achtung buch: miss nightingale in paris von cynthia ozick

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Es gibt sie, die Bücher, die einen nach dem Lesen zunächst einmal sprachlos zurücklassen, sprachlos und nachdenklich, die eine Geschichte erzählen, die so tiefgründig ist, sich in die Seele des Lesers gräbt und dort ihre Spuren hinterlässt. Dazu gehört für mich definitiv „Miss Nightingale in Paris“Ein Titel, der zunächst doch irgendwo romantisch anmutet und den Leser zum Träumen hinreißt. Als ich dann zu lesen begann, ich gestehe: mit leichten Startschwierigkeiten, erwartete mich jedoch keine Pariser Leichtigkeit oder große Liebe. Vielmehr tat sich ein Familiendrama vor meinen Augen auf, dessen Ausmaß ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erkennen konnte. Wahrscheinlich war dies auch der Grund, warum ich das Buch dann eine ganze Weile vor mir her schob. Doch diese Woche las ich endlich weiter und kam in den Sog der Geschichte, die mich nicht mehr loslassen wollte.

Wie oft glaubt man doch, dass Blut dicker ist, als Wasser, dass die Familie zusammenhalten muss und dass man in Notsituationen aufeinander bauen können muss, egal wie nahe man sich wirklich steht. Man denkt, man kann die anderen Menschen beeinflussen und nach den eigenen Vorstellungen formen. Meist erreicht man jedoch das absolute Gegenteil: Rebellion und Revolution. Und genauso geschieht es auch in Cynthia Ozicks Roman.

Wir befinden uns im Jahre 1952 und treffen dort auf Beatrice „Bea“ Nightingale, die relativ frisch geschieden als Lehrerin arbeitet. Sie versucht ihren Schülern die großen Klassiker beizubringen – sie zu kultivieren – während sie zu Hause wie in einem Käfig lebt, eingesperrt vom Flügel ihres Ex-Mannes, der ihr Appartement mehr als dominiert und ihr die Luft zum Atmen nimmt. Eines Tages im Sommer erhält sie einen Brief von ihrem Bruder Marvin, der sie darin bittet, seinen verlorenen Sohn Julian aus Paris zurück zu ihm nach Kalifornien zu bringen. Dieser wollte nur ein Jahr im Ausland bleiben und ist nun mittlerweile das dritte Jahr in der Seine-Metropole und schlägt sich mehr schlecht als recht als Kellner durch. Für seinen Vater, den erfolgreichen Unternehmer, ist er damit das schwarze Schaf der Familie. Zum Glück gibt es noch Schwester Iris, die Studentin voller Ehrgeiz und der ganze Stolz des Vaters.

Bea lässt sich darauf ein, nach Paris zu reisen, obwohl sie ihrem Bruder nicht wirklich nahe steht und macht sich auf die Suche nach Julian. Sie trifft ihn jedoch nicht an, erfährt aber, dass er eine Freundin haben muss. Nach ihrer Rückkehrt informiert sie Marvin über ihre Erkenntnisse, der darüber sehr entsetzt ist. Nachdem dieser erste Versuch gescheitert ist, zwingt Marvin Bea erneut, nach Paris zu reisen – diesmal mit der Unterstützung von Iris:

„Bea,
erzähl mir nichts von Deinem sogenannten Job, sie werden Dich nicht vermissen. Du tust das, was Du tust und DU bist, wer Du bist, weil Du nie den Drang hattest, etwas anderes zu sein. Iris ist dabei zu promovieren, das habe ich Dir doch bereits erzählt, dieses schwierige Zeug, das echte Ding – sie ist ehrgeizig, sie ist auf dem richtigen Weg, sie bleibt bei dem, was sie angefangen hat. Dich will ich dort haben, ich habe Dir schon erklärt, warum. Du kannst Dir freinehmen – besorg Dir eine Stellvertreterin von der Lehrergewerkschaft oder was auch immer. Wie ich schon sagte, ich lass Dich wissen, wo Julian ist, sobald wir etwas hören. In der Zwischenzeit wird Iris Dich ins Bild setzen. 
Marvin
(S. 24)

Marvin, wie er leibt und lebt. Der Patriarch, der denkt, dass er alles erreicht. Und fast scheint es, als habe er Erfolg, denn Bea macht sich erneut auf den Weg nach Paris, um Julian zu finden. Doch sie ist nicht allein. Iris reist zu Bea, bleibt offiziell eine Woche, reist aber unterdessen selbst nach Paris, um den Bruder zu finden. Dies war keine spontane Idee, sondern von langer Hand geplant, sodass Bea letztendlich nur als Sprungbrett benutzt wurde. An sich auf den ersten Blick nicht schlecht, bleibt ihr so ja eine weitere Reise erspart. Doch die „Freude“ war nur von kurzer Dauer, da Iris nun – endlich der harten Hand des Vaters entkommen – auch beschlossen hatte, in Paris zu bleiben. Bea hatte keine Wahl, sie musste noch einmal nach Paris, wo sie auf Julian und seine nicht Freundin sondern Ehefrau traf, die noch dazu ein schweres Schicksal zu bewältigen hat. Kann Bea das Unmögliche bewältigen und die Kinder wieder zu einem Vater, der dominant, tyrannisch und bestimmend ist? Zu einem Vater, der kein Verständnis für Kunst und Freidenker hat und der seine eigene Frau dazu brachte, vor ihm zu fliehen, in dem sie sich in ein Sanatorium einliefern ließ, obwohl sie vollkommen klar war?

„“So wie Marvin es sieht, ist seine Frau weggelaufen, ist sein Sohn weggelaufen, die Einzige, die nicht weggelaufen ist, ist seine Tochter. Was glaubst du, warum sonst bin ich hier? Was glaubst du, wie ich überhaupt hierhergekommen, wie ich hier gelandet bin? Und wo sonst in der Welt könnte ich hingehen?“ Ihre Augen waren weit geöffnet, die unteren Lider gerändert von schmalen blutroten Halbmonden. “ Ich – kann – nicht – mit meinem Mann leben.““
(Margret im Gespräch mit Bea, S. 133)

„Miss Nightingale in Paris“ hat alle meine Erwartungen weit übertroffen. Verschiedene Konflikte werden aufgegriffen und beleuchtet. Da hat man zunächst den Bezug zum amerikanischen Originaltitel „Foreign Bodies“ – „Fremdkörper“. Wer ist der Fremdkörper? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman. Ist es Marvin, der versucht, die ganze Familie zu dominieren und sie nach seinen Vorstellungen zu formen?

Ist es Bea, die – ohne Nichte und Neffe wirklich zu kennen –  wie eine Art Spionin nach Paris gesandt wird, um die verlorenen Kinder zurück zu holen? Oder ist es Julian, der als künstlerischer Freigeist aus dem goldenen Käfig des väterlichen Haushalts ausgebrochen ist? Davon sollte sich jeder Leser ein eigenes Bild machen, denn die Charaktere sind so feinfühlig geschliffen und lebendig gezeichnet, dass man auf jeder einzelnen Seite Verletzlichkeit, Wut, Liebe, Hass, Ungewissheit fast körperlich spüren kann.

„Es ist schon ziemlich lange her, seit ich hier angekommen bin – genau dort, wo Du mich haben wolltest – , also schulde ich Dir wohl ein paar Neuigkeiten. Die Neuigkeiten sind nicht gut. Ich habe nichts erreicht, und es hat sich herausgestellt, dass tatsächlich eine Freundin mit im Spiel ist, die zufällig keine Französin ist…“
(Bea an Marvin, S. 99)

Als weiteres Motiv hat man das unweigerliche Aufeinandertreffen zweier Welten: Die „Neue Welt Amerika“ gegen die „Alte Welt Europa mit Paris in der Stellvertreterrolle. Ein Konflikt, der fest zur Zeit der Fünfziger Jahre gehört und der im Roman deutlich herausgearbeitet wurde.

Jeder Charakter war geprägt von einer Rastlosigkeit, von einer Art Heimatlosigkeit, Für jede einzelne Person bedeutete der Roman den persönlichen Weg zur Selbstfindung, zur Befreiung, zum Kampf gegen die alten Gespenster, zum Widerstand oder zum Versagen, zur Kraftlosigkeit. Jeder versuchte seinen Platz zu finden und stetig fiel die Familie auseinander. Oft fühlte ich mich beim Lesen an die „Buddenbrooks erinnert, sah, wie die Familie sich teilweise selbst zerstörte in ihrem Drang nach Freiheit. Ich litt mit den Protagonisten, spüre ihre Zerrissenheit noch jetzt, als das Buch ausgelesen ist. Dabei ist mir besonders Bea ans Herz gewachsen. Sie, die frisch geschieden gegen die Erinnerungen kämpfte, die ihr eigenes Leben neu organisieren musste/sollte, anstatt sich von Marvin als Botin, als rettender Engel missbrauchen zu lassen. Bea, die so viel Ablehnung erfuhr und am Ende doch erhobenen Hauptes aus sich herausgewachsen ist. Iris erkannte an einer Stelle richtig:

„Ehrlich gesagt, habe ich es erst vor einer Weile gemerkt, aber ich glaube, Du bist wahnsinnig tapfer!“
(S. 299)

Dieser Satz hallt noch laut in mir nach, obwohl das Buch ausgelesen vor mir liegt und ich denke, es wird noch lange in mir arbeiten. Es zieht einen hinab in einen Strudel familiärer Abgründe, der Suche nach Freiheit und nach sich selbst und der Frage nach Zugehörigkeit und Entwurzelung. Ozick erzählt diese Geschichte, eine Hommage an Henry James berühmten Roman „Die Gesandten“, mit leisen aber eindringlichen Tönen, die den Leser wie eine Melodie tragen. Von leisem piano steigert es sich stellenweise in lauten crescendi, um wieder leiser zu werden. Von mir eine klare Leseempfehlung für die Freunde tiefgründiger, wundervoller Literatur mit Nachhall. „Miss Nightingale in Paris“ ist ein großes literarisches Werk, dem ich wünsche, dass es noch viele Leser begeistern wird und dass es auch seine Autorin in Deutschland bekannter werden lässt.

~

Internationale Literatur
Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag
368 Seiten
Originaltitel: Foreign Bodies
Aus dem Englischen übersetzt von Anna Leube, Dietrich Leube.
ISBN-13 9783862200399
erschienen bei den Ullstein Buchverlagen.

Dieses Buch ist Teil meines Projekts „Paris lesen und staunen“

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4 Kommentare zu “achtung buch: miss nightingale in paris von cynthia ozick

  1. Hallo Julia,

    also hinter dem Titel hätte ich auch wirklich etwas anderes erwartet!
    Sehr schöne Rezi, die deine Begeisterung sehr gut herüber bringt und auch zeigt, dass dir das Buch zu Herzen gegangen ist bzw. sehr eindringlich war. Mich hast du definitiv neugierig gemacht und so landet Miss Nightingale direkt auf meiner WuLi.

    Liebe Grüße
    Nanni

    • Das freut mich und danke für die lieben Worte! 🙂
      Hihi ja, nicht wahr? Schon das Cover ist so romantisch gezeichnet, dass ich eher eine Liebesgeschichte mit oder ohne Drama dahinter vermutet hätte 🙂 und heute, nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen habe, nagt es immer noch in mir. So etwas passiert nur mit besonderen Büchern. Ist noch nicht ganz verarbeitet *lach*

      Hab nen wundervollen Tag und bis bald,
      LG Jule

  2. Ich habe mir das Buch letztes Jahr auf der Buchmesse gekauft, doch dann habe ich es nie gelesen. Nun habe ich dank deiner wunderbaren Besprechung richtig Lust darauf bekommen, es bald möglichst in die Hand zu nehmen.

    Liebe Grüße
    Mara

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