achtung buch: die letzten tage von rabbit hayes von anna mcpartlin

rabbit

Rabbit Hayes ist 42 Jahre alt und gemeinsam mit ihrer Mutter Molly auf dem Weg ins Hospiz. Doch es ist nicht die Mutter. die am Ende ihres Lebens angelangt ist, sondern die junge Frau und Mutter einer 12jährigen Tochter, die so jäh aus dem Leben gerissen wird, das eigentlich noch so viele schöne Momente für sie alle bereit halten sollte.

Neun Tage bleiben ihr nun noch, um dem Unvermeidlichen ins Auge zu sehen, um gemeinsam mit ihrer Familie zu lachen, zu scherzen, zu weinen. Um ihnen Kraft zu geben für die Zukunft ohne die Tochter, Schwester, Freundin und Mutter. Viele kleine Aufgaben hat sich Rabbit für diese neun Tage vorgenommen: Sie will mit Kampfgeist, lautem Fluchen und einem Lächeln im Gesicht gehen, ihrem Vater die Kraft und Nähe geben, um das alles zu verarbeiten und ihm vor allem nahe sein. Eine Sache, die für Jack Hayes nicht leicht ist, da er nicht zusehen kann, wie ihm seine eigene Tochter entgleitet und er hilflos zusehen muss. Sie will ihrer Schwester helfen, mit ihrer Familie zurechtzukommen und ihrem Bruder dabei, ein geregeltes Leben zu führen und vor allem will sie eines: das Beste für ihre Tochter, die noch nicht weiß, dass die Mutter sie sehr bald für immer verlassen wird.

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„Die letzten Tage von Rabbit Hayes“ gehört eigentlich zu der Kategorie Bücher, die ich normalerweise nicht lese. Doch es hatte etwas an sich, das mich nicht losgelassen hat. Als ich dann aber zu Lesen begonnen, und etwa die ersten 40 Seiten vorbei waren, dachte ich, dass ich dieses Buch nie zu Ende lesen kann. Warum, fragt ihr euch sicher, und ich werde euch die Antwort geben, wenn sie auch sehr persönlich ist. Aber unpersönlich geht nicht bei diesem Buch.

Rabbit Hayes ist 42, hat eine zwölfjährige Tochter und bekam vor einigen Jahren die Diagnose Brustkrebs. Sie machte alle Operationen mit und ließ alle Therapien über sich ergehen, in der Hoffnung auf Heilung. Doch der Krebs kam zurück, schlimmer als zuvor und irgendwann können die Ärzte nichts mehr tun, außer alles für den Patienten so schmerzfrei wie möglich zu gestalten. Genau diese Geschichte habe ich mit meinem Papa erlebt. Er erkrankte vor ein paar Jahren an Krebs, machte alle Operationen und Therapien mit, galt als geheilt, es kam zurück, man versuchte es einzudämmen, keine Chance. Nach drei Jahren hat er den Kampf letztendlich verloren und wir haben ihn auch, genau wie Rabbits Eltern ihre Tochter, bis zum Schluss begleitet.

Nun gibt es ja Bücher wie Sand am Meer zu dieser Thematik, aber kein einziges wie das, das Anna McPartlin geschrieben hat. So authentisch, wie sie die Gefühle und Erlebnisse beschreibt, war ich schon zu Beginn ein weinendes Häufchen.I ch konnte mich so direkt in Rabbit und ihre Familie hineinversetzen, in die Schmerzen und die Hoffnungslosigkeit und in die Wut, nichts tun zu können.

„Sie wollte treten, kratzen und beißen, sie wollte um sich schlagen und der Welt ins Gesicht brüllen. Sie wollte etwas kaputt machen, ein Auto zu Schrott fahren, eine Kirche anzünden, die Hölle entfesseln.“
(S. 15)

Allgegenwärtig sind die Fragen im Raum, ob man wirklich alles getan und versucht hat, ob man alles gegeben hat, um dem geliebten Menschen zu helfen. Es kann doch nicht sein, dass im 21. Jahrhundert Menschen so qualvoll aus dem Leben gerissen werden! Man möchte den Tatsachen nicht ins Auge sehen, man will kämpfen, auch wenn es ein Kampf gegen Windmühlen ist.

„Ich weiß nicht genau. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, ob wir vielleicht was übersehen haben. Vielleicht wartet irgendwo da draußen noch ein Wunder.“
(S. 80)

Wunder sind es, auf die man hofft, an die man sich klammert und die nur viel zu selten eintreffen. Und dann haben wir da Rabbit, die – genau wie mein Pa – bis zuletzt optimistisch und herzlich mit ihrer Familie lacht und scherzt und ihre Lieben einfach nur bedingungslos liebt. Trotz dessen es ihr sehr schlecht geht, versucht sie das Leben der anderen zu Regeln und in ordentliche Bahnen zu bringen, obwohl ihr selbst nur noch wenige Tage bleiben, die sie zu großen Teilen verschläft.

„Ich hatte es im Griff. Es war weg – und jetzt ist es wieder da, und ich bin wie gelähmt. Ich weiß. was kommt. Diesmal gehe ich den Dingen mit offenen Augen entgegen. Ich habe keine Angst mehr, ich bin nur wütend.“
(S. 498)

Trotz der schlimmen Diagnosen verließ Rabbit nie der Mut und sie kämpfte für sich und vor allem für ihre Familie, die schon immer ein seh enger Bezugspunkt in ihrem Leben war. Doch es ist nicht nur die Krankheit Rabbits, die im Zentrum der Geschichte steht, und ich bin sehr, sehr froh, dass ich weitergelesen habe. Während Rabbit im Hospiz ist und sehr viel schläft, erfährt man in sehr gefühlvollen Rückblicken, wie Rabbit aufgewachsen ist und wie sie gelebt hat. Wir erleben mit ihr eine sehr glückliche Kindheit mit Freunden, Lachen und bedingungslosem Glück.

Wir verbringen Stunden mit Rabbit, ihrem Bruder und dessen Band in der Garage und erleben, wie das Mädchen zum festen Bestandteil der Truppe wird. Wir erleben ihre erste große Liebe, die zwar schmerzvoll ist, aber auch zeigt, dass Rabbit ein Mensch ist, der bedingungslos liebt und dafür alles tut. Und wir erleben die tückische Krankheit, die sich in die Idylle schleicht und Rabbits Körper zerstört, aber nie die Seele erreicht.

Bis zur letzten Seite spürt man eine immense Wärme und so viel Liebe, die zwischen den Hayes herrscht und die nichts zerstören kann. Man will die Familie im Herzen halten, sie umarmen und mit ihnen lachen, weinen und vor allem fluchen. Es wird nichts beschönigt, aber auch nicht auf die sentimentale Ader gedrückte. Anna McPartlin präsentiert eine mehr als authentische Geschichte, die für mich zu großen Teilen ein Spiegel der letzten drei Jahre war. Hoffnung und Verzweiflung reichen sich die Hand, aber darüber steht immer die Liebe der Familie. Es gibt viele Szenen, an denen man schmunzeln muss – insbesondere, wenn Tochter und Mutter um die Wette fluchen (sehr zum Entsetzen der Krankenschwestern), aber auch ganze Kapitel, in denen die Tränen nicht enden wollen.

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Das Thema Tod wird dabei auf eine erschütternde, emotionale und sehr behutsame Weise behandelt. McPartlin ist schmerzhaft offen und ehrlich und geht keine Kompromisse ein, den Kompromisse gibt es in dieser Situation nicht. Dies zeigt sie auch anhand der Reaktionen ihrer Protagonisten, von denen jeder auf seine eigene Weise versucht, mit der Situation klar zu kommen. Drei Generationen Hayes, die von jung bis alt ihre Gefühle nicht verbergen können, die selbst dann noch hoffen, als es keine Hoffnung mehr gibt, die wütend sind, hoffnungslos und traurig und die zuletzt akzeptieren, dass es keinen Weg zurück gibt.

Wie schon angedeutet, dachte ich nicht, dass ich dieses Buch beenden kann, da es einfach tiefe Wunden wieder aufgerissen hat. Und das auf den ersten Seiten in einer derartigen Direktheit, dass es mir kaum unmöglich war, weiterzulesen. Doch in bin froh, Rabbit bis zum Schluss begleitet zu haben und es ist eine wahre Liebe zwischen uns und der ganzen Familie gewachsen. Auch Anna McPartlin bringe ich hier meinen größten Respekt entgegen, da das Buch zwar fiktiv ist, aber viele schwere Schicksalsschläge aus ihrem eigenen Leben verarbeitet – wahrscheinlich ist es das, was es so authentisch macht, nämlich dass wahre Begebenheiten dahinter stecken.

Von mir gibt es für dieses Buch eine sehr klare Empfehlung, aber mit einer kleinen Warnung an diejenigen, die ein derartiges Schicksal teilen. Da sollte man wirklich austesten, inwiefern man es „verträgt“. Sonst lieber noch im Regal lassen und später lesen. Es ist ein sehr warmherziges und gefühlvolles Buch, dem man sich, wenn man einmal begonnen hat, nur schwer entziehen kann und will. Ein Buch mit so viel Liebe und Lebensfreude, dass einen selbst inne halten lässt und tief dankbar darüber macht, dass man am Leben und gesund ist. Das anregt, die kleinen Freuden des Lebens zu genießen und nicht alles als selbstverständlich anzusehen und das auch zum Nachdenken anregt. Es ist eine Geschichte, die aus dem Leben gegriffen ist und dem Leser eine definitive Achterbahnfahrt der Gefühle beschert.

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9 Kommentare zu “achtung buch: die letzten tage von rabbit hayes von anna mcpartlin

  1. Ein sehr guter Artikel, danke dafür 🙂
    Ich habe dieses Buch schon seit einiger Zeit auf dem Schirm, nun kann ich mir besser einen Eindruck verschaffen.
    Respekt, dass du trotz der Erinnerungen an dem Buch festgehalten hast!
    Liebe Grüße
    Sindy

    • Liebe Sindy,
      vielen Dank für die lieben Worte! Du solltest es unbedingt lesen! Man kann es kaum in Worte fassen, wie behutsam und besonders es geschrieben ist!
      Ja, ich dachte nicht, dass es geht, stand dann aber mit anderen Lesern im Austausch und das hat geholfen und mir „Mut“ gemacht. Und nachdem man am Anfang wirklich ins kalte Wasser geschmissen wird, was die Thematik angeht, entwickelt es sich zu einer echt wunderbaren Lebensgeschichte der jungen Rabbit, die auch enorm viel Kraft geben kann. Und trotzdem muss man immer wieder heulen, wenn man dran denkt! *hach*

  2. Danke für deine Besprechung. An uns ist der Kelch bisher gottlob vorbeigegangen….
    Aber bei deinen Worten rollten schon meine Tränen, wie sollte ich da das Buch ’schaffen’…

    • Oh ja und ich drücke dir auch so die Daumen, dass das so bleibt!
      Ja, so ging es mir – weißt du ja – warst ja an meiner Seite während ich las. Es zehrt sehr, aber ist echt auch so wundervoll geschrieben, so voller Mut und Kampfgeist. Du solltest es versuchen, trotz Risiko mehr als 2 Packungen Taschentücher zu verbrauchen 😉

  3. Meine Liebe, ich kann gerade nur ein ❤ da lassen….Tränen rollen mir übers Gesicht – wie beim Lesen des Buches…….so tief….

  4. Ich finde das Buch wunderschön – und gleichzeitig super traurig. Ich lese viele solcher Bücher. Ich bin erstreckt zwölf Jahre alt und meine Mutter ist im Februar gestorben. Ihr Krankheitsverlauf war sehr ähnlich zu Rabbits und ich kann mich gut mit Juliet identifizieren, da ich ihr sehr ähnlich bin. Ich finde das Buch ist sehr schön geschrieben und außerdem ist es eine tolle Geschichte. In vielen Romanen gibt es ein Happy-End, aber so ist das Leben nun einmal nicht. Eines der bewegendsten Bücher, die ich je gelesen habe (ich habe schon viele gelesen für mein Alter). Das Buch ist echt lesenswert

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