paris lesen und staunen: madame picasso von anne girard

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Ich liebe Paris und ganz besonders das Paris der Belle Epoque, das schon Woody Allen in so wundervollen Farben und Bildern in seinem Meisterwerk „Midnight in Paris“ zum Leben erweckt hat. Bei diesem Film war es Liebe auf den ersten Blick. Und genau wie dort, schlug der Blitz auch ein, als ich in der Verlagsvorschau zum ersten Mal das Cover von „Madame Picasso“ sah. Malerisch und träumerisch in hellem Sepiaton und roter Schrift lud es schon dort zum Träumen ein und eins stand sofort fest: Dieses Buch muss ich lesen.

Natürlich war es nicht nur das Cover, sondern viel mehr auch die Geschichte die hinter dem schönen Titel steckt. Picasso hatte schon seit jeher mein Interesse wecken können. Ich mag seine kubistischen Werke sehr und auch sein Leben und Schaffen interessieren mich schon seit längerem. So habe ich im letzten Jahr schon seinen Kunsthändler und Freund Paul Rosenberg in Anne Sinclairs wundervoller Biografie „Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine“ (Kunstmann) kennen lernen dürfen und war nun gespannt, was mich in Anne Girards halb fiktivem und halb biografischen Roman erwarten würde.

Diesmal standen die Frauen im Zentrum. Eigentlich nicht mal die Frauen, sondern viel mehr die eine wahre Frau an seiner Seite: Eva Gouel. Anfang des 20. Jahrhunderts war die junge Frau nach Paris gekommen und begegnet dort zum ersten Mal Picasso. Sofort ist ihr Herz an den charmanten jungen Mann verloren, obwohl sie zu der Zeit noch nicht einmal wusste, wer er ist. Viel mehr beginnt sie eine vielversprechende Karriere als Schneiderin im Moulin Rouge, wo sie sich durch harte Arbeit sehr schnell Respekt und Anerkennung bei den Damen verdient.

„“Marcelle, Marcelle Humbert“, antwortete Eva, die all ihren Mut zusammennahm, um ihren neuen Pariser Namen zu nennen, von dem sie hoffte, dass er ihr Glück bringen möge. Seit jenem Tag, an dem sie in ihrem übergroßen Tuchmantel und ihrem schwarzen Filzhut, mit ihren Habseligkeiten in einer alten Reisetasche, allein in der Stadt angekommen war, wurde Eva Gouel von eiserner Entschlossenheit getrieben. Sie wollte Paris um jeden Preis erobern, auf welche Weise auch immer und so unrealistisch ein solch hochtrabendes Ziel auch sein mochte.“
(S. 14)

Doch auch Picasso kann die junge Frau nicht vergessen. Und das, obwohl er mit der schönsten Frau aus ganz Paris liiert ist: Fernande Olivier. Sie ist ein Stern, strahlend schön und steht im Zentrum des Kreises aus Freunden und Künstlern. Und eins steht fest: Sie ist Madame Picasso und keine andere. Und so präsentiert sich dem Leser auch der erste Teil dieses wundervollen Buches: Man begleitet Picasso und Eva zu den Abendgesellschaften bei Getrude Stein, man flaniert durch die Straßen des Paris der Belle Epoque, lacht und scherzt bei den Vorführungen im Moulin Rouge und schaut den großen Künstlern über die Schulter.

„Auch gut, dachte Eva mit einem resignierte Seufzer. Picasso nachzujagen war wie mit dem Feuer zu spielen.“
(S. 114)

Picasso entdeckte etwa zu dieser Zeit seine Vorliebe für den Kubismus und Eva begeistert sich für die Gedichte Guillaume Apollinaires, der – welch Zufall – ein guter Freund Picassos ist. Beide begegnen sich unweigerlich immer wieder und ein zartes Band entwickelt sich, dass sich im weiteren Verlauf zu einer tiefen und unzerstörbaren Liebe entwickeln wird. Eine Liebe, die beide aneinanderkettet wie zwei Ertrinkende: Beide werden von Ängsten geplagt, von Geistern der Vergangenheit. Eva ist stets in Sorge, den Ansprüchen der Stadt Paris und der Freunde gerecht zu werden, die allesamt loyal hinter Fernande zu stehen scheinen und Picasso wird von starken Verlustängsten geplagt. Doch Eva weiß sich zu behaupten und mithilfe ihrer wunderbaren Art nicht nur die Leute für sich zu gewinnen, sondern den ihr bestimmten Platz als Madame Picasso einzunehmen.

~

Anne Girard’s Erstlingswerk „Madame Picasso“ reißt den Leser mit wie ein CanCan im Moulin Rouge. Wobei es bei Weitem nicht so turbulent zugeht, sondern viel mehr mit sanften poetischen Sätzen gearbeitet wird, die ein einmaliges Bild des Paris der Belle Epoque zeichnen. Wie bei einem Aquarell verwischen Realität und Fiktion im Buch auf eine wundervolle Weise. Nehmen wir zum Beispiel Eva: Als sie nach Paris kommt, gibt sie sich den Namen Marcelle Humbert, da sie so ihr neues Leben beginnen möchte. In Wahrheit wurde sie aber als Marcelle Humbert geboren und Picasso nannte sie nur noch Eva, da die Frau seines Freundes Braque auch Marcelle hieß. Ähnlich verhält es sich mit Evas Pariser Freund Louis Marcoussis. Er hatte eine kurze Liaison mit Eva, bevor sich diese Picasso anschloss. Diese Romanze findet genauso Erwähnung, wie der berüchtigte Diebstahl der Mona Lisa im Sommer 2011 und zweier berühmter Skulpturen, in den Guillaume Apollinaire unfreiwillig verstrickt wurde.

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Doch der Roman ist mehr als – ich bin so frei, der Sache einen eigenen Namen zu geben – Historifiktion. Er ist die Geschichte einer ganz besonderen Liebe. Einer Liebe, die allen Widrigkeiten des Lebens zu trotzen wusste und die alles überdauerte – fast alles. Denn Eva wurde krank, schwer krank. Selbst in dieser schweren Zeit wich Picasso nicht von ihrer Seite und stellte sich somit auch unbewusst seinen eigenen Geistern der Vergangenheit. Eine wundervoll beschriebene Entwicklung der Figur Picasso, der ja ein bekennender Frauenheld war und nun in Eva die perfekte Partnerin und Gefährtin gefunden hatte. Diese Liebe fängt Girard in ihren Worten ein. Auf jeder Seite spürt man die tiefen Gefühle, die Zuneigung und die innige Liebe, die sich beide entgegenbringen, ohne dass es in irgendeiner Weise kitschig oder schwülstig wirkt. Eva wurde zur Inspiration, zur Muse, zum Ruhepol und zum Mittelpunkt im Leben des Malers, das sehr nah an der Realität gezeichnet wird. Seine Gemälde finden Erwähnung und auch seine künstlerische Entwicklung wird präsentiert.

Picasso - Ma Jolie 1914 ©picassoandmatisse.com

Picasso – Ma Jolie 1914
©picassoandmatisse.com

Ich kann dieses wundervolle Werk nur jedem empfehlen, der sich für das Paris des frühen 20. Jahrhunderts begeistern kann und der, während er durch die Straßen und Salons streift, großen Künstlern begegnen will und dort auch Picasso näher kennen lernen möchte. Einen Picasso, der gerade seine Liebe zur abstrakten Kunst des Kubismus entdeckt hat und der das Abenteuer seines Lebens vor sich hat: ein Leben ohne Affären an der Seite an einer einmalig starken und wundervollen jungen Frau. Einer jungen Frau, die ihn lehrt, was Liebe wirklich bedeutet und die ihm ein wahres Zuhause gibt. In diesem Zuge vermittelt Girard auch die künstlerische Entwicklung des jungen Malers aus einer gänzlich anderen Perspektive: Die Liebe zu Eva ließ ihn neue Farben probieren, einen neuen Stil entwickeln und ausformen. Sein neues Leben spiegelt sich in seinen Bildern wieder, mit denen er zu großem Erfolg kam und in denen er seine Emotionen niedermalte.

Fesselnd und einfühlsam gestaltet Anne Girard ihre ganz besondere Geschichte über diesen großartigen Maler, reichert sie an mit vielseitigen und detailliert gezeichneten Charakteren, die berühren, abstoßen, erfreuen und dem Roman eine wundervolle Tiefe geben. All das vor der Kulisse der Stadt der Lichter und der Liebe, die so viele Happy Ends wie Dramen schrieb und aufgebaut auf einem sehr gut recherchierten Gerüst aus Geschichte und Fakten. Leidenschaft und Hoffnung innerhalb einer drastischen Epoche des Jahrhunderts, bewegend, mitreißend, ergreifend von Anfang bis Ende erwartet den Leser ein Kopfkino vom Feinsten auf knapp 460 Seiten.

Man leidet mit, man freut sich, man ist gespannt, man trauert und hofft. Und man will nicht, dass das unweigerliche Ende eintrit. Man möchte weiterschmökern in diesem wundervollen Buch und man will, dass diese besondere Liebe einfach nie dieses zu frühe Ende hätte erfahren müssen.

Ein absolutes Herzensbuch des Jahres und eine klare Empfehlung an alle, die einmal tief in das besondere Leben von Picasso und Eva eintauchen wollen oder den Charme eines richtig guten Buches spüren wollen, das es versteht, seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite im Bann zu halten und zu verzaubern.

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Dieses Buch ist Teil meines Projekts „Paris lesen und staunen“ Für mehr Informationen: KLICK

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11 Kommentare zu “paris lesen und staunen: madame picasso von anne girard

  1. Im Aufbau Verlag wird das übrigens eine Reihe! Mittlerweile gibt es „Die Tochter des Malers“ von Gloria Goldreich über Chagall und es soll ein weiterer Roman dieser Art erscheinen!
    „Madame Picasso“ möchte ich auch noch lesen, da das Buch über Ida und Marc Chagall super war und ich die Malerei so mag, obwohl es heißt, dass Picasso etwas anders dargestellt wird, als er wohl in Wirklichkeit war. Das soll bei Chagall anders sein.

    Liebe Grüße
    Lisi

    • Ja Chagall lese ich gerade – genauso wundervoll wie Picasso, das tatsächlich etwas von der Realität abweicht – siehe Rezi 🙂 aber dennoch wundervoll geschrieben und bezaubernd traurig-schön! Solltest du dir nicht entgehen lassen!

  2. Pingback: Lesestoff. Neu bei uns. | Burgkirchen liest

  3. Pingback: pelzige Lektüre: Die Tochter des Malers von Gloria Goldreich | lesende Samtpfote

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