achtung herzensbuch: die bücherdiebin von markus zusak

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Wir befinden uns im Jahr 1939. Im kalten, schneereichen Winter sind Liesel Meminger und ihr Bruder Werner auf dem Weg nach Molching, um ihren neuen Pflegeeltern übergeben zu werden. Eine erste Katastrophe erschüttert Liesels junges Leben: Werner stirbt während der Fahrt und muss auf der Strecke beerdigt werden. Während der Beerdigung sieht Liesel, wie der junge Bestatter ein Buch im Schnee verliert. Die Bücherdiebin schlägt das erste Mal zu und mit dem „Handbuch für Totengräber macht sie sich auf die Reise in ihre ungewisse Zukunft. Ihr steter Begleiter ist dabei kein Geringerer als der Tod selbst, der Liesels Geschichte in allen Farben und Facetten berichtet.

Ein neuer Lebensabschnitt für Liesel beginnt in Molching, in der Straße, die nach dem Himmel benannt ist, bei Hans und Rosa Hubermann, in einem kleinen Haus mit zu niedrigem Keller. Das Erste, was das Mädchen mit ihrer neuen Familie verbindet, ist das lautstarke Fluchen von „Mama“ Rosa. SAUMENSCH heißt das neue Zauberwort, das Rosas Lieblingsbezeichnung für Liesel und auch Hans ist (da auch in der Abwandlung Saukerl). Klingt hart, findet ihr? Lest das Buch und ihr werdet den Begriff lieben, denn darin verbirgt sich auch etwas ganz anderes: pure Liebe!

„Was ist schlimmer als ein Junge, der dich hasst? Ein Junge, der dich liebt.“ (S. 59)

Genau auf diesen trifft Liesel auch: Rudi Schneider, Jesse Owens Fan und begeisterter Läufer, der zu ihrem Vertrauten, besten Freund und Seelenverwandten wurde und … der einen Kuss von Liesel wollte, den diese ihm aber niemals geben wollte.

Diese Menschen stellten also das neue Zentrum in Liesels neuem Leben dar, oder? Richtig, wenn man nicht das „Handbuch für Totengräber“ vergisst, das stets seinen Platz an Liesels Herzen hat, wenngleich sie nicht einmal weiß, was sie da mit sich herum trägt. Denn: Liesel kann nicht lesen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine innige Freundschaft zwischen dem Mädchen und ihrem neuen Papa und sie beginnt bei ihm lesen zu lernen und den Wert der Worte zu erkennen.

Eines Tages geschieht jedoch etwas absolut Unerwartetes im Leben der Habermanns: ein ausgemergelter junger Mann vor der Tür, der von Rosa und Hans im Keller versteckt wird. Im Keller? Ja, denn Max Vandenburg ist Jude, also die Gefahr Nummer 1, die man sich zu dieser Zeit ins Haus holen konnte.

Der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft und einer aufregenden Zeit im Hause Habermann, die geprägt sein wird von tiefen Gefühlen, weiteren Bücherdiebstählen, 13 Geschenken, Geheimnissen und politischen Entwicklungen…

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Die Bücherdiebin – ein Buch, über das man Bücher schreiben könnte. Markus Zusak ist damit ein Wunderwerk gelungen. Auf eine bisher einzigartige Art und Weise gelang es ihm, die Zeit des Nationalsozialismus einzufangen und dem Leser zu präsentieren. Gerade auch für Jugendliche sollte es zur Pflichtlektüre werden, spiegelt es doch so viele Werte und so viel Geschichte wieder.

Gleich zu Beginn zeigt uns der Tod persönlich, was das Verderben ist! Drei Mal ist er Liesel direkt begegnet und drei Farben begleiteten ihn dabei:

FotoS. 22

Der Nationalsozialismus, der Liesel die Mutter und den Bruder nahm, der ihr Leben bei den Habermanns bestimmte, der ihr den Freund Max nahm, nur weil dieser der falschen Religion angehörte. Der Nationalsozialismus der Menschen in den Krieg trieb, der Menschen ausrottete. Krieg – Tod – Schmerz – Verlust – alles Dinge, die unter dem Hakenkreuz zu schlimmer Realität wurden. Der Nationalsozialismus, der Wohlstand und Frieden versprach – wenn man sich mit der Partei arrangieren konnte. Doch konnte es jeder? Hans Hubermann konnte es nicht …

Bücher als ein weiterer wichtiger Aspekt des Romans: Durch sie lernt Liesel die Bedeutung der Wörter kennen, sie lernt lesen und das Lesen wird zu einem zentralen Punkt im Leben des Mädchens. Sie erkennt die Macht der Worte. So vieles kann mit Worten erreicht werden – Gutes und Schlechtes. So bleibt auch ihr erster Bücherdiebstahl nicht der Einzige. Ein zweites Buch stiehlt sie während einer Bücherverbrennung zu Ehren Hitlers. Ein gefährlicher Akt, der ihr jedoch neue Türen öffnet – nämlich die zur Bibliothek der Bürgermeistergattin. Wo dies hinführen wird? Lest selbst und heftet Euch an die Fersen von Liesel, wenn sie sich einmal wieder auf den Weg zum Haus des Bürgermeisters macht.

Zusak zeichnet in seinem Roman wunderbare Charaktere, die plastischer nicht dargestellt werden könnten. Die Beziehungen und Verbindungen werden im Verlauf des Buches immer klarer und reißen von der ersten bis zur letzten Seite mit. Eine Handlung, so vielseitig und tiefgründig, dass sie trotz der bekannten Grundmaterie komplett überzeugt. Trotz des fiktiven Ortes gibt es so viel Realität darin, dass man sich versucht fühlt, mehr über den Ort Molching und die Schicksale der dort lebenden Protagonisten zu erfahren. Wie kann etwas Fiktives so real sein? Zusak sagte dazu in einem Interview im Börsenblatt:

„Aus dem Heimatdorf Olching, wo sich die Schlüsselszene des Romans “Die Bücherdiebin” ereignet, habe ich kurzerhand Molching gemacht. Ich wollte keinen realen Schauplatz, sondern wollte den Ort der Handlung selbst erfinden. Ich habe mich also an der Realität orientiert, sie aber fiktionalisiert. Der Name Molching stand sehr schnell fest, bei anderen Namen dauerte es länger. Manche habe ich aus bestehenden Namen zusammengesetzt, zum Beispiel von Freunden meiner Eltern oder aus dem Abspann deutscher Filme.“

Das komplette Interview mit noch mehr interessantem Hintergrundwissen findet Ihr hier:

Interview Markus Zusak

Insgesamt ein Buch, welches sich sofort in die Kategorie Herzensbuch geschlichen hat. So viel Tiefe, Gefühl, Wahrheit auf so vielen Seiten, die man am Liebsten in einem Rutsch lesen möchte und die mir einige Nächte mit sehr wenig Schlaf beschert haben, habe ich bisher nicht so oft erlebt und ich danke Markus Zusak aus ganzem Herzen für dieses Wunderwerk!

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Natürlich habe ich mir auch die Verfilmung angeschaut und muss sagen: Sie hat mich überzeugt und mir ausgesprochen gut gefallen. Natürlich kann man kein Buch von derartiger Vielseitigkeit und Komplexität in einen 2,5-3h Film pressen und vieles, auch Wichtiges, fällt dem Schnitt zum Opfer. Aber dennoch ist hier großes Gefühlskino gelungen, welches die Handlung, gestutzt, aber sehr gut zu vermitteln weiß. Aber, liebe 20th Century Fox, wieso ein derartiger Epic Fail???? Der Film spielt in Deutschland, in Molching, einer Stadt, an deren Geschäften Titel wie KOLONIALWARENGESCHÄFT und SCHNEIDEREI stehen. Und was passiert dann? Liesel lernt lesen im „Handbuch für Totengräber“ und schreibt ihre gelernten Vokabeln an die Wand. Gut und schön, ist ja im Buch auch so. Aber wieso ist das Buch und alle weiteren auf ENGLISCH? Und wieso schreibt Liesel die Vokabeln auf ENGLISCH an die Wand? Das wäre vermeidbar gewesen. So viel Geld, das für gute Filmrequisiten ausgegeben wird, da wäre doch ein wenig mehr Authentizität drin, oder? Das ist wirklich sehr schade, aber abgesehen davon ein toller Film, schon allein durch die hervorragende schauspielerische Leistung aller Beteiligten.

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Eine Notiz in eigener Sache an den Tod

Lieber Tod,

Durch die Bücherdiebin bist Du mir sehr gegenwärtig geworden in einer plastischen Art und Weise. Denn ein stiller Begleiter meiner Familie warst du ja seit dreieinhalb Jahren. Stets an unserer Seite, manchmal fast nur wie ein Hauch, dann wieder beängstigend hart und gegenwärtig warst du da. Bis zum 19.2. diesen Jahres, als Du die Seele meines Papas dann doch in die Finger bekommen hast. Mit nur 57 Jahren natürlich zu früh, aber wann ist schon der richtige Moment, um zu gehen? Gesundheitlich betrachtet war es genau der richtige Moment und ich danke Dir für die Sanftheit, mit der du agiert hast. Oft genug hat er Dir ein Schnippchen geschlagen und wir konnten so noch eine schöne gemeinsame Zeit haben. Auch für diese Möglichkeiten danke ich Dir. Und ich bin sicher, seine Seele saß auch aufrecht und erwartete Dich an diesem Tag…

Und sollte mich jemals jemand fragen, was es für ein Tag war? Es war ein türkisblauer Tag…

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7 Kommentare zu “achtung herzensbuch: die bücherdiebin von markus zusak

  1. Pingback: Rezension: Markus Zusak, Die Bücherdiebin | Leipzig.Lebensmittel.Punkt.

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