achtung buch: gretchen von einzlkind

Einzlkind+Gretchen

Darf ich vorstellen: Margarete alias Gretchen alias „Frau Intendantin“ Morgenthau – Protagonistin dieses einzigartigen Romans aus der Feder des Autors oder der Autorin Einzlkind.

Doch wer ist Gretchen Morgenthau? Nicht mehr ganz taufrisch mit knapp 75 Jahren, aber noch immer mehr als rüstig und bestimmt, mischt die gebürtige Wienerin ihre neue Wahlheimat London auf. Aufgewachsen mit den Brettern, die die Welt bedeuten, arbeitete sie viele Jahre als Regisseurin und ist noch heute ganz die Theaterprinzipalin der alten Schule. Die Karriere hatte sie jedoch schon lange hinter sich gelassen und steht nun vor einer ganz anderen Herausforderung: Sie ist Angeklagte in einer Gerichtsverhandlung. Zuvor müssen natürlich noch die wichtigen Dinge des Lebens erledigt werden: Die allgegenwärtige Kleiderfrage muss geklärt werden, denn:

„ Ihr fiel auf, dass sie gar nichts zum Anziehen hatte. Armut, so dachte sie, müsse man sich leisten können, ein zu teures Vergnügen, als dass sie je die Muße dafür gehabt hätte. Uns so war es auch nicht das Wenige, sondern das Viele, das ihr Kopfzerbrechen bereitete. Für die Verhandlung musste etwas dezent Autoritäres her, eine Mischung aus Eleganz und Überheblichkeit, auf jeden Fall nicht ganz so verspielt, wie sie es sonst bisweilen wagte.“ (S. 10)

Ja, Gretchen ist wahrlich eine Dame von Welt! Zumindest teilweise, verfügt sie doch auf der anderen Seite auch über eine gesunde Portion makabersten Humors, Scharfzüngigkeit und Biss, die sie ihrer Umwelt auch nur seltenst vorenthält. So wird ein Apfelkuchen mit Rosinen fast zum Staatsskandal erhoben.

„Gretchen Morgenthau blickte von ihrem Apfelkuchen auf und sah Fine voller Finsternis an, als habe diese ihr geraten, die Rosinen einfach beiseitezulegen. Mit der Gabel? Und sich vielleicht noch dafür entschuldigen, dass sie Rosinen verachtet, entschuldigen dafür, dass es im Leben wohl kaum eine größere Plage gibt als Rosinen?“ (S. 46)

Doch wie kam es nun zur eigentlichen Verhandlung? Gretchen nahm immer Mittwochs am „Salon der Debütanten“ teil, hatte das eine oder andere Gläschen getrunken und sich mit dem Auto auf den Heimweg gemacht. Während der Fahrt geriet sie in eine Polizeikontrolle (1,4 Promille! – Ein Ding der Unmöglichkeit!), die in einem Disput und einem zerstörten Polizeiauto endete. Auch die Amnesie, auf die sich unser Gretchen beruft, hilft ihr nicht, einer Strafe zu entgehen. Doch wie bestraft man eine Frau Intendantin gebührend?

„Gretchen Morgenthau liebäugelte mit der Todesstrafe, die sie ja nur vom Hörensagen kannte und die sicherlich eine hübsche Erfahrung, mal was anderes wäre. Selbst hinter Gitter hatte sie es bisher noch nicht geschafft, eine Schande für eine Gesetzlose ihres Kalibers. Das Gefängnis war ja einer der letzten mythischen Orte überhaupt, auch der Hygiene wegen.“ (S. 83)

Aus diesen Überlegungen wurde jedoch nichts, hatte das hohe Gericht doch ganz andere Pläne: Gretchen sollte nach Gwynfaer, eine kleine Insel in der Nähe von Island, reisen und dort mit den Bewohnern ein Theaterstück proben und aufführen.

Gretchen dazu:
„Ich, Gretchen Morgenthau, werde ganz gewiss nicht auf diese Gwynirgendwasinsel fahren und mit lieben, netten Dorfbewohnern ein Theaterstück aufführen. Man hat mir eine Professur am Salzburger Mozarteum angeboten. Dort hätte ich begabte und von Ehrgeiz betrunkene junge Menschen unterrichten können. Aber ich habe abgelehnt. Zu glauben, ich würde stattdessen inzestuöse und unterbelichtete Insulaner mit der Hochkultur vertraut machen, grenzt an infantile Schwindsucht.“ (S.86)

Doch es nützt alles nichts und Gretchen muss auf die Insel. Wie es ihr dort ergeht und ob und was sie inszenieren wird, lasst Euch überraschen!

Puh, was für ein grandioses Kunstwerk, dass der/die liebe Einzlkind mit Gretchen geschaffen hat! Betrachten wir zunächst die Handlung, die sich auf den ersten Blick als ziemlich einfach entpuppt: eine alternde Dame von nahezu divenhaftem Verhalten, die betrunken Auto fährt und zur Strafe auf eine kleine Insel geschickt wird, um dort das Einzige zu tun, was sie richtig gut beherrscht: Theater machen, anstatt mit Profis aber mit Laien. Ein Handlungsstrang, der als roter Faden auch absolut ausreichend ist, füllt ihn Einzlkind doch mit tausend kleinen liebevollen Details, die die Fantasie des Lesers anregen und ein wahres Feuerwerk von Bildern während des Lesens entstehen lassen.

Die Figuren – der absolute Wahnsinn! Gretchen, was für eine Diva! Voller Anmut schreitet sie daher. Verachtungsvoll, bissig, versnobt, trinkfest, furchterregend, schlau mit einem Kleiderschrank, den die weltgrößten Designer bestückt haben, erinnerte sie mich beim Lesen sofort an Miranda Priestley (Der Teufel trägt Prada). Doch tief im Inneren, unter der harten Schale steckt ein liebevolles Wesen, welches man im Laufe des Buches Stück für Stück kennenlernt, ohne dass sie sich selbst die Blöße geben würde, offen ihre Gefühle zur Schau zu tragen. Das gehört sich für eine Frau Intendantin nicht. Auch die Insulaner sind ein tolles Völkchen. Voll Liebe zum Detail zeichnet Einzlkind jeden einzelnen Charakter. Sei es der junge Kjell, der unter dem Verlust des Großvaters leidet, seinen Platz im Leben sucht und zum persönlichen Assistenten von Gretchen ernannt wird – eine Verbindung, von der beide sehr profitieren können, kann doch manchmal auch Alt von Jung etwas lernen, Tule, der im Inneren schon immer wusste, dass er für die Regie und das Theater geschaffen ist, Tuva, schroff nach außen und im Inneren ein riesen Herz, die noch dazu den besten Apfelkuchen ganz ohne Rosinen zu verbacken mag und all die anderen Figuren, die einem sofort ans Herz wachsen!

Die Sprache: Sie ist das Herzstück des Romans. Schon zu Beginn der Rezension wird Euch aufgefallen sein, dass ich diesmal ungewöhnlich viele Zitate eingebaut habe! Ja, denn eigentlich könnte man das ganze Buch auseinandernehmen und jeden zweiten Satz in ein Notizbuch schreiben oder per SMS verschicken! So viel Wortwitz, Weisheit, Gesellschafts- und Kulturkritik auf hohem Sprachniveau – kaum in Worte zu fassen!

Insgesamt bleibt nur eins zu sagen: LESEN!!! Wenn ihr euch köstlich amüsieren und laut lachen, nachdenken und sinnieren, kopfschüttelnd manches nicht fassen wollt, Charakteren begegnen wollt, von denen ihr noch etwas lernen könnt, dann greift zu diesem herzerwärmenden Roman, der zugleich ein Meisterwerk des literarischen Humors und köstliche Theater- und Kultursatire ist!

Bravo, Einzlkind!!!

5 von 5 Sternen mit riesen Extrasternchen!!!

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2 Kommentare zu “achtung buch: gretchen von einzlkind

  1. Pingback: Rezension: Einzlkind, Gretchen | Leipzig.Lebensmittel.Punkt.

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