achtung: exklusive leseprobe – die gossen von farefyr von temper r. haring und tharah meester

Ihr Lieben,

an dieser Stelle ein exklusiver Einblick in die Geschichte für Euch! Nämlich der Rest des 1. Kapitels!

Die Leseprobe schließt nahtlos an die von Amazon an (http://www.amazon.de/Die-Gossen-Farefyr-Temper-Haring-ebook/dp/B00EW93CBE/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1387705839&sr=8-1&keywords=die+gossen+von+farefyr) und bereitet Euch hoffentlich viel Freude und macht noch neugieriger auf dieses tolle Buch 😀

Ach ja, zwischen vielen Absätzen befinden sich sehr tolle kleine und größere Zeichnungen. Auf diese habe ich hier einmal verzichtet 😀

Blogtour Gossen

Keiths aggressive Schäkerei war etwas völlig Neues für sie und sie wusste nicht so recht, wie sie damit umgehen sollte.

„Sag’ ich doch.“, gab dieser nun triumphierend zurück und seufzte dann auf. „Mit meinen 32 Jahren kann ich da nicht mehr mithalten.“

„Wie alt ist Miles?“, wollte Temperance beiläufig wissen und nahm einen Schluck Wasser, um ihr trockene Kehle zu befeuchten.

„Der ist auch nicht viel jünger als ich. 29 ist er letzten Winter geworden.“, antwortete Keith schmunzelnd. Das Mädchen nickte schweigend und klopfte in stetigen Rhythmus mit den Fingerspitzen ihrer Rechten auf die Tischplatte, während Caruthers sich mit einem Deuten in Gavins Richtung noch ein Bier bestellte.

Eine ganze Weile saßen sie stumm nebeneinander und beobachteten die willigen Damen, welche nun je einen Mann mit nach oben nahmen.

Die anderen Freier schickten sich alsbald an, ihr Stammlokal zu verlassen. Die Musik war inzwischen verstummt und die Unterhaltungen waren leiser geworden. Einige der Männer verließen lachend Carmen’s Cunt und durch die geöffnete Türe konnte Temperance sehen, dass der neblige Morgen bereits graute und es offenbar irgendwann angefangen hatte zu regnen.

„Ich muss noch etwas erledigen. Falls du zu betrunken sein solltest, um nach Hause zu gehen, kannst du dich gerne in meiner Kammer ein wenig ausruhen. Die Stiegen hinauf und die erste Türe rechts.“, meinte Temperance schließlich, leerte ihr Wasserglas in einem Zug und machte sich ohne Mantel und Waffengürtel auf den Weg zum Pfandleiher.

 

 Neugierig, ob Caruthers geblieben war, öffnete sie die Türe zu ihrem Zimmer und erblickte den Mann tatsächlich auf ihrem Bett liegend. Er war eigentlich zu groß für das kleine Möbelstück, weshalb das ein seltsamer Anblick war.

Den Hut über das Gesicht gelegt, die Beine weit gespreizt, lag er auf dem Rücken und die langsamen, gleichmäßigen Atemzüge, in welchen sich sein Brustkorb hob und senkte, ließ darauf schließen, dass er eingeschlafen war.

Leise schloss sie die Türe hinter sich, legte ein kleines Säckchen auf die Kommode an der Wand und streifte sich die Stiefel von den Füßen.

Eilig schlüpfte sie in trockene Kleidung und setzte sich dann mit dem mitgebrachten Beutel behutsam zwischen die langen Beine des schlafenden Mannes.

Durch den Bretterverschlag drangen einige Sonnenstrahlen und warfen ein seltsames Licht auf das Bett, welches in der Mitte des Raumes stand.

Temperance lehnte sich entspannt am Fußende zurück, zog den Siegelring aus dem schwarzen Stoffbeutel und betrachtete ihn eingehend.

Andächtig drehte sie das Schmuckstück zwischen den Fingern.

Mit dem Pfandleiher, ein unerwartet angenehmer Mensch, hatte sie vereinbart das teure Stück in einigen Raten abzubezahlen.

Ein leises Seufzen entfuhr ihr, während sie den Ring in seinem Säckchen und dann in der Tasche ihrer schwarzen Hosen verstaute.

Vorsichtig streckte sie die Beine aus, legte sie über Keiths rechten Oberschenkel und zog sich die Krempe ihres Hutes tiefer ins Gesicht, um ein wenig zu schlafen, nicht jedoch, ohne zuvor noch einen langen Blick auf die Zeichnungen geworfen zu haben, welche über ihrem Bett an der Wang hingen.

Die seltsame Vertrautheit, welche sie plötzlich in Caruthers Nähe verspürte, überraschte sie, war ihr dieser ungehobelte Kerl doch bis vor kurzem noch sehr auf die Nerven gefallen. In den vergangenen Stunden hatte er sich jedoch mehr als symphatisch gezeigt und sie hatte das Gefühl, dass sie sich recht ähnlich waren.

Erschöpft gab sie sich schließlich ihrer Müdigkeit hin und als sie wenig später wieder aufwachte, blickte sie in zwei grüne Augen, welche sie aufmerksam betrachteten, während sie hinter vorgehaltener Hand gähnte. Lässig saß er mit dem Rücken an die Wand gelehnt vor ihr, kaute an einem Stück Marzipan herum und bedachte sie mit einem Lächeln, welches sie sachte erwiderte, ehe er ihr eine Süßigkeit reichte.

„Ich war gar nicht so betrunken, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, dein Zimmer zu sehen.“, grinste er schließlich.

„Und?“, hakte Temperance nach und nahm sich eine weitere Nascherei.

„Ich war überrascht.“, gab er zu und sah sich erneut in der spärlich möblierten Kammer um, welche lediglich dem Zweck des Schlafens diente.

„Was hast du erwartet? Ein Schminktischchen?“

Fragend hob sie eine Augenbraue, wartete amüsiert auf seine Antwort.

„Nein, ich bin ja nicht blöd.“, lachte er.

„Nicht?“, fragte Temperance mit erstaunter Miene und geweiteten Augen.

„Du bist ganz schön frech.“, stellte er grinsend fest und sie schmunzelte belustigt, denn das wurde ihr öfters gesagt.

Zur Strafe für ihren vorlauten Kommentar, warf er ihr ein Stück Marzipan an den Kopf, welches sie jedoch geschickt auffing und sich genüsslich in den Mund schob.

„Ich war nur verwundert, denn wenn man von den Brettern vor dem Fenster absieht, könnte das ebenso gut eines der Zimmer sein, in denen ich gewohnt habe.“

„Oh nein, wenn du dich hier so heimisch fühlst, werde ich dich wohl gar nicht mehr los.“, rief Temperance in gespieltem Entsetzen aus.

„Loswerden kannst du mich ohnehin nicht mehr.“, gab er zurück, erhob sich jedoch im selben Moment. „Eine Weile wirst du aber ohne mich auskommen müssen. Ich werde nämlich mal nachsehen, was unser Lord Wentworth zuhause so treibt.“

Temperance wurde schlagartig ernst und nickte zustimmend.

„Wir sehen uns heute Nacht.“, verabschiedete sie sich von dem Mann, welcher im Türrahmen noch einmal innehielt, um die Lippen zu einem Kuss zu schürzen und ihr zuzuzwinkern.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Mit jedem dieser Worte, welche er im Stillen wütend hinausbrüllte, versetzte er seinem Bett einen kräftigen Tritt. Den stechenden Schmerz in seinem Schienbein ignorierte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Unwirsch riss er das nasse Bettzeug zu Boden, welches er bereits den dritten Morgen hintereinander wechseln musste.

Es war zwar bereits nach Mittag, aber wen interessierte das?

Erst in den frühen Morgenstunden war er eingeschlafen und eine höhere Macht bestrafte ihn zum wiederholten Male für seinen wenigen, unruhigen Schlaf.

Er sammelte die Laken ein und trug sie ins Badezimmer hinüber, wo er sie in die Wanne warf, in welcher er kurz zuvor noch gesessen hatte.

Sie gesellten sich zu den feuchten Kleidungsstücken, die er nach seinem Bad gegen trockene getauscht hatte, und einem Stück Seife.

Er leerte einen Kübel kaltes Wasser hinzu und beschloss, sich erst einmal zu beruhigen, anstatt die Sachen gleich sauberzuwaschen.

Aufseufzend ließ er sich in einen der Stühle vor dem Kamin sinken und starrte in die Asche des verloschenen Feuers. Mit der Rechten raufte er sich das Haar und vergrub seine Finger so fest in den dunkelblonden Strähnen, dass es wehtat.

Als könne dieser nichtige Schmerz ihn die Demütigung vergessen lassen oder den Ekel lindern, welchen er vor sich selbst empfand.

Das konnte er jedoch nicht…

In diese düstere Stimmung platzte Keith unbekümmert und uneingeladen hinein. Feingefühl erwartete niemand von ihm, obwohl er gelegentlich welches zeigte.

Gelegentlich… Zu Miles’ Bedauern nicht in dieser Situation.

„Du bist wach. Wie geht es dir?“, forderte sein gutgelaunter Vetter lächelnd zu wissen, nachdem er sich gesetzt hatte.

Anstatt zu antworten, zuckte Miles lediglich mit den Schultern.

Was sollte er auch sagen? Sagten sein Gesichtsausdruck und sein derangiertes Aussehen nicht schon genug?

„Wo warst du bis jetzt?“, fragte er leise nach, obwohl es ihm in diesem Moment gleichgültig war, doch Keith wollte offenbar eine Unterhaltung führen und Miles wollte sich zumindest etwas Mühe geben.

„Ich wollte etwas trinken gehen und dabei bin ich zufällig deinem Nachtschatten begegnet. Wir haben uns ein wenig unterhalten.“

Miles Herz schien einen Schlag auszusetzen, ehe er Keiths dümmliches Lächeln musterte, als könne er in diesem lesen, was letzte Nacht geschehen war.

„Bis jetzt?“, brachte er tonlos hervor und würgte mühsam die Übelkeit hinunter, welche ihn plötzlich aufsuchte.

Keith schüttelte in einer fahrigen Bewegung den Kopf und antwortete: „Ich war etwas angetrunken und sie bot mir freundlicherweise an, bei ihr zu übernachten. Solch ein Angebot schlägt man nicht aus.“

„Du nicht, nein.“, biss Miles zurück und runzelte missbilligend die Stirn, während sich seine Augen verengten. „Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest.“

Ruckartig erhob er sich und wartete darauf, dass auch Keith es tun würde, um ihn dann alleine zu lassen. Sein Vetter tat ihm den Gefallen, warf ihm jedoch noch einen verdutzten, zugleich prüfenden Blick zu, ehe er verschwand.

Miles versuchte aufzuatmen, doch es wollte nicht gelingen, stattdessen spürte er ein seltsames Stechen in der Brust, welches wohl Anlass zur Beunruhigung bot.

Rastlos wanderte er auf und ab, versuchte dabei seine wirren Gedanken zu ordnen und musste feststellen, auch dabei keinen Erfolg zu haben.

Schließlich stand er erneut vor seiner Badewanne und wünschte sich inständig, er hätte den verdammten Kübel Wasser dort gelassen wo er gewesen war, dann könnte er nun diese Beweise seiner Erniedrigung verbrennen. Die Erkenntnis, dass es niemals wie vor jener Nacht sein würde, traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht und mit dem Rücken an die kühle Mauer gelehnt, glitt er zu Boden. Vielleicht hatte irgendetwas in ihm – etwas sehr naives – gehofft, er könnte irgendwann vergessen, was vorgefallen war.

Diese lächerliche Hoffnung wollte er aufgeben, um sich nicht länger damit zu quälen und stattdessen einzusehen, dass alles sinnlos geworden war. Sein Leben diente lediglich dem Zweck, Rache zu nehmen, die jedoch niemals zurückbringen würde, was verloren gegangen war.

Mit der Schulter drückte sie die niemals verschlossene Türe der kleinen Hütte, etwas außerhalb des Stadtrandes, auf, da sie beide Hände voll hatte.

In der Linken hatte sie eine Leinentasche getragen, welche sie nun auf dem schmalen Holztisch abstellte, in der Rechten das aufgeschlagene Buch, in dem sie während ihres kleinen Spazierganges gelesen hatte.

Nur widerwillig klappte sie den grünen Ledereinband zu und legte das Werk beiseite, ehe sie die Fenster öffnete, um den Duft des nahenden Frühlings einzulassen.

Obwohl sie gerade erst zu Mittag gegessen hatte, machte sie sich eifrig daran, Gemüse zu schneiden und einen Topf Wasser aufzusetzen, in welchen sie die klein gehackten Stückchen warf.

Umso früher sie damit fertig war, umso eher konnte sie sich wieder dem Lesen in Maxwell Hales neuestem Roman widmen.

Und umso früher konnten sie endlich darüber diskutieren.

Einige Gewürze fanden ihren Weg in die Brühe und Temperance nahm einen Löffel davon, um zu prüfen, ob es in Ordnung war. Diese Suppe war das einzige Gericht, welches sie imstande war zuzubereiten und sie war stets recht zufrieden damit.

Ja, es schmeckte auch dieses Mal gut.

Mit dem hölzernen Kochlöffel rührte sie in der leicht köchelnden Mischung, ehe sie den Topf mit dem passenden Deckel verschloss.

Das würde noch eine Weile brauchen. Eine lange Weile, welche sie nutzen konnte.

Mit einem wohligen Seufzen ließ sie sich – nachdem sie die Fenster geschlossen hatte, um den aufkommenden Wind draußen zu halten – auf das schmale, ordentlich gemachte Bett fallen und schlug ungeduldig das Buch auf jener Seite auf, an welcher sie stehen geblieben war, um begierig jedes weitere Wort dieses großartigen Schriftstellers zu lesen.

Der Duft von Kamillensalbe stieg ihr in die Nase und sie lächelte unwillkürlich, ehe sie sich in die Geschichte in ihren Händen vertiefte, um erst wieder daraus aufzutauchen, als sie die letzten Buchstaben der letzten Seite verschlungen hatte.

„Mein Gott, war das gut.“, brachte sie atemlos hervor, ehe sie bemerkte, dass bereits die Abenddämmerung hereingebrochen war.

Eilig erhob sie sich, um den Topf vom Feuer zu nehmen und erneut die Suppe abzuschmecken. Nickend kaute sie auf einem Stück Karotte herum und nahm sich einen weiteren Bissen, ehe sie dann hastig nach einem Stück Papier griff. Schmunzelnd legte sie die Nachricht auf das Kopfkissen und verschwand dann, um ihrer Arbeit nachzugehen.

Ein wahres Meisterwerk! Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht, sondern gar übertroffen. Beeil’ dich damit! Wir müssen über Seite 199 sprechen!

 

 Die Nacht, die gerade erst begonnen hatte, war kalt und stürmisch, deshalb schloss sie leise das Fenster hinter sich.

Miles saß wie gewohnt wartend auf seinem Bett, die Stühle vor dem flackernden Kaminfeuer waren leer und Temperance war seltsam erleichtert darüber. Schon lange hatte sie den Viscount nicht mehr für sich alleine gehabt, da Keith ständig zugegen war und sich dabei meist hartnäckig in den Mittelpunkt drängte.

Nachdem sie die Stiefel abgestreift und Mantel, sowie Gürtel, abgelegt hatte, setzte sie sich auf das große Himmelbett und zog mit zitternden Fingern etwas aus der Tasche ihrer Beinkleider hervor. Sein Blick ruhte auf ihr, sie konnte ihn spüren.

„Ich bringe dir heute ein etwas anderes Geschenk mit.“, meinte sie leise und überreichte ihm den kleinen Beutel.

Er schien verwundert, als er danach griff. Seine Miene erhellte sich plötzlich, während er seinen Siegelring hervorholte und sich diesen über den Ringfinger seiner Linken streifte.

Wie sie gehofft hatte, verzogen sich seine Mundwinkel wahrhaftig zu einem kleinen Lächeln, welches sogar seine smaragdfarbenen Augen zu erreichen schien.

„Woher hast du ihn?“, fragte er heiser.

„Ich habe ihn Varlyle abgenommen und wollte ihn noch sauber machen, ehe ich ihn dir gebe.“, log sie und betrachtete dabei ihre Hände, die sie im Schoss gefaltet hatte.

„Vielen Dank.“

Mehr als ein schwaches Nicken brachte sie nicht zustande, ehe sie ansetzte, ihm die schlechten Neuigkeiten zu überbringen, welche sie vom Pfandleiher erfahren hatte.

Angeblich hatte nämlich einer der hirnlosen, doch äußerst loyalen Schergen des verrückten Barons ihm den Ring verkauft.

„Ich befürchte, Granvell ist in diese Sache verwickelt. Es wird schwierig werden, ihn aus seiner gut bewachten Festung zu locken.“

„Der Baron?“, hakte Miles ungläubig nach und sie spürte, dass er sich etwas mehr aufrichtete, ebenso seinen stechenden Blick, den sie nicht wagte zu erwidern.

„Er könnte jener Mann sein, der sich unter seiner Kapuze versteckt gehalten hatte.“, mutmaßte Temperance laut, wartete auf seine Antwort, doch er schwieg.

Unwillkürlich starrte sie auf seine Hand, an deren Finger sich der Ring schmiegte.

„Es ist unmöglich, den Baron…“, begann Miles resignierend, doch sie unterbrach ihn, etwas schärfer als beabsichtigt: „Ich sagte, es wäre schwierig, aber keineswegs unmöglich! Überlass’ das mir. Ich mach’ das schon.“

Erneut hüllte er sich in Schweigen. Hatte sie ihn vermutlich beleidigt?

Das hatte sie nicht gewollt, doch seine Zweifel an ihr waren nicht angebracht. Sie würde ihm auch Granvells Leben schenken, selbst wenn dieses nicht leicht zu bekommen sein würde. Koste es was es wolle, der Baron würde für seine Taten büssen und in der Hölle schmoren, zusammen mit seinen wertlosen Freunden.

„Ich hörte, du warst letzte Nacht mit Keith zusammen.“

Seine Stimme war so leise geworden, dass man sie hätte überhören können.

Temperance hatte die Worte jedoch vernommen und betete nun zu Gott, Caruthers hätte nicht alle peinlichen Einzelheiten ihrer Begegnung preisgegeben.

„Wir trafen uns zufällig in dem Lokal, über dem ich wohne.“, erwiderte sie. „Wir haben eine Weile geredet und da es im Morgengrauen geregnet hat, hatte ich ihm angeboten, in meiner Kammer zu übernachten.“

Ein leises Räuspern, ehe er nachhakte: „Hast du dich gut unterhalten?“

„Es war recht nett, doch die Gespräche mit dir finde ich angenehmer.“, antwortete sie ihm ehrlich.

 Die ganze Zeit über hatte er unaufhörlich den Ring an seinem Finger gedreht, doch nun hielt er augenblicklich inne.

Angenehm? Miles hatte nicht gedacht, dass er in seinem derzeitigen Zustand eine angenehme Gesellschaft abgeben würde. Vermutlich hatte sie einfach zu wenige Vergleichsmöglichkeiten, um das richtig beurteilen zu können.

Dennoch zog sie die Gespräche mit ihm offenbar jenen vor, welche sie bisher mit Keith geführt hatte und das beruhigte ihn auf seltsame Art und Weise.

An diesem Abend hatte er seinen Vetter recht forsch seines Gemaches verwiesen, denn er wollte mit ihr allein sein. Keith hatte das selbstverständlich nicht gepasst, doch Miles hatte sich nicht beirren lassen. Der Drang, das Mädchen für sich zu haben, war in jenem Moment sehr viel stärker gewesen als irgendetwas anderes.

Der Sturm hatte sich verzogen, die Wolken klärten auf und gaben die Sicht auf den hellen Vollmond frei, welcher nun ungewohnt kräftig durch das Fenster schien.

Als wolle er Miles sein Licht schenken, damit dieser seinen Nachtschatten besser anstarren konnte. Immerhin war der Mond auch nur ein Mann. Nun, dann war es vielleicht Egoismus und er wollte das Mädchen selbst etwas eingehender betrachten.

Ein lächerlicher Gedanke, der sich ihm da aufdrängte…

Sachte schüttelte er den Kopf und musste unwillkürlich lächeln.

Wie auch immer es sein mochte, war Miles dem Mond ausgesprochen dankbar für dessen kraftvolles, silbriges Leuchten.

Zum ersten Mal sah er Temperance in solch hellem Licht und wurde sich dadurch ihrer hinreißenden Schönheit noch bewusster. Diese glänzenden, dunklen Wellen, die ihr bezauberndes Gesicht umrahmten, welches so umwerfend schön war. Sogar ihre schmalen Augenbrauen waren wundervoll und perfekt geschwungen.

Es entging ihm nicht, wie ihre schlanken Finger sachte über die frischen Laken glitten. Sie wirkte in Gedanken versunken, als würde sie nach Worten suchen.

Sein Magen krampfte sich unangenehm zusammen, denn er hatte bereits befürchtet, dass es ihr auffallen würde und er schien Recht zu behalten.

Ihr messerscharfer Verstand war etwas, was ihm nicht verborgen geblieben war und wofür er sie bewunderte. Gegen seine Vernunft hatte er dennoch gehofft, diese eine Sache würde ihr entgehen.

„Ich hatte das Problem auch mal.“, flüsterte sie plötzlich in die Stille. Ihre helle Stimme klang mitfühlend und wenn er eines nicht wollte, dann war es ihr Mitleid.

Nicht noch mehr, als sie ihm ohnehin schon entgegenbrachte…

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“, erwiderte Miles schnell und peinlich berührt.

Zu schnell, wurde ihm eine Sekunde darauf bewusst. Um sie hinters Licht zu führen, hätte er sich etwas geschickter anstellen müssen, das war ihm klar.

„Mein Vater hatte eine sehr wirksame Methode, es zu verscheuchen.“, erzählte sie mit leiser Stimme und begegnete dabei seinem Blick. „Ich könnte sie dir zeigen, denn auch wenn du sie nicht benötigst, ist sie sehr entspannend. Lässt du mich?“

Eine Methode es loszuwerden wäre ihm äußerst willkommen, doch er war fest entschlossen, weiterhin zu leugnen.

„Ich habe kein Problem.“, betonte er noch einmal und sie nickte ernst. Er zweifelte daran, dass sie ihm glaubte, doch sie ließ sich nichts anmerken.

„Ich weiß, aber etwas Entspannung schadet dir nicht.“, gab sie zurück und Miles gestand sich ein, dass sie auch damit Recht hatte.

„Wenn du es möchtest.“, brachte er nach einem langen Zögern hervor und fragte sich einen Moment später, worauf er sich da wohl eingelassen hatte.

Sanft befahl sie ihm, sich auf den Rücken zu legen und er tat wie ihm geheißen.

Neugierig und mit einem Anflug von Nervosität beobachtete er sie dabei, wie sie das Polster beiseite schob und sich an dessen Stelle kniete.

Ihre blauen Augen blickten erwartungsvoll in die seinen und sie deutete ihm an, den Kopf in ihren Schoss zu legen. Unsicher befolgte er auch diese Anweisung.

„Schließ die Augen.“, wisperte sie und erneut zögerte er, denn er wollte viel lieber weiterhin ihre feinen Züge betrachten, anstatt in die Finsternis zu starren.

„Vertrau’ mir.“

Ihrer leisen Bitte kam er augenblicklich nach, denn er schenkte ihr bereits seit Langem sein Vertrauen und hatte plötzlich das starke Bedürfnis, es ihr zu beweisen.

Als er unvermittelt ihre warmen Fingerspitzen an seinen Schläfen spürte, konnte er sich erst in letzter Sekunde daran hindern, leise aufzustöhnen.

In sanften, kreisenden Bewegungen strich sie über seine Haut, fuhr ab und an die Linie seiner Ohren nach, massierte behutsam seine Ohrläppchen. Seine Atemzüge beschleunigten sich, obwohl er das Gefühl hatte, sich zu entspannen.

„Mein Vater sagte, ich müsse mir vorstellen in einer Wüste einzuschlafen und somit würde ich auch in einer Wüste aufwachen.“

Eine weite Landschaft aus Sanddünen, auf welche hinab die Sonne unerbittlich brannte kam ihm in den Sinn… War ihm deshalb so verdammt heiß?

Unwillkürlich erschauderte er, als sie ihm sanft, beinah liebevoll, einige Strähnen seines zerzausten Haares aus der Stirn strich.

„Wann?“, hakte er zittrig nach und obwohl er momentan außerstande war, seine Frage ordentlich hervorzubringen oder zu definieren, verstand Temperance ihn.

„Ich war gerade fünfzehn geworden und sollte mein erstes Opfer bringen. Obwohl ich meinem Vater schon unzählige Male bei seiner Arbeit behilflich gewesen war, hatte ich furchtbare Angst davor.“

„Wer war er?“

Ihr warmer Atem streifte seine Wange, ehe sie ihm eine Antwort gab.

„Ein Trinker, der seine Frau und seine beiden Kinder geschlagen hat. Eines Morgens kam er von einer Sauftour zurück und seine Frau stand mit gepackten Taschen an der Türe, wollte mit ihren Kindern verschwinden. Anstatt sie freizugeben, hat er ihnen die Kehlen durchgeschnitten.“

„Wer hat sein Leben gefordert?“, wollte er atemlos wissen.

„Seine Schwiegermutter. Eine alte gebrechliche Frau, die nicht genug Geld besaß, um einen vollendeten Nachtschatten zu bezahlen. Mein Vater hat ihr stattdessen meine Dienste angeboten und sie hat zugestimmt. Ich habe sie nicht enttäuscht.“

„Was ist aus ihr geworden?“

Einen kurzen Moment hielt sie inne, schien von seiner Frage überrascht.

Ihre Finger setzten gleich darauf ihre überaus angenehme Tätigkeit fort und Temperance erwiderte leise: „Ich weiß es nicht. Nachdem ich ihr seinen Finger gebracht hatte, habe ich sie nicht wieder gesehen.“

Nath saß in der Bar in Glogton und versuchte sich Mut anzutrinken, doch da er keinen Alkohol vertrug – seine Verdauung spielte schon bei den geringsten Mengen  davon verrückt – stand nur ein Glas Holunderbeerensaft vor ihm.

Sie wird sicher völlig ausrasten, dachte er sich. Und das wäre auch nur verständlich. Wer verbringt schon sein ganzes Leben gerne als Kuh… oder als Insekt?

Ja, ein Käfer wäre sicher lieber eine Kuh. Anstatt im Dreck herumzukriechen könnte er den ganzen Tag Gras fressen und die frische Luft genießen. Manche Kühe bekamen sogar eine schöne Glocke um den Hals…

„Du siehst betrübt aus.“, sagte der Wirt, der hinter der Theke stand und gerade dabei war, den Getränkevorrat aufzufüllen. „Es geht bestimmt um eine Frau.“

„Woher weißt du das?“ Nath war erstaunt über die weissagenden Worte des Wirten.

„Tut es das nicht immer?“, sprach jener mit verständnisvoller Stimme. „Jedenfalls bist du nicht der Erste, dem es so geht.“

„Andere haben dasselbe Problem?“

„Ja, aber sicher doch. Aber erstmal, mein Name ist Stu und deiner?“

„Nath.“

„Also, Nath. Erzähl’ mal was los ist.“

„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ Nath zögerte und nahm noch einen Schluck, während Stu geduldig darauf wartete, dass er fortfuhr. „Meine Frau ist eine Kuh.“

Der Wirt nickte nur verständnisvoll.

„Aber erst seit Kurzem. Das war sie vorher nämlich nicht.“

„Ich weiß genau, was du meinst, Nath. Manche Dinge im Leben ändern sich eben ganz plötzlich. Sag’ weiter.“

„Naja, also eigentlich war es ja auch meine Schuld. Ohne mich hätte dieser Zauberer sie auch nicht verhext.“

„Oh, ein anderer Mann also.“ Stu schnaubte einmal auf. „Das ist schlimm, aber du darfst dir nicht die Schuld daran geben. Wahrscheinlich wäre das auch so passiert. Du weißt ja, wie die Frauen sind.“

Sicherlich war seine Rosi manchmal aufbrausend, aber Nath dachte nicht, dass sie sich mit dem Zauberer angelegt hätte.

„Nein, ich denke das hab’ ich allein zu verantworten und das Schlimmste ist, es lässt sich nicht mehr ändern.“

„Du willst deine Frau also zurück?“

„Aber natürlich! So kann doch keine…“ Er wusste nicht recht, wie er es ausdrücken sollte. „… Ehe funktionieren.“ Nath gestikulierte wild mit den Händen umher, um es noch deutlicher zu machen.

„Versteh’ schon, versteh’ schon. Schließlich hat man ja Bedürfnisse.“

Der Wirt zwinkerte ihm zu. „Ich sag’ dir was, Nath. Wenn du sie wirklich zurück willst, dann gibt es einen Weg. Du darfst nur nicht aufgeben und musst hartnäckig bleiben.“

„Aber der Zauber ist einfach zu stark.“, warf Nath ein, doch Stu winkte seinen Kommentar nur ab.

„Jeder Zauber lässt sich brechen. Man braucht nur einen stärkeren Zauber. Verstehst du, was ich meine?“

Der Wirt hatte Recht. Xeno-dingsda hatte gesagt, dass er den Zauber nicht brechen könnte, aber ein anderer, stärkerer Zauberer wäre sicher dazu in der Lage. Plötzlich war Nath wieder überglücklich.

Alle Hoffnung war doch noch nicht verloren.

Entschlossen stand er auf und sagte: „Ich denke, du hast mir echt geholfen. Ich werd’ mich sofort aufmachen. Ohne deinen guten Rat hätte ich schon aufgegeben. Vielen Dank, Stu.“

Nath legte ein großzügiges Trinkgeld auf den Tresen und stürmte so schnell aus der Bar, dass Stu ihm nur noch ‚Viel Glück, Nath!’ nachrufen konnte.

In Windeseile war der Holzfäller wieder am vereinbarten Platz, wo Rosi auf ihn warten sollte, angekommen, doch diesmal musste Nath einige Zeit lang suchen, da seine Frau anscheinend Durst bekommen hatte und deshalb zum nächsten Bach gewandert war.

„Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“

Seine Entschuldigung konnte Rosi nur ein kleines Muh entlocken.

„Ist ja gut, ich erzähl’ schon was passiert ist.“ Er holte tief Luft. „Die Sache ist die: Ich hab’ den Zauberer gefunden, er kann dich jedoch nicht zurückverwandeln.“

Seine Frau starrte ihm tief in die Augen.

„Aber mach’ dir keine Sorgen. Ich weiß bereits, was zu tun ist.“

Sie musste sicher neugierig sein, aber mit einem Schmunzeln auf den Lippen, ließ er sie noch kurz zappeln, bevor er fortfuhr: „Wir gehen nach Farefyr, um dort nach einem stärkeren Zauberer zu suchen. Komm’ mit.“

Nath machte sich sogleich auf in Richtung Stadt und winkte Rosi, ihm zu folgen. Diese beugte sich noch zu einem Büschel Gras hinunter, riss es aus und folgte Nath schließlich willig und genussvoll kauend.

 

 Der Weg von Glogton in die Stadt war nicht besonders weit, doch Nath stand vor einem Problem. Er stand eigentlich nicht, er wanderte.

Er wanderte also vor einem Problem?

Seine Gedanken drifteten ab.

Was war noch mal das Problem? Ja, genau. Rosi.

Vor den Dörfern war es relativ sicher gewesen, sie auf einer Wiese warten zu lassen, aber die Stadt war ihm doch zu gefährlich.

Jemand könnte sie finden und denken, sie sei… eine Kuh.

Ja, sie war eine, aber doch nicht wirklich.

Jedenfalls brauchte Nath einen Platz, wo er Rosi ohne Bedenken lassen konnte und – wie so viele Schwierigkeiten im Leben – schien auch diese sich von selbst zu lösen.

Es war ihm zwar gerade erst aufgefallen, aber seit einiger Zeit schon, waren die beiden entlang einer eingezäunten Wiese gegangen und was stand auf der Wiese?

Kühe.

Irgendwo in der Nähe musste also ein Bauernhof sein.

So war es auch, hinter der nächsten Erhöhung konnte man nicht nur den Stadtrand, sondern auch einen Bauernhof sehen.

Nath beschloss, nicht lange zu überlegen, sondern einfach zu fragen.

Bis jetzt waren die Personen, denen er auf der Reise begegnet war, sehr hilfreich gewesen und er hoffte, dass das auch weiterhin der Fall sein würde.

Der Hofbesitzer befand sich glücklicherweise gerade auf dem Weg zu seiner Weide, so musste Nath ihn nicht lange suchen.

Von ein paar Metern Abstand rief er jenem zu: „Entschuldigung?“

„Ja?“, kam es zur Antwort von dem, zuerst etwas irritierten, Bauern.

„Ich hätte da eine Frage bezüglich meiner Frau hier.“ Nath deutete zur Kuh an seiner Seite. Der Bauer blieb stehen und schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Mit diesen Schweinereien will ich nichts zu tun haben.“

Das verwirrte Nath. Schweinereien?

„Nein, guter Mann. Es handelt sich hierbei um eine Kuh.“

Bevor der Bauer antworten konnte, fuhr er fort: „Ich habe eine bescheidene Bitte. Ich habe gesehen, dass auf jener Wiese Eure Kühe stehen und da ich gewisse Geschäfte in der Stadt zu erledigen habe, wollte ich fragen, ob Ihr meine Rosi für eine Zeit aufnehmen könntet?“

„Warum hast du das nicht gleich gesagt? Sicherlich. Für das Futter muss natürlich bezahlt werden. Wie lange soll es denn sein?“

„Hm… Ja, das weiß ich leider nicht so genau. Ich hoffe, dass es nur ein oder zwei Tage dauern wird.“

„Kein Problem. Sie kann im Grund solange bleiben, wie nötig. Bezahlen kannst du dann, wenn du sie wieder holst.“

„Heißt das, ich kann sie gleich hier auf der Weide lassen?“

Der Bauer nickte nur freundlich.

„Vielen Dank.“

Nath nahm Rosi noch kurz zur Seite und versicherte ihr, dass er bald wiederkommen würde und dass sie sich keine Sorgen machen sollte, da der nette Bauer sich um sie kümmern würde.

 

 Nath tat sich, obwohl der Mann sehr nett gewirkt hatte, schwer, Rosi dort zu lassen. Nicht nur, da es unter Umständen länger dauern könnte, sonder auch, weil der Bauer ihn an seinen schwindenden Geldvorrat erinnert hatte.

Ein weiterer Grund, nicht herumzutrödeln und die Sache schnell zu erledigen.

Wie lange konnte es schon dauern, einen mächtigen Zauberer zu finden?

Ehrlich gesagt, hatte Nath keine Ahnung.

Seine Füße hatten ihn inzwischen in die Stadt gebracht und er wusste nicht, wo er anfangen sollte.

Nath war in seinem Leben nicht viel umhergekommen und in einer so großen Stadt wie Farefyr fühlte er sich leicht verloren.

Auf dem Dorf war das Wirtshaus immer der Ort, wo die Leute zusammenkamen, also dachte sich Nath, es wäre eine gute Idee, in einem solchen die Suche zu starten.

Er schaute sich ein bisschen um, durchwanderte die vielen Straßen und erblickte bald ein sehr einladendes Schild mit einem Glas und einem Teller, über dem, vermutlich von ein paar Jugendlichen mit dem Hang zu Streichen, eine Ratte mit ‚x’en als Augen gemalt worden war.

Mit einem freundlichen Gesicht betrat Nath das Gasthaus, denn seine Mutter hatte immer gesagt, dass ein Lächeln einem viele Türen öffnen könne.

Von diesem Sprichwort hatten die Gäste hier wohl noch nichts gehört, denn sie starrten den Neuankömmling mit ungewöhnlich finsterer Miene an. Vielleicht hatte aber auch nur gerade jemand eine traurige Geschichte erzählt.

Nath ging gelassen zur Theke, wo der Wirt mit vernarbtem Gesicht gerade stand und ihn beobachtete.

Kurz zuvor unterbrochene Gespräche wurden wieder aufgenommen, als Nath freundlich sagte: „Guten Tag.“

„Was darf’s denn sein?“, antwortete der gute Mann trocken.

„Oh, ich hätte da eigentlich nur eine kleine Frage.“

„Wenn man hier eine Auskunft will, muss man zuerst was bestellen.“

„Hm… Na dann, was habt Ihr denn im Angebot?“

„Bier, Wein, Whiskey…“

„Gibt’s auch etwas ohne Alkohol?“, unterbrach Nath den Wirten, was er sofort bereute, aufgrund des tödlichen Blickes, welchen er dafür erntete.

„Ohne? Mal überlegen.“ Solch ungewöhnliche Anfragen schien er nicht oft zu bekommen. „Ach ja, ich hab’ immer eine Kanne Milch für unseren Einauge.“

„Verträgt er auch keinen Alkohol?“

„Einauge ist der Kater.“ Er deutete zur Fensterbank, wo eine zerrupfte Katze mit nur einem Auge sich in der Sonne wärmte.

„Oh. Hehe. Also bitte ein Glas Milch.“

Nath bewunderte, wie der Wirt mit nur einem Arm gekonnt und in einer flüssigen Bewegung ein Whiskeyglas herausholte und die Milch aus der Kanne hineinschüttete. Der zweite Ärmel seines Hemdes hing leer an der Seite herunter und schwenkte bei jeder Bewegung hin und her.

„Hat man dir nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, so zu starren?“

Der freundliche Mann schien etwas gereizt zu sein, aber wo waren auch Naths Manieren? Er kam viel zu selten unter Leute.

„Verzeihung.“

Er nahm einen kräftigen Schluck Milch, wobei eine raue Stimme aus dem Hintergrund verkündete: „Frisch aus Mutters Titten! Bwuahahaha.“

Plötzlich brach das Gelächter aus.

Nath, offensichtlich das Zentrum des Spotts, wusste nicht so ganz, was los war, aber die Milch schmeckte ihm sehr gut. Könnte direkt von Rosi sein.

Moment. Dann musste sie ja zuerst jemand… herausholen.

Der Gedanke, dass der Bauer seine Frau da unten anfassen würde, bereitete ihm irgendwie Unbehagen.

Inzwischen war wieder Ruhe eingekehrt und Nath begann: „Also, um auf meine Frage zurückzukommen. Ich suche einen Zauberer.“

„Wieso?“, kam es wieder von hinten. „Hat man deine Frau in ein Schwein verwandelt. Bw–„

„Nein.“, unterbrach ihn Nath, der sich umdrehte, woraufhin eine abwartende Stille ausbrach. „Kein Schwein. Eine Kuh!“

Das folgende Gelächter war noch lauter als das zuvor und als Nath sich so umblickte und die sich vor Erheiterung krümmenden Gäste betrachtete, schlich sich ihm der Verdacht ein, dass er hier wohl keine vernünftige Auskunft mehr bekommen könnte.

 

 Nath war froh, wieder im Freien zu sein. Trotz des kleinen Rückschlags hier, war seine Entschlossenheit nicht weniger geworden.

Er ließ einen kleinen Seufzer hinaus und wollte gerade weiter, doch eine Gestalt verließ hinter ihm das Gasthaus und stellte sich ihm in den Weg.

Nath stand nun vor einer breiten Wand aus lederner Kleidung und dichtem Bart. Als er seinen Kopf in den Nacken legte, blickte er in ein, mit Haaren umrahmtes, Paar Augen, wo jemand – der Vollständigkeit halber – noch eine rote Nase daruntergesetzt hatte.

Plötzlich fing ein Teil des Bartes an, sich zu bewegen und irgendwo dort heraus kam die Stimme, die zuvor für das ganze Gelächter verantwortlich gewesen war.

„Ganz schön mutig von dir, dich da allein reinzuwagen. Ist schon ein bisschen her, dass man in der toten Ratte ein neues Gesicht zu sehen bekommen hat. Wie heißt du?“

„Nath.“, antwortete er dem großen Mann. „Was ist die tote Ratte?“

„So heißt der Schuppen, steht doch auf dem Schild.“

„Oh, ich kann nicht lesen.“

„Gut, gut…“ Der Fremde nickte so begeistert, als ob Nath ihm gerade ein beeindruckendes Kunststück vorgeführt hätte. „Ich bin übrigens Tolon von Logos. Also, Nath, hast du das da drinnen ernst gemeint? Mit dem Zauberer und so?“

Hinter den ganzen Haaren war nicht zu sehen, ob Tolon grinste, aber seine Augen waren zu kleinen Sicheln geformt.

„Sicherlich.“

„Hm, dabei kann ich dir zwar nicht helfen, aber wenn deine Suche länger andauern sollte, brauchst du sicher ein bisschen Geld. Und du siehst mir nicht gerade wie jemand aus, der davon allzu viel besitzen würde. Aber ist wohl besser so, sonst wärst du’s nach deinem Aufenthalt in der toten Ratte sicher los. Bwuahahaha!“

Wieder dieses tiefe Brummen, als ob ein Bär direkt neben Nath schnarchen würde.

Er wusste nicht mal, was jetzt so lustig gewesen war, aber er nickte trotzdem, mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Die Sache ist die, Nath.“ Nachdem das kleine Erdbeben wieder aufgehört hatte, sprach er weiter. „Ich kann jemanden wie dich sehr gut gebrauchen. Du bist mutig, lässt dich durch nichts beirren und hast einen starken Willen. Ich sag’ dir was. Wenn du mal Probleme mit Geld bekommen solltest, dann schau doch bei mir vorbei. Du findest mich am Ende der Strasse in der Sackgasse.“

Er deutete nach rechts, hinter das Gebäude bei der Kreuzung. „Klopf’ einfach an der linken Tür und frag’ nach Tolon.“

Nath schaute immer noch in die Richtung, in die der bärtige Riese gezeigt hatte, während dieser sich umdrehte und wie ein Stier die Straße hinunterstolzierte, bis er um die Ecke und aus Naths Blick verschwand.

Er wusste nicht so Recht, was er mit dem freundlichen Angebot anfangen sollte. Aber vielleicht musste er es sowieso nicht in Anspruch nehmen, also dachte er nicht weiter daran und verfolgte stattdessen weiter sein Ziel. Neues Gasthaus, neues Glück.

Sie hatte versucht, es zu vermeiden, hatte sich sogar lange eingeredet, dass es auch woanders funktionieren wurde, aber sie konnte es einfach nicht mehr leugnen.

Sin war ein Kind der Stadt. Ein Kind von Farefyr.

Und so hatte sie nun das schreckliche Meer zu ihrer Rechten, so wie es vor Jahren zu ihrer Linken gewesen war. Auf demselben Weg kam sie nun, einen Schritt nach dem anderen, dem Ort ihrer frühesten Erinnerungen immer näher.

Nach dem Vorfall mit Pit, hatte sie nicht mehr zurückgesehen, sondern war einfach so schnell wie möglich aus Venwood verschwunden.

Eigentlich hatte sie sich bei der alten Dame bedanken wollen, aber nachdem was passiert war… Was hätte sie bloß sagen sollen?

Ihr war kurz der Gedanke gekommen, dass man sie verfolgen würde, aber es war ja nicht sie gewesen, die das Schwert geführt hatte, durch Pits Körper. Jedoch war ihre Schuld deshalb nicht geringer.

Es hatte nicht lange gedauert, einzusehen, dass Sin auf dem Land nichts zu suchen hatte. Auch im nächsten Ort, den sie durchreist hatte, hatte sie sich schon die nächste Katastrophe ausgemalt. Was, wenn eines der Kinder die auf einem Baum neben der verlassenen Kirche gespielt hatten, ihr neuer Erzfeind geworden wäre?

Nein, hier auf dem Dorf konnte man den Leuten einfach nicht aus dem Weg gehen. Nicht wie in der Stadt. Halte dich raus aus den falschen Vierteln und du hast deine Ruhe – meistens.

Egal von welcher Richtung man nach Farefyr kam – da die Stadt in einem Tal lag, gab es auf allen Wegen einen Punkt, von welchem aus man die ganze Stadt überblicken konnte.

Und an genau einem solchen befand sie sich gerade.

Die Erinnerungen überfluteten sie, während sie das große, seelenfressende Monster anblickte, das sich vor Jahrhunderten am Meer niedergelassen hatte und seitdem immer größer geworden war.

Es gab nun kein Zurück mehr für Sin, denn egal wie verdorben dieser Ort in ihren Augen war, die Vergangenheit, die jüngere, wie auch die ältere, hatte gezeigt, dass sie ein Teil von ihm war.

 

 Trotz der paar neuen Gebäude war ihr alles gleich wieder ganz vertraut. Sin hatte noch keinen Plan, wie sie langfristig über die Runden kommen konnte, also dachte sie sich, dass sie erstmal einen alten Bekannten aufsuchen sollte, nämlich Greg Dust.

Dieser war ihr alter ‚Arbeitgeber’ gewesen, bevor die alte Dame Sin von der Straße geholt hatte. Eine schmierige, alte Kakerlake, die die Kinder für ihn die Arbeit machen ließ und dafür Essen und Unterkunft bereitstellte.

Nicht gerade jemand, nach dem sie sich gesehnt hatte, aber sicher auch nicht das Schlimmste, was hier durch die Straßen wanderte.

Ohne ihn hätte sie wahrscheinlich kein ganzes Jahr überstanden. Dust hatte nicht weit weg von der Stelle gewohnt, wo das Waisenhaus gestanden hatte, über dessen Asche ein Händler nun sein Hauptquartier errichtet hatte.

Sin klopfte an Dusts Tür. Doch nach kurzem Warten machte nicht dieser, sondern ein junger Mann mit pechschwarzen Haaren und abgetragener Kleidung auf.

„Ja?“, fragte dieser, Sin von oben bis unten musternd.

„Ich suche Greg Dust. Wohnt der noch hier?“

„Wenn du den alten Mann meinst, der hier gelebt hat, muss ich dich leider enttäuschen. Der wurde schon vor einiger Zeit gehängt. Hatte anscheinend von diesem Haus aus ein verbrecherisches Unternehmen geführt. War das dein Großvater oder so?“

„Nein, nur ein alter Bekannter.“, gab Sin nach einem Moment zur Antwort.

Sie wünschte noch einen guten Tag und wanderte, diesmal ziellos, weiter umher und überlegte dabei, welche Möglichkeiten ihr jetzt noch blieben. Sie musste sich also selbstständig um eine Unterkunft kümmern und, was noch viel wichtiger war, sie brauchte eine Waffe. Wenn Dust sie wieder aufnehmen hätte können, hätte das noch warten können, aber jetzt, da dies unmöglich geworden war, musste Sin sich schnellstmöglich dafür sorgen.

Sie brauchte also einen neuen Plan.

Dust hatte ihr und den anderen Kindern zwar alle Tricks gezeigt, die ein Taschendieb brauchte, jedoch reichten diese nicht aus, um schnell an ein Messer oder ähnliches zu kommen, wenn sie nicht Glück hatte und auf dieses wollte sie sich nicht verlassen.

 

 Sin ging zu ihrem alten Arbeitsplatz – dem Markt von Farefyr. Praktisch über die ganze Region zwischen der alten Königsburg, dem Ratspalast der Stadt, und dem Hafen, erstreckte sich der Platz, auf welchem unzählige Verkäufer ihre Stände aufgebaut hatten. In einigen Häusern, die an das Marktgebiet grenzten, befanden sich die unterschiedlichsten Geschäfte. Unter diesen war auch ein Waffenhändler, der gebrauchte Klingen kaufte und verkaufte.

Das erste was Sin jetzt machen musste war beobachten.

Die Patrouillen der Wachen, einzelne Kunden, die Händler. Jedes Detail konnte zum Gelingen ihres Planes beitragen oder alles über den Haufen werfen.

Das Problem war, sie hatte nicht besonders viel Zeit und der Hunger, der sich langsam in ihr ausbreitete, half auch nicht gerade, doch trotzdem musste sie geduldig sein.

Sie konnte nichts erzwingen.

Sin saß gegenüber des Ladens des Waffenhändlers und tat so, als würde sie sich ausruhen, was eigentlich auch der Wahrheit entsprach.

Sie sah eine alte Frau, die gerade ihre Einkäufe nach Hause brachte. Ein junger Adliger kam aus dem Geschäft des Schmuckhändlers nebenan. Zwei Wachen gingen schon zum zweiten Mal an ihr vorbei.

Die Gegend schien gut bewacht.

Neben ihr hatte ein groß gewachsener Junge einen Stand mit Früchten aufgestellt, an dem ein braun gekleideter Mann sich einen Apfel kaufte und diesen mit einem Messer zerteilte.

Wenn Sin nichts einfiel, musste sie versuchen, direkt aus dem Geschäft zu stehlen, aber bei den ganzen Wachen hier, schien das nicht unbedingt ratsam.

Der Mann mit dem Apfel hatte diesen inzwischen verspeist und ging nun, zu Sins Freude, in den Waffenladen.

Sie wartete kurz und machte sich schließlich auch auf den Weg hinein.

Drinnen waren alle Wände voll mit den verschiedensten Schwertern. Einigen sah man schon ein paar Gebrauchsspuren an, doch viele schienen wie neu. Auf Tischen befanden sich Messer, Dolche und einiges Zubehör.

Hinter dem Tresen, gegenüber dem Eingang, redete im Moment der Verkäufer mit seinem Kunden.

Sin schaute sich bei den Messern etwas um und prüfte, unter Beobachtung eines zweiten Verkäufers, der hinter ihr stand, welches sich gut anfühlte.

Der braun gekleidete Kerl hatte nach einer bestimmten ausländischen Schwertart gefragt, die der Händler aber nicht da hatte.

Er war dabei  zu gehen, da sah Sin ihre Chance und rempelte ihn an.

Eigentlich ein sehr einfacher Trick.

Eine Schwierigkeit war es, das nicht absichtlich aussehen zu lassen, aber Sin war ja keine Anfängerin in solchen Dingen.

Nach dem kleinen Zusammenstoß ging sie hinüber zum Tresen und er bei der Tür hinaus.

„Guten Tag.“, sagte sie zum Verkäufer, der einen dunklen Schnauzbart und eine beachtlich große Nase hatte.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte jener, der offensichtlich Sins, von der Reise, schmutzige Kleidung bemerkt hatte und sie verächtlich anblickte.

„Ich bin auf der Suche nach einem Messer. Es sollte ungefähr so aussehen, wie dieses hier…“ Sie griff in eine ihrer Taschen, atmete ruckartig ein und begann, wild an ihrer Kleidung herumzusuchen. „Oh nein, ich bin beraubt worden. Ich hatte es gerade noch bei mir. Der Mann eben… Er hat mich bestohlen, als er an mir vorbeigegangen ist.“ Sin und der Verkäufer stürmten hinaus und er verständigte die Wachen.

Man konnte den dunkel Gekleideten von der Ferne noch sehen, worauf Sin die Gesetzeshüter aufmerksam machte.

Innerhalb kurzer Zeit hatten die Wachmänner den Dieb eingeholt und ihn zurück vor das Geschäft gebracht, ohne dabei auf große Gegenwehr zu stoßen.

„Was soll das überhaupt? Ich hab’ nichts gestohlen!“, sagte der Beschuldigte.

„Durchsucht ihn!“, schlug der Verkäufer vor.

Die Wachen schauten in alle Taschen und als sie das Messer des Mannes und noch eines gefunden hatten, wurden die Augen des Verkäufers weit und Sin sprach fröhlich: „Da ist es ja, mein Messer!“

Sie nahm sich die Klinge, die zuvor den Apfel zerteilt hatte, worauf der Festgenommene sagte: „Was soll das? Das ist nicht…“

Doch bevor er fertigreden konnte, lenkte der schnauzbärtige Verkäufer wütend ein: „Und dieses Messer ist aus unserem Laden. Das hat er auch noch gestohlen!“

Der Mann im braunen Gewand erhob jetzt ebenfalls die Stimme und versuchte, sich zu verteidigen, doch die Wachen hielten ihn fest.

Während der vermeintliche Dieb noch laut protestierte, machte Sin sich, mit ihrem neuen Messer, auf den Weg.

Es war eine sehr schöne Klinge, der arme Kerl hatte guten Geschmack, das konnte sie nicht leugnen.

„Hey Mädchen, warte!“

Der Verkäufer war ihr einige Schritte nachgelaufen.

„Du wolltest doch ein neues Messer. Hast du’s dir anders überlegt?“

„Ich denke,…“ Sin setzte ihr fuchshaftes Lächeln auf. „…mit dem einen hier bin ich doch sehr zufrieden.

 

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Ein Kommentar zu “achtung: exklusive leseprobe – die gossen von farefyr von temper r. haring und tharah meester

  1. Pingback: achtung: adventsblogtour – die gossen von farefyr | Ruby's Cinnamon Dreams

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