achtung buch: bin isch freak oda was von philipp möller

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Schon 2012 sorgte Philipp Möller mit seinem Buch „Isch geh Schulhof“ für Furore. Mit einem Augenzwinkern und viel Ernst beschreibt er darin die Erlebnisse seiner Zeit als Aushilfslehrer an einer Berliner Grundschule. Dort traf er vorrangig auf Kids aus bildungsfernen Familien, die nahezu ohne Regeln, Vorbilder und Ziele aufgewachsen sind. Doch dann kam Philipps letzter Tag an der Schule und neue Perspektiven mussten her.

Einerseits wehmütig nimmt er Abschied von der Schule, den Kids und vom Lieblingskollegen Geierchen, mit dem er einige Momente nochmals Revue passieren lässt. Auf der anderen Seite jedoch der Gedanke, doch irgendwo froh zu sein, diese Freak-Show hinter sich zu haben. Moment … hinter sich zu haben? Ein Gedanke, den Kollege Geierchen gleich zunichtemacht:

„Pass ma uff: Schule is  ‘ne Miniaturlandschaft der Jesellschaft. Und wenn de denkst, Möller, die Minifreaks war’n schon crazy – dann schau dir die Exemplare ma in Originalgröße an!“(S. 16)

Damit sind wir schon mitten in Philipp Möllers neuem Sachbuch „ Bin isch Freak oda was?! Geschichten aus einer durchgeknallten Republik.“ Darin beschäftigt sich Möller mit einer großen Frage unserer Zeit und unserer Gesellschaft:

„Leben wir also wirklich in einer Freak-Republik? Wandeln wir eher zwischen Exzentrikern, Übertreibern und Paradiesvögeln durch die sechzehn Bundesländer als zwischen kultivierten Dichtern und Denkern? Und was meint dieser Begriff eigentlich: Freak? Glücklicherweise sind die Zeiten ja vorbei, in denen siamesische Zwillinge, Frauen mit Vollbärten oder körperlich beeinträchtigte Menschen als Zwerge, Riesen oder Dreibeinige im Zelt eines Wanderzirkus ausgestellt wurden. Wohin hat sich dieser Begriff also entwickelt? Was bedeutet es inzwischen, ein Freak zu sein?“(S. 27)

Los geht nun die Reise durch die Republik. Vom Termin beim Arbeitsamt – 12 Monate Zeit bleiben, um einen neuen Job zu finden, bevor die HartzIV-Falle zuschnappt – hinein in den ersten Familienurlaub mit Sarah und klein Klara in Kroatien. Endlich Idylle und Ruhe! Oder auch nicht, denn die erste Kategorie Freak lässt nicht lange auf sich warten: der Raser. Kein Tempolimit kann ihn halten und jedes Risiko ist sein Freund. Nur leider nimmt er auch keine Rücksicht auf seine Mitmenschen, sondern rast im vollsten Bewusstsein der Gefahr, die er darstellt, über die Autobahnen und scheint noch nie etwas von einer Straßenverkehrsordnung gehört zu haben. Mit Überschreitung der kroatischen Landesgrenze wurden die Freaks jedoch nicht in der „Freak-Republik“ zurückgelassen, sondern tauchten scharenweise auch im Urlaub auf: Wir treffen auf stereotype Landsmänner, die wirklich jedes Klischee erfüllen und auch auf Vertreter des Chantalismus – wir erinnern uns: Kinder aus bildungsfernen Familien, die mit besonders exotischen Namen ausgestattet wurden. Auch eine Sonderform dessen begegnet uns: die Akademikerfamilie. Diese Gattung neigt zur antiautoritären Erziehung und bedient sich vorrangig am skandinavischen Namensfundus.

Zurück in der Heimat, also zurück in der Freak-Republik: Im rasanten Tempo geht es weiter durch den nicht so alltäglichen Alltag im Leben Philipp Möllers. Eine neue Arbeit im Callcenter wurde ihm vermittelt. Zwar nicht gerade das, wovon er träumte, aber immerhin eine Basis, von der aus man sich besser umschauen kann. Neben der Arbeit begleiten wir Philipp durch sein Privatleben und seine Freizeit: Vom homöopathiebegeisterten Rockabillypärchen über Esoteriker mit wuchernden Preisen und zweifelhaften Erfolgen, über die Begegnung mit patriotischen Burschenschaftlern bis hin zur veganen ehemaligen Arbeitskollegin treffen wir dabei auf eine ganze Reihe besonderer Kategorien von Menschen, die uns der Autor auf gewohnt humorvolle Weise präsentiert, bevor das letzte große Kapitel – Glaube und Religion – einsetzt. Ein Thema, in dem ich der Denkweise des Humanisten Möllers absolut zustimme! Welten treffen nun aufeinander! Gläubige vs. Atheisten in einer Diskussionsrunde, an der er durch einen Zufall teilnehmen kann. Ein Zufall, der sein weiteres Leben verändern wird.

Mit „Bin isch Freak oda was?!“ ist Philipp Möller erneut ein absolutes Meisterwerk gelungen. Genau wie in seinem ersten Buch „Isch geh Schulhof“ gelingt es ihm, die Erlebnisse auf eine derartig einmalige Weise zu schildern, dass man das Buch gar nicht mehr beiseitelegen mag. Ich hatte es schon nach zwei Tagen komplett gelesen. Der Schreibstil ist gewohnt humorvoll und mit einem Augenzwinkern versehen, wobei die Ernsthaftigkeit der Themen aber nicht an Sachlichkeit verliert. Ein jeder von uns kann sich sicher genau in den Autor versetzen und hat beim Zusammentreffen mit manch einem Menschen schon insgeheim gedacht: „Boah, was für’n Freak.“

Auch diverse Trends der Zeit werden präsentiert, wie eben die vegane Kollegin oder das homöopathiebegeisterte Pärchen. Dies sind genau die Dinge, die unsere Gesellschaft seit 1-2 Jahren prägen. In meinem eigenen Freundeskreis gibt es sie: die Homöopathen, die auf einmal die Haare nur noch mit Vulkanerde waschen und die Zähne mit Schlämmkreide putzen; die Hipster mit einem Faible für veganes Essen, Club-Mate und den Retrolook; die Künstler – junge Freigeister voller Toleranz für alles und dauerpositivem Denken bis hin zur tiefen Melancholie oder eben die Rockabillys und Rockabellas, die mit viel Tinte unter der Haut und schicken Petticoats ihr Leben back to the 50’s bringen. Alles liebevolle Charaktere, liebenswerte „Freaks“, die unsere Gesellschaft hervorgebracht hat und die unser aller Leben etwas bunter machen. Und denken wir doch auch an die ganzen technikbegeisterten Computerfreaks, ohne die so manch wichtiges Dokument, die Abschlussarbeit oder gar der gesamte PC zum Tode verurteilt wäre. Seien wir froh, dass wir nicht in einer sterilen Welt voller uniformer Menschen , sondern in einer bunten Gesellschaft voller verschiedener Typen leben, die sich stetig verändert und immer neue Trends und Freakigkeiten hervorbringt. Und mal ganz ehrlich: Sind wir nicht alle ein wenig Freak?!

„„Ick sachet ja“, wiederholt Geierchen auf der Treppe zur U-Bahn. „Dit janze Land is voller Freaks – und weil in Berlin die meisten rumspringen, sinn wa och Hauptstadt jeworden.““ (S. 17)

In diesem Sinne ein riesen Dank für den Ausflug durch unsere durchgeknallte Republik, lieber Philipp, und satte 5 von 5 Punkten mit extra Sternchen für Dein neues Buch!!!

Mehr zum Buch auf der Seite des Bastei Lübbe Verlags

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2 Kommentare zu “achtung buch: bin isch freak oda was von philipp möller

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