achtung buch: das haus der vergessenen bücher von christopher morley – ein neuer Fall für die SoKo Buch

Puh… Stockholm liegt hinter uns und die Akademiemorde sind auch aufgeklärt. Zeit für Urlaub meinte der Chef. Aber richtig Urlaub, weit weg, da wo man von Stress, Hektik und Arbeit verschont ist. Was wäre da nahe liegender als eine Zeitreise ins Brooklyn des Jahres 1919.

Eine Straße in Brooklyn im Jahre 1919

Der Krieg ist gewonnen, gute Stimmung macht sich breit, die Cafés florieren und auch kleine Buchhandlungen können die Besucher wieder in ihren Bann ziehen. Eine wirklich starke Anziehungskraft geht von ihnen aus und auch ich kam nicht umhin, mich in der kleinen Buchhandlung Parnassus umzuschauen, ein paar Worte mit dem netten Besitzer, Mr. Mifflin, zu wechseln und seinen Hund Boccacio – genannt „Bock“ hinter den Ohren zu kraulen, als plötzlich die Tür aufgestoßen wurde und ein junger, dynamischer Mann in den Laden kam. Er schien wichtige Dinge mit Mr. Mifflin besprechen zu wollen. Also zog ich mich mit meinem neuen Bücherschatz langsam zurück, nicht ohne jedoch mitzubekommen, dass der junge Mann, Aubrey Gilbert, aus der Werbebranche kommt und Mifflin ein ausgeklügeltes PR-Konzept für die Buchhandlung aufschwatzen wollte. Nun war mein Interesse aber geweckt: Würde ein solches Original wie Mr. Mifflin, stets tabakrauchumweht mit durchdringend blauen Augen, einem kurzen roten Bart und einem sichtlich wachem und cleveren Geist, auf einen solchen Werbescharlatan reinfallen? Dieses Spektakel kann ich mir wirklich nicht entgehen lassen. Also stöberte ich weiter durch die Regale, ein Ohr am Geschehen – das muss doch eine Berufskrankheit sein.

Und ich sollte Recht behalten: Mifflin gelang es doch wirklich, den jungen Werber von seiner Theorie zu überzeugen und ihn noch dazu für die Welt der Bücher zu begeistern! Ein derartig philosophischer und wortgewandter Dialog fand da statt, der noch lange in meinem Kopf herumschwirren wird. Mifflins Thesen waren aber auch einfach zu stichhaltig. Ein Beispiel?

Die Menschen brauchen Bücher, wissen es aber nicht. Meist wissen sie gar nicht, dass es die Bücher, die sie brauchen, überhaupt gibt. (S. 13)

Nun war es Zeit für den Feierabend, doch was ist das? Der Ladenbesitzer lädt den Werbemenschen zum Abendessen ein? Schade, dass ich da nicht Mäuslein spielen kann. Nun habe ich aber auch Hunger – also ab in das kleine Bistro gegenüber. Beim Hinausgehen bleibe ich an einem Buch hängen und es fällt aus dem Regal: Briefe und Reden des Oliver Cromwell von Thomas Carlyle. Schnell hebe ich das Buch auf, stelle es zurück ins Regal und verlasse das Geschäft.

Die Urlaubsruhe soll jedoch nicht lange anhalten, denn am nächsten Tag bekomme ich eine Anruf von unserem Mädchen für alles. Ein neuer Fall wartet auf die SoKo Buch und er spielt sich in eben dieser Buchhandlung in der Gissing Street ab – was für ein Zufall. Also fix ins Büro des Bookland Yard, wo schon unsere Ermittlungsakten aus dem Atlantik Verlag warteten.

Das Haus der vergessenen Bücher lautet der Titel unseres neuen Falls.

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Ein Buch ist verschwunden: Thomas Carlyle… Moment, doch nicht etwa der Cromwell? Genau der ist es. Das Buch, das ich beim Hinausgehen vom Regal gestoßen habe. Wer könnte ein Motiv für den Diebstahl eines alten Buches haben? Da es keinerlei Anhaltspunkte für uns gibt, beschlossen wir, in so viele Richtungen wie möglich zu ermitteln um auf schnellstmöglichem Wege zum Erfolg zu kommen. Da ich ja schon eine erste Begegnung mit dem Werbemann Gilbert hatte, sollte ich mich erneut an seine Fersen heften. Schließlich war er ja abends noch lange in der Buchhandlung gewesen. Nun gut, also mache ich mich mal auf die Suche, doch was ist das? Unser Mädchen für alles macht es sich im Maiskolbenclub, einem Club für bibliophile Menschen, gemütlich und eine neue Assistentin – Titania – hat ihre Arbeit im Buchladen aufgenommen. Und ich muss raus.  Die Ereignisse scheinen sich wirklich zu überschlagen, doch wo ist Aubrey Gilbert?

Während der Cromwell zu den unmöglichsten Zeiten auftaucht und wieder verschwindet, ohne dass wir bisher wissen weshalb, sitze ich im Café und hoffe, dass Gilbert noch einmal zur Buchhandlung kommt – zu dem einzigen Ort, den ich bisher mit ihm in Verbindung bringen konnte. Und das Warten wird belohnt, da kommt er! Augenscheinlich hat er sofort eine Schwäche für die bezaubernde Miss Titania entwickelt, doch Mifflin verwickelt ihn direkt in ein Gespräch über den Cromwell. Gilbert scheint nun endgültig von der Geschichte gepackt zu sein, nicht zuletzt um die Aufmerksamkeit Titanias zu erringen, und beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln.

Plötzlich scheinen sich die Dinge zu überstürzen: Viele Menschen unterschiedlichster Typen scheinen sich für den Cromwell zu interessieren, Gilbert wird das Opfer eines Überfalls, es wurde eingebrochen,… Arbeit ohne Ende. Deshalb muss ich an dieser Stelle auch vorerst schließen und verweise sie freundlich, den Rest der Ermittlungen im gerade erschienenen Begleitbuch, das kurioserweise den gleichen Namen wie unsere Akten trägt, nachzulesen:

9783455600124

 Das Haus der vergessenen Bücher ist wie gemacht für jeden Bücherfreund. Nachdem wir dieses Jahr schon die Sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra besucht haben und in Schweden die Akademiemorde zu den Akten legen konnten, ist dies das dritte Buch über Bücher, welches ausgiebig gelesen wurde und ich muss sagen, es hat sich eine Platz tief in meinem Leserherz erobert. Vor 95 Jahren wurde es zum ersten Mal veröffentlicht und dann sollte es bis ins Jahr 2014 dauern, bis es auch in deutscher Sprache beim Atlantik Verlag erscheint und die Herzen der Büchermenschen im Sturm erobert. Und ich denke, das tut es.

Christopher Morley präsentiert einen bibliophilen Schatz voller Wortwitz, Philosophie und Charme. Besonders Mifflin und der Maiskolbenclub seien dabei zu erwähnen: Eine Gruppe von Bücherliebhabern, die sich treffen, um über die geliebten Bücher zu sprechen. Mehr dazu findet ihr aber beim Kollegen Arndt. Der Buchhändler fungiert dabei als brennender Verfechter der guten Literatur und die Diskussionen über das Gute Buch und den Perfekten Kunden entlocken dem Leser oftmals ein herzliches Schmunzeln.

 Bücher sind doch eigentlich die einzig wahre Medizin, die die kranken Seelen der Menschen nach dem Krieg zu heilen vermag. Und so lautet auch der Leitspruch der Buchhandlung Parnassus:

Wir haben, was Sie wollen. Geistige Unterernährung ist ein ernstes Leiden. Wir haben die richtige Medizin für Sie. (S. 9)

Dazu kommen natürlich noch viele andere liebenswert gezeichnete Charaktere, wie zum Beispiel mein Werbemensch Gilbert, die sich ins Herz der Leser schleichen und einfach dort bleiben. Viel Gefühl und wohl dosierte Spannung im Cromwell-Fall runden die Sache mit und man kann großartige Entwicklungen der Protagonisten bewundern. Ich bleibe hier bei Gilbert, denn die anderen Protagonisten wurden von den anderen SoKo Mitgliedern ausführlich durchleuchtet. Aubrey Gilbert, Anfangs Werbefachmann durch und durch, macht im Laufe des Romans einen Wandel durch, wie das hässliche Entlein zum schönen Schwan. Will er anfangs noch einfach nur einen Werbevertrag mit Mifflin abschließen, wächst er schon bald über sich hinaus und stürzt sich – beseelt von der Liebe und der aufkeimenden Begeisterung für Bücher – in ein turbulentes Abenteuer.

Eigentlich kann er auch gar nicht anders, denn wenn man in diese Geschichte eintaucht, ist man dem Zauber der Bücher schon verfallen. Christopher Morley ist mit diesem Werk eine wundervolle Hommage an den Beruf der Buchhändler gelungen. Die Liebe zum Buch wird auf jeder Seite mehr als deutlich und am Liebsten würde man sich sofort auf den Weg machen, der wundervollen Buchhandlung „Parnassus“ einen Besuch abstatten und im Cromwell oder Dickens oder einem anderen literarischen Schatz stöbern, den Duft der Seiten tief inhalieren und sich zuhause fühlen. Für mich zählt „Das Haus der vergessenen Bücher“ eindeutig zu den buchigen Highlights des Jahres und bekommt das Prädikat „Herzensbuch“ verliehen.

Die gesamten Ermittlungsergebnisse

Wenn ihr auf dieses Bild klickt, kommt ihr direkt zum Gesamtüberblick zu unseren Ermittlungsergebnissen. Jeder von uns hat das Buch unter einem bestimmten Aspekt betrachtet und das Endergebnis ist eine wunderbare runde Sache. Natürlich sind momentan noch nicht alle Besprechungen geschrieben, aber wenn ihr immer einmal vorbei schaut, werdet ihr nach und nach die komplette Welt des Hauses der vergessenen Bücher vorfinden und verstehen können, warum dieses Buch ein Herzensbuch sein muss.

 ~

Besucht auch gerne Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra oder begeitet die SoKo bei den Ermittlungen zu den Akademiemorden!

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11 Kommentare zu “achtung buch: das haus der vergessenen bücher von christopher morley – ein neuer Fall für die SoKo Buch

  1. Also, wenn das Haus der vergessenen Bücher eine Liebeserklärung an die Literatur ist, dann ist deine Rezension eine Liebeserklärung an dieses Buch… und ich bin endlich schlauer, was diesen Werbemenschen betrifft… Im Maiskolbenklub hatte ich kein Auge für ihn….

    Der Fall steht vor der Aufklärung… genial gemacht… 😉

  2. Pingback: Christopher Morley – Das Haus der vergessenen Bücher | Herzpotenzial

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