achtung interview: im gespräch mit philipp möller

Liebe Leser,

es gibt doch nichts schöneres als den direkten Kontakt zu den Autoren der Bücher, die man gelesen hat und sehr mag! Umso mehr freut es mich, Euch heute ein „kurzes“ Interview mit Philipp Möller, dem Autor von „Isch geh Schulhof“ und „Bin isch Freak oda was“ präsentieren zu können! 6 Fragen, 6 sehr ausführliche Antworten! Dafür nochmal ein besonders herzlicher Dank an Dich, lieber Philipp!! 🙂

Los gehts….

1) In Deinem Sachbuch „Bin isch Freak oda was“ triffst Du auf verschiedenste Gruppen von Freaks. Welche war Dir davon am Liebsten? Bzw. welche Begegnung war die prägendste für Dich?

Puh, so eine schwere Frage gleich zu Beginn! Irgendwie habe ich all den durchgeknallten Damen und Herren etwas abgewonnen – und sei es eine gewisse Dankbarkeit dafür, zum Beispiel eine Freakshow wie die der Burschenschaftler live und in Farbe miterleben zu können. Das war einfach so bizarr, dass es mich (in Kombination mit dem Bier) sogar meine ausgeprägte Antipathie hat vergessen lassen. Für einen Abend, wohlbemerkt! Der vielleicht sympathischste Freak, den ich im Buch beschreibe, ist sicherlich Andy, mein ehemaliger Gitarrenlehrer. Insgesamt mag ich Typen, die diese Begeisterungsfähigkeit versprühen. Auf der anderen Seite haben es auch nicht umsonst die „Religioten“ (wie Michael Schmidt-Salomon sie nennt) geschafft, das Finale meines Buches darzustellen. Dieser Gipfel der Absurdität, der Mount Everest des Aberglaubens ringt mir bis heute das breiteste ungläubige Lächeln ab. Und trotz all der plausiblen sozio-psychologischen Erklärungsmodelle für die Entstehung religiöser Überzeugungen will es einfach nicht in meinen Kopf rein: Wie kann ein erwachsener Mensch diesen ausgemachten Unsinn mit der Realität verwechseln?! Mind-Blowing, wie der Engländer sagen würde.

2) Würdest Du Dich selbst als Freak bezeichnen und hast Du selbst eine freakige Angewohnheit?

Klar doch! Das fängt schon beim Frühstück an: Wenn meine Frau auch nur nach dem Brotmesser schaut setze ich schon zum Hechtsprung durch die Küche an – Brotschneiden ist mein Job, da kenn ich nichts! Denn bei schief geschnittenem Brot krieg ich genauso die absolute Oberkrise wie bei Schlabbersocken oder Filterkaffee mit Kaffeweißer – grausam! So richtig in Fahrt komme ich allerdings erst, wenn ich mit TV-Sendeformaten wie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“, „DSDS“ oder „Wetten, dass?“ konfrontiert werde. Da kann ich mich so richtig schön reinsteigern, da nehme ich (ob dieser himmelschreienden Glotzengrütze) kein einziges Blatt vor den Mund! Wenn dieser hirnzersetzende Schwachsinn dann auch noch mit Werbespots garniert wird, muss ich umgehend das Zimmer verlassen, um mithilfe eines mehrminütigen Mantras wieder auf Ruhepuls zu kommen. (Boah, schon beim Schreiben darüber werd ich wütend!) Mein Musikgeschmack (Progressive-Rock und -Metal), meine Ernährungsform (Flexiganer: meist vegan, gelegentlich vegetarisch), meine grenzenlose Hingabe zum Skeptizismus und zur Erbsenzählerei sowie mein täglich stattfindender, unablässlicher Laberflash runden mein Freak-Profil schließlich ab. Ach ja: unverbesserliche Heulsuse bin ich auch noch, dazu ein bisschen eitel – aber solange man mich nicht mit Fernsehen oder Radio stresst, scheint mir grundsätzlich die Sonne aus den Ohren. Ein typischer Dialog, der morgens in meiner Bürogemeinschaft stattfindet, könnte so klingen:

Philipp (strahlt, lässt die Tür hinter sich zuknallen und ruft in den Raum): „Einen wunderschönen guten Morgen allerseits!“

Die anderen (schauen sich aus dem Augenwinkel an, schütteln die Köpfe): „Alter, musst du morgens immer so eine beschissen gute Laune haben?!“

3) Ich lebe in Dresden, wo es auch einige studentische Verbindungen gibt und war durch Freunde auch schon ein paar Mal in deren Haus. Was denkst Du, worin für junge Menschen der Anreiz liegt, sich einer solchen Verbindung anzuschließen?

Vorsicht: dünnes Eis, das unter dem Gewicht der hässlichen Verallgemeinerung zu brechen droht! Daher ein kleiner Satz am Anfang, der (sollte ich hier je zitiert werden) befürchtlich unter den Tisch fallen gelassen wird: Es gibt sicherlich auch in Burschenschaften, studentischen Verbindungen oder sonstigen frauenfreien und elitären Vereinen ganz vernünftige Typen oder gar Gruppierungen.

Kleiner Einwurf meinerseits: Natürlich gibt es diese, sonst wäre ich dort nicht ausgesprochen gern! 🙂 Drum hier ein lieber Gruß an die Jungs (sollten sie das lesen)! Es ist immer schön, bei Euch zu Gast zu sein und mit Euch zu feiern!

So. Wie war deine Frage doch gleich? Ach ja, die Motive … Diese dürften (ohne hier eine auch nur im Ansatz seriöse soziologische Analyse vorzunehmen) sehr unterschiedlich sein: Ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das, wie bei Religion auch, umso stärker wird, je höher das Opfer ist, das der Einzelne bringen muss, um dazuzugehören (Schmiss, Alkoholexzesse, etc.); eine wie auch immer motivierte Abneigung gegenüber allen, die aus diesen Zirkeln ausgeschlossen werden: Frauen, Schwule, Nicht-Deutsche; der ganz simple Wunsch nach einer bezahlbaren Unterkunft, die vor allem in Großstädten für Studis immer schwerer zu finden sind; in erster Linie ist es meines Erachtens jedoch der ebenfalls extrem simple und nachvollziehbare Wunsch, über andere Burschen und alte Herren an hoch dotierte Positionen in Wirtschaft und / oder Politik zu gelangen: Elitarismus at it’s best (um mich hier erneut der sehr pointierten englischen Sprache zu bedienen, was in Burschenschaften bzw. studentischen Verbindungen natürlich äußerst ungern gehört wird!)

4) In anderen Interviews berichtetest Du von Deinen Erlebnissen auf der Esoterikmesse (*grins* – eine meiner Lieblingsepisoden). Wie erklärst Du Dir den Erfolg und den wachsenden Hype um diese teilweise doch sehr wunderlichen Dinge?

Kommerzielle Anbieter von esoterischen und spirituellen Produkten und Dienstleistungen arbeiten mit dem Unwissen, der daraus resultierenden Leichtgläubigkeit, vor allem aber mit der Rat- und Hilflosigkeit ihrer Kunden. Der gravierende Unterschied zum Monotheismus liegt allerdings im Wohlfühlfaktor. Oder um es etwas greifbarer zu formulieren: Warum sollte ich mich zu einem verbitterten alten Mann in den Beichtstuhl setzen, um ganz menschliche Verhaltensweisen als schwere Sünden zu beichten, wenn die Alternative dazu in einer attraktiven und sympathischen Dame besteht (kein Gendershit, nur Statistik!), die sich zuerst all meine Sorgen anhört, dann meine Aura fotografiert und mir schließlich erzählt, dass ich im Leben alles schaffen kann – wenn ich nur an meinem Karma arbeite?! Esoterik ist bunt und geheimnisvoll, sie vermischt (auf teilweise recht geschickte Weise) rigorosen Quatsch mit der Realität, verspricht die dollsten Dinge und bietet einsamen, ratlosen oder vielleicht auch enttäuschten und gescheiterten Menschen die Möglichkeit, sich ein Stück weit der Realität zu entziehen – oft also eine Win-Win-Situation für Verkäufer und Käufer. Die große Gefahr der Esoterik liegt meines Erachtens aber in der Überschätzung der dort angebotenen „Heil“praktiken: Wer im Falle einer Krankheit zugunsten der Scharlatanerie auf nachweislich wirksame Therapien verzichtet, wird früher oder später ein böses Erwachen erleben – oder gar kein Erwachen mehr! So wie die zwölf Patienten des selbst ernannten Berliner Heilers Garri R., die von ihm 2009 auf eine „spirituelle Reise“ geschickt wurden. Die Flugtickets lauteten Speed und Ecstasy – intravenös! -, zwei von ihnen kehrten nie wieder zurück.

5) Hast Du schon ein neues Projekt ins Auge gefasst und wenn ja, wird dieses zum Stil der ersten beiden Bücher passen oder in eine andere Richtung gehen?

Ja, mein drittes Buch ist bereits in Arbeit und wird sich stilistisch an den ersten beiden orientieren. Allzu viel kann ich dazu noch nicht verlauten lassen, aber eines sei hier schon verraten: Es wird eine Auseinandersetzung mit der aberwitzigen Entwicklung der deutschen Sprache, es wird ein Einblick in die sprachliche Gefahrenzone, wie ich es mal nennen möchte, und wieder ein „echter Möller“: eine humorvolle und möglichst unterhaltsame Betrachtung eines gesellschaftlich relevanten Themas.

6) Ein Ratschlag für die Leserfreaks unter uns?

 Mein Vater sagt gern, auch Ratschläge seien Schläge, und in diesem Sinne bin ich damit eher zurückhaltend – schließlich muss jeder Mensch seine eigenen Erfahrungen machen. Aber: wer gern liest, wer sich an literarischen Höchstleistungen erfreut, wer dazu noch Spaß am Außergewöhnlichen hat, dem möchte ich die Bücher eines Mannes ans Herzen legen, der nicht nur selbst Freak, sondern zweifelsfrei einer der besten Schreiber unserer Zeit ist: Andreas Altmann. Um den Zustand dieses Mannes (der übrigens unser neuester Zugang im Beirat der Giordano Bruno Stiftung ist – hurra!) zu verstehen, sollte mit dem „Scheißleben meines Vaters, dem Scheißleben meiner Mutter und meiner eigenen Scheißjugend“ (PIPER) beginnen und sich dann „dies beschissen schöne Leben“ (ebd.) zu Gemüte führen. Seine Sprache macht sofort süchtig, seine Geschichten erst recht. Und wer mich und ihn bei einem Telefoninterview belauschen möchte, kann dies hier tun:

 http://podcast.hpd.de/2011/hpd-2011-08.mp3

Viel Spaß dabei!

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