achtung buch: der dirigent von sarah quigley

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Wir schreiben das Jahr 1941: Grausames bahnt sich an. Die Deutschen verlassen Leningrad, das in den folgenden Monaten schweren Belagerungen ausgesetzt sein soll. Die Menschen erleiden Armut, Hungersnot, Krankheit und schwere Verluste während des Winters im Krieg. Nirgends gibt es Nahrung – Hunde und Katzen verschwinden von den Straßen und auch Ratten werden in der Not zu Essbarem verwertet.

Mitten im Zentrum dieser Geschehnisse stehen zwei Männer: Dmitri Schostakowitsch und Karl Elias Eliasberg. Der eine ein berühmter Komponist, der im Land geblieben ist, um zu helfen, obwohl alle wichtigen Menschen und Kulturschaffenden die Möglichkeit hatten, das Land unbescholten zu verlassen. Der andere ein zweitklassiger Dirigent des Rundfunkorchesters, der ein eigenbrötlerisches Leben führte und seine Mutter pflegte.

Während dieser Zeit keimte in Schostakowitsch die Idee für seine Siebte Sinfonie. Eine Idee, die ihn nicht mehr los ließ. Zwischen harter Arbeit und Bombenhageln, Hunger und Not schriebt er drei von vier Sätzen seiner „Kriegssinfonie“ in Leningrad, bevor er mit seiner Familie ins Ausland floh. Zurück blieb Eliasberg, der „ewige Zweite“. In dieser düstersten Stunde der Stadt scheint sein Stern aufzugehen. Denn er wird beauftragt, diese Sinfonie im besetzten Leningrad aufzuführen. Zur Verfügung stehen ihm nur wenige Musiker, die, ausgezehrt und vom Krieg gezeichnet, Probleme haben, auch nur wenige Minuten am Stück konzentriert zu proben. Die fertige Partitur wird im Flugzeug nach Leningrad gebracht und die Musiker nehmen die Herausforderung an, dieses Mammutprojekt zu stämmen. Schließlich wollen sie sich ebenso wenig unterkriegen lassen wie ihre Landsleute an der Front.

Am 09.08.1942 wird die Sinfonie in voller Länge aufgeführt und im Radio übertragen.

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Sarah Quigley ist mit ihrem Roman ein wahres Monumentalwerk gelungen. Sie vermischt Geschichte mit einem Hauch Fiktion und schafft damit ein Bild des belagerten Leningrad, das plastischer nicht hätte sein können.

Beginnt man bei den Figuren seien zunächst Schostakowitsch und Eliasberg näher zu betrachten. Beides sind reale Figuren, in deren Leben man tiefe Einblicke bekommt. Schostakowitsch wird als das Genie präsentiert, dessen Kunst vor der Familie steht. Genie bedeutet Entbehrung. Frau und Kinder werden während des Entstehungsprozesses der Sinfonie oft ausgeschlossen und ihr Schmerz darüber wird an vielen Stellen nahezu körperlich spürbar. Doch auch Schostakowitsch ist zerrissen, sehnt sich nach Normalität, nach seiner Familie. Und vor allem will er nicht tatenlos zusehen, wie sein Leningrad zerstört wird. Er arbeitet tagsüber, hebt Gräben aus, will sich zum Militär verpflichten lassen und komponiert nachts. Rastlos und getrieben erscheint er an vielen Stellen. Ein Genie, das nicht aus seiner Haut heraus kann. Seine Frau scheint sich damit abgefunden zu haben und hält zu ihm, trotz seiner Fehler und Fehltritte.

Schostakowitsch 1941 während der Belagerung in Leningrad - © Blog Kammermusikkammer

Schostakowitsch 1941 während der Belagerung in Leningrad – © Blog Kammermusikkammer

Ganz anders Eliasberg, der immer ein Leben im Schatten der „Großen“ führen musste. Er, der Dirigent des Rundfunkorchesters, pflegt seine kranke Mutter, ist stets von Selbstzweifeln geplagt, kann sich nur schwer durchsetzen und sehnt sich nach Erfolg und Ruhm. Je weiter der Roman voranschreitet, macht gerade diese Figur entscheidende Entwicklungen durch. Spätestens dann, als er unfreiwillig zur „Nummer 1“ wird und die Siebte Sinfonie aufführen soll – mit einer Hand voll kranker Musiker – entwickelt er einen ungeahnten Kampfgeist und Durchhaltewillen, der sich am Ende doch auszahlen soll.

 Karl Eliasberg(1907-1978) - ©Europalibera.org

Karl Eliasberg(1907-1978) – ©Europalibera.org

Als Bindeglied zwischen den beiden Herren fungiert der fiktive Charakter Nikolai mit seiner Tochter Sonja. Sonjas Mutter, eine berühmte Cellistin, starb sehr früh und hinterließ Vater und Tochter allein mit einer Tante, die sich um alles kümmert. Früh zeigte sich, dass Sonja das Talent der Muter geerbt hat, und Nikolai schenkt ihr zum 9. Geburtstag, bei dem auch Schostakowitsch als guter Freund der Familie zu Gast war, das Cello der Mutter, das er nicht einmal in der größten Not verkaufen würde. Und diese Not kam bald über sie, denn als der Krieg hereinbrach setzte Nikolai seine Tochter in einen Zug, der sie in Sicherheit bringen sollte. Doch dieser kam nie an. In seiner Verzweiflung schloss er sich dem Orchester Eliasbergs an und unterstütze ihn bei den harten Proben der Sinfonie.

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Historie trifft auf Fiktion in einer derart qualitativ hochwertigen Form, dass der Roman ein wahrer Genuss war. Ein Buch, das man nicht einfach so nebenbei lesen kann, sondern das man tief in sich aufnehmen muss. Ich habe während des Lesens die Siebte Sinfonie gehört. Damit bekam das Buch eine unglaubliche Eigendynamik. Worte und Musik verschmolzen und die dargestellten Ereignisse wurden körperlich spürbar. Die Bedrohung der einmarschierenden Belagerer wurde schon in den ersten Takten spürbar, erreichte einen Höhepunkt schon nach etwa fünfzehn Minuten, als marschartig das Invasionsthema einsetzt. Im direkten Gegensatz stehen jedoch musikalische Momente der Hoffnung und Kraft, die an die Belagerten Menschen weitergegeben werden sollten. Dies wird auch in Quigleys Roman deutlich. Der Roman ist die Sinfonie dieses einen Winters. Sprachgewaltig und vor allem bildgewaltig präsentiert die Autorin eine dunkle Episode der Geschichte anhand der Biografie zweier Personen und einer Sinfonie.  Elend und Not sind auf jeder Seite sichtbar und die herrschende Kälte des Winters und des Krieges beim Lesen nahezu körperlich spürbar. Die 7. Sinfonie wurde Schostakowitschs Kriegssinfonie. Geschrieben, um den Menschen Hoffnung in der Zeit der Hoffnungslosigkeit zu geben, geschrieben, um Kraft zu geben. Aufgeführt von einem Orchester, das vom Krieg ausgezehrt und kraftlos war und das geleitet wurde vom „ewigen Zweiten“ Karl Elias Eliasberg, dem Dirigenten des Rundfunkorchesters. Eine Geschichte, die perfekt zu den langen Herbst- und Winterabenden passt, denn diese versetzen den Leser in die besondere Stimmung, die dieses Buch verlangt. Es ist ein Winterbuch, dass sich mit einer Thematik beschäftigt, die niemand hätte besser in Szene setzen können als es Sarah Quigley mit „Der Dirigent“ gelungen ist.

 „Der Dirigent“ beim Aufbau Verlag

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