achtung buch: dunkelsprung von leonie swann

Dunkelsprung

Liebe Lesefreunde,

ich habe ihn gewagt, den Sprung ins Dunkel! Und ich bereue es nicht! Ich liebe ja fantasievolle Geschichten. Und tolle Cover liebe ich auch, vor allem in Scherenschnittoptik. Das verleiht dem Ganzen immer etwas märchenhaft Verträumtes. Und genau das alles vereinte „Dunkelsprung“ von Leonie Swann schon auf den ersten Blick. Doch Moment: Nun wird es noch spannender, denn die Unterschrift des Buches lautet: „Vielleicht kein Märchen“. Traut ihr euch den Sprung zu? Dann tief durchatmen und los geht’s in eine Welt voller Wunder und Fantasie!

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Alles scheint auf den ersten Blick normal zu laufen im Leben von Julius Birdwell, naja fast. Sieht man mal davon ab, dass er aus einer Dynastie von Langfingern abstammt und von den Freunden seines verstorbenen Großvaters stets daran erinnert wird, dass er sich auf seine Aufgaben besinnen soll. Dabei ist er ein eher miserabler Taschendieb. Viel zu nervös und nicht geeignet für derlei Aktivitäten. Und eigentlich will er ja auch nur in Ruhe als Juwelier und Flohzirkusdirektor arbeiten. Schließlich ist das seine wahre Berufung.

Eines Abends wendet sich das Blatt und Julius‘ Leben wird innerhalb weniger Stunden komplett auf den Kopf gestellt: Nach einer turbulenten Flucht vor den Gesellen seines Großvaters, bei dem Julius fast ertrunken wäre, vergisst Julius seine Flöhe im Treppenhaus, die daraufhin einen schmerzlichen Kältetod erleiden. Vage erinnert er sich, dass ihn unter Wasser etwas gerettet hat. Doch was war es? Eine Nixe! Und sie schlug ihm einen Handel vor: Sein Leben, wenn er ihre Schwester retten würde. Doch wo findet man eine verschwundene Nixe? Eine Frage, die ihn genau in die Arme des Detektivs Frank Green führt.

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Neben der Nixengeschichte leidet Birdwell aber nach wie vor schrecklich unter dem Verlust seiner Flöhe. Er macht sich auf die Suche nach neuen Gefährte, doch nirgends lassen sich welche aufspüren. Genau in diesem Moment tritt die junge, wunderschöne aber mysteriöse Elisabeth Thorn in das Leben des jungen Mannes und erweckt seine Flöhe zu neuem Leben. Damit beginnen die eigentlichen mysteriösen Geschehnisse im Buch, die schon der Klappentext des Buches perfekt zusammenfasst:

„Ein Magier wird ohnmächtig, eine alte Dame macht sich in einem gestohlenen Lastwagen davon, ein Detektiv mit Konzentrationsstörungen findet zu einem ungewöhnlichen Haustier, und Julius sieht sich auf einmal mit existentiellen Fragen konfrontiert: Wie befreit man eine Meerjungfrau? Wie viele Flöhe passen auf eine Nadelspitze? Und warum ist das Leben trotz allem kein Märchen? Julius bleibt nichts anderes übrig, als sich weit über den Tellerrand seiner Welt hinauszulehnen und den Sprung ins Unbekannte zu wagen. Ein phantastisches Abenteuer beginnt …“

Mehr soll zur Handlung auch gar nicht gesagt werden, denn dieses Buch muss man erleben und tief in sich aufsaugen!

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Leonie Swann ist mit „Dunkelsprung“ eine wundervolle Geschichte gelungen, in der die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit auf fast jeder Seite verwischen. Sie lädt den Leser auf eine märchenhafte Reise ein, die nicht nur einmal zum Träumen verleitet. Zum einen gelingt ihr das durch die wundervollen Figuren, die sie erschaffen hat. Wir treffen auf den Flohartisten Birdwell, den zerstreuten Detektiv Greene und auf Rose und Emilie. Allesamt Menschen, die ihre Geheimnisse haben und diese auch gut versteckt halten. Dann haben wir den Magier Fawkes, das Legulas, Elizabeth und viele andere Fabelwesen, Nixen, Drachen, eine Schneckenfrau die die Fantasie des Lesers stets aufs Neue herausfordern und ein wahnsinniges Kopfkino beim Lesen hervorrufen. Wundervoll lebendige und liebevoll gezeichnete Charaktere sind es, deren Weg man nur zu gern verfolgt und die man genauer kennen lernen möchte.

Dazu kommt die Handlung, die so wundervoll skurril ist, das man am Liebsten nicht mehr auftauchen möchte, bevor man die einzelnen Zusammenhänge begreift und herausgefunden hat, wie die einzelnen Charaktere im Zusammenhang stehen. Man fühlt sich teilweise, als würde man in einem tiefen Traum stecken, ein wenig wie in Alice im Wunderland, als Alice einschläft und sich auf einmal in der zauberhaften Welt des Wunderlands wiederfindet, nachdem sie dem Weißen Kaninchen in seinen Bau gefolgt ist. Hier ist es Birdwell, der Thorn folgt und damit den ersten Schritt in Richtung seines bisher wohl größten Abenteuers macht.

„Noch vor einer Woche war er ein erfolgreicher und halbwegs anständiger Juwelier und Flohzirkusmeister gewesen, und jetzt provozierte er Gangster, die sein Haus beschatteten,und war in eine Fehde zwischen einer gehörnten Frau und einem dubiosen, vermutlich hunderte von Jahren alten Schausteller verwickelt. Da stimmte doch irgendwas nicht!“ (S. 162)

Und wie da etwas nicht stimmt! Fantasie und Realität prallen aufeinander und vermischen sich. Man wünschte sich teilweise, dass man selbst bei diesem Abenteuer Birdwells dabei sein könnte. Doch nicht nur die Charaktere sind dafür verantwortlich, sondern auch das wundervolle Umfeld der Geschichte. Eigentlich ist sie in der heutigen Zeit angesiedelt, bekommt aber durch die Zaubershow, durch Birdwell und Fawkes und die Fabelwesen und anderen Charaktere auch deutliche Züge der früheren Zeit, des letzten Jahrhunderts. Man träumt sich in die Vergangenheit, als die Illusionisten ihre goldene Ära hatten, als die Menschen dem Zauber des Unbekannten erlegen waren.

So geschieht es auch mit den Schauplätzen des Romans. Zum einen erleben wir das London Birdwells, Verfolgungsjagden, die Sitzungen bei Green, das normale Leben eben, wenn man von den gelegentlichen Besuchen von Fabelwesen absieht. Doch dann führen die Ermittlungen und die Suche nach der Nixe Birdwell und Green nach Yorkshire in eine verwunschene Villa. Dort scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Man fühlt sich ein wenig, als wäre man bei Jane Austen zum Tee geladen. Fließend kommt man von der Realität in einen wahren Zauberwald.

„Der Pfad führte ihn auf gewundenen Wegen durchs Unterholz, hin und her, unschlüssig, achtlos und scheinbar ohne Ziel. Rings herum lauerte das Grün, schön, aber trügerisch. Julius musste sofort an all die Märchen denken, in denen man auf keinen Fall vom Weg abkommen durfte. Und wenn schon! Julius hatte nicht vor, vom Weg abzukommen. Weiter![…]. Das Haus musste irendwo im Dickicht auf der Lauer geleen habe, denn es stand ganz plötzlich und ohne Warnung vor ihnen, mitten im Wald, eine stattliche Villa mit hohen Fenstern, einer Veranda und weißen Säulen, von denen der Putz bröckelte.“ (S. 188 & 190)

Diese Villa wird zum Symbol des märchenhaften Lebens, quasi zum direkten Gegenpol des Treibens in der Stadt. Ein wundervoller Kontrast, den Swann hier geschaffen hat. Auch der Schreibstil lässt keine Wünsche offen: humorvolle Passagen treffen auf nachdenkliche Phasen und werden gekrönt von wundervollen bonmots. Was will der Leser mehr? Die Lösung, warum das alles kein Märchen ist? Vielleicht bekommt er ja einen Denkanstoß durch die Schneckenfrau?

Das ist kein Märchen! Plötzlich verstand Green, was die Schneckenfrau ihm damit hatte sagen wollen. Im Märchen wurde einem von allen Seiten geholfen. Feen und weiße Zauberer und hilfreiche Wesen tauchten aus der Versenkung auf und lösten alle Probleme. Im wahren Leben hingegen halfen einem höchsten Verkäufer und Herrenausstatter, und die wollten für ihre Dienste entlohnt werden. Man musste die Dinge selbst in die Hand nehmen, Wunderwesen oder nicht! (Seite 329)

Alle Charaktere entwickeln sich im Roman weiter und am Ende wird das anfangs etwas komplex anmutende Handlungsgeflecht auf wundervolle Weise aufgelöst. Alles, was zu Beginn etwas verwirrend schien, findet seine Berechtigung und die Story findet nahezu auf der letzten Seite einen wunderbar gelungenen Abschluss. Sogar die Liebe kommt nicht zu kurz, denn, wie schon Cole Porter sagte (und Swann im Vorwort andeutet):

And that’s why birds do it, bees do it
Even educated fleas do it
Let’s do it, let’s fall in love
(Cole Porter – Let’s do it)

Von mir gibt es eine klare Empfehlung für diesen tollen Roman. Er lädt zum Träumen ein und hält, was er verspricht! „Dunkelsprung“ – mehr als ein Flohname. Denn jeder Charakter ist angehalten, den Sprung ins Ungewisse zu wagen, was man unweigerlich als Denkanstoß oder Moral für das eigene Leben betrachten kann! Man muss manchmal einfach etwas riskieren, um im Leben voranzukommen. Ich kann euch nur ans Herz legen, den Sprung in dieses Buch zu wagen! Ihr werdet es nicht bereuen!

Dunkelsprung beim Goldmann-Verlag

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8 Kommentare zu “achtung buch: dunkelsprung von leonie swann

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