Archiv | Januar 2014

lieber picasso, wo bleiben meine harlekine von anne sinclair

Lieber-Picasso--wo-bleiben-meine-Harlekine---Mein-Großvater--der-Kunsthandler-Paul-Rosenberg-9783888978432_xxl

„Können Sie nachweisen, dass Ihre Großeltern Franzosen waren?“ Diese Frage, die heute sehr an eine dunkle Epoche der Zeitgeschichte erinnert,  wird für die in den USA geborene Französin Anne Sinclair im Jahr 2010 zum Auslöser für die Reise in die eigene Vergangenheit. Nicht nur in die eigene, vielmehr in die ihres Großvaters Paul Rosenberg – seinerzeit einer der berühmtesten Kunsthändler der ganzen Welt. Nie wollte Sie sich mit der Vergangenheit der Ihren so intensiv beschäftigen, doch als sie mit den Recherchen begann, gab es bald kein „Entkommen“ mehr. Sehr schnell versank sie in der Welt aus Kunst, Politik und Zeitgeschichte, der das Leben ihres Großvaters kennzeichnete.

Anne Sinclair öffnet das Familienarchiv und begibt sich auf die Reise an verschiedene Wohnorte und Plätze, die bezeichnend für das Leben ihres Großvaters waren.

Die erste Station ist dabei die Rue de la Boétie 21, die ehemalige erfolgreiche Galerie Rosenbergs in Paris. Welch schreckliche Ironie des Schicksals, die dazu führte, dass eben dort  im Jahre 1940 das IEQJ (Institut für Studium der Judenfragen) eröffnet wurde – ein wahres Zentrum der antisemitischem Hetzpropaganda. Zu dieser Zeit war Paul Rosenberg schon ein aktiver Widerständler gegen den Verkauf „entarteter Kunst“ durch die Deutschen und kam prompt auf deren schwarze Liste. Die Familie mietete ein Haus in Floirac, wo sie bis zur Ausreise ins Exil, Amerika, lebte.

Doch wer war der Mensch Paul Rosenberg? Begleiten wir Anne Sinclair durch ihre Recherchen, begegnet uns ein vielschichtiger Mann.

 P017-01-B_ar

Der Mensch Paul:

Geboren am 29.12.1881 in der Rue de Châteaudun in Paris, wuchs er auf als Sohn des Antiquitätenhändlers Alexandre Rosenberg und seiner Frau Mathilde Jellinek. Er wurde auf eigenen Wunsch Franzose, da man damals erst mit Erreichen der Volljährigkeit eingebürgert wurde. Im Jahre 1898 trat er ins Geschäft des Vaters ein und betrieb eifrige Kunststudien, bevor er seinen Weg in der Welt des Kunsthandels beschritt.

„War er zärtlich, war er fröhlich, dieser Großvater, der zuerst Vater gewesen war, ein Papa, der sich nie so nennen lassen wollte und von seinen Kindern verlangte, dass sie ihn Paul nannten? Das schockierte die sanfte Marguérite Blanchot, die fünfzig Jahre lang bei meinen Großeltern beschäftigt war. Sie sagte immer: „Die Leute werden noch denken, dass Monsieur nicht der Vater der Kinder ist!“ Paul war tatsächlich ein ängstlicher und schamhafter, zurückhaltender Vater, der sich seiner geliebten Tochter eher in Briefen als in Gesprächen öffnete.“

Ein Mensch mit tausend Facetten: Anne vermutet hinter Paul einen heiteren Charakter mit fröhlichen Zügen, der andererseits eine nüchterne, asketische bis düstere gequälte Art nach außen zeigt. Er litt furchtbar darunter, nur der Vermittler und nicht der Schöpfer von Kunst zu sein. Fremde und Bekannte beschrieben Paul als feurig, elegant, tatkräftig und hartnäckig mit einem exzellenten Auge und besten Beziehungen in der feinen Gesellschaft. In Kunstkreisen galt er als „gewiefter, geschmackssicherer Kunsthändler“ mit scharfsinnigen Ratschlägen und einem top Instinkt, dessen er sich auch stets bewusst war. Ein Beispiel dafür zeigt folgende Anekdote aus Pauls Leben. Er sendete seinen Sohn nach Paris um an einer Versteigerung teilzunehmen und gab ihm folgende Anweisung, die nur auf den Katalogabbildungen der Bilder basieren:

„“Der Renoir mit der Nummer 27 ist nicht interessant. Nummer 32, der Vuillard ist wirklich ein kleines Meisterwerk. Du kannst ihn kaufen. Der Bonnard, Nummer 82, ist nicht schlecht, aber etwas früh. Bei dem Modigliani, Nummer 91, bin ich nicht sicher, ob er echt ist, und die Nummer 95, den Renoir, auf keinen Fall kaufen, das Bild ist zu bekannt, vollständig retuschiert und schon überall auf dem Markt angeboten worden.“ Für einen geschwächten alten Mann, der die Bilder lediglich in einer Broschüre sieht, sind diese Ratschläge erstaunlich scharfsinnig…“

 Der Händler Paul:

In jungen Jahren noch von einem ambivalenten Verhältnis zum Beruf der Händler geprägt, entwickelte er nach und nach eine große Leidenschaft für die moderne Malerei und begann, Bilder aus dem 19. Jahrhundert zu verkaufen, um welche aus dem 20. Jahrhundert erwerben zu können.  Besonders nach dem 2. Weltkrieg wurde er berühmt für seine Kenntnisse in diesem Bereich und begann, diese Kunst den Amerikanern nahezubringen. Er schenkte den amerikanischen Museen viele Bilder – nicht zuletzt als Dank für das Asyl, welches ihm und seiner Familie nicht zuletzt durch die Hilfe des MOMA Direktors Alfred Barr ermöglicht wurde. Bis zum Zweiten Weltkrieg galt Paul in den USA als der größte Kunsthändler Europas. Auch nach dem Krieg blieb er aktiv und kämpfte für die Wiederbeschaffung der von den Nazis geraubten Werke.

Der Politiker Paul:

Paul kämpfte von Beginn an intensiv gegen die faschistischen Ideen , die ganz Europa vergifteten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er zu einem eisernen Verfechter des kämpferischen Gaullismus und war stets empört über Ungerechtigkeiten und Ungleichbehandlungen zwischen den Menschen.

Der Künstlerfreund Paul:

Während seiner gesamten Schaffenszeit und auch darüber hinaus pflegte Paul intensive Freundschaften zu seinen Künstlern wie Braque, Matisse und insbesondere zu Picasso. Er begleitete die Künstler durch ihre Schaffensphasen, unterstütze sie großzügig und half ihnen auch nicht wenig bei der persönlichen Entwicklung. Er klammerte sich an seine Freunde in litt sehr darunter, wenn diese nicht ausreichend Zeit für ihm aufbrachten oder wenn sich die Freundschaft in andere Wege entwickelte, was diese Auszüge aus Briefen an Pic (Picasso) zeigen:

„“Es sind jetzt acht Tage, dass wir sie nicht gesehen haben. Ich bin unruhig und meine Freundschaft leidet darunter.“ […]. „Ich sehe Ihre geschlossenen Fensterläden, das ist traurig“ […]. „Ihre Bilder hängen an meinen Wänden und Ihr tägliches Kommen fehlt mir.““

Das Exil:

1940 heiß es dann endgültig Abschied nehmen von Paris und im September des Jahres kam die Familie Rosenberg in New York an. Für Paul eine schwere Zeit, vermisste er Paris, die Freunde und die Kunst so sehr. Er hatte kaum Kontakt in die Heimat und fühlte sich ohnmächtig und hilflos. 1941 eröffnete er dann eine neue Galerie in der 57. Straße, die 13 Jahre später in die 79. Straße umzog und dann mehr und mehr unter der Leitung seines Sohnes Alexandre stand, da Paul schon älter und sehr geschwächt war.

All dies sind nur Bruchstücke des Werkes, welches Anne Sinclair ihrem Großvater gewidmet hat und es ist jedem Kunstfreund nahezulegen, dieses zu lesen. Anne Sinclair entführt den Leser auf eine Reise in die Vergangenheit. In ihre Vergangenheit, in die des Großvaters – eines einzigartigen und bewundernswerten Mannes, in eine Welt der Kunst. In die Welt der Kunst, die über sachliche Beschreibungen und Bildkataloge hinausgeht. In eine greifbare Welt nämlich, in der man die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Freundschaft, Schaffenskrisen, Erfolge, die gegenseitige Unterstützung und die Gefühle nahezu spürbar vermittelt bekommt. Man taucht tief ein in diese persönliche Sphäre, die so lange verschlossen blieb und man muss fast ein wenig dankbar dafür sein, dass die Nationalität Sinclairs und ihrer Familie infrage gestellt wurde. Denn wer weiß, wäre dies nicht passiert, hätte sie sich womöglich nie auf die Reise ins Familienarchiv begeben und dieses wundervolle Werk würde nicht existieren. Für mich ein absolutes Herzensbuch, welches einen besonderen Platz behalten wird.

Danke für diesen einzigartigen Lesegenuss, lieber Verlag Antje Kunstmann!

Bildquelle Paul Rosenberg: (Quelle: http://www.art-magazin.de/asset/Image/_2013/SONSTIGES/bookmarks/PaulRosenberg/P017-01-B_ar.jpg)

Alle Zitate entstammen dem Buch und die Seitenzahlen werden nachträglich ergänzt!

Advertisements

achtung buch: bin isch freak oda was von philipp möller

Moeller_FreakRepublik_03.indd

Schon 2012 sorgte Philipp Möller mit seinem Buch „Isch geh Schulhof“ für Furore. Mit einem Augenzwinkern und viel Ernst beschreibt er darin die Erlebnisse seiner Zeit als Aushilfslehrer an einer Berliner Grundschule. Dort traf er vorrangig auf Kids aus bildungsfernen Familien, die nahezu ohne Regeln, Vorbilder und Ziele aufgewachsen sind. Doch dann kam Philipps letzter Tag an der Schule und neue Perspektiven mussten her.

Einerseits wehmütig nimmt er Abschied von der Schule, den Kids und vom Lieblingskollegen Geierchen, mit dem er einige Momente nochmals Revue passieren lässt. Auf der anderen Seite jedoch der Gedanke, doch irgendwo froh zu sein, diese Freak-Show hinter sich zu haben. Moment … hinter sich zu haben? Ein Gedanke, den Kollege Geierchen gleich zunichtemacht:

„Pass ma uff: Schule is  ‘ne Miniaturlandschaft der Jesellschaft. Und wenn de denkst, Möller, die Minifreaks war’n schon crazy – dann schau dir die Exemplare ma in Originalgröße an!“(S. 16)

Damit sind wir schon mitten in Philipp Möllers neuem Sachbuch „ Bin isch Freak oda was?! Geschichten aus einer durchgeknallten Republik.“ Darin beschäftigt sich Möller mit einer großen Frage unserer Zeit und unserer Gesellschaft:

„Leben wir also wirklich in einer Freak-Republik? Wandeln wir eher zwischen Exzentrikern, Übertreibern und Paradiesvögeln durch die sechzehn Bundesländer als zwischen kultivierten Dichtern und Denkern? Und was meint dieser Begriff eigentlich: Freak? Glücklicherweise sind die Zeiten ja vorbei, in denen siamesische Zwillinge, Frauen mit Vollbärten oder körperlich beeinträchtigte Menschen als Zwerge, Riesen oder Dreibeinige im Zelt eines Wanderzirkus ausgestellt wurden. Wohin hat sich dieser Begriff also entwickelt? Was bedeutet es inzwischen, ein Freak zu sein?“(S. 27)

Los geht nun die Reise durch die Republik. Vom Termin beim Arbeitsamt – 12 Monate Zeit bleiben, um einen neuen Job zu finden, bevor die HartzIV-Falle zuschnappt – hinein in den ersten Familienurlaub mit Sarah und klein Klara in Kroatien. Endlich Idylle und Ruhe! Oder auch nicht, denn die erste Kategorie Freak lässt nicht lange auf sich warten: der Raser. Kein Tempolimit kann ihn halten und jedes Risiko ist sein Freund. Nur leider nimmt er auch keine Rücksicht auf seine Mitmenschen, sondern rast im vollsten Bewusstsein der Gefahr, die er darstellt, über die Autobahnen und scheint noch nie etwas von einer Straßenverkehrsordnung gehört zu haben. Mit Überschreitung der kroatischen Landesgrenze wurden die Freaks jedoch nicht in der „Freak-Republik“ zurückgelassen, sondern tauchten scharenweise auch im Urlaub auf: Wir treffen auf stereotype Landsmänner, die wirklich jedes Klischee erfüllen und auch auf Vertreter des Chantalismus – wir erinnern uns: Kinder aus bildungsfernen Familien, die mit besonders exotischen Namen ausgestattet wurden. Auch eine Sonderform dessen begegnet uns: die Akademikerfamilie. Diese Gattung neigt zur antiautoritären Erziehung und bedient sich vorrangig am skandinavischen Namensfundus.

Zurück in der Heimat, also zurück in der Freak-Republik: Im rasanten Tempo geht es weiter durch den nicht so alltäglichen Alltag im Leben Philipp Möllers. Eine neue Arbeit im Callcenter wurde ihm vermittelt. Zwar nicht gerade das, wovon er träumte, aber immerhin eine Basis, von der aus man sich besser umschauen kann. Neben der Arbeit begleiten wir Philipp durch sein Privatleben und seine Freizeit: Vom homöopathiebegeisterten Rockabillypärchen über Esoteriker mit wuchernden Preisen und zweifelhaften Erfolgen, über die Begegnung mit patriotischen Burschenschaftlern bis hin zur veganen ehemaligen Arbeitskollegin treffen wir dabei auf eine ganze Reihe besonderer Kategorien von Menschen, die uns der Autor auf gewohnt humorvolle Weise präsentiert, bevor das letzte große Kapitel – Glaube und Religion – einsetzt. Ein Thema, in dem ich der Denkweise des Humanisten Möllers absolut zustimme! Welten treffen nun aufeinander! Gläubige vs. Atheisten in einer Diskussionsrunde, an der er durch einen Zufall teilnehmen kann. Ein Zufall, der sein weiteres Leben verändern wird.

Mit „Bin isch Freak oda was?!“ ist Philipp Möller erneut ein absolutes Meisterwerk gelungen. Genau wie in seinem ersten Buch „Isch geh Schulhof“ gelingt es ihm, die Erlebnisse auf eine derartig einmalige Weise zu schildern, dass man das Buch gar nicht mehr beiseitelegen mag. Ich hatte es schon nach zwei Tagen komplett gelesen. Der Schreibstil ist gewohnt humorvoll und mit einem Augenzwinkern versehen, wobei die Ernsthaftigkeit der Themen aber nicht an Sachlichkeit verliert. Ein jeder von uns kann sich sicher genau in den Autor versetzen und hat beim Zusammentreffen mit manch einem Menschen schon insgeheim gedacht: „Boah, was für’n Freak.“

Auch diverse Trends der Zeit werden präsentiert, wie eben die vegane Kollegin oder das homöopathiebegeisterte Pärchen. Dies sind genau die Dinge, die unsere Gesellschaft seit 1-2 Jahren prägen. In meinem eigenen Freundeskreis gibt es sie: die Homöopathen, die auf einmal die Haare nur noch mit Vulkanerde waschen und die Zähne mit Schlämmkreide putzen; die Hipster mit einem Faible für veganes Essen, Club-Mate und den Retrolook; die Künstler – junge Freigeister voller Toleranz für alles und dauerpositivem Denken bis hin zur tiefen Melancholie oder eben die Rockabillys und Rockabellas, die mit viel Tinte unter der Haut und schicken Petticoats ihr Leben back to the 50’s bringen. Alles liebevolle Charaktere, liebenswerte „Freaks“, die unsere Gesellschaft hervorgebracht hat und die unser aller Leben etwas bunter machen. Und denken wir doch auch an die ganzen technikbegeisterten Computerfreaks, ohne die so manch wichtiges Dokument, die Abschlussarbeit oder gar der gesamte PC zum Tode verurteilt wäre. Seien wir froh, dass wir nicht in einer sterilen Welt voller uniformer Menschen , sondern in einer bunten Gesellschaft voller verschiedener Typen leben, die sich stetig verändert und immer neue Trends und Freakigkeiten hervorbringt. Und mal ganz ehrlich: Sind wir nicht alle ein wenig Freak?!

„„Ick sachet ja“, wiederholt Geierchen auf der Treppe zur U-Bahn. „Dit janze Land is voller Freaks – und weil in Berlin die meisten rumspringen, sinn wa och Hauptstadt jeworden.““ (S. 17)

In diesem Sinne ein riesen Dank für den Ausflug durch unsere durchgeknallte Republik, lieber Philipp, und satte 5 von 5 Punkten mit extra Sternchen für Dein neues Buch!!!

Mehr zum Buch auf der Seite des Bastei Lübbe Verlags

achtung hörbuch: totensonntag von andreas föhr

9783426213612

 

Totensonntag ist der fünfte Roman aus der Serie um die Kommissare Wallner und Kreuthner. Eigentlich müsste er jedoch an erster Stelle stehen, beschreibt er doch den ersten Fall Wallners, der im Jahr 1992 noch ein frischgebackener Kriminalkommissar war.

Wallner begleitet Kreuthner zu einem Besäufnis auf eine Berghütte, wo beide mitten in eine Geiselnahme geraten. vom Geiselnehmer Nissel erfahren die Kommissare von einer tragischen Geschichte, die sich in der Zeit des zweiten Weltkriegs abgespielt hat und die Kreuthner die heiße Spur zu seiner ersten selbst entdeckten Leiche – einem Frauenskelett in einem verzierten Sarg mit einem Einschussloch im Kopf – liefert.

Im weiteren Verlauf des Buches gliedert sich die Handlung in zwei Ebenen: Zum einen bleiben wir im Jahr 1992 und begleiten die Kommissare bei ihren Ermittlungen und zum anderen begeben wir uns auf eine Reise ins Jahr 1945, wo wir über die Geschehnisse während des Kriegs informiert werden.

Dabei steht Frieda, eine Gefangene des KZ Dachau, im Zentrum, die den SS-Mann Kieling kennt und beim Zusammentreffen kurz vor Kriegsende hofft, dass er sie nicht erkennt und ihr Leben somit verschont bliebe. Eine Fülle von Ereignissen folgt im Wechsel mit den aktuellen Ermittlungen. Ereignisse, die berühren, verwundern, dem Leser nahegehen. Eine beeindruckende Leistung des Autors, diese Geschehnisse so real und plastisch dazustellen, die beim Anhören große Gefühle beim Hörer erzeugen. Man fühlte sich direkt in die Zeit zurückversetzt und konnte die Ängste der Menschen und die Hoffnung auf baldige Rettung durch die Amerikaner fast körperlich spüren. Genauso deutlich  zeigt er dem Leser das Verhalten der Nazis in Oberbayern, die begeisterten Kids, die unbedingt mitmachen wollen und zu Mitläufern werden, andere die gezwungen wurden, der Bewegung zu folgen  und die Bürger, die die Augen vor den Gräueltaten um sich herum verschließen.

Anders als im Jahr 1992: Hier begleiten wir, wie gesagt, die Kommissare bei ihren Ermittlungen im Fall der Frauenleiche. Mit zum Teil sehr unkonventionellen, gar tollpatschigen und unbeholfenen Methoden schreiten die Kommissare stellenweise zur Tat, sodass ein glaubwürdiges Bild der Staatsmänner in manchen Szenen kaum möglich ist. Allerdings störte mich das größtenteils nicht unbedingt, konnte ich mich doch so stellenweise vor Lachen nicht mehr halten.

~

Insgesamt ist Andreas Föhr mit seinem Krimi ein tolles Werk gelungen. Eine perfekte Mischung aus Ernst, Humor, Lokalkolorit und Geschichte, die den Leser bis zuletzt fesselt. Die Handlung lässt auch keinerlei Wünsche offen, strotzt sie doch vor Spannung und unvorhersehbaren Wendungen bis zum Ende. Da dies mein erster Krimi des Autors und der Serie ist, bleibt mir an dieser Stelle nur ein kleiner Wunsch nach mehr Authentizität der Kommissare, die in ihrer derzeitigen Verfassung wohl eher kurz vor der Suspendierung als vorm Erfolg stehen dürften (*spoil* siehe bekiffte Staatsanwältin oder einen Kommissar, der sich an der Asservatenkammer bedient und mit dem dort gefundenen Sprengstoff fast ein Haus in die Luft jagt). Dennoch sind die Charaktere wunderbar geformt und liebevoll gestaltet, was dann irgendwo wieder ein uriges Gefühl vermittelt. Ach, ich mag sie alle und auch die Handlung und ich will mehr davon lesen und schauen, wie sie sich alle entwickeln.

~

Noch ein kleiner Nachtrag: Habe dieses Buch im Rahmen einer Lovelybooks-Leserunde als Hörbuch genießen dürfen und muss an dieser Stelle noch ein großes Lob an den Sprecher Michael Schwarzmaier aussprechen. Der bekannte Film- und Theaterschauspieler macht aus dem Hörbuch viel eher ein Hörspiel. Jeder Charakter bekommt eine eigene Stimme oder einen eigenen Dialekt verpasst. Einfach nur klasse und ein wahrer Hörgenuss!!

Insgesamt: 5 von 5 Sternchen

 

 

achtung buch: auf sendung von beate baum

9783954002221

Wir befinden uns in Erfurt im Jahr 1991. Die Wende liegt noch nicht lange zurück und vieles befindet sich noch im Umbruch oder im Aufbau. So auch die neu entstehende Medienlandschaft. Mitten drin: Kirsten Bertram, Redakteurin, die ihre Chance ergreift und einen Job im neu entstandenen „Tageskurier“ annimmt. Ein Job, der aufregend und abwechslungsreich auf einmal ist.

Genau wie auch ihr Privatleben: Die Suche nach einer schönen Wohnung scheint aussichtslos, sodass die junge Frau in einer typischen 1-Raum Studentenbude in einem der bekannten Hochhäuser unterkommt, was an sich nicht so schlimm ist, da sie die meiste Zeit bei ihrem neuen Freund, dem Privatdetektiv Dale Ingram, zubringt. Jedoch haben wir hier auch schon Problem Nummer 2: Kirstens ExAndreas. Andreas ist leider nicht nur Ex, sondern auch Arbeitskollege von Kirsten, der mit der Trennung so gar nicht klarzukommen scheint. Er lebt in seiner Welt voller Trennungsschmerz, exzessivem Alkoholkonsum und Schludrigkeit.

Ein Glück, dass es einen spannenden neuen Fall gibt, den die Reporter untersuchen wollen: Junge Frauen verschwinden spurlos, nachdem sie an einer freizügigen Sendung des privaten Senders PLT teilgenommen haben. Die Chefetage besteht darauf, dass Andreas am Fall dran bleibt – eine gute Entscheidung, da er sich so aus seinem Loch befreien kann. Zumindest teilweise. Bald schon gibt es eine heiße Spur, der Andreas im Alleingang nachgeht – mit fatalen Folgen. Der Mitarbeiter von PLT, der ihn kontaktiert hat, wurde umgebracht und Andreas wird zum Hauptverdächtigen.

Kann es Kirsten gelingen, den Kollegen mithilfe von Dale aus dieser misslichen Lage befreien und wird es dem Team gelingen, den Fall zu lösen?

Beate Baum ist mit ihrem Roman „Auf Sendung“ ein spritziger Krimi gelungen. Eine gute Portion Lokalkolorit, ein Spritzer Humor und eine große Dosis Nachwendefeeling machen das Lesen zu einem munteren Vergnügen.

Was die Handlung betrifft, bleibt der Mordfall an mancher Stelle hinter den privaten Turbulenzen und den persönlichen Befindlichkeiten der Protagonisten zurück, was ich aber nicht so dramatisch finde, wenn man das Buch unter dem Aspekt betrachtet, dass es die Geschichte erzählt, wie das ungleiche Trio zusammenfand und in den Folgeromanen erfolgreich zusammenarbeiten kann. Insofern ist es sogar ein Muss, dass die Charaktere so detailliert gezeichnet werden und ihr Weg ausführlich beschrieben wird.

Anders sieht es mit dem Ausgang der Geschichte aus: Begann alles vielversprechend und spannend mit dem Verschwinden der jungen Damen, wird das Ende einfach zu offen gelassen. Als ich das Buch fertig gelesen hatte, habe ich wirklich nochmals zurückgeblättert, da ich dachte, ich hätte etwas überblättert oder verpasst. Sehr schade! Insgesamt aber dennoch eine top Handlung und ein gut gezeichneter Plot, wenn man sich nicht auf den Krimiaspekt versteift!

Ich werde auf jeden Fall die anderen Romane von Beate Baum lesen, da mir ihr Stil sehr gut gefällt und wer weiß, vielleicht schließt ja einer direkt an die in „Auf Sendung“ so abrupt endende Handlung an. Dann würden aus den 4 Sternen, die ich aufgrund des mangelnden Endes vergebe, noch 5 werden!