achtung extra leseprobe zu den gossen von farefyr

Hier nun, wie versprochen, ein weiterer Abschnitt aus Temper R. Harings Die Gossen von Farefyr für Euch 🙂

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Kapitel 2

Der Sturm hatte sich gelegt, doch das half ihm nicht viel, da der Mond ihm dennoch nicht den rechten Weg weisen wollte. Durch die dichten Baumkronen drang keinerlei Licht, man sah kaum die eigene Hand vor Augen, geschweige denn etwas anderes. Der Nebel war kühl und feucht und umhüllte ihn wie eine eisige Hand, die ihn in die Hölle hinabziehen wollte. Die Kälte kroch unter seine Kleidung, ließ ihn in stetigen Abständen unwohl erschaudern.

Er musste sich verlaufen haben, irrte nun schon eine ganze Weile durch den Wald außerhalb von Farefyr und kam doch nicht am vereinbarten Treffpunkt an.

Am ganzen Körper bebend, hielt Robert Brailey plötzlich inne, als er glaubte, ein Geräusch hinter sich zu hören. Ruckartig wandte er sich um und keuchte in die Finsternis, in welcher er nichts erkennen konnte. Schwer atmend setzte er seinen Weg fort, wo auch immer ihn dieser hinführen mochte. Hoffentlich raus aus diesem Dickicht, in dem er sich nicht mehr zurechtfand.

Aus der Ferne hörte er das Heulen eines Wolfes und wimmerte auf. Gewiss lauerte ihm dieses Raubtier bereits hinter dem nächsten Baumstamm auf, begierig ihm die Eingeweide aus dem Leib zu fressen.

Was wäre wohl schlimmer?

Von einem ausgehungerten Wolf angefallen zu werden oder von Wentworths blutdurstigem Nachtschatten erwischt zu werden, welcher unaussprechliche Dinge mit Johnson und Varlyle angestellt hatte?

Sein Bruder, bereits in der Hölle brütend, konnte beinah von Glück reden, dass er schon in jener Nacht sein Leben lassen durfte.

Die Art und Weise wie es ihm genommen worden war, schien Robert nun im Vergleich, recht milde und fast schon wünschenswert.

Erneut vernahm er ein verräterisches Rascheln hinter sich und wandte sich um, argwöhnisch ins Leere stierend.

War da jemand? Verfolgte man ihn?

Tatsächlich glaubte er, einen Schatten zwischen den dicken Stämmen umherhuschen zu sehen. Seine Unterlippe zitterte und sein Blick verschwamm.

In Gedanken betete er zu Gott, der ihn gewiss schon lange nicht in seiner Kartei von redlichen Menschen führte und ihm wohl somit seine Hilfe verwehren würde.

Seine Augen glaubten eine dunkle Gestalt, nicht weit von ihm entfernt, zu erkennen.

„W-wer ist da?“, stammelte er heiser, wischte sich mit dem Hemdsärmel Tränen und Rotz aus dem Gesicht. Er erhielt keine Antwort und brach vollends in Panik aus. Es war zweifellos der grausame Nachtschatten, der gekommen war um ihn zu holen.

Aufschluchzend lief er davon, rannte durch das dichte Gewirr aus Bäumen und Sträuchern. Der unebene, matschig gewordene Waldboden machte ihm seine Flucht nicht einfacher.

Das dornige Gestrüpp, welches die Erde bedeckte, schien nach ihm zu greifen und wollte ihn zu Fall bringen.

Wimmernd stolperte er weiter, prallte heftig gegen einen Baumstamm und wurde zu Boden geschleudert. Für einen Moment blieb ihm die Luft weg, als er auf dem Rücken landete, doch er konnte sich sogleich erneut aufrappeln.

Schwere Schritte waren hinter ihm zu hören und Brailey schrie ängstlich auf, während er versuchte, dem Schatten zu entkommen…

Weit war er jedoch noch nicht gekommen, als er plötzlich von hinten gepackt und zu Boden schleuderte wurde.

Er landete mit dem Gesicht im Matsch, konnte sich halb aufrichten und kauerte sich dann wie ein kleines Kind zusammen, drückte die Hände schützend gegen sein Hinterteil.

Nun war es zu Ende mit ihm, gleich würde er unerträgliche Schmerzen erleiden und dann einen langsamen, qualvollen Tod sterben müssen.

Er dachte an seine Katy und stellte sich vor, wie sie an seinem Grab weinen würde.

„Nein, nein, nein.“, bettelte er leise, schluchzend wie ein Säugling und fühlte warme Pisse zwischen seinen Schenkeln. Sein Herz schlug dermaßen heftig, dass er glaubte, es würde jeden Augenblick vor Angst zerspringen.

„Steh’ auf, du arschgefickter Hurensohn! Ich bin es!“, brüllte eine bekannte Stimme hinter ihm und den harten Worten folgte ein deftiges Lachen. „Du solltest dich mal sehen, Brailey! Hast Angst um deinen hübschen Arsch, was?!“

Eine grobschlächtige Hand packte ihn am Kragen und hievte ihn auf die wackeligen Beine, auf welchen er kaum noch stehen konnte.

„Marsden.“, brachte er keuchend hervor, während er sich gegen einen dicken Stamm lehnte und versuchte, sich zu beruhigen.

Zur Hölle, wie musste Wentworth sich gefühlt haben?

Diese Frage, die sich ihm nicht zum ersten Mal aufdrängte, und die Antwort, die er nun plötzlich darauf wusste, waren so unerträglich, dass er beides weit von sich schieben musste, um wieder atmen zu können.

„Du dreckiger Bastard!“, stieß er hervor, versetzte Freddy Marsden einen heftigen Stoß gegen die Brust, welcher den anderen jedoch nicht einmal ins Wanken brachte.

„Warum läufst du hier herum wie ein streunendes Kätzchen? Wir wollten uns doch auf der Lichtung treffen.“, grinste Marsden boshaft, denn er schien die Antwort bereits zu kennen.

Robert schwieg beharrlich und wischte sich in einer fahrigen Handbewegung den gröbsten Schmutz aus dem Gesicht.

„Warum wolltest du mich sprechen?“, forderte er stattdessen zu wissen.

„Unsere Pläne sind noch nicht zu Ende geschmiedet, Junge.“

„Unsere Pläne…“, begann Robert in dem abfälligsten Tonfall, den er in diesem Moment zustande bringen konnte. „…sind wohl durch Varlyles Tod durchkreuzt worden.“

Marsden lachte ein dröhnendes Lachen, welches einem einen kalten Schauer über den Rücken treiben konnte, wenn man es nicht gewohnt war. Robert hatte gelernt, sein Erschaudern zu unterdrücken.

„Der Plan war, diesen Hurensohn von einem Viscount umzubringen, bevor sein Nachtschatten uns ein Jagdmesser in den Arsch rammt. Francs trauriges Ableben ändert daran nichts.“

„Für mich schon. Bereits drei Männer sind einige zu wenig, um diese Idee erfolgreich in die Tat umsetzen zu können. Zu zweit wäre das reiner Selbstmord.“

Roberts Stimme klang bestimmt und fest. Sein Entschluss war gefasst.

Er würde sich nicht länger auf die verrückten Machenschaften einlassen, welche stets sein älterer Bruder angeführt hatte. Schreckliche Dinge, noch schlimmere Dinge als sonst, waren in der letzten Zeit geschehen und er wollte diese zum Anlass nehmen, um endlich aus diesem kläglichen Leben auszubrechen.

Ein Leben, das er geführt hatte, um dem großen Bruder zu gefallen.

Nun war Jack tot und es gab nichts mehr, dass ihn hier noch hielt. Hier in dieser verkommenen Stadt, die den Namen Farefyr trug.

„Du hoffst wohl, dass der Nachtschatten dir vor dem Jagdmesser noch den Schwanz reinsteckt, was?!“, knurrte Marsden und trat einen Schritt näher. „Gut, dann lauf’ schnell nach Hause, Junge, und warte dort auf deinen Fick. Ich brauche dich nicht, um Wentworth aufzuschlitzen.“

„Ach, Rosi, was sollen wir nur tun?“ Nath saß, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, da und schaute geknickt auf den Boden. „Jetzt suche ich schon drei Tage lang alle Gasthäuser nach Zauberern ab und überall lachen die Leute zwar freundlich, ignorieren aber meine Fragen oder wissen keine Antwort darauf.“

Rosi war, von den anderen Kühen her, zu Nath gegangen, als dieser über den Zaun gesprungen war und bei der Eiche gewartet hatte.

Sie hatte sich inzwischen hingelegt, während Nath weiterredete. „Ich hab’ nur noch Geld für, vielleicht, sieben Tage. Wenn man die Rückreise mitrechnet…“

Der Druck auf ihn wurde immer größer. Es musste bald was passieren.

In der Stadt war es leicht, zu verzweifeln, aber hier bei den Kühen konnte er neue Kraft schöpfen.

Egal wie schwer es für ihn war, wie musste es denn für Rosi sein?

Besonders wenn er immer wieder allein in das Gewirr von Häusern und Menschen verschwand und sie bei den anderen Rindern ließ.

Sie würde das nie zugeben, aber Rosi war sicherlich eifersüchtig. Lauerten nicht hunderte willige Frauen in der Stadt auf ihn und wollten ihn verführen?

Solche Gedanken mussten sie ja innerlich auffressen.

Aber sie lag nur mutig neben Nath und zeigte ihre wahren Gefühle nicht, um es ihm nicht schwerer zu machen. Nath war froh, so ein starkes Weib an seiner Seite zu haben und das machte ihm Mut.

Er genoss noch einige Zeit die Stille mit seiner Frau und machte sich dann wieder auf die Suche.

„Mach’ dir keine Sorgen. Es dauert sicher nicht mehr lange. Ich werde einen Magier finden.“

Nath sprang über den Zaun und strengte sich beim Gehen an, seinen Worten Glauben schenken zu können.

An diesem Tag wagte sich Nath ein bisschen weiter ins Stadtinnere vor. Bisher hatte er es bei den Gasthäusern im südlichen Teil der Stadt versucht, aber dort schien man nicht viel von Magie und ähnlichem zu halten.

Er schlenderte bis zu dem großen Gebäudekomplex in der Mitte der Stadt, der von einer massiven Steinmauer umgeben war.

Dort befanden sich einige Wachen in polierten Rüstungen mit langen Schwertern, doch Nath hielt sich zurück, diese mit seinen bescheidenen Problemen aufzuhalten. Schließlich waren sie ja mit der Sicherheit der ganzen Stadt beschäftigt genug.

Aus irgendeinem Grund zog es ihn mehr in Richtung Meer und diese Eingebung sollte sich als richtig herausstellen.

Nath schlängelte sich zwischen den Marktständen hindurch und sah unter den ganzen Menschen auch einige Straßenkünstler.

Ein bunt gekleideter Junge schmiss immer wieder Bälle in der Luft, sodass sie Kreise zogen, ohne dass auch nur einer herunterfiel.

Nath fand es schön anzusehen und auch die Musik, die von etwas weiter hinten kam, trug zu einer sehr heiteren Stimmung bei.

Einige Schritte weiter, auf einer Holzkiste, stand ein Schauspieler, der in Fetzen gekleidet war und einen langen schmutzigen Bart trug.

Um seiner Rolle mehr Authentizität zu verleihen.

„…Verdammung! Er wird die Sündigen bestrafen. Niemand kann sich vor ihm verstecken. Er…“

Nath bereute, das Stück nicht von Anfang an gesehen zu haben, da der Künstler es mit sehr viel Leidenschaft vorführte.

„…dunkelsten Abgründe der Hölle, voller Folter und endloser Qualen. Glaubt nicht, dass er Mitleid zeigen wird mit den erbärmlichen Kreaturen, die seine Welt verpestet und…“

Plötzlich schien die Geschichte eine Wendung zu nehmen.

Zwei Männer, verkleidet als Wachen, traten an den Langbärtigen heran und zogen ihn von der Kiste.

Dieser wehrte sich, ohne dabei aus der Rolle zu fallen, worauf die in Rüstung Gekleideten mit Stöcken auf ihn einprügelten.

Für Naths Geschmack wurde die Vorführung ein bisschen zu realistisch. Und leider verstand er die, dieses Schauspiels zu Grunde liegende, Botschaft nicht.

Es endete damit, dass der Schauspieler von seinen Kollegen weggeschleppt wurde und Nath schien der einzige zu sein, der applaudieren wollte. So hielt er sich zurück. Vielleicht kam ja noch ein weiterer Akt, aber er hatte keine Zeit mehr, zuzusehen.

Irgendwo musste auch ein Zauberer sein, der seine Künste zur Schau stellte und tatsächlich! Zwischen ein paar Häusern konnte man das Meer sehen und dort in der Nähe standen, wie bei der anderen Vorführung, einige Leute im Halbkreis, um einen prächtig angezogenen Greis mit Magiermütze. Nath stellte sich dazu und wartete, bis jener mit seinen Tricks fertig war.

„Sehr beeindruckend.“, musste er zugeben, als er an den Magier herantrat.

„Freut mich, wenn Ihr Gefallen an meinen Talenten gefunden habt.“

„Sehr geehrter Herr Magier, ich habe eine dringende Bitte. Meine Frau ist verzaubert worden.“

„Nun ja, ist sie besessen und hat ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle?“

Nath überlegte kurz und kam zum Schluss, dass genau das der Fall war. „Ja, genau.“

„Also ein Dämon.“

„Nein, eine Kuh.“

Der Zauberer schien verwirrt. „Was… Wo befindet sich denn deine Frau?“

„Sie steht beim Bauern am Stadtrand bei den anderen Kühen.“

„Was macht sie dort?“

„Gras fressen und… ähm… mit den anderen Tieren reden? Ich weiß nicht.“

Der Alte schien eine Einsicht gehabt zu haben und wurde plötzlich wütend: „Du willst dich über mich lustig machen. Wie kannst du dir so eine Frechheit erlauben? Hinfort mit dir!“

Nath war verwirrt. „Aber…“

„Verschwinde und wage es nicht, mir noch mal unter die Augen zu treten.“

Hatte seine unglaubliche Macht den armen Mann etwa den Verstand verlieren lassen? Nath konnte sich vorstellen, dass man als Zauberer mit mysteriösen Kräften zu tun haben musste, die auch den vernünftigsten Menschen in den Wahnsinn treiben konnten. Dies schien hier der Fall gewesen zu sein. Nath hielt es für besser, das Weite zu suchen. Nicht, dass wieder etwas Schlimmes passierte.

Er fand sich, als er sich von der Aufregung erholt hatte, am Hafen wieder. Er ging vorbei, an einer Seemannsspelunke und bewunderte das majestätische Schiff, das erst vor kurzem angekommen sein musste, da gerade noch einige Passagiere und Matrosen von diesem an Land kamen. Metallern schimmerte die Hülle des Gefährts in der untergehenden Sonne und Nath konnte nur staunen, da dies für ihn ein sehr seltener Anblick war.

„Wunderschön, hm?“, sagte einer der Neuankömmlinge zu Nath. „Ich bin froh, es wieder von außen sehen zu können. Die Reise war nicht sonderlich angenehm. Besonders in diesen Gewässern.“

„Ich war noch nie auf einem Schiff.“, erzählte Nath dem Mann, der mit einem langen Mantel bekleidet war und einen kurzen Bart trug. Ihm fielen auch seine scharfen Gesichtszüge auf, die einen sehr entschlossenen Eindruck machten. Er schien etwas jünger als Nath, aber das konnte auch täuschen.

„Sei froh. Ich reise lieber zu Land, wenn die Strecke nicht zu lang ist. Übrigens, mein Name ist Nathan Cook.“

Nath musste lächeln. „Ich heiße Nath.“

„Ah, ein Namensbruder. Du bist mir sofort aufgefallen, Nath. Wirktest irgendwie verloren und die Verlorenen nach Hause zu bringen ist einer der wichtigsten Grundsätze der ethischen Schriften von Achestius. Also bist du auf der Suche nach irgendetwas? Liebe, Glück, Reichtum?“

„Ich suche einen Zauberer.“

„Haha, ich bin leider nur ein bescheidener Philosoph. Weißt du, in den heiligen Büchern der Katharsi steht geschrieben, ein Zauberer ist derjenige, der die Hungernden speist, den Schwachen hilft und Herzen heilt. In dem Sinn kann jeder von uns ein Zauberer sein. Ist es das was du meinst? Du bist auf der Suche nach dem Zauberer in dir, du willst ein besserer Mensch werden?“

Nathan Cook sah Nath fragend an, doch an irgendeinem Punkt hatte jener ihn verloren. Den einfachen Holzfäller hatten die großen Worte des Philosophen etwas verwirrt. Also versuchte Nath, der nicht wusste, was dieser von ihm wollte, ihm die Geschichte von Anfang an zu erklären: „Also… ähm… Meine Frau und ich lebten ein bescheidenes Leben, bis der Zauberer kam. Weil ich falsch gehandelt habe, hat er sie in eine Kuh verwandelt und nun bin ich auf der Suche nach einem Magier, der sie wieder zurückverwandelt.“

„Ah, sehr interessant. Dein Gleichnis gibt mir zu denken und ich habe gleich gewusst, dass ich einen Gleichgesinnten vor mir habe. Du bist auch ein Philosoph, nehme ich an.“

„Ich will gern einer sein, aber um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht mal sicher, was ein Philosoph ist.“

„Ein Skeptiker also. Ich muss dir zustimmen. Du willst also in Frage stellen, ob es das Ideal eines Philosophen überhaupt geben kann. Sind wir nicht alle gleichermaßen Entdeckter, seit wir auf diese seltsame Welt gekommen sind. Was macht die einen zu Philosophen und die anderen zu Bäckern? Weise Worte, mein Freund. Lass’ uns doch einige Schritte zusammen gehen.“

Nath konnte nicht sagen, ob der Philosoph ihn richtig verstanden hatte. Schließlich erkannte er keinen Zusammenhang zwischen dem was er gesagt hatte und dem was der weise Mann geantwortet hatte. Aber er war ja hier nicht der Philosoph.

Vielleicht konnte dieser ihm noch beibringen, so schlau daherzureden.

Nath hatte ja gesagt, dass er klug werden wollte.

Die beiden gingen in Richtung des nördlichen Stadtteils, was Nath, der sich hier noch gar nicht umgesehen hatte, sehr recht war.

„Ich habe über deine Parabel nachgedacht und ich weiß jetzt, was du damit sagen willst. Sehr gerissen. Heutzutage so was direkt auszusprechen könnte einen wirklich in Schwierigkeiten bringen. Aber du hast Glück, dass du auf einen Gleichgesinnten gestoßen bist. Die alten Werte müssen wiederhergestellt werden. Deine Frau, Farefyr,…“ Er zwinkerte Nath zu. „…wurde von der Revolution zu etwas amoralischen, triebhaften, animalischen gemacht: Zu einer Kuh. Ein sehr passendes Bild. Und wer ist schuld?“

Nath bemerkte, dass der Philosoph eine Frage gestellt hatte und wurde nervös, da er nicht aufgepasst hatte. Zu seiner Erleichterung fuhr dieser sogleich fort, er hatte offensichtlich sowieso keine Antwort erwartet.

„Natürlich wir selbst, das Volk. Wer hat denn den alten König gestürzt? Wer hat die Religion aus Farefyr vergrault? Und nun stellt sich die wichtige Frage, wer verwandelt unsere Kuh wieder zurück?“

Die beiden waren inzwischen vor ein großes Anwesen mit einer mannshohen Mauer gekommen.

„Ach, wir sind schon da. Das ist mein Zuhause. Drei Wochen war ich nun weg von hier. Tut gut, wieder da zu sein. Ebenso sehr, wie ich das Gespräch mit dir genossen habe, Nath.“

Nath konnte sich nicht erinnern, mehr als drei Sätze dazu beigetragen zu haben, dennoch fand er es sehr nett.

„Es würde mir äußerst zusprechen, wenn wir es beizeiten mal fortführen könnten.“

„Sicherlich. Gern.“, gab Nath ehrlich zur Antwort.

„Wo wohnst du? Wenn du willst, bringt dich einer unserer Kutscher dorthin. Wie du siehst, ist es schon Abend geworden und so wäre es wahrscheinlich sicherer.“

„Letzte Nacht habe ich im Stall bei Rosi geschlafen. Ist nicht so weit.“

„Auf meiner Reise im Empire habe ich auch sehr viel über den asketischen Lebensstil der Mönche gelernt. Das weiß ich sehr zu schätzen. Wenn es dir recht ist, kannst du aber auch hier übernachten.“, lud der Philosoph Nath freundlich ein.

„Danke, aber ich möchte Rosi nicht allein lassen. Ja, allein ist sie nicht wirklich, aber…“

„Die kann natürlich auch mit. Ich bestehe sogar darauf.“

„Gibt es hier denn einen Stall?“

„Natürlich. Mein Vater ist der Vorsitzende des Kutschenunternehmens hier in der Stadt. Wieso?“, fragte Cook.

„Für Rosi.“

„Kein Problem. Ich muss zugeben, du hast mich neugierig gemacht auf deine Rosi.“ Der kluge Mann überlegte kurz. „Ich schlage vor, du nimmst eine Kutsche und holst sie. Weißt du was? Ich begleite dich dorthin.“

 

 Die Fahrt dauerte nicht besonders lange. Nath überlegte, wie langsam er zu Fuß gewesen wäre, während Cook bei der ‚komplexen Dekonstruktion Naths revolutionärer Parabel’ dort weitermachte, wo er zuvor aufgehört hatte. Aber Nath fand das enthusiastische Gerede auch irgendwie beruhigend, obwohl er kaum ein Wort verstand.

Das war anscheinend aber nicht wichtig, denn sobald er es zugab und sagte, dass er nicht wusste, was der Philosoph meinte, empfand dieser das nur als akademische Herausforderung noch weiter zu reden und zu erklären und zu reden…

So, wie sich Nath mit Nathan fühlte, musste auch Rosi sich mit Nath in den letzten Tagen gefühlt haben, jedoch aus anderen Gründen, versteht sich. Rosi war schließlich in dem Fall die Intelligentere von beiden.

Die Kutsche fuhr, mühelos von dem fleißigen Pferd, die kleine Erhöhung hinauf, auf der der Bauernhof stand.

Die beiden Naths stiegen aus und der eine klopfte an die Tür des Hauses, worauf ein müder Bauer aufmachte. Dieser erkannte Nath sofort und schon wenige Minuten später, nachdem alles erklärt worden war, machten sie sich auf den Weg zum Stall.

Cook konnte man die Neugier direkt ansehen und als sie hineingingen, schien er erst etwas enttäuscht, dass er keinen Menschen dort vorfand.

Doch als Nath die beiden einander vorstellte, wandelte sich dessen Gesichtsausdruck schnell in einen voll von Verwunderung um.

„Eine Kuh? Ich muss zugeben, Nath, ich bin wirklich überrascht… haha. Aber du scheinst großen Wert auf Symbolik zu geben, das weiß ich sehr zu schätzen. Du bist kein Mann für halbe Sachen, oder?“

Retour bewegte sich die Kutsche nicht ganz so schnell, da es Rosi nicht gerade eilig hatte. Sie schien sogar ein klein wenig gereizt, da sie in der Nacht noch ausreisen musste.

In Farefyr hatte inzwischen das Nachtleben begonnen und die Gasthäuser hatten sich mit Leuten gefüllt.

Es war bewundernswert wie schnell manche Gäste schon so betrunken sein konnten, aber viele hatten wahrscheinlich schon am Nachmittag angefangen, vermutete Nath.

So stand also ein besonders fleißiger Trinker um die Ecke des Einganges zur toten Ratte, beugte sich vor und würgte wieder hoch, was noch vor einiger Zeit den anderen Weg gegangen war.

Als Nath auf der Kutsche neben Rosi bei jenem vorbeifuhr und er Nath erkannte, zeigte er mit dem Finger auf die Reisenden und begann lauthals zu lachen. Dies lockte weitere Gäste heraus, die, teils noch mit Flaschen in den Händen, herausfinden wollten, was los war.

Der Erste war, wahrscheinlich aufgrund des übermäßigen Lachens, wieder dabei, sich zu übergeben, während der Rest nun mit dem heiteren Gebrüll anfing.

Immer zu Späßen aufgelegt, die Gäste der toten Ratte. Nath schüttelte mit einem Lächeln den Kopf. „Die fröhlichste Kneipe die ich kenne.“

Erst in den frühen Morgenstunden kam sie nach Hause in ihre Kammer, hatte noch lange Zeit bei Miles verbracht und war dann eine Weile durch die Stadt gestreift, um erfolglos die Gegend abzusuchen.

Gähnend wollte sie sich auf ihr Bett legen, doch sie hielt inne, als sie die kleine Nachricht und die Zeichnung auf ihrem Kissen entdeckte.

Lächelnd griff sie erst nach dem fein gemalten Bild, welches einige anmutig galoppierende Wildpferde zeigte, um es nach einer eingehenden, bewundernden Betrachtung zu den anderen Zeichnungen an die Wand zu hängen.

Schließlich widmete sie sich neugierig und mit einem Schmunzeln auf den Lippen der Mitteilung, welche man ihr hinterlassen hatte.

Nachtdienst hinter mich gebracht. Habe keine Lust zu schlafen. Lust auf einen Ausflug? Habe mich beeilt und das Meisterwerk soeben zu Ende gelesen. Unsere Erwartungen wurden wahrhaftig übertroffen. Über Seite 199 können wir gerne diskutieren. Ich warte hier.

Übrigens: Danke.

Ihr ungläubiger Blick hing an dem letzten Wort, welches sie äußerst selten zu lesen und noch seltener zu hören bekam. Ihre Freude darüber ließ sie erneut lächeln. Ihre Müdigkeit war plötzlich verschwunden, während sie eilig aus ihrer Kleidung schlüpfte, um diese gegen frische Sachen zu tauschen und sich dann auf den Weg zu machen. Man wartete auf sie und sie wollte nicht warten lassen.

 

Nachdem ich ihr seinen Finger gebracht hatte, habe ich sie nicht wieder gesehen.

Ihre Worte hingen immer noch in der Luft, auch als die Sonne am nächsten Tag bereits kräftig vom blauen Himmel strahlte.

Dieser Satz hämmerte schmerzhaft in seinem Kopf und brannte in seinen Eingeweiden.

Würde es so kommen? Würde er sie, nachdem sie ihm das letzte Leben geopfert hatte, nie mehr wieder sehen?

Mit einem Ruck war er auf den Beinen, konnte nicht länger ruhig auf seinem Bett verweilen, dessen Laken in dieser Nacht tatsächlich trocken geblieben waren.

Natürlich würde es so kommen…

Wieder fühlte er dieses grauenvolle Stechen in der Brust, als würde ihm jemand ein Messer hineinrammen.

Was für einen Grund hätte sie denn auch, ihn weiterhin aufzusuchen?

Keinen. Ihre Arbeit würde erledigt sein, der Auftrag vollendet.

Unruhig wanderte er in seinem Gemach umher, welches er kaum noch verließ.

Die ganze Zeit über hatte er gehofft, sein Nachtschatten würde alsbald jeden einzelnen seiner Peiniger umgebracht haben und nun…

Nun hegte er gar die Hoffnung, Granvell würde nicht so einfach in die Fänge zu bekommen sein wie die anderen Bastarde, der Baron würde sich so gut verstecken, dass Temperance ihn niemals erwischen würde.

Dieser abwegige Gedanke, dieser verrückte Wunsch, bestätigte Miles’ Befürchtung, er würde den Verstand verlieren. Offenbar war er tatsächlich drauf und dran.

Aus welchem Grund würde er sogar auf seine Rache verzichten, lediglich um sie nicht zu verlieren? Das war verrückt!

War er in dieser kurzen Zeit so abhängig von ihr geworden, dass er sich nun nicht mehr vorstellen konnte, sein Leben ohne ihre Hilfe zu leben?

Hatte er bloß Angst davor, alleine zu sein oder war da noch etwas anderes?

Mit der Rechten fuhr er sich durchs dichte Haar, seufzte einmal tief auf, ehe er sich an den Schreibtisch setzte und nach einem leeren Briefbogen und der Feder griff.

Was immer es auch war, für den Fall, dass er seinen Nachtschatten in Bezug auf den Baron unterschätzte, musste er gewappnet sein.

Anstatt sich auf den Dächern der Stadt fortzubewegen, wie sie es für gewöhnlich zu tun pflegte, war sie auf den Wegen außerhalb von Farefyr unterwegs.

Es würde sie nicht allzu viel Zeit kosten und – was noch viel interessanter und vor allem amüsant war – sie konnte auf diese Weise prüfen, wie weit er ihr folgen würde. Er stellte sich, wollte man ehrlich sein, nicht sonderlich geschickt dabei an.

Temperance war bewusst, dass man sie oft mit einer Raubkatze verglich, da sie meist lautlos und unverhofft irgendwo auftauchte.

Keith Caruthers war wohl eher ein plumper Kater, dessen wohlwollendes Herrchen ihm stets zu viel Milch in sein Näpfchen schüttete. Der Kater, den schönen Seiten des Lebens nicht abgeneigt, leckte die Schüssel natürlich immer bis auf den letzten Tropfen leer.

Es kostete sie viel Mühe, sich nicht einfach zu ihm umzudrehen und ihm klar zu machen, dass er sich mehr als dumm anstellte.

Doch sie hatte andere Pläne…

So richtete sie den Blick stur in die Ferne, in der sie nach einiger Zeit des Wanderns bereits das weite, blaue Meer erkennen konnte. Die Sonne war gerade dabei unterzugehen und spiegelte sich rötlich auf der Wasseroberfläche.

Es war ein schöner, lauer Abend und sie war glücklich darüber, diesen wundervollen Tag, welchen sie mit einem Ausritt – auf Dexters breitem Rücken – zum Wasserfall und Seite 199 verbracht hatten, nicht mit dieser überbewerteten Sache namens Schlaf vergeudet zu haben.

Die Luft war angenehm frisch und roch nach Frühlingsblumen, welche sich nach einem harten Winter durch den ebenso harten Boden kämpfen mussten, um erneut die Sonne verehren zu können.

Temperance lauschte schmunzelnd und vernahm seine schweren Schritte, welche er erfolglos zu dämpfen versuchte. Gut, er war also immer noch hier und vermutlich der festen Überzeugung, er wäre ausgesprochen unauffällig. Das war er jedoch in keinster Weise.

Es würde ihm eine Lehre sein, ihr nachzuspionieren.

Schließlich nahm sie eine kleine Abzweigung, konnte ihn kurz abhängen und etwas Abstand gewinnen. Geschickt schwang sie sich auf einen der vielen Bäume, welche den Kiesweg säumten und wartete lauernd auf ihr Opfer. Sein suchender Blick verriet ihr, dass er sie aus den Augen verloren hatte.

Er verharrte kurz überlegend an der Kreuzung, ehe er den Weg nahm, welchen Temperance einige Momente zuvor genommen hatte.

Mühevoll musste sie ein mädchenhaftes Kichern zurückhalten und bemerkte dabei, wie beunruhigend gut ihr dieses kleine Spielchen gefiel.

Endlich war er bei dem Baum angekommen, auf dessen starkem Ast sie ungeduldig verweilte, bis Keith nahe genug war. Lautlos beugte sie sich soweit wie nötig vor und zupfte ihm seinen Hut vom Kopf.

„Was zum…“, stieß er keuchend hervor und wich erschrocken zurück.

Temperance sprang vom Baum, landete lachend auf ihren Beinen und streckte Keith seine schwarze Kopfbedeckung entgegen, während sie, mit Genugtuung, seinen entsetzten Gesichtsausdruck musterte.

„So ein stattlicher Mann und doch so schreckhaft.“, neckte sie ihn lächelnd. „Das sollte dir eine Lehre sein.“

„Du findest mich stattlich?“, grinste er. Offenbar hatte er sich schnell von seinem kleinen Schock erholt und war bereits erneut zu Scherzen aufgelegt. Zur Erwiderung gab sie ihm einen sachten Rippenstoß, der ihn zum Lachen brachte.

„Ich war also nicht besonders gut?“, fragte er nach und schnitt dabei eine Grimasse, als würde er die Antwort bereits kennen.

„Das war der schlechteste Versuch einer unauffälligen Verfolgung, den ich jemals erleben durfte.“, bestätigte sie seine Befürchtung mit einem Nicken. „Wie wäre es, wenn du mich einfach begleitest?“

„Wo gehen wir hin?“, wollte er wissen, es schien ihm jedoch nicht allzu wichtig zu sein, da er sich sogleich in Bewegung setzte.

Temperance folgte ihm.

„Zu Granvells Anwesen. Ich will mich dort ein wenig umsehen.“

Eine Weile wanderten sie schweigend nebeneinander her, dem schmalen Weg folgend, der die Stadt säumte.

„Wie geht es Miles?“, fragte Temperance schließlich.

„Er hat sich den ganzen Tag nicht blicken lassen, außer beim Mittagessen, von dem er nur drei Bissen genommen hat.“, erwiderte Keith ernst und leise.

Für einen Moment senkte sie ihren Blick, seufzte innerlich auf und wischte sich eine verirrte Strähne ihres Haares aus der Stirn.

„Das Essen ist aber auch wirklich nicht besonders gut. Vielleicht hätte Miles statt dem tollpatschigen Küchenjungen lieber den Koch behalten sollen.“, meinte Keith schmunzelnd, doch der Klang seiner Stimme war seltsam, nicht wie sonst, wenn er scherzte. Hatte sie vermutlich doch laut geseufzt?

„Wir müssen ihn aus seinem Zimmer holen. Ein Ausflug würde ihm gut tun.“, stellte sie fest und aus den Augenwinkeln sah sie, dass Keith zustimmend nickte. „Wollen wir ihn heute Nacht dazu überreden?“

Ihre Frage brachte ihn dazu, sich ihr zuzuwenden und sanft zu lächeln.

„Sehr gerne.“, erwiderte er sachte. Temperance nickte nun ebenfalls.

„Da vorne ist es.“, murmelte sie plötzlich und zeigte mit dem Finger auf Granvells kleine Festung, welche hinter hohen Mauern verborgen lag und von groß gewachsenen, gut bewaffneten Männern bewacht wurde.

„Komm’ mit.“, forderte sie ihn auf, während sie sich daran machte auf einen Baum zu klettern, um besser sehen zu können.

Immerhin machte es wenig Sinn, hier unten zu stehen und auf die dunklen Steine der Mauern zu starren.

Keith zögerte einen kurzen Augenblick. Offenbar war er sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war, doch ohne ein Murren erklomm er die Äste und gesellte sich dann zu dem Mädchen, welches es sich bereits so bequem wie möglich gemacht hatte.

Ihr Blick schweifte über das hoheitsvolle Anwesen, in welches ein Eindringen, ohne dabei unzählige, mehr oder weniger unschuldige, Männer umzubringen, nicht möglich war. Prüfend musterte sie die Mauern, auf welchen eine Patrouille unaufhörlich ihre Kreise zog. Die großen Tore wurden von zwei Leuten bewacht und diese machten nicht den Anschein, besonders freundliche Zeitgenossen zu sein.

Ihre Befürchtungen wurden bestätigt, sie würde…

Keith klopfte ihr unvermittelt und behutsam gegen den Oberarm und deutete mit einer Kopfbewegung nach unten, um ihre Aufmerksamkeit auf den, etwas in die Jahre gekommenen, Mann zu lenken, der dort seines Weges ging. Eine Kuh an seiner Seite.

Mit ruhiger, angenehmer Stimme sprach er unentwegt zu dem Tier, welches brav neben ihm hertrottete und seinen Worten aufmerksam zu lauschen schien.

Hatte er seine Kuh gerade Rosi genannt?

Temperance blickte schmunzelnd zu dem ungleichen Pärchen hinab, welches gemächlich weiter in Richtung Stadt wanderte.

„Süß.“, murmelte Keith und sie stimmte ihm zu. „Und ein klein wenig verrückt.“

 Ohne zu Klopfen stürmte Keith in Miles’ Gemach und ließ dabei die Türe hinter sich offen stehen. Lächelnd klatschte er in die Hände und blickte erwartungsvoll zu seinem Vetter hinab, der auf dem Bett lag und auf seinen Nachtschatten wartete.

„Steh’ auf und zieh’ dich an. Wir machen einen Spaziergang.“

„Nein danke, Keith. Wenn du mich jetzt bitte alleine lassen würdest.“, gab Miles trocken zurück, der nun wahrlich nicht in der Stimmung für die dummen Kindereien seines Cousins war. „Ich warte hier auf jemanden, falls du das nicht bemerkt haben solltest. Ohne sie gehe ich nirgendwo hin.“

Keith verdrehte entnervt die Augen.

„Habe ich etwa gesagt, dass du das musst? Nein. Du sollst dich lediglich anziehen.“

Miles setzte zu einer Erwiderung an, als er ihre helle Stimme im Rücken hörte, welche ihn verstummen ließ, noch ehe er tatsächlich etwas gesagt hatte. „Bitte steh’ auf, Les.“

Miles unterdrückte ein tiefes Seufzen, versuchte dasselbe erfolglos mit seiner aufkommenden Angst und erhob sich, bloß um dann einfach dazustehen, unfähig sich zu bewegen. Das brauchte er auch nicht.

Mit dem Blick folgte er dem Mädchen, welches bereits den Raum durchschritten hatte und nun seinen Kleiderschrank öffnete. Keith hatte sich inzwischen gesetzt und seinen Marzipanvorrat, der niemals zur Neige zu gehen schien, hervorgeholt.

„Auf mich will er ja nicht hören.“, murrte er beleidigt und stopfte sich dann eine Süßigkeit in den Mund.

„Dann solltest du an deinen Überredungskünsten arbeiten.“, gab Temperance kühl zurück, während sie offenbar gefunden, wonach sie gesucht hatte. Behutsam zog sie einen schwarzen, kurzen Ausgehmantel hervor.

„Vermutlich sind sie auf demselben Niveau wie deine Spionagefähigkeiten.“, fügte sie hinzu und Keith keuchte entsetzt auf.

„Hast du das gehört, Miles? Schon wieder beleidigt sie mich.“

„Worum geht es denn?“, hakte er nach, da er nicht verstand, worüber gesprochen wurde. Offensichtlich hatte er wieder etwas versäumt und nicht zu wissen, was es war, bereitete ihm Unbehagen.

„Dein Vetter hat mich vorhin verfolgt, als ich auf dem Weg zu Granvells Anwesen war, um mich dort umzusehen.“, antwortete Temperance, welche jetzt bei ihm angekommen war und ihm in seinen Mantel half. „Er hat sich nicht sonderlich geschickt angestellt, um es milde auszudrücken.“

„Sie sagt, ich gleiche eher einem plumpen, alten Kater als einem schleichenden Raubtier.“, rief Keith grinsend aus, schüttelte sachte den Kopf.

„Was der Wahrheit entspricht. Und wenn du weiterhin so viel Marzipan in dich reinstopfst, bist du bald ein plumper, alter Kater, der obendrein zu dick ist.“

Flirteten die beiden miteinander? Es schien beinah so und es störte ihn gewaltig.

Miles schluckte hart, während er auf Temperance hinabsah, die einen seiner Gürtel aus der Kommode genommen hatte und diesen nun unter dem Mantel um seine Taille schlang. Sachte strich sie das weiße Hemd zurecht, welches er zu beigen Beinkleidern trug. Er mochte ihre Berührungen und spürte wie ihm seltsam warm wurde… aber er trug ja auch seinen Mantel.

Nach einem kurzen Zögern zog sie etwas aus ihrem rechten Stiefelschaft und steckte es ihm in den Gürtel. Miles sah verwirrt hinab und erblickte den schmalen Dolch.

„Mein Vater hat ihn mir geschenkt, deshalb bitte ich dich, darauf Acht zu geben.“, murmelte sie, ehe sie ihm sorgfältig den dunklen Wollmantel zuknöpfte, welcher sich eng an seinen Körper schmiegte. Ihr Vertrauen ehrte ihn, er fühlte sich geschmeichelt und würde sie nicht enttäuschen.

Vor ihm kniend, streifte sie ihm seine schwarz glänzenden Stiefel über die Füße, die seit der letzten Politur nicht mehr dreckig geworden waren, da er sie nicht mehr gebraucht hatte.

„Gut siehst du aus.“, stellte sie leise fest, als sie sich wieder erhob.

Wie vom Donner gerührt erwiderte Miles den Blick ihrer herrlich blauen Augen. Was hatte sie da gerade gesagt? Wie meinte sie das?

„Können wir jetzt endlich verschwinden?“, drängte Keith und Miles würde ihn am Liebsten erwürgen. Für seine bloße Anwesenheit, die ihm auf die Nerven fiel.

Verschwinden

Die Panik, von welcher ihn Temperance so überaus erfolgreich abgelenkt hatte, kehrte zurück. Zur Hölle, er wollte nicht da rausgehen!

„Ich kann nicht.“, flüsterte er kaum hörbar, schwieg dann für einen Moment, ehe er den Mund erneut öffnete und zu weiteren Widersprüchen ansetzte.

Unvermittelt legte sie jedoch ihre kleine, zarte Hand in die seine und er hielt inne.

„Miles, bitte. Lass’ uns jetzt gehen.“ Ihre Stimme klang zärtlich und flehend. Der hoffnungsvolle Blick, mit welchem sie zu ihm aufsah, machte es ihm unmöglich sich weiter zu widersetzen.

Mit einem knappen Nicken gab er ihr zu verstehen, dass er ihrer Bitte nachkommen würde. Ohne eine weitere Sekunde zu vergeuden, zog sie ihn beinah aus seinen Gemächern. Keith, der bereits ungeduldig wartend im Türrahmen gestanden hatte, ging ihnen voraus.

 

 Schweißgebadet lag er in seinem Bett und starrte, heftig atmend, in die Finsternis der Nacht, die ihn umgab. Seine Lider waren schwer, die Müdigkeit drohte ihn zu überwältigen, doch er wehrte sich mit aller Macht dagegen. Seine eiskalten Finger umklammerten den einfach gearbeiteten Griff des Dolches, mit welchem er sich gegen den Nachtschatten verteidigen wollte.

Wann würde er wohl kommen?

Gleichgültig ob er diese Schlacht für sich entscheiden können würde, er wollte es endlich hinter sich bringen, selbst wenn das seinen Tod bedeuteten sollte. Dieser war immer noch besser, als durchwachte Nächte voller Angst und Panik.

Wäre Jack noch am Leben, er würde seinem kleinen Bruder kräftig den Hintern für dieses unmännliche Verhalten versohlen.

Das war er jedoch nicht mehr.

Ob der Viscount seine Nächte nun in ebensolcher Furcht verbringen musste, nach allem was sie ihm angetan hatten?

Robert wischte sich die warmen Tränen aus dem Gesicht, lauschte in die Dunkelheit und sehnte sich nach einem Ende, welches nicht kommen wollte.

Ob Marsden seinen Plan zu Ende führen und Wentworth umbringen würde? Dessen wilde Entschlossenheit ließ vermuten, dass er dazu bereit war.

Verdammt, es war seine Pflicht, den Lord zu warnen, ehe es zu spät war. Das würde nichts von alledem was passiert war ungeschehen machen und doch wollte Robert Brailey nicht Wentworths Leben auf dem Gewissen haben. Gleich bei Tagesanbruch würde er…

Ein dumpfes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken und er lauschte mit geschlossenen Augen in die Dunkelheit.

Jemand hatte die Hütte betreten.

Der Nachtschatten war endlich gekommen, um sein Leben zu holen.

Sein Körper bebte und er musste ein Schluchzen unterdrücken, als er leichtfüßige Schritte hörte, welche langsam, doch stetig näher kamen.

Die Türe zu seiner Schlafkammer ging auf.

Immer noch hielt er seine Lider fest geschlossen, denn er wagte es nicht, dem Nachtschatten ins Gesicht zu sehen. Seinem Tod in die Augen zu blicken.

Dieser stand nun direkt vor seinem Bett, beugte sich über ihn.

Sein Herz klopfte hart und laut, in den Ohren hörte er sein eigenes Blut rauschen. Diese unbändige Angst war unerträglich, ließ ihn zu keinem klaren Gedanken mehr kommen. Robert musste die Gelegenheit wahrnehmen und endlich zustechen, nur so würde er sein Leben retten können. Ob es wertvoll war oder nicht, er hing daran.

Mit einem kräftigen Stoß rammte er seinem Henker den Dolch ins Fleisch, ohne zu sehen, wohin er stach. Er traf etwas und fühlte einen Moment später warmes Blut über seine zitternden Hände laufen, eher er benommen die Waffe losließ.

„Robert?“

Das entsetzte Keuchen seines Namens drang dumpf zu ihm vor, er glaubte die helle Stimme eines Mädchens zu vernehmen.

Jemand sank langsam neben ihm zusammen.

Wimmernd öffnete er schließlich die Augen und blickte entsetzt in jene weit aufgerissenen des Mädchens.

„Katy?“

Schlagartig kehrte er in die Realität zurück und begriff, was er in seiner Panik getan, welchen schrecklichen Fehler er begangen hatte.

Schluchzend sprang er auf und berührte sachte das Messer, dessen lange Klinge in ihrem Bauch steckte, während er sie in seine Arme zog.

„Oh Gott, bitte verzeih’ mir.“, stieß er hervor. „Das wollte ich nicht.“

Sie wollte ihm antworten, doch ihrer Kehle entrangen sich lediglich ein seltsamer Laut und ein Schwall helles Blut.

„Bitte lass’ mich hier nicht allein.“, flüsterte er weinend und berührte ihre blassen Lippen mit den seinen, doch sie erwiderte diesen letzten Kuss nicht.

Kühle Luft umgab sie, während sie nebeneinander die hell beleuchtete Hauptstraße entlang wanderten.

Nur widerwillig hatte Temperance, ehe sie das große Stadthaus verlassen hatten, Miles’ Hand wieder freigegeben.

Doch es wäre nicht angebracht gewesen. Es war nicht gut für den Viscount, sollte man ihn mit ihr sehen – sie war Abschaum.

Aus den Augenwinkeln betrachtete sie den Mann an ihrer Seite, der trotz der grauenvollen Erlebnisse seine vorbildliche Haltung nicht verloren hatte. Den Rücken durchgedrückt, die breiten Schultern gestrafft, gab Miles Wentworth einen sehr beeindruckenden Anblick ab. Seine beachtliche Größe tat ihr übriges.

„Wohin gehen wir?“, fragte er schließlich nach.

Seine Stimme klang etwas zittrig, er schien mit seiner Angst zu kämpfen. Den Blick hatte er stur in die Ferne gerichtet.

Bestimmt war er ebenso froh, wie sie selbst, dass zu dieser späten Stunde nur sehr wenige Menschen auf den Straßen unterwegs waren.

„Wohin du möchtest. Das Wichtigste war, dich nach draußen zu bekommen.“, erwiderte sie und prüfte zugleich argwöhnisch die entgegenkommenden Männer, von welchen jedoch keine Gefahr ausging. In eine leise Unterhaltung vertieft, gingen sie gemächlichen Schrittes vorbei. Sie vernahm Miles’ erleichtertes Aufatmen.

„Wir könnten ins Carmen’s gehen.“, schlug Keith unbekümmert vor.

„Bist du verrückt? Sicher nicht.“, gab Temperance scharf zurück.

Hatte dieser Kerl vollends den Verstand verloren?

Das war wohl kaum der richtige Ort für einen Vizegrafen.

Zudem war es absolut unnötig, dass Miles erfuhr, in welchen Kreisen sie verkehrte. Er war sich gewiss ihres niedrigen Standes bewusst.

Was für eine Untertreibung, war sie überhaupt von irgendeinem Stand?

„Was ist das?“, wollte dieser nun wissen.

„Das Lokal, über dem ich wohne.“, antwortete sie ihm, kaum hörbar.

Erneut kreuzte jemand ihren Weg und unbewusst zog sie sich den Hut tiefer ins Gesicht, damit man sie nicht erkennen konnte.

Sein Ruf durfte keinesfalls darunter leiden, dass er für kurze Zeit auf ihre Hilfe angewiesen war.

„Gut, dann gehen wir eben raus zur alten Weide. Da können wir uns wenigstens hinsetzen.“, lenkte Keith ein.

Niemand gab ihm eine Antwort, doch man widersprach ihm auch nicht, so begnügte er sich mit stummem Einverständnis.

 Endlich hatten sie den Platz erreicht, der etwas außerhalb der Stadt lag und welchen Keith besuchen wollte. Miles ließ sich auf die hölzerne Sitzbank fallen, brauchte eine Verschnaufpause.

Nicht etwa, weil ihn dieser kleine Spaziergang in irgendeiner Weise körperlich angestrengt hätte, sondern weil er unendlich viel Mühe aufbringen musste, seine Panik zu bewältigen. Zugegeben, es wurde mit jeder Minute ein klein wenig leichter, doch das machte ihm lediglich das gewaltige Ausmaß seiner Ängste bewusst, mit welchen er seit dem Überfall zu kämpfen hatte.

Temperance saß zu seiner Linken und er warf ihr einen verstohlenen Blick zu. Ihre Nähe war unglaublich beruhigend und gab ihm die Kraft, die er so dringend brauchte. Ohne sie hätte er es niemals bis hierher geschafft, wahrscheinlich wäre er noch nicht mal vor die Haustüre getreten. Wenn man es genau nahm, wäre er ohne sie vermutlich nicht einmal mehr am Leben.

„Fühlst du dich wohl?“, erkundigte sie sich mit leiser Stimme und er brachte ein schwaches Nicken zustande. Tatsächlich fühlte er sich soweit ganz gut, als er nun in ihre eisblauen Augen blickte…

„Wohl genug, um mir die Hand zu geben?“, forderte Keith zu wissen.

…und schlagartig fühlte er sich wieder so schlecht, als würde er vor einem tiefen Abgrund stehen, den man ihn hinunter stoßen wollte. Schwach schüttelte er den Kopf, hoffte, dass Keith die Sache damit ruhen lassen würde und wusste doch nur allzu gut, dass sein Vetter zu beharrlich war, um nach der ersten Verneinung aufzugeben.

Zu seiner Verwunderung schwieg er jedoch.

Temperance hingegen erhob sich, um sich eine Sekunde später zwischen die beiden Männer zu setzen. „Wir könnten es zumindest versuchen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten griff sie behutsam nach seiner Hand und er schenkte ihr sein Vertrauen, indem er es sich gefallen ließ.

Ihre Handflächen berührten sich und sie kreuzte ihre schlanken Finger mit den seinen. Die Rechte legte sie schützend über seinen Handrücken und Keith legte die seine auf die ihre. Miles starrte auf ihr schmales, zierliches Handgelenk, um welches ein dunkelbraunes Lederband gewickelt war.

Einige Augenblicke verharrten sie in dieser Position, ehe Temperance ihre Rechte aus dieser Umklammerung löste, die Linke immer noch in der seinen. Miles zuckte kaum merklich zusammen, als er die Finger seines Vetters fühlte.

Es war nicht so schlimm, wie er es sich vorgestellt hatte, doch das könnte daran liegen, dass er in diesem Moment beinah alles tun würde, lediglich um die unbeschreibliche Zartheit der Haut des Mädchens noch länger zu spüren.

Keith zog sich schließlich lächelnd zurück und zu Miles’ großem Bedauern gab auch Temperance ihn frei, ehe sie sich entspannt zurücklehnte.

„Das hat doch gut funktioniert. Darauf esse ich ein Marzipan.“, stellte Keith zufrieden fest und ließ seinen Worten Taten folgen.

Miles räusperte sich und brachte keinen Laut hervor, musste sich schließlich dazu zwingen, endlich den Blick von ihr zu nehmen.

Warum schaffte sie es immer wieder ihn so durcheinander zu bringen?

Das war sehr, wirklich sehr untypisch für ihn, dass er sich von einem Mädchen aus der Fassung bringen ließ.

Vor ihnen lag Farefyr, eingetaucht in das schwache Licht der Straßenlaternen, die sich bemühten die Nacht in den Tag zu verwandeln. Die vielen Straßen und schmalen Gassen waren fast menschenleer, da jene Leute die noch wach waren, sich vermutlich in den Gasthäusern die Zeit vertrieben.

Der Mond stand über dem Meer, welches in weiter Ferne zu sehen war, und es wirkte beinahe, als würde er jeden Augenblick ins Wasser fallen.

Was natürlich niemals passieren würde.

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