleidern trug. Er mochte ihre Berührungen und spürte wie ihm seltsam warm wurde… aber er trug ja auch seinen Mantel.

Nach einem kurzen Zögern zog sie etwas aus ihrem rechten Stiefelschaft und steckte es ihm in den Gürtel. Miles sah verwirrt hinab und erblickte den schmalen Dolch.

„Mein Vater hat ihn mir geschenkt, deshalb bitte ich dich, darauf Acht zu geben.“, murmelte sie, ehe sie ihm sorgfältig den dunklen Wollmantel zuknöpfte, welcher sich eng an seinen Körper schmiegte. Ihr Vertrauen ehrte ihn, er fühlte sich geschmeichelt und würde sie nicht enttäuschen.

Vor ihm kniend, streifte sie ihm seine schwarz glänzenden Stiefel über die Füße, die seit der letzten Politur nicht mehr dreckig geworden waren, da er sie nicht mehr gebraucht hatte.

„Gut siehst du aus.“, stellte sie leise fest, als sie sich wieder erhob.

Wie vom Donner gerührt erwiderte Miles den Blick ihrer herrlich blauen Augen. Was hatte sie da gerade gesagt? Wie meinte sie das?

„Können wir jetzt endlich verschwinden?“, drängte Keith und Miles würde ihn am Liebsten erwürgen. Für seine bloße Anwesenheit, die ihm auf die Nerven fiel.

Verschwinden

Die Panik, von welcher ihn Temperance so überaus erfolgreich abgelenkt hatte, kehrte zurück. Zur Hölle, er wollte nicht da rausgehen!

„Ich kann nicht.“, flüsterte er kaum hörbar, schwieg dann für einen Moment, ehe er den Mund erneut öffnete und zu weiteren Widersprüchen ansetzte.

Unvermittelt legte sie jedoch ihre kleine, zarte Hand in die seine und er hielt inne.

„Miles, bitte. Lass’ uns jetzt gehen.“ Ihre Stimme klang zärtlich und flehend. Der hoffnungsvolle Blick, mit welchem sie zu ihm aufsah, machte es ihm unmöglich sich weiter zu widersetzen.

Mit einem knappen Nicken gab er ihr zu verstehen, dass er ihrer Bitte nachkommen würde. Ohne eine weitere Sekunde zu vergeuden, zog sie ihn beinah aus seinen Gemächern. Keith, der bereits ungeduldig wartend im Türrahmen gestanden hatte, ging ihnen voraus.

 

 Schweißgebadet lag er in seinem Bett und starrte, heftig atmend, in die Finsternis der Nacht, die ihn umgab. Seine Lider waren schwer, die Müdigkeit drohte ihn zu überwältigen, doch er wehrte sich mit aller Macht dagegen. Seine eiskalten Finger umklammerten den einfach gearbeiteten Griff des Dolches, mit welchem er sich gegen den Nachtschatten verteidigen wollte.

Wann würde er wohl kommen?

Gleichgültig ob er diese Schlacht für sich entscheiden können würde, er wollte es endlich hinter sich bringen, selbst wenn das seinen Tod bedeuteten sollte. Dieser war immer noch besser, als durchwachte Nächte voller Angst und Panik.

Wäre Jack noch am Leben, er würde seinem kleinen Bruder kräftig den Hintern für dieses unmännliche Verhalten versohlen.

Das war er jedoch nicht mehr.

Ob der Viscount seine Nächte nun in ebensolcher Furcht verbringen musste, nach allem was sie ihm angetan hatten?

Robert wischte sich die warmen Tränen aus dem Gesicht, lauschte in die Dunkelheit und sehnte sich nach einem Ende, welches nicht kommen wollte.

Ob Marsden seinen Plan zu Ende führen und Wentworth umbringen würde? Dessen wilde Entschlossenheit ließ vermuten, dass er dazu bereit war.

Verdammt, es war seine Pflicht, den Lord zu warnen, ehe es zu spät war. Das würde nichts von alledem was passiert war ungeschehen machen und doch wollte Robert Brailey nicht Wentworths Leben auf dem Gewissen haben. Gleich bei Tagesanbruch würde er…

Ein dumpfes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken und er lauschte mit geschlossenen Augen in die Dunkelheit.

Jemand hatte die Hütte betreten.

Der Nachtschatten war endlich gekommen, um sein Leben zu holen.

Sein Körper bebte und er musste ein Schluchzen unterdrücken, als er leichtfüßige Schritte hörte, welche langsam, doch stetig näher kamen.

Die Türe zu seiner Schlafkammer ging auf.

Immer noch hielt er seine Lider fest geschlossen, denn er wagte es nicht, dem Nachtschatten ins Gesicht zu sehen. Seinem Tod in die Augen zu blicken.

Dieser stand nun direkt vor seinem Bett, beugte sich über ihn.

Sein Herz klopfte hart und laut, in den Ohren hörte er sein eigenes Blut rauschen. Diese unbändige Angst war unerträglich, ließ ihn zu keinem klaren Gedanken mehr kommen. Robert musste die Gelegenheit wahrnehmen und endlich zustechen, nur so würde er sein Leben retten können. Ob es wertvoll war oder nicht, er hing daran.

Mit einem kräftigen Stoß rammte er seinem Henker den Dolch ins Fleisch, ohne zu sehen, wohin er stach. Er traf etwas und fühlte einen Moment später warmes Blut über seine zitternden Hände laufen, eher er benommen die Waffe losließ.

„Robert?“

Das entsetzte Keuchen seines Namens drang dumpf zu ihm vor, er glaubte die helle Stimme eines Mädchens zu vernehmen.

Jemand sank langsam neben ihm zusammen.

Wimmernd öffnete er schließlich die Augen und blickte entsetzt in jene weit aufgerissenen des Mädchens.

„Katy?“

Schlagartig kehrte er in die Realität zurück und begriff, was er in seiner Panik getan, welchen schrecklichen Fehler er begangen hatte.

Schluchzend sprang er auf und berührte sachte das Messer, dessen lange Klinge in ihrem Bauch steckte, während er sie in seine Arme zog.

„Oh Gott, bitte verzeih’ mir.“, stieß er hervor. „Das wollte ich nicht.“

Sie wollte ihm antworten, doch ihrer Kehle entrangen sich lediglich ein seltsamer Laut und ein Schwall helles Blut.

„Bitte lass’ mich hier nicht allein.“, flüsterte er weinend und berührte ihre blassen Lippen mit den seinen, doch sie erwiderte diesen letzten Kuss nicht.

Kühle Luft umgab sie, während sie nebeneinander die hell beleuchtete Hauptstraße entlang wanderten.

Nur widerwillig hatte Temperance, ehe sie das große Stadthaus verlassen hatten, Miles’ Hand wieder freigegeben.

Doch es wäre nicht angebracht gewesen. Es war nicht gut für den Viscount, sollte man ihn mit ihr sehen – sie war Abschaum.

Aus den Augenwinkeln betrachtete sie den Mann an ihrer Seite, der trotz der grauenvollen Erlebnisse seine vorbildliche Haltung nicht verloren hatte. Den Rücken durchgedrückt, die breiten Schultern gestrafft, gab Miles Wentworth einen sehr beeindruckenden Anblick ab. Seine beachtliche Größe tat ihr übriges.

„Wohin gehen wir?“, fragte er schließlich nach.

Seine Stimme klang etwas zittrig, er schien mit seiner Angst zu kämpfen. Den Blick hatte er stur in die Ferne gerichtet.

Bestimmt war er ebenso froh, wie sie selbst, dass zu dieser späten Stunde nur sehr wenige Menschen auf den Straßen unterwegs waren.

„Wohin du möchtest. Das Wichtigste war, dich nach draußen zu bekommen.“, erwiderte sie und prüfte zugleich argwöhnisch die entgegenkommenden Männer, von welchen jedoch keine Gefahr ausging. In eine leise Unterhaltung vertieft, gingen sie gemächlichen Schrittes vorbei. Sie vernahm Miles’ erleichtertes Aufatmen.

„Wir könnten ins Carmen’s gehen.“, schlug Keith unbekümmert vor.

„Bist du verrückt? Sicher nicht.“, gab Temperance scharf zurück.

Hatte dieser Kerl vollends den Verstand verloren?

Das war wohl kaum der richtige Ort für einen Vizegrafen.

Zudem war es absolut unnötig, dass Miles erfuhr, in welchen Kreisen sie verkehrte. Er war sich gewiss ihres niedrigen Standes bewusst.

Was für eine Untertreibung, war sie überhaupt von irgendeinem Stand?

„Was ist das?“, wollte dieser nun wissen.

„Das Lokal, über dem ich wohne.“, antwortete sie ihm, kaum hörbar.

Erneut kreuzte jemand ihren Weg und unbewusst zog sie sich den Hut tiefer ins Gesicht, damit man sie nicht erkennen konnte.

Sein Ruf durfte keinesfalls darunter leiden, dass er für kurze Zeit auf ihre Hilfe angewiesen war.

„Gut, dann gehen wir eben raus zur alten Weide. Da können wir uns wenigstens hinsetzen.“, lenkte Keith ein.

Niemand gab ihm eine Antwort, doch man widersprach ihm auch nicht, so begnügte er sich mit stummem Einverständnis.

 Endlich hatten sie den Platz erreicht, der etwas außerhalb der Stadt lag und welchen Keith besuchen wollte. Miles ließ sich auf die hölzerne Sitzbank fallen, brauchte eine Verschnaufpause.

Nicht etwa, weil ihn dieser kleine Spaziergang in irgendeiner Weise körperlich angestrengt hätte, sondern weil er unendlich viel Mühe aufbringen musste, seine Panik zu bewältigen. Zugegeben, es wurde mit jeder Minute ein klein wenig leichter, doch das machte ihm lediglich das gewaltige Ausmaß seiner Ängste bewusst, mit welchen er seit dem Überfall zu kämpfen hatte.

Temperance saß zu seiner Linken und er warf ihr einen verstohlenen Blick zu. Ihre Nähe war unglaublich beruhigend und gab ihm die Kraft, die er so dringend brauchte. Ohne sie hätte er es niemals bis hierher geschafft, wahrscheinlich wäre er noch nicht mal vor die Haustüre getreten. Wenn man es genau nahm, wäre er ohne sie vermutlich nicht einmal mehr am Leben.

„Fühlst du dich wohl?“, erkundigte sie sich mit leiser Stimme und er brachte ein schwaches Nicken zustande. Tatsächlich fühlte er sich soweit ganz gut, als er nun in ihre eisblauen Augen blickte…

„Wohl genug, um mir die Hand zu geben?“, forderte Keith zu wissen.

…und schlagartig fühlte er sich wieder so schlecht, als würde er vor einem tiefen Abgrund stehen, den man ihn hinunter stoßen wollte. Schwach schüttelte er den Kopf, hoffte, dass Keith die Sache damit ruhen lassen würde und wusste doch nur allzu gut, dass sein Vetter zu beharrlich war, um nach der ersten Verneinung aufzugeben.

Zu seiner Verwunderung schwieg er jedoch.

Temperance hingegen erhob sich, um sich eine Sekunde später zwischen die beiden Männer zu setzen. „Wir könnten es zumindest versuchen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten griff sie behutsam nach seiner Hand und er schenkte ihr sein Vertrauen, indem er es sich gefallen ließ.

Ihre Handflächen berührten sich und sie kreuzte ihre schlanken Finger mit den seinen. Die Rechte legte sie schützend über seinen Handrücken und Keith legte die seine auf die ihre. Miles starrte auf ihr schmales, zierliches Handgelenk, um welches ein dunkelbraunes Lederband gewickelt war.

Einige Augenblicke verharrten sie in dieser Position, ehe Temperance ihre Rechte aus dieser Umklammerung löste, die Linke immer noch in der seinen. Miles zuckte kaum merklich zusammen, als er die Finger seines Vetters fühlte.

Es war nicht so schlimm, wie er es sich vorgestellt hatte, doch das könnte daran liegen, dass er in diesem Moment beinah alles tun würde, lediglich um die unbeschreibliche Zartheit der Haut des Mädchens noch länger zu spüren.

Keith zog sich schließlich lächelnd zurück und zu Miles’ großem Bedauern gab auch Temperance ihn frei, ehe sie sich entspannt zurücklehnte.

„Das hat doch gut funktioniert. Darauf esse ich ein Marzipan.“, stellte Keith zufrieden fest und ließ seinen Worten Taten folgen.

Miles räusperte sich und brachte keinen Laut hervor, musste sich schließlich dazu zwingen, endlich den Blick von ihr zu nehmen.

Warum schaffte sie es immer wieder ihn so durcheinander zu bringen?

Das war sehr, wirklich sehr untypisch für ihn, dass er sich von einem Mädchen aus der Fassung bringen ließ.

Vor ihnen lag Farefyr, eingetaucht in das schwache Licht der Straßenlaternen, die sich bemühten die Nacht in den Tag zu verwandeln. Die vielen Straßen und schmalen Gassen waren fast menschenleer, da jene Leute die noch wach waren, sich vermutlich in den Gasthäusern die Zeit vertrieben.

Der Mond stand über dem Meer, welches in weiter Ferne zu sehen war, und es wirkte beinahe, als würde er jeden Augenblick ins Wasser fallen.

Was natürlich niemals passieren würde.

achtung: adventsblogtour – die gossen von farefyr

Meine lieben Leser,

heute ist es endlich so weit. Vor einigen Wochen habe ich Euch ja angekündigt, dass ich an der Blogtour des Romans Die Gossen von Farefyr von Temper R. Haring und Tharah Meester teilnehmen darf. Ein riesen Dank nochmals an die beiden supernetten Autoren.

Blogtour Gossen

Nach spannenden Interviews, einer tollen Reise durch Farefyr und vielen anderen neugierig machenden Infos zu den Autoren und ihrem Buch, findet die Blogtour bei mir ein Ende. Aber was kann ich Euch bieten? Jaaaaa…. dank des lieben Richard eine gaaaanz exklusive Leseprobe!

Auf Amazon konntet ihr ja schon erste Eindrücke zum Buch sammeln – nämlich hier:
http://www.amazon.de/Die-Gossen-Farefyr-Temper-Haring-ebook/dp/B00EW93CBE/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1387705839&sr=8-1&keywords=die+gossen+von+farefyr

Für Euch jedoch eine ganz besondere Probe, nämlich die folgenden Seiten. Über 50 weitere bekam ich gesendet und werde Euch somit hier einen gaaaaanz exklusiven Einblick geben können.

Leseprobe

Klickt hier und ihr seid dabei:
https://zimttraeumereien.wordpress.com/2013/12/22/achtung-exklusive-leseprobe-die-gossen-von-farefyr-von-temper-r-haring-und-tharah-meester/
Dachte, das es etwas den Rahmen sprengt, wenn ich alles in diesen Beitrag presse 😉

Gewinnspiel

Dazu kommt natürlich noch ein kleines Gewinnspiel, bei dem ihr eine e-book Version des kompletten Romans gewinnen könnt. Was ihr dafür tun müsst? Weihnachten steht direkt vor der Tür und keiner hat Zeit, drum keine großen Rätsel oder Aufgaben, sondern nur eine Bitte: Jeder erlebt Weihnachten auf seine besondere Weise.

Schreibt mir doch kurz in den Kommentaren, wie ihr Weihnachten feiert, was Weihnachten für Euch so besonders macht oder was ein besonderer Moment in dieser Vorweihnachtszeit für Euch war. Wer lieber eine Mail senden möchte, kann dies natürlich auch an: mademoiselle_julie@gmx.de

Jeder Kommentar landet im Lostopf! Das Gewinnspiel läuft bis Heilig Abend 18.00 Uhr, dann werde ich auslosen und gegen 24.00 Uhr den Gewinner/die Gewinnerin bekannt geben. Für alle anderen, die kein Glück hatten, werde ich noch einen weiteren Teil der Leseprobe hier auf dem Blog veröffentlichen!

In diesem Sinne freue ich mich auf Eure Teilnahme und wünsche Euch einen besinnlichen 4. Advent 😀

achtung: exklusive leseprobe – die gossen von farefyr von temper r. haring und tharah meester

Ihr Lieben,

an dieser Stelle ein exklusiver Einblick in die Geschichte für Euch! Nämlich der Rest des 1. Kapitels!

Die Leseprobe schließt nahtlos an die von Amazon an (http://www.amazon.de/Die-Gossen-Farefyr-Temper-Haring-ebook/dp/B00EW93CBE/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1387705839&sr=8-1&keywords=die+gossen+von+farefyr) und bereitet Euch hoffentlich viel Freude und macht noch neugieriger auf dieses tolle Buch 😀

Ach ja, zwischen vielen Absätzen befinden sich sehr tolle kleine und größere Zeichnungen. Auf diese habe ich hier einmal verzichtet 😀

Blogtour Gossen

Keiths aggressive Schäkerei war etwas völlig Neues für sie und sie wusste nicht so recht, wie sie damit umgehen sollte.

„Sag’ ich doch.“, gab dieser nun triumphierend zurück und seufzte dann auf. „Mit meinen 32 Jahren kann ich da nicht mehr mithalten.“

„Wie alt ist Miles?“, wollte Temperance beiläufig wissen und nahm einen Schluck Wasser, um ihr trockene Kehle zu befeuchten.

„Der ist auch nicht viel jünger als ich. 29 ist er letzten Winter geworden.“, antwortete Keith schmunzelnd. Das Mädchen nickte schweigend und klopfte in stetigen Rhythmus mit den Fingerspitzen ihrer Rechten auf die Tischplatte, während Caruthers sich mit einem Deuten in Gavins Richtung noch ein Bier bestellte.

Eine ganze Weile saßen sie stumm nebeneinander und beobachteten die willigen Damen, welche nun je einen Mann mit nach oben nahmen.

Die anderen Freier schickten sich alsbald an, ihr Stammlokal zu verlassen. Die Musik war inzwischen verstummt und die Unterhaltungen waren leiser geworden. Einige der Männer verließen lachend Carmen’s Cunt und durch die geöffnete Türe konnte Temperance sehen, dass der neblige Morgen bereits graute und es offenbar irgendwann angefangen hatte zu regnen.

„Ich muss noch etwas erledigen. Falls du zu betrunken sein solltest, um nach Hause zu gehen, kannst du dich gerne in meiner Kammer ein wenig ausruhen. Die Stiegen hinauf und die erste Türe rechts.“, meinte Temperance schließlich, leerte ihr Wasserglas in einem Zug und machte sich ohne Mantel und Waffengürtel auf den Weg zum Pfandleiher.

 

 Neugierig, ob Caruthers geblieben war, öffnete sie die Türe zu ihrem Zimmer und erblickte den Mann tatsächlich auf ihrem Bett liegend. Er war eigentlich zu groß für das kleine Möbelstück, weshalb das ein seltsamer Anblick war.

Den Hut über das Gesicht gelegt, die Beine weit gespreizt, lag er auf dem Rücken und die langsamen, gleichmäßigen Atemzüge, in welchen sich sein Brustkorb hob und senkte, ließ darauf schließen, dass er eingeschlafen war.

Leise schloss sie die Türe hinter sich, legte ein kleines Säckchen auf die Kommode an der Wand und streifte sich die Stiefel von den Füßen.

Eilig schlüpfte sie in trockene Kleidung und setzte sich dann mit dem mitgebrachten Beutel behutsam zwischen die langen Beine des schlafenden Mannes.

Durch den Bretterverschlag drangen einige Sonnenstrahlen und warfen ein seltsames Licht auf das Bett, welches in der Mitte des Raumes stand.

Temperance lehnte sich entspannt am Fußende zurück, zog den Siegelring aus dem schwarzen Stoffbeutel und betrachtete ihn eingehend.

Andächtig drehte sie das Schmuckstück zwischen den Fingern.

Mit dem Pfandleiher, ein unerwartet angenehmer Mensch, hatte sie vereinbart das teure Stück in einigen Raten abzubezahlen.

Ein leises Seufzen entfuhr ihr, während sie den Ring in seinem Säckchen und dann in der Tasche ihrer schwarzen Hosen verstaute.

Vorsichtig streckte sie die Beine aus, legte sie über Keiths rechten Oberschenkel und zog sich die Krempe ihres Hutes tiefer ins Gesicht, um ein wenig zu schlafen, nicht jedoch, ohne zuvor noch einen langen Blick auf die Zeichnungen geworfen zu haben, welche über ihrem Bett an der Wang hingen.

Die seltsame Vertrautheit, welche sie plötzlich in Caruthers Nähe verspürte, überraschte sie, war ihr dieser ungehobelte Kerl doch bis vor kurzem noch sehr auf die Nerven gefallen. In den vergangenen Stunden hatte er sich jedoch mehr als symphatisch gezeigt und sie hatte das Gefühl, dass sie sich recht ähnlich waren.

Erschöpft gab sie sich schließlich ihrer Müdigkeit hin und als sie wenig später wieder aufwachte, blickte sie in zwei grüne Augen, welche sie aufmerksam betrachteten, während sie hinter vorgehaltener Hand gähnte. Lässig saß er mit dem Rücken an die Wand gelehnt vor ihr, kaute an einem Stück Marzipan herum und bedachte sie mit einem Lächeln, welches sie sachte erwiderte, ehe er ihr eine Süßigkeit reichte.

„Ich war gar nicht so betrunken, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, dein Zimmer zu sehen.“, grinste er schließlich.

„Und?“, hakte Temperance nach und nahm sich eine weitere Nascherei.

„Ich war überrascht.“, gab er zu und sah sich erneut in der spärlich möblierten Kammer um, welche lediglich dem Zweck des Schlafens diente.

„Was hast du erwartet? Ein Schminktischchen?“

Fragend hob sie eine Augenbraue, wartete amüsiert auf seine Antwort.

„Nein, ich bin ja nicht blöd.“, lachte er.

„Nicht?“, fragte Temperance mit erstaunter Miene und geweiteten Augen.

„Du bist ganz schön frech.“, stellte er grinsend fest und sie schmunzelte belustigt, denn das wurde ihr öfters gesagt.

Zur Strafe für ihren vorlauten Kommentar, warf er ihr ein Stück Marzipan an den Kopf, welches sie jedoch geschickt auffing und sich genüsslich in den Mund schob.

„Ich war nur verwundert, denn wenn man von den Brettern vor dem Fenster absieht, könnte das ebenso gut eines der Zimmer sein, in denen ich gewohnt habe.“

„Oh nein, wenn du dich hier so heimisch fühlst, werde ich dich wohl gar nicht mehr los.“, rief Temperance in gespieltem Entsetzen aus.

„Loswerden kannst du mich ohnehin nicht mehr.“, gab er zurück, erhob sich jedoch im selben Moment. „Eine Weile wirst du aber ohne mich auskommen müssen. Ich werde nämlich mal nachsehen, was unser Lord Wentworth zuhause so treibt.“

Temperance wurde schlagartig ernst und nickte zustimmend.

„Wir sehen uns heute Nacht.“, verabschiedete sie sich von dem Mann, welcher im Türrahmen noch einmal innehielt, um die Lippen zu einem Kuss zu schürzen und ihr zuzuzwinkern.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Mit jedem dieser Worte, welche er im Stillen wütend hinausbrüllte, versetzte er seinem Bett einen kräftigen Tritt. Den stechenden Schmerz in seinem Schienbein ignorierte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Unwirsch riss er das nasse Bettzeug zu Boden, welches er bereits den dritten Morgen hintereinander wechseln musste.

Es war zwar bereits nach Mittag, aber wen interessierte das?

Erst in den frühen Morgenstunden war er eingeschlafen und eine höhere Macht bestrafte ihn zum wiederholten Male für seinen wenigen, unruhigen Schlaf.

Er sammelte die Laken ein und trug sie ins Badezimmer hinüber, wo er sie in die Wanne warf, in welcher er kurz zuvor noch gesessen hatte.

Sie gesellten sich zu den feuchten Kleidungsstücken, die er nach seinem Bad gegen trockene getauscht hatte, und einem Stück Seife.

Er leerte einen Kübel kaltes Wasser hinzu und beschloss, sich erst einmal zu beruhigen, anstatt die Sachen gleich sauberzuwaschen.

Aufseufzend ließ er sich in einen der Stühle vor dem Kamin sinken und starrte in die Asche des verloschenen Feuers. Mit der Rechten raufte er sich das Haar und vergrub seine Finger so fest in den dunkelblonden Strähnen, dass es wehtat.

Als könne dieser nichtige Schmerz ihn die Demütigung vergessen lassen oder den Ekel lindern, welchen er vor sich selbst empfand.

Das konnte er jedoch nicht…

In diese düstere Stimmung platzte Keith unbekümmert und uneingeladen hinein. Feingefühl erwartete niemand von ihm, obwohl er gelegentlich welches zeigte.

Gelegentlich… Zu Miles’ Bedauern nicht in dieser Situation.

„Du bist wach. Wie geht es dir?“, forderte sein gutgelaunter Vetter lächelnd zu wissen, nachdem er sich gesetzt hatte.

Anstatt zu antworten, zuckte Miles lediglich mit den Schultern.

Was sollte er auch sagen? Sagten sein Gesichtsausdruck und sein derangiertes Aussehen nicht schon genug?

„Wo warst du bis jetzt?“, fragte er leise nach, obwohl es ihm in diesem Moment gleichgültig war, doch Keith wollte offenbar eine Unterhaltung führen und Miles wollte sich zumindest etwas Mühe geben.

„Ich wollte etwas trinken gehen und dabei bin ich zufällig deinem Nachtschatten begegnet. Wir haben uns ein wenig unterhalten.“

Miles Herz schien einen Schlag auszusetzen, ehe er Keiths dümmliches Lächeln musterte, als könne er in diesem lesen, was letzte Nacht geschehen war.

„Bis jetzt?“, brachte er tonlos hervor und würgte mühsam die Übelkeit hinunter, welche ihn plötzlich aufsuchte.

Keith schüttelte in einer fahrigen Bewegung den Kopf und antwortete: „Ich war etwas angetrunken und sie bot mir freundlicherweise an, bei ihr zu übernachten. Solch ein Angebot schlägt man nicht aus.“

„Du nicht, nein.“, biss Miles zurück und runzelte missbilligend die Stirn, während sich seine Augen verengten. „Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest.“

Ruckartig erhob er sich und wartete darauf, dass auch Keith es tun würde, um ihn dann alleine zu lassen. Sein Vetter tat ihm den Gefallen, warf ihm jedoch noch einen verdutzten, zugleich prüfenden Blick zu, ehe er verschwand.

Miles versuchte aufzuatmen, doch es wollte nicht gelingen, stattdessen spürte er ein seltsames Stechen in der Brust, welches wohl Anlass zur Beunruhigung bot.

Rastlos wanderte er auf und ab, versuchte dabei seine wirren Gedanken zu ordnen und musste feststellen, auch dabei keinen Erfolg zu haben.

Schließlich stand er erneut vor seiner Badewanne und wünschte sich inständig, er hätte den verdammten Kübel Wasser dort gelassen wo er gewesen war, dann könnte er nun diese Beweise seiner Erniedrigung verbrennen. Die Erkenntnis, dass es niemals wie vor jener Nacht sein würde, traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht und mit dem Rücken an die kühle Mauer gelehnt, glitt er zu Boden. Vielleicht hatte irgendetwas in ihm – etwas sehr naives – gehofft, er könnte irgendwann vergessen, was vorgefallen war.

Diese lächerliche Hoffnung wollte er aufgeben, um sich nicht länger damit zu quälen und stattdessen einzusehen, dass alles sinnlos geworden war. Sein Leben diente lediglich dem Zweck, Rache zu nehmen, die jedoch niemals zurückbringen würde, was verloren gegangen war.

Mit der Schulter drückte sie die niemals verschlossene Türe der kleinen Hütte, etwas außerhalb des Stadtrandes, auf, da sie beide Hände voll hatte.

In der Linken hatte sie eine Leinentasche getragen, welche sie nun auf dem schmalen Holztisch abstellte, in der Rechten das aufgeschlagene Buch, in dem sie während ihres kleinen Spazierganges gelesen hatte.

Nur widerwillig klappte sie den grünen Ledereinband zu und legte das Werk beiseite, ehe sie die Fenster öffnete, um den Duft des nahenden Frühlings einzulassen.

Obwohl sie gerade erst zu Mittag gegessen hatte, machte sie sich eifrig daran, Gemüse zu schneiden und einen Topf Wasser aufzusetzen, in welchen sie die klein gehackten Stückchen warf.

Umso früher sie damit fertig war, umso eher konnte sie sich wieder dem Lesen in Maxwell Hales neuestem Roman widmen.

Und umso früher konnten sie endlich darüber diskutieren.

Einige Gewürze fanden ihren Weg in die Brühe und Temperance nahm einen Löffel davon, um zu prüfen, ob es in Ordnung war. Diese Suppe war das einzige Gericht, welches sie imstande war zuzubereiten und sie war stets recht zufrieden damit.

Ja, es schmeckte auch dieses Mal gut.

Mit dem hölzernen Kochlöffel rührte sie in der leicht köchelnden Mischung, ehe sie den Topf mit dem passenden Deckel verschloss.

Das würde noch eine Weile brauchen. Eine lange Weile, welche sie nutzen konnte.

Mit einem wohligen Seufzen ließ sie sich – nachdem sie die Fenster geschlossen hatte, um den aufkommenden Wind draußen zu halten – auf das schmale, ordentlich gemachte Bett fallen und schlug ungeduldig das Buch auf jener Seite auf, an welcher sie stehen geblieben war, um begierig jedes weitere Wort dieses großartigen Schriftstellers zu lesen.

Der Duft von Kamillensalbe stieg ihr in die Nase und sie lächelte unwillkürlich, ehe sie sich in die Geschichte in ihren Händen vertiefte, um erst wieder daraus aufzutauchen, als sie die letzten Buchstaben der letzten Seite verschlungen hatte.

„Mein Gott, war das gut.“, brachte sie atemlos hervor, ehe sie bemerkte, dass bereits die Abenddämmerung hereingebrochen war.

Eilig erhob sie sich, um den Topf vom Feuer zu nehmen und erneut die Suppe abzuschmecken. Nickend kaute sie auf einem Stück Karotte herum und nahm sich einen weiteren Bissen, ehe sie dann hastig nach einem Stück Papier griff. Schmunzelnd legte sie die Nachricht auf das Kopfkissen und verschwand dann, um ihrer Arbeit nachzugehen.

Ein wahres Meisterwerk! Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht, sondern gar übertroffen. Beeil’ dich damit! Wir müssen über Seite 199 sprechen!

 

 Die Nacht, die gerade erst begonnen hatte, war kalt und stürmisch, deshalb schloss sie leise das Fenster hinter sich.

Miles saß wie gewohnt wartend auf seinem Bett, die Stühle vor dem flackernden Kaminfeuer waren leer und Temperance war seltsam erleichtert darüber. Schon lange hatte sie den Viscount nicht mehr für sich alleine gehabt, da Keith ständig zugegen war und sich dabei meist hartnäckig in den Mittelpunkt drängte.

Nachdem sie die Stiefel abgestreift und Mantel, sowie Gürtel, abgelegt hatte, setzte sie sich auf das große Himmelbett und zog mit zitternden Fingern etwas aus der Tasche ihrer Beinkleider hervor. Sein Blick ruhte auf ihr, sie konnte ihn spüren.

„Ich bringe dir heute ein etwas anderes Geschenk mit.“, meinte sie leise und überreichte ihm den kleinen Beutel.

Er schien verwundert, als er danach griff. Seine Miene erhellte sich plötzlich, während er seinen Siegelring hervorholte und sich diesen über den Ringfinger seiner Linken streifte.

Wie sie gehofft hatte, verzogen sich seine Mundwinkel wahrhaftig zu einem kleinen Lächeln, welches sogar seine smaragdfarbenen Augen zu erreichen schien.

„Woher hast du ihn?“, fragte er heiser.

„Ich habe ihn Varlyle abgenommen und wollte ihn noch sauber machen, ehe ich ihn dir gebe.“, log sie und betrachtete dabei ihre Hände, die sie im Schoss gefaltet hatte.

„Vielen Dank.“

Mehr als ein schwaches Nicken brachte sie nicht zustande, ehe sie ansetzte, ihm die schlechten Neuigkeiten zu überbringen, welche sie vom Pfandleiher erfahren hatte.

Angeblich hatte nämlich einer der hirnlosen, doch äußerst loyalen Schergen des verrückten Barons ihm den Ring verkauft.

„Ich befürchte, Granvell ist in diese Sache verwickelt. Es wird schwierig werden, ihn aus seiner gut bewachten Festung zu locken.“

„Der Baron?“, hakte Miles ungläubig nach und sie spürte, dass er sich etwas mehr aufrichtete, ebenso seinen stechenden Blick, den sie nicht wagte zu erwidern.

„Er könnte jener Mann sein, der sich unter seiner Kapuze versteckt gehalten hatte.“, mutmaßte Temperance laut, wartete auf seine Antwort, doch er schwieg.

Unwillkürlich starrte sie auf seine Hand, an deren Finger sich der Ring schmiegte.

„Es ist unmöglich, den Baron…“, begann Miles resignierend, doch sie unterbrach ihn, etwas schärfer als beabsichtigt: „Ich sagte, es wäre schwierig, aber keineswegs unmöglich! Überlass’ das mir. Ich mach’ das schon.“

Erneut hüllte er sich in Schweigen. Hatte sie ihn vermutlich beleidigt?

Das hatte sie nicht gewollt, doch seine Zweifel an ihr waren nicht angebracht. Sie würde ihm auch Granvells Leben schenken, selbst wenn dieses nicht leicht zu bekommen sein würde. Koste es was es wolle, der Baron würde für seine Taten büssen und in der Hölle schmoren, zusammen mit seinen wertlosen Freunden.

„Ich hörte, du warst letzte Nacht mit Keith zusammen.“

Seine Stimme war so leise geworden, dass man sie hätte überhören können.

Temperance hatte die Worte jedoch vernommen und betete nun zu Gott, Caruthers hätte nicht alle peinlichen Einzelheiten ihrer Begegnung preisgegeben.

„Wir trafen uns zufällig in dem Lokal, über dem ich wohne.“, erwiderte sie. „Wir haben eine Weile geredet und da es im Morgengrauen geregnet hat, hatte ich ihm angeboten, in meiner Kammer zu übernachten.“

Ein leises Räuspern, ehe er nachhakte: „Hast du dich gut unterhalten?“

„Es war recht nett, doch die Gespräche mit dir finde ich angenehmer.“, antwortete sie ihm ehrlich.

 Die ganze Zeit über hatte er unaufhörlich den Ring an seinem Finger gedreht, doch nun hielt er augenblicklich inne.

Angenehm? Miles hatte nicht gedacht, dass er in seinem derzeitigen Zustand eine angenehme Gesellschaft abgeben würde. Vermutlich hatte sie einfach zu wenige Vergleichsmöglichkeiten, um das richtig beurteilen zu können.

Dennoch zog sie die Gespräche mit ihm offenbar jenen vor, welche sie bisher mit Keith geführt hatte und das beruhigte ihn auf seltsame Art und Weise.

An diesem Abend hatte er seinen Vetter recht forsch seines Gemaches verwiesen, denn er wollte mit ihr allein sein. Keith hatte das selbstverständlich nicht gepasst, doch Miles hatte sich nicht beirren lassen. Der Drang, das Mädchen für sich zu haben, war in jenem Moment sehr viel stärker gewesen als irgendetwas anderes.

Der Sturm hatte sich verzogen, die Wolken klärten auf und gaben die Sicht auf den hellen Vollmond frei, welcher nun ungewohnt kräftig durch das Fenster schien.

Als wolle er Miles sein Licht schenken, damit dieser seinen Nachtschatten besser anstarren konnte. Immerhin war der Mond auch nur ein Mann. Nun, dann war es vielleicht Egoismus und er wollte das Mädchen selbst etwas eingehender betrachten.

Ein lächerlicher Gedanke, der sich ihm da aufdrängte…

Sachte schüttelte er den Kopf und musste unwillkürlich lächeln.

Wie auch immer es sein mochte, war Miles dem Mond ausgesprochen dankbar für dessen kraftvolles, silbriges Leuchten.

Zum ersten Mal sah er Temperance in solch hellem Licht und wurde sich dadurch ihrer hinreißenden Schönheit noch bewusster. Diese glänzenden, dunklen Wellen, die ihr bezauberndes Gesicht umrahmten, welches so umwerfend schön war. Sogar ihre schmalen Augenbrauen waren wundervoll und perfekt geschwungen.

Es entging ihm nicht, wie ihre schlanken Finger sachte über die frischen Laken glitten. Sie wirkte in Gedanken versunken, als würde sie nach Worten suchen.

Sein Magen krampfte sich unangenehm zusammen, denn er hatte bereits befürchtet, dass es ihr auffallen würde und er schien Recht zu behalten.

Ihr messerscharfer Verstand war etwas, was ihm nicht verborgen geblieben war und wofür er sie bewunderte. Gegen seine Vernunft hatte er dennoch gehofft, diese eine Sache würde ihr entgehen.

„Ich hatte das Problem auch mal.“, flüsterte sie plötzlich in die Stille. Ihre helle Stimme klang mitfühlend und wenn er eines nicht wollte, dann war es ihr Mitleid.

Nicht noch mehr, als sie ihm ohnehin schon entgegenbrachte…

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“, erwiderte Miles schnell und peinlich berührt.

Zu schnell, wurde ihm eine Sekunde darauf bewusst. Um sie hinters Licht zu führen, hätte er sich etwas geschickter anstellen müssen, das war ihm klar.

„Mein Vater hatte eine sehr wirksame Methode, es zu verscheuchen.“, erzählte sie mit leiser Stimme und begegnete dabei seinem Blick. „Ich könnte sie dir zeigen, denn auch wenn du sie nicht benötigst, ist sie sehr entspannend. Lässt du mich?“

Eine Methode es loszuwerden wäre ihm äußerst willkommen, doch er war fest entschlossen, weiterhin zu leugnen.

„Ich habe kein Problem.“, betonte er noch einmal und sie nickte ernst. Er zweifelte daran, dass sie ihm glaubte, doch sie ließ sich nichts anmerken.

„Ich weiß, aber etwas Entspannung schadet dir nicht.“, gab sie zurück und Miles gestand sich ein, dass sie auch damit Recht hatte.

„Wenn du es möchtest.“, brachte er nach einem langen Zögern hervor und fragte sich einen Moment später, worauf er sich da wohl eingelassen hatte.

Sanft befahl sie ihm, sich auf den Rücken zu legen und er tat wie ihm geheißen.

Neugierig und mit einem Anflug von Nervosität beobachtete er sie dabei, wie sie das Polster beiseite schob und sich an dessen Stelle kniete.

Ihre blauen Augen blickten erwartungsvoll in die seinen und sie deutete ihm an, den Kopf in ihren Schoss zu legen. Unsicher befolgte er auch diese Anweisung.

„Schließ die Augen.“, wisperte sie und erneut zögerte er, denn er wollte viel lieber weiterhin ihre feinen Züge betrachten, anstatt in die Finsternis zu starren.

„Vertrau’ mir.“

Ihrer leisen Bitte kam er augenblicklich nach, denn er schenkte ihr bereits seit Langem sein Vertrauen und hatte plötzlich das starke Bedürfnis, es ihr zu beweisen.

Als er unvermittelt ihre warmen Fingerspitzen an seinen Schläfen spürte, konnte er sich erst in letzter Sekunde daran hindern, leise aufzustöhnen.

In sanften, kreisenden Bewegungen strich sie über seine Haut, fuhr ab und an die Linie seiner Ohren nach, massierte behutsam seine Ohrläppchen. Seine Atemzüge beschleunigten sich, obwohl er das Gefühl hatte, sich zu entspannen.

„Mein Vater sagte, ich müsse mir vorstellen in einer Wüste einzuschlafen und somit würde ich auch in einer Wüste aufwachen.“

Eine weite Landschaft aus Sanddünen, auf welche hinab die Sonne unerbittlich brannte kam ihm in den Sinn… War ihm deshalb so verdammt heiß?

Unwillkürlich erschauderte er, als sie ihm sanft, beinah liebevoll, einige Strähnen seines zerzausten Haares aus der Stirn strich.

„Wann?“, hakte er zittrig nach und obwohl er momentan außerstande war, seine Frage ordentlich hervorzubringen oder zu definieren, verstand Temperance ihn.

„Ich war gerade fünfzehn geworden und sollte mein erstes Opfer bringen. Obwohl ich meinem Vater schon unzählige Male bei seiner Arbeit behilflich gewesen war, hatte ich furchtbare Angst davor.“

„Wer war er?“

Ihr warmer Atem streifte seine Wange, ehe sie ihm eine Antwort gab.

„Ein Trinker, der seine Frau und seine beiden Kinder geschlagen hat. Eines Morgens kam er von einer Sauftour zurück und seine Frau stand mit gepackten Taschen an der Türe, wollte mit ihren Kindern verschwinden. Anstatt sie freizugeben, hat er ihnen die Kehlen durchgeschnitten.“

„Wer hat sein Leben gefordert?“, wollte er atemlos wissen.

„Seine Schwiegermutter. Eine alte gebrechliche Frau, die nicht genug Geld besaß, um einen vollendeten Nachtschatten zu bezahlen. Mein Vater hat ihr stattdessen meine Dienste angeboten und sie hat zugestimmt. Ich habe sie nicht enttäuscht.“

„Was ist aus ihr geworden?“

Einen kurzen Moment hielt sie inne, schien von seiner Frage überrascht.

Ihre Finger setzten gleich darauf ihre überaus angenehme Tätigkeit fort und Temperance erwiderte leise: „Ich weiß es nicht. Nachdem ich ihr seinen Finger gebracht hatte, habe ich sie nicht wieder gesehen.“

Nath saß in der Bar in Glogton und versuchte sich Mut anzutrinken, doch da er keinen Alkohol vertrug – seine Verdauung spielte schon bei den geringsten Mengen  davon verrückt – stand nur ein Glas Holunderbeerensaft vor ihm.

Sie wird sicher völlig ausrasten, dachte er sich. Und das wäre auch nur verständlich. Wer verbringt schon sein ganzes Leben gerne als Kuh… oder als Insekt?

Ja, ein Käfer wäre sicher lieber eine Kuh. Anstatt im Dreck herumzukriechen könnte er den ganzen Tag Gras fressen und die frische Luft genießen. Manche Kühe bekamen sogar eine schöne Glocke um den Hals…

„Du siehst betrübt aus.“, sagte der Wirt, der hinter der Theke stand und gerade dabei war, den Getränkevorrat aufzufüllen. „Es geht bestimmt um eine Frau.“

„Woher weißt du das?“ Nath war erstaunt über die weissagenden Worte des Wirten.

„Tut es das nicht immer?“, sprach jener mit verständnisvoller Stimme. „Jedenfalls bist du nicht der Erste, dem es so geht.“

„Andere haben dasselbe Problem?“

„Ja, aber sicher doch. Aber erstmal, mein Name ist Stu und deiner?“

„Nath.“

„Also, Nath. Erzähl’ mal was los ist.“

„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ Nath zögerte und nahm noch einen Schluck, während Stu geduldig darauf wartete, dass er fortfuhr. „Meine Frau ist eine Kuh.“

Der Wirt nickte nur verständnisvoll.

„Aber erst seit Kurzem. Das war sie vorher nämlich nicht.“

„Ich weiß genau, was du meinst, Nath. Manche Dinge im Leben ändern sich eben ganz plötzlich. Sag’ weiter.“

„Naja, also eigentlich war es ja auch meine Schuld. Ohne mich hätte dieser Zauberer sie auch nicht verhext.“

„Oh, ein anderer Mann also.“ Stu schnaubte einmal auf. „Das ist schlimm, aber du darfst dir nicht die Schuld daran geben. Wahrscheinlich wäre das auch so passiert. Du weißt ja, wie die Frauen sind.“

Sicherlich war seine Rosi manchmal aufbrausend, aber Nath dachte nicht, dass sie sich mit dem Zauberer angelegt hätte.

„Nein, ich denke das hab’ ich allein zu verantworten und das Schlimmste ist, es lässt sich nicht mehr ändern.“

„Du willst deine Frau also zurück?“

„Aber natürlich! So kann doch keine…“ Er wusste nicht recht, wie er es ausdrücken sollte. „… Ehe funktionieren.“ Nath gestikulierte wild mit den Händen umher, um es noch deutlicher zu machen.

„Versteh’ schon, versteh’ schon. Schließlich hat man ja Bedürfnisse.“

Der Wirt zwinkerte ihm zu. „Ich sag’ dir was, Nath. Wenn du sie wirklich zurück willst, dann gibt es einen Weg. Du darfst nur nicht aufgeben und musst hartnäckig bleiben.“

„Aber der Zauber ist einfach zu stark.“, warf Nath ein, doch Stu winkte seinen Kommentar nur ab.

„Jeder Zauber lässt sich brechen. Man braucht nur einen stärkeren Zauber. Verstehst du, was ich meine?“

Der Wirt hatte Recht. Xeno-dingsda hatte gesagt, dass er den Zauber nicht brechen könnte, aber ein anderer, stärkerer Zauberer wäre sicher dazu in der Lage. Plötzlich war Nath wieder überglücklich.

Alle Hoffnung war doch noch nicht verloren.

Entschlossen stand er auf und sagte: „Ich denke, du hast mir echt geholfen. Ich werd’ mich sofort aufmachen. Ohne deinen guten Rat hätte ich schon aufgegeben. Vielen Dank, Stu.“

Nath legte ein großzügiges Trinkgeld auf den Tresen und stürmte so schnell aus der Bar, dass Stu ihm nur noch ‚Viel Glück, Nath!’ nachrufen konnte.

In Windeseile war der Holzfäller wieder am vereinbarten Platz, wo Rosi auf ihn warten sollte, angekommen, doch diesmal musste Nath einige Zeit lang suchen, da seine Frau anscheinend Durst bekommen hatte und deshalb zum nächsten Bach gewandert war.

„Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“

Seine Entschuldigung konnte Rosi nur ein kleines Muh entlocken.

„Ist ja gut, ich erzähl’ schon was passiert ist.“ Er holte tief Luft. „Die Sache ist die: Ich hab’ den Zauberer gefunden, er kann dich jedoch nicht zurückverwandeln.“

Seine Frau starrte ihm tief in die Augen.

„Aber mach’ dir keine Sorgen. Ich weiß bereits, was zu tun ist.“

Sie musste sicher neugierig sein, aber mit einem Schmunzeln auf den Lippen, ließ er sie noch kurz zappeln, bevor er fortfuhr: „Wir gehen nach Farefyr, um dort nach einem stärkeren Zauberer zu suchen. Komm’ mit.“

Nath machte sich sogleich auf in Richtung Stadt und winkte Rosi, ihm zu folgen. Diese beugte sich noch zu einem Büschel Gras hinunter, riss es aus und folgte Nath schließlich willig und genussvoll kauend.

 

 Der Weg von Glogton in die Stadt war nicht besonders weit, doch Nath stand vor einem Problem. Er stand eigentlich nicht, er wanderte.

Er wanderte also vor einem Problem?

Seine Gedanken drifteten ab.

Was war noch mal das Problem? Ja, genau. Rosi.

Vor den Dörfern war es relativ sicher gewesen, sie auf einer Wiese warten zu lassen, aber die Stadt war ihm doch zu gefährlich.

Jemand könnte sie finden und denken, sie sei… eine Kuh.

Ja, sie war eine, aber doch nicht wirklich.

Jedenfalls brauchte Nath einen Platz, wo er Rosi ohne Bedenken lassen konnte und – wie so viele Schwierigkeiten im Leben – schien auch diese sich von selbst zu lösen.

Es war ihm zwar gerade erst aufgefallen, aber seit einiger Zeit schon, waren die beiden entlang einer eingezäunten Wiese gegangen und was stand auf der Wiese?

Kühe.

Irgendwo in der Nähe musste also ein Bauernhof sein.

So war es auch, hinter der nächsten Erhöhung konnte man nicht nur den Stadtrand, sondern auch einen Bauernhof sehen.

Nath beschloss, nicht lange zu überlegen, sondern einfach zu fragen.

Bis jetzt waren die Personen, denen er auf der Reise begegnet war, sehr hilfreich gewesen und er hoffte, dass das auch weiterhin der Fall sein würde.

Der Hofbesitzer befand sich glücklicherweise gerade auf dem Weg zu seiner Weide, so musste Nath ihn nicht lange suchen.

Von ein paar Metern Abstand rief er jenem zu: „Entschuldigung?“

„Ja?“, kam es zur Antwort von dem, zuerst etwas irritierten, Bauern.

„Ich hätte da eine Frage bezüglich meiner Frau hier.“ Nath deutete zur Kuh an seiner Seite. Der Bauer blieb stehen und schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Mit diesen Schweinereien will ich nichts zu tun haben.“

Das verwirrte Nath. Schweinereien?

„Nein, guter Mann. Es handelt sich hierbei um eine Kuh.“

Bevor der Bauer antworten konnte, fuhr er fort: „Ich habe eine bescheidene Bitte. Ich habe gesehen, dass auf jener Wiese Eure Kühe stehen und da ich gewisse Geschäfte in der Stadt zu erledigen habe, wollte ich fragen, ob Ihr meine Rosi für eine Zeit aufnehmen könntet?“

„Warum hast du das nicht gleich gesagt? Sicherlich. Für das Futter muss natürlich bezahlt werden. Wie lange soll es denn sein?“

„Hm… Ja, das weiß ich leider nicht so genau. Ich hoffe, dass es nur ein oder zwei Tage dauern wird.“

„Kein Problem. Sie kann im Grund solange bleiben, wie nötig. Bezahlen kannst du dann, wenn du sie wieder holst.“

„Heißt das, ich kann sie gleich hier auf der Weide lassen?“

Der Bauer nickte nur freundlich.

„Vielen Dank.“

Nath nahm Rosi noch kurz zur Seite und versicherte ihr, dass er bald wiederkommen würde und dass sie sich keine Sorgen machen sollte, da der nette Bauer sich um sie kümmern würde.

 

 Nath tat sich, obwohl der Mann sehr nett gewirkt hatte, schwer, Rosi dort zu lassen. Nicht nur, da es unter Umständen länger dauern könnte, sonder auch, weil der Bauer ihn an seinen schwindenden Geldvorrat erinnert hatte.

Ein weiterer Grund, nicht herumzutrödeln und die Sache schnell zu erledigen.

Wie lange konnte es schon dauern, einen mächtigen Zauberer zu finden?

Ehrlich gesagt, hatte Nath keine Ahnung.

Seine Füße hatten ihn inzwischen in die Stadt gebracht und er wusste nicht, wo er anfangen sollte.

Nath war in seinem Leben nicht viel umhergekommen und in einer so großen Stadt wie Farefyr fühlte er sich leicht verloren.

Auf dem Dorf war das Wirtshaus immer der Ort, wo die Leute zusammenkamen, also dachte sich Nath, es wäre eine gute Idee, in einem solchen die Suche zu starten.

Er schaute sich ein bisschen um, durchwanderte die vielen Straßen und erblickte bald ein sehr einladendes Schild mit einem Glas und einem Teller, über dem, vermutlich von ein paar Jugendlichen mit dem Hang zu Streichen, eine Ratte mit ‚x’en als Augen gemalt worden war.

Mit einem freundlichen Gesicht betrat Nath das Gasthaus, denn seine Mutter hatte immer gesagt, dass ein Lächeln einem viele Türen öffnen könne.

Von diesem Sprichwort hatten die Gäste hier wohl noch nichts gehört, denn sie starrten den Neuankömmling mit ungewöhnlich finsterer Miene an. Vielleicht hatte aber auch nur gerade jemand eine traurige Geschichte erzählt.

Nath ging gelassen zur Theke, wo der Wirt mit vernarbtem Gesicht gerade stand und ihn beobachtete.

Kurz zuvor unterbrochene Gespräche wurden wieder aufgenommen, als Nath freundlich sagte: „Guten Tag.“

„Was darf’s denn sein?“, antwortete der gute Mann trocken.

„Oh, ich hätte da eigentlich nur eine kleine Frage.“

„Wenn man hier eine Auskunft will, muss man zuerst was bestellen.“

„Hm… Na dann, was habt Ihr denn im Angebot?“

„Bier, Wein, Whiskey…“

„Gibt’s auch etwas ohne Alkohol?“, unterbrach Nath den Wirten, was er sofort bereute, aufgrund des tödlichen Blickes, welchen er dafür erntete.

„Ohne? Mal überlegen.“ Solch ungewöhnliche Anfragen schien er nicht oft zu bekommen. „Ach ja, ich hab’ immer eine Kanne Milch für unseren Einauge.“

„Verträgt er auch keinen Alkohol?“

„Einauge ist der Kater.“ Er deutete zur Fensterbank, wo eine zerrupfte Katze mit nur einem Auge sich in der Sonne wärmte.

„Oh. Hehe. Also bitte ein Glas Milch.“

Nath bewunderte, wie der Wirt mit nur einem Arm gekonnt und in einer flüssigen Bewegung ein Whiskeyglas herausholte und die Milch aus der Kanne hineinschüttete. Der zweite Ärmel seines Hemdes hing leer an der Seite herunter und schwenkte bei jeder Bewegung hin und her.

„Hat man dir nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, so zu starren?“

Der freundliche Mann schien etwas gereizt zu sein, aber wo waren auch Naths Manieren? Er kam viel zu selten unter Leute.

„Verzeihung.“

Er nahm einen kräftigen Schluck Milch, wobei eine raue Stimme aus dem Hintergrund verkündete: „Frisch aus Mutters Titten! Bwuahahaha.“

Plötzlich brach das Gelächter aus.

Nath, offensichtlich das Zentrum des Spotts, wusste nicht so ganz, was los war, aber die Milch schmeckte ihm sehr gut. Könnte direkt von Rosi sein.

Moment. Dann musste sie ja zuerst jemand… herausholen.

Der Gedanke, dass der Bauer seine Frau da unten anfassen würde, bereitete ihm irgendwie Unbehagen.

Inzwischen war wieder Ruhe eingekehrt und Nath begann: „Also, um auf meine Frage zurückzukommen. Ich suche einen Zauberer.“

„Wieso?“, kam es wieder von hinten. „Hat man deine Frau in ein Schwein verwandelt. Bw–„

„Nein.“, unterbrach ihn Nath, der sich umdrehte, woraufhin eine abwartende Stille ausbrach. „Kein Schwein. Eine Kuh!“

Das folgende Gelächter war noch lauter als das zuvor und als Nath sich so umblickte und die sich vor Erheiterung krümmenden Gäste betrachtete, schlich sich ihm der Verdacht ein, dass er hier wohl keine vernünftige Auskunft mehr bekommen könnte.

 

 Nath war froh, wieder im Freien zu sein. Trotz des kleinen Rückschlags hier, war seine Entschlossenheit nicht weniger geworden.

Er ließ einen kleinen Seufzer hinaus und wollte gerade weiter, doch eine Gestalt verließ hinter ihm das Gasthaus und stellte sich ihm in den Weg.

Nath stand nun vor einer breiten Wand aus lederner Kleidung und dichtem Bart. Als er seinen Kopf in den Nacken legte, blickte er in ein, mit Haaren umrahmtes, Paar Augen, wo jemand – der Vollständigkeit halber – noch eine rote Nase daruntergesetzt hatte.

Plötzlich fing ein Teil des Bartes an, sich zu bewegen und irgendwo dort heraus kam die Stimme, die zuvor für das ganze Gelächter verantwortlich gewesen war.

„Ganz schön mutig von dir, dich da allein reinzuwagen. Ist schon ein bisschen her, dass man in der toten Ratte ein neues Gesicht zu sehen bekommen hat. Wie heißt du?“

„Nath.“, antwortete er dem großen Mann. „Was ist die tote Ratte?“

„So heißt der Schuppen, steht doch auf dem Schild.“

„Oh, ich kann nicht lesen.“

„Gut, gut…“ Der Fremde nickte so begeistert, als ob Nath ihm gerade ein beeindruckendes Kunststück vorgeführt hätte. „Ich bin übrigens Tolon von Logos. Also, Nath, hast du das da drinnen ernst gemeint? Mit dem Zauberer und so?“

Hinter den ganzen Haaren war nicht zu sehen, ob Tolon grinste, aber seine Augen waren zu kleinen Sicheln geformt.

„Sicherlich.“

„Hm, dabei kann ich dir zwar nicht helfen, aber wenn deine Suche länger andauern sollte, brauchst du sicher ein bisschen Geld. Und du siehst mir nicht gerade wie jemand aus, der davon allzu viel besitzen würde. Aber ist wohl besser so, sonst wärst du’s nach deinem Aufenthalt in der toten Ratte sicher los. Bwuahahaha!“

Wieder dieses tiefe Brummen, als ob ein Bär direkt neben Nath schnarchen würde.

Er wusste nicht mal, was jetzt so lustig gewesen war, aber er nickte trotzdem, mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Die Sache ist die, Nath.“ Nachdem das kleine Erdbeben wieder aufgehört hatte, sprach er weiter. „Ich kann jemanden wie dich sehr gut gebrauchen. Du bist mutig, lässt dich durch nichts beirren und hast einen starken Willen. Ich sag’ dir was. Wenn du mal Probleme mit Geld bekommen solltest, dann schau doch bei mir vorbei. Du findest mich am Ende der Strasse in der Sackgasse.“

Er deutete nach rechts, hinter das Gebäude bei der Kreuzung. „Klopf’ einfach an der linken Tür und frag’ nach Tolon.“

Nath schaute immer noch in die Richtung, in die der bärtige Riese gezeigt hatte, während dieser sich umdrehte und wie ein Stier die Straße hinunterstolzierte, bis er um die Ecke und aus Naths Blick verschwand.

Er wusste nicht so Recht, was er mit dem freundlichen Angebot anfangen sollte. Aber vielleicht musste er es sowieso nicht in Anspruch nehmen, also dachte er nicht weiter daran und verfolgte stattdessen weiter sein Ziel. Neues Gasthaus, neues Glück.

Sie hatte versucht, es zu vermeiden, hatte sich sogar lange eingeredet, dass es auch woanders funktionieren wurde, aber sie konnte es einfach nicht mehr leugnen.

Sin war ein Kind der Stadt. Ein Kind von Farefyr.

Und so hatte sie nun das schreckliche Meer zu ihrer Rechten, so wie es vor Jahren zu ihrer Linken gewesen war. Auf demselben Weg kam sie nun, einen Schritt nach dem anderen, dem Ort ihrer frühesten Erinnerungen immer näher.

Nach dem Vorfall mit Pit, hatte sie nicht mehr zurückgesehen, sondern war einfach so schnell wie möglich aus Venwood verschwunden.

Eigentlich hatte sie sich bei der alten Dame bedanken wollen, aber nachdem was passiert war… Was hätte sie bloß sagen sollen?

Ihr war kurz der Gedanke gekommen, dass man sie verfolgen würde, aber es war ja nicht sie gewesen, die das Schwert geführt hatte, durch Pits Körper. Jedoch war ihre Schuld deshalb nicht geringer.

Es hatte nicht lange gedauert, einzusehen, dass Sin auf dem Land nichts zu suchen hatte. Auch im nächsten Ort, den sie durchreist hatte, hatte sie sich schon die nächste Katastrophe ausgemalt. Was, wenn eines der Kinder die auf einem Baum neben der verlassenen Kirche gespielt hatten, ihr neuer Erzfeind geworden wäre?

Nein, hier auf dem Dorf konnte man den Leuten einfach nicht aus dem Weg gehen. Nicht wie in der Stadt. Halte dich raus aus den falschen Vierteln und du hast deine Ruhe – meistens.

Egal von welcher Richtung man nach Farefyr kam – da die Stadt in einem Tal lag, gab es auf allen Wegen einen Punkt, von welchem aus man die ganze Stadt überblicken konnte.

Und an genau einem solchen befand sie sich gerade.

Die Erinnerungen überfluteten sie, während sie das große, seelenfressende Monster anblickte, das sich vor Jahrhunderten am Meer niedergelassen hatte und seitdem immer größer geworden war.

Es gab nun kein Zurück mehr für Sin, denn egal wie verdorben dieser Ort in ihren Augen war, die Vergangenheit, die jüngere, wie auch die ältere, hatte gezeigt, dass sie ein Teil von ihm war.

 

 Trotz der paar neuen Gebäude war ihr alles gleich wieder ganz vertraut. Sin hatte noch keinen Plan, wie sie langfristig über die Runden kommen konnte, also dachte sie sich, dass sie erstmal einen alten Bekannten aufsuchen sollte, nämlich Greg Dust.

Dieser war ihr alter ‚Arbeitgeber’ gewesen, bevor die alte Dame Sin von der Straße geholt hatte. Eine schmierige, alte Kakerlake, die die Kinder für ihn die Arbeit machen ließ und dafür Essen und Unterkunft bereitstellte.

Nicht gerade jemand, nach dem sie sich gesehnt hatte, aber sicher auch nicht das Schlimmste, was hier durch die Straßen wanderte.

Ohne ihn hätte sie wahrscheinlich kein ganzes Jahr überstanden. Dust hatte nicht weit weg von der Stelle gewohnt, wo das Waisenhaus gestanden hatte, über dessen Asche ein Händler nun sein Hauptquartier errichtet hatte.

Sin klopfte an Dusts Tür. Doch nach kurzem Warten machte nicht dieser, sondern ein junger Mann mit pechschwarzen Haaren und abgetragener Kleidung auf.

„Ja?“, fragte dieser, Sin von oben bis unten musternd.

„Ich suche Greg Dust. Wohnt der noch hier?“

„Wenn du den alten Mann meinst, der hier gelebt hat, muss ich dich leider enttäuschen. Der wurde schon vor einiger Zeit gehängt. Hatte anscheinend von diesem Haus aus ein verbrecherisches Unternehmen geführt. War das dein Großvater oder so?“

„Nein, nur ein alter Bekannter.“, gab Sin nach einem Moment zur Antwort.

Sie wünschte noch einen guten Tag und wanderte, diesmal ziellos, weiter umher und überlegte dabei, welche Möglichkeiten ihr jetzt noch blieben. Sie musste sich also selbstständig um eine Unterkunft kümmern und, was noch viel wichtiger war, sie brauchte eine Waffe. Wenn Dust sie wieder aufnehmen hätte können, hätte das noch warten können, aber jetzt, da dies unmöglich geworden war, musste Sin sich schnellstmöglich dafür sorgen.

Sie brauchte also einen neuen Plan.

Dust hatte ihr und den anderen Kindern zwar alle Tricks gezeigt, die ein Taschendieb brauchte, jedoch reichten diese nicht aus, um schnell an ein Messer oder ähnliches zu kommen, wenn sie nicht Glück hatte und auf dieses wollte sie sich nicht verlassen.

 

 Sin ging zu ihrem alten Arbeitsplatz – dem Markt von Farefyr. Praktisch über die ganze Region zwischen der alten Königsburg, dem Ratspalast der Stadt, und dem Hafen, erstreckte sich der Platz, auf welchem unzählige Verkäufer ihre Stände aufgebaut hatten. In einigen Häusern, die an das Marktgebiet grenzten, befanden sich die unterschiedlichsten Geschäfte. Unter diesen war auch ein Waffenhändler, der gebrauchte Klingen kaufte und verkaufte.

Das erste was Sin jetzt machen musste war beobachten.

Die Patrouillen der Wachen, einzelne Kunden, die Händler. Jedes Detail konnte zum Gelingen ihres Planes beitragen oder alles über den Haufen werfen.

Das Problem war, sie hatte nicht besonders viel Zeit und der Hunger, der sich langsam in ihr ausbreitete, half auch nicht gerade, doch trotzdem musste sie geduldig sein.

Sie konnte nichts erzwingen.

Sin saß gegenüber des Ladens des Waffenhändlers und tat so, als würde sie sich ausruhen, was eigentlich auch der Wahrheit entsprach.

Sie sah eine alte Frau, die gerade ihre Einkäufe nach Hause brachte. Ein junger Adliger kam aus dem Geschäft des Schmuckhändlers nebenan. Zwei Wachen gingen schon zum zweiten Mal an ihr vorbei.

Die Gegend schien gut bewacht.

Neben ihr hatte ein groß gewachsener Junge einen Stand mit Früchten aufgestellt, an dem ein braun gekleideter Mann sich einen Apfel kaufte und diesen mit einem Messer zerteilte.

Wenn Sin nichts einfiel, musste sie versuchen, direkt aus dem Geschäft zu stehlen, aber bei den ganzen Wachen hier, schien das nicht unbedingt ratsam.

Der Mann mit dem Apfel hatte diesen inzwischen verspeist und ging nun, zu Sins Freude, in den Waffenladen.

Sie wartete kurz und machte sich schließlich auch auf den Weg hinein.

Drinnen waren alle Wände voll mit den verschiedensten Schwertern. Einigen sah man schon ein paar Gebrauchsspuren an, doch viele schienen wie neu. Auf Tischen befanden sich Messer, Dolche und einiges Zubehör.

Hinter dem Tresen, gegenüber dem Eingang, redete im Moment der Verkäufer mit seinem Kunden.

Sin schaute sich bei den Messern etwas um und prüfte, unter Beobachtung eines zweiten Verkäufers, der hinter ihr stand, welches sich gut anfühlte.

Der braun gekleidete Kerl hatte nach einer bestimmten ausländischen Schwertart gefragt, die der Händler aber nicht da hatte.

Er war dabei  zu gehen, da sah Sin ihre Chance und rempelte ihn an.

Eigentlich ein sehr einfacher Trick.

Eine Schwierigkeit war es, das nicht absichtlich aussehen zu lassen, aber Sin war ja keine Anfängerin in solchen Dingen.

Nach dem kleinen Zusammenstoß ging sie hinüber zum Tresen und er bei der Tür hinaus.

„Guten Tag.“, sagte sie zum Verkäufer, der einen dunklen Schnauzbart und eine beachtlich große Nase hatte.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte jener, der offensichtlich Sins, von der Reise, schmutzige Kleidung bemerkt hatte und sie verächtlich anblickte.

„Ich bin auf der Suche nach einem Messer. Es sollte ungefähr so aussehen, wie dieses hier…“ Sie griff in eine ihrer Taschen, atmete ruckartig ein und begann, wild an ihrer Kleidung herumzusuchen. „Oh nein, ich bin beraubt worden. Ich hatte es gerade noch bei mir. Der Mann eben… Er hat mich bestohlen, als er an mir vorbeigegangen ist.“ Sin und der Verkäufer stürmten hinaus und er verständigte die Wachen.

Man konnte den dunkel Gekleideten von der Ferne noch sehen, worauf Sin die Gesetzeshüter aufmerksam machte.

Innerhalb kurzer Zeit hatten die Wachmänner den Dieb eingeholt und ihn zurück vor das Geschäft gebracht, ohne dabei auf große Gegenwehr zu stoßen.

„Was soll das überhaupt? Ich hab’ nichts gestohlen!“, sagte der Beschuldigte.

„Durchsucht ihn!“, schlug der Verkäufer vor.

Die Wachen schauten in alle Taschen und als sie das Messer des Mannes und noch eines gefunden hatten, wurden die Augen des Verkäufers weit und Sin sprach fröhlich: „Da ist es ja, mein Messer!“

Sie nahm sich die Klinge, die zuvor den Apfel zerteilt hatte, worauf der Festgenommene sagte: „Was soll das? Das ist nicht…“

Doch bevor er fertigreden konnte, lenkte der schnauzbärtige Verkäufer wütend ein: „Und dieses Messer ist aus unserem Laden. Das hat er auch noch gestohlen!“

Der Mann im braunen Gewand erhob jetzt ebenfalls die Stimme und versuchte, sich zu verteidigen, doch die Wachen hielten ihn fest.

Während der vermeintliche Dieb noch laut protestierte, machte Sin sich, mit ihrem neuen Messer, auf den Weg.

Es war eine sehr schöne Klinge, der arme Kerl hatte guten Geschmack, das konnte sie nicht leugnen.

„Hey Mädchen, warte!“

Der Verkäufer war ihr einige Schritte nachgelaufen.

„Du wolltest doch ein neues Messer. Hast du’s dir anders überlegt?“

„Ich denke,…“ Sin setzte ihr fuchshaftes Lächeln auf. „…mit dem einen hier bin ich doch sehr zufrieden.