achtung buch: afterworlds von scott westerfeld

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Stellt euch vor, ihr seid der einzige Überlebende eines grausamen Terroranschlags und das nur, weil ihr euch so überzeugend tot gestellt habt, dass die Schützen euch wirklich für tot gehalten und von euch gelassen haben. Doch nicht nur das: In der Schwebe zwischen Leben und Tod habt ihr ungewollt eine Grenze überschritten, die euch direkt in die Totenwelt bringt. Genau das ist der jungen Lizzy passiert, die gerade auf dem Heimweg vom Besuch bei ihrem Vater war und auf dem Heimatflughafen in die Schusslinie der Terroristen geriet. Mitten in der Totenwelt „Afterworlds“ trifft sie auf den jungen Seelenführer Yamaraj, der sie nach und nach in die Geheimnisse seiner Welt einführen will. Aber alles sehr langsam und mit so wenigen Details wie möglich, sodass Lizzy das Leben bei den Menschen nicht zu schnell „vergisst“ und in den Strudel der Dunkelheit gerät. Denn die endgültige Entscheidung wird irgendwann fällig sein: Wird Lizzy die Totenwelt hinter sich lassen und bei den Lebenden bleiben oder wird sie als Wandlerin zwischen den Welten existieren und gemeinsam mit Yama eine Existenz zwischen Licht und Dunkel führen, in der erbitterte Kämpfe um die Seelen ausgefochten werden.

Was für eine wahnsinnig gut durchdachte Story! Das dachte ich mir, als ich den Klappentext las. Und dabei ist es „nur“ die Story in der eigentlichen Story. Denn: Die Idee um die Totenwelt, Lizzy und Yama stammt aus der Feder der 17jährigen Darcy Patel, die binnen eines Monats damit ihren Debütroma schrieb. Mehr aus Spaß hat sie das Manuskript an den angesehensten Verlag in New York gesendet und bekommt prompt einen Buchvertrag inklusive Verpflichtung für einen Folgeroman und einem mehr als großzügigen Vorschuss. Darcy legt daraufhin ihre Collegepläne auf Eis und zieht nach New York, wo sie ohne große Vorbereitungen und mit einem guten Finanzkonzept ihrer Schwester beginnt, ihren großen Lebenstraum zu verwirklichen: eine richtige Schriftstellerin zu werden und sich das erste Mal richtig zu verlieben.

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702 Seiten erwarten den Leser in „Afterworlds“ – 702 Seiten, die ich binnen 4 Tagen durchgelesen habe, weil ich dieses Buch einfach nicht beiseite legen konnte. Die zwei eben angedeuteten Handlungsstränge wechseln sich von Kapitel und Kapitel ab, sodass man einerseits die Handlung von Darcys Buch erlebt und andererseits die Entstehungsphase dessen quasi von Vertrag bis zur Veröffentlichung hautnah verfolgen kann.

Das Prinzip der Intertextualität, also des Textes im Text (würde man an dieser Stelle einmal davon ausgehen, dass „Afterworlds“ ein reeller, schon existierender Text ist) wird dabei wirklich mehr als geschickt eingesetzt und es war für mich wirklich eine Premiere. Ein Buch, das in dieser Art aufgebaut ist, hatte ich bisher nicht in die Finger bekommen und es entwickelte sich von Seite zu Seite mehr zu einem Pageturner. Ich konnte mich nicht entscheiden, welche Geschichte ich fesselnder fand: Darcys Entwicklung und ihre Erlebnisse oder Lizzys Ausflüge in die Totenwelt. Ja, auch gerade beim Schreiben dieser Besprechung hüpfen die Gedanken hin und her und ich habe wirklich kleine Schwierigkeiten, diese schlüssig zu Papier zu bekommen *lach*

Also zunächst zu Darcy: Darcy ist eigentlich ein normales 17jähriges Mädchen, dass seinem Traum, eine große Schriftstellerin zu werden, ein großes Stück näher kommt, als ein großer New Yorker Verlag ihr Manuskript aufkauft und veröffentlichen möchte. Darcy bricht daraufhin aus ihrer gut behüteten Familie aus und zieht nach New York, wo sie sofort Anschluss an andere Schriftsteller findet, die sie auch unter ihre Fittiche nehmen und sie bei ihrem Weg unterstützen. Auch die Liebe kommt dabei nicht zu kurz. Dazu möchte ich aber an dieser Stelle nicht zu viel verraten, denn es ist ein wirklich wichtiges und auch rührendes Element in Darcys Entwicklung. Ich mag ihren Charakter sehr gern und habe ihre Entwicklung voller Begeisterung verfolgt. Man kann fast sagen: Das Entlein wird zum Schwan. Herausgewachsen aus ihrer wohlbehüteten Familienzeit, lernt Darcy schnell, sich unter den Autoren zu behaupten. Hilfreich ist dafür vor allem die Beziehung zu Kollegin und Freundin Imogen, die auch gerade an ihrem neuen Buch arbeitet. Gemeinsam gehen die beiden durch dick und dünn und der Leser erlebt hautnah große Gefühle, Selbstzweifel, aber auch die Wichtigkeit des Glaubens an sich selbst. Man spürt die Ängste, die Nervosität, die Rastlosigkeit in Schreibflauten – kurzum das gesamte Gefühlsspektrum einer Autorin, die ihr Buch auf den Weg zur Veröffentlichung bringen möchte.

Ihr Buch… Damit sind wir direkt im Handlungsstrang Nummer 2, in Lizzys Welt. Lizzy ist, genau wie Darcy, eine starke Persönlichkeit, die aus ihrem gewohnten Umfeld ausbricht, Nur erfolgt dies, im Gegensatz zur jungen Patel, nicht freiwillig, sondern durch einen Terroranschlag, der das Leben Lizzys von jetzt auf gleich umkrempelt. Auf einmal ist sie in der Lage zwischen Lebenden und Totenreich hin und her zu switchen. Sie sieht Geister und macht es sich zur Mission, einigen von ihnen zu helfen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Eine Aufgabe, die nicht ungefährlich ist und die auch Yama, der junge Totengott, nicht für gut befinden kann. Lizzys Fähigkeiten entwickeln sich viel zu schnell und sie will sich nicht stoppen lassen. Gravierende Fehler werden aus Unwissenheit und auch einer gewissen Sturheit heraus begangen, die zwar im Moment hilfreich erscheinen, andererseits aber auch andere Gefahren hervorrufen. Und dann sind da ja noch die großen Gefühle für Yama…. Auch dieser Strang wusste zu überzeugen, weist aber an einigen Stellen Schwächen auf. Denn: Lizzys Wandlung vollzog sich so schnell und teilweise auch nicht nachvollziehbar. Anstatt Yama ihr zur Seite steht, lässt er sie in der Ungewissheit, in einer Situation, mit der man so einfach nicht fertig wird. Klar, dass Lizzy dann auf eigene Weise versucht, eine Lösung für ihr Dilemma zu finden. Die gesamten Ereignisse sind nicht zu hundert Prozent ausgereift und bleiben teilweise etwas auf der Strecke, was sehr schade ist. Vielleicht zeigt es aber auch nur, dass Darcys Buch noch in der Überarbeitung steckt und die Lektorin noch drüber ist? Ich bin nicht sicher. Oder ist es wirklich als erster Teil zu betrachten und alles wird sich in einem weiteren Roman von Westerfeld klären? Leider habe ich dazu keine Informationen im Internet finden können. Oder aber dieser Strang ist etwas nebensächlich ,da Darcys Entwicklung als Schriftstellerin im Vordergrund stehen soll? Das wäre etwas schade, denn der Grundgedanke war wirklich mehr als gut. Nur wurde er nicht komplett ausgereift.

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Atemlos, sprachlos bin ich dennoch durch die Seiten geflogen, habe Darcy über die Schulter geschaut und mit Lizzy gebangt und gefiebert. Parallelen lassen sich bei beiden Mädels erkennen: Sie verließen ihr geregeltes Leben, um ein Neues zu beginnen. Große Herausforderungen erwarteten sie und auch manche Gefahr oder Unsicherheit. Wird „Afterworlds“ ein Erfolg werden? Wird Lizzy die richtigen Entscheidungen treffen? Wird die Liebe siegen? Große Fragen, die nur teilweise beantwortet wurden und große Hoffnungen auf einen zweiten Band machen. Die Geschichte war ein Fluss, der den Leser vom Licht in die Dunkelheit und umgekehrt führte. Ich war gefangen und wollte nicht mehr auftauchen, aber irgendwann war es soweit: „Afterworlds“ war bereit, veröffentlicht zu werden. Doch würde es ein Erfolg sein? Was passiert mit Yama und Lizzy? Wird sie ihre Fähigkeiten richtig ausschöpfen können? Und was geschieht mit Darcy? Bleibt sie in New York oder wird sie aufs College gehen? Was ist mit ihrer Mutter? Diese Fragen bleiben leider unbeantwortet. Da Darcy ja aber einen Vertrag für zwei Bücher hat und „Patil ohne Namen“ noch nicht geschrieben war, hoffe ich einfach stark, dass all diese Fragen in einem zweiten Band beantwortet werden, der hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lassen wird. Ich bin absolut im Bann der Totenwelt und im Bann des New York der jungen, talentierten und aufstrebenden Schriftstellerinnen. Bitte mehr davon! Ein wundervolles Buch mit kleinen Schwachstellen, das man jedem Freund von guter Fantasy und einem besonderen Stil unbedingt ans Herz legen kann.

Mehr Informationen zum Buch gibt es beim Fischerverlag

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Der englische Trailer zum Buch:

EIn paar Worte zum Buch von Scott Westerfeld himself

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5 Kommentare zu “achtung buch: afterworlds von scott westerfeld

  1. Deine Rezension lässt mich hoffnungsvoll zurück, denn ich hatte an den gleichen Stellen die gleichen Probleme, die du aufgeziegt hast. Das Springen zwischen beiden Handlungsebenen erfordert aufmerksames Lesen und trotzdem verschwimmen die Welten und Charaktere bei dieser Text-in Text-Verschachtelung dann und wann.

    Mir war sehr schnell klar, dass es ein zweites Buch geben muss, denn alle aufgeworfenen Fragen, die in der Schwebe sind, bleiben zu komplex, um sie in der Luft hängen zu lassen. Die Überarbeitung des Manuskripts machte mir sehr schnell klar, dass diese Geschichte nicht in diesem Buch beendet wird.

    Daher mein Entschluss, es auf Seite 500 abzubrechen und darauf zu warten, wie und ob es weitergeht. Ich bezweifle, dass es mir bei meinem Lesekonsum gelingt in gefühlten 150 Büchern bis zur Vielleicht-Fortsetzung beide Handlungsstränge noch vor Augen zu haben.

    Ich denke, es muss dann komplett und in einem Zug gelesen werden. Und sollte es keine Fortsetzung geben, dann bereue ich meine Entscheidung nicht, da ich Unvollendetes ncht mag.

    Deine Rezension ist klasse und wird mir sehr helfen, irgendwann diesen Schinken wieder in die Hand nehmen zu wollen.

    • Danke für diese Worte und ich kann dich dabei sehr gut verstehen 🙂 ja, ich hoffe auch, dass alles irgendwo gegenwärtig bleibt, wobei ich sagen muss, dass ich in Bezug auf Inhalte, die mich fesseln oder interessieren ein wahres Elenfantenhirn hab – hoffentlich auch in diesem Fall 🙂

      Dann lass uns hoffentlich bald ein neues read-together finden 🙂

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