achtung buch: der tag an dem ich fliegen lernte von stefanie kremser

9783462047059

Luisa, das Mädchen, das sein Leben nur dem mutigen Eingreifen des Engländers Fergus zu verdanken hat, erzählt uns in Stefanie Kremsers Roman seine eigene Geschichte. Doch nicht nur diese, sondern vielmehr die Geschichte eines ganzen Dorfes, das es auf der Welt gar zweimal gibt, von bayrischen Brasilianern und von einer Mutter, die sie für einen Vogel hält. Doch zunächst zurück zum Anfang, denn Luisa ist wirklich ins Leben geflogen, da ihre Mutter Aza sie in einem Anflug aus Panik aus dem Fenster des Krankenhauses warf, in dem sie erst kurz zuvor zur Welt gekommen war. Doch anstatt eines viel zu frühen Lebensendes erwarten das Baby die starken Arme des Rugbyspielers Fergus, der aus Liebeskummer durch München streift und gerade im rechten Moment unter dem Fenster entlang läuft.

„Das war der schönste Up-and-under, den er in seiner Karriere als Fullback Südost-Londons je gefangen hatte.“

Luisa ist wohlauf, doch von Aza fehlt jede Spur. So wächst die Kleine in der WG ihres Vaters, des Illustrators Max und der esoterisch angehauchten Irene inmitten eines liebevollen Chaos, Haschkeksen und einem nie endenden Vorrat an Malpapier und Stiften auf, in dem es ihr an nichts fehlen soll. Und als eines Tages noch Fergus mit Sack und Pack vor der Tür steht und in die WG einzieht, scheint Luisas Leben perfekt. Nie stellt sie sich die Frage nach der Mutter, deren Name in der WG tabu ist. Niemals wird Aza zum Gespräch, bis zu jenem Tag, an dem Irene sich umbringen will und in einem Abschiedsbrief an Paul Azas Adresse hinterlässt. All die Jahre hat Irene ihm die Chance auf den Kontakt verwehrt, indem sie dieses kleine aber enorm wichtige Blatt Papier vor ihm verbarg.

Nun kann auch Luisas Interesse nicht mehr zurückgehalten werden. Fragen stehen im Raum, auf die Antworten gefunden werden müssen und so machen sich Vater und Tochter auf, um ein neues Leben in Brasilien zu beginnen. Ob sie dabei Aza finden werden und wie alles ausgehen wird? Begleitet die beiden auf dem ganz persönlichen Roadtrip, der sowohl eine persönliche Geschichte als auch die Folgen einer Auswanderung inklusive langlebiger Familienlegenden erzählen wird.

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„Der Tag an dem ich fliegen lernte“ ist ein wirklich wunderbarer Roman. Schon von Beginn an schließt man die verschiedenen Charaktere fest in das Herz und erfreut sich an der Harmonie des WG-Lebens, wenn dieses auch nicht immer leicht ist. Das Thema Liebe überschattet dabei alles: Die Liebe Pauls zu Aza, an der eventuelle zukünftige Beziehungen schon in der Wurzel zu ersticken drohen, die Liebe von Fergus zu seiner Ex, die ihn zu zerstören droht, die Liebe von Irene zu Paul, die unausgesprochen immer im Raum schwebt wie der Rauch aus ihrer Wasserpfeife und die Liebe zu Luisa. Diese Liebe, die jeder auf seine Art dem kleinen Wesen zeigt. Jeder ist für sie da, jeder behütet sie, jeder beschäftigt sich mit ihr, sodass ihr im Leben eigentlich nichts fehlt und sie die eigene Mutter gar nicht vermisst.

Ganz im Gegenteil zu ihrem Vater, der Aza nie vergessen konnte und der es Irene wirklich übel nimmt, dass sie ihm die einzige Kontaktmöglichkeit verwehrt hat. Mit Irenes Zusammenbruch werden nun auch die Fragen in Luisa lauter, denn zum ersten Mal wird sie mit der Tatsache konfrontiert, dass sie von ihrer Mutter direkt aus dem Fenster geworfen wurde, also nicht gewollt war. Warum nur? Mehr und mehr nagt dieses so lange totgeschwiegene „warum“ in Paul und Luisa, bis sie schließlich den Entschluss fassen, nach Brasilien zu gehen und Aza zu suchen.

Wie es der Zufall so will, wird auch gerade ein Job in Pauls Branche frei und die beiden machen sich auf den Weg. Ein erster Zwischenstopp führt sie ins bayrische Hinterdingen, wo eine erste Spur sie hingeführt hat. Und unglaublich ist es, was sie dort vorfinden! Aza kam nicht nur nach Deutschland, um zu studieren, sondern auch, um die Botschaft ihres Dorfes mitzubringen. Des Dorfes, das einst zum deutschen Hinterdingen gehörte und aus dem sich 1883 knapp 70 Bewohner auf den Weg machten, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen.

An diesem Punkt war ich schon so tief in der Geschichte gefangen, dass ich das Buch kaum mehr aus den Händen legen wollte. Ich musste einfach wissen, was da geschehen ist, wieso die Menschen auswanderten und in welchem Zusammenhang Azas Geschichte dazu steht. Brillante Wendungen werden von Stefanie Kremser mit viel Gefühl und einer absolut packenden Story gekoppelt. Ein kleines bayrisches Dorf steht auf einmal im Zentrum der Geschehnisse von 1883 bis heute! Dort laufen alle Fäden zusammen. Dort und im Paralleldorf in Brasilien, wo die Reise von Paul und Luisa endet und die beiden auch noch die letzten Unklarheiten beseitigen können.

Man kann erst dann zufrieden leben, wenn man mit sich im Reinen ist, habe ich einmal gelesen. Dieser Spruch scheint auf dieses Buch zu passen, denn erst nachdem Paul mit dem Kapitel Aza abschließen konnte, steht seinem glücklichen Leben mit Luisa nichts mehr im Wege. Ich liebe dieses Buch und habe es direkt in meinem Herzen eingesperrt. So eine brillante, herzerwärmende Geschichte mit viel Gefühl, Dramatik, Spannung und unerwarteten Wendungen! Ich hoffe, dass es bald mehr von Stefanie Kremser zu lesen gibt und kann diesem Buch nur eine klare Empfehlung geben. Es ist genau der richtige Lesestoff für lange Nächte mit Kakao oder Tee, in denen man in ferne Länder fliehen möchte und dabei in der Seele berührt werden möchte.

Der Tag an dem ich Fliegen lernte beim KiWi-Verlag.

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4 Kommentare zu “achtung buch: der tag an dem ich fliegen lernte von stefanie kremser

    • Danke sehr 🙂 Ist echt verrückt, wie konnte mir das Leben so nen Strich durch die Rechnung machen und dafür sorgen, dass dieser Schatz solange auf meinem SuB lag? Könnte mir wirklich in den Allerwertesten beißen! *hih* Wobei ich es jetzt richtig genießen konnte, was letztes Jahr nicht möglich war. Hoffe, der Verlag sieht es mir nach 🙂

      Haben??? Definitiv haben. So fazinierend, wie es Stefanie Kremser gelungen ist, Luisas Leben so darzustellen, wie es ist. Als Zentrum zwischen Bayern und Brasilien, als Zentrum der WG mit den wundervollen Mitbewohnern (erinnert mich an eine typische Dresdner Neustadt-WG *lach*) und dann noch die Hintergründe, wie und wieso Aza überhaupt nach Deutschland kam, der Zusammenhang von Hinterdingen und Hinterdingen…. Ich kann nur davon schwärmen 🙂

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