achtung buch: noch so eine tatsache über die welt von brooke davis

9783956140532

Jeder und alles, was man liebt, wird nicht ewig auf dieser Welt sein. Jeder und alles muss irgendwann sterben. Ob wir das wollen, ob wir damit klar kommen und wie wir damit umgehen, kann uns keiner sagen, bevor wir es nicht selbst erlebt haben. Und selbst dann wird es jedes Mal anders sein. Im Kindesalter bekommt man das meist noch gar nicht so direkt mit, man wird davor von den Erwachsenen geschützt, die auf Fragen zum Thema Tod nur ausweichend antworten. Es scheint eine Art Tabu darüber zu liegen.

Je älter man wird, desto gegenwärtiger wird das Thema jedoch. Verwandte sterben, Freunde, man wird direkt damit konfrontiert und fragt sich, wann das alles begonnen hat. Oder nimmt das Sterben mit dem zunehmenden Alter zu? Diese Fragen könnten von der kleinen Millie aus „Noch so eine Tatsache über die Welt“ stammen. Denn: Millie ist acht Jahre alt und führt ein Buch über tote Dinge. Erster Eintrag: ihr Hund Rambo. Es folgen: die Oma, verwelkte Blumen, Insekten und letztendlich ihr Papa.

„Sie spürt die Tränen in sich aufsteigen und kann nichts dagegen tun, denn Stella ist nett, und ihr Dad ist tot. und ihe Mum könnte es ebenso gut auch sein. Millie schaut zu Stella zurpck, bis sie nicht mehr zu sehen ist, und es tut weh, tief in ihr drin. Alle Erwachsenen, die sie kennt, reißen Stücke aus ihrem Herz heraus und nehmen sie mit und geben sie nie mehr zurück.“
(S. 172)

Ständig denkt sie über den Tod nach, fragt sich, warum es Bücher gibt, die erklären, wie ein neues Leben entsteht. Bücher mit transparenten Babybäuchen, aber eben keine Bücher, die das Ende des Lebens beschreiben. Warum werden die Körper so klein und verschwinden auf Friedhöfen. Wo ist die Seele des Menschen hin?

„Eines Abends, als ihre Mutter gerade auf allen vieren die Badezimmerfliesen wischte, sagte Millie, Was für eine Beerdigung wünschst du dir, Mum? Wenn du stirbst?
Ihre Mum richtete sich auf, als hätte sie jemand am Nacken hochgezogen. 
Millie machte einen Schritt rückwärts. Heute ist in der Schule ein Luftballon geplatzt, und George hat geweint, und Claire hat gelacht, aber alle waren total überrascht, und so eine Überraschung möchte ich bei meiner Beerdigung haben, eine, bei der alle ganz dolle Herzklopfen kriegen, damit sie sich daran erinnern, dass ihr Herz noch schlägt, […].
Geh in dein Zimmer, sagte ihre Mutter schließlich.“
(S. 115)

Für Millie war das natürlich keine befriedigende Antwort und so stürzt sie sich in ihre eigenen Gedanken und Ermittlungen, besonders als der Vater viel zu jung an Krebs gestorben ist und sie sich eines Abends allein zurückgelassen im Kaufhaus wiederfindet. Mama hat sie dort abgesetzt und kam einfach nicht zurück. So fragt sie sich, warum der Bindestrich zwischen den Lebensdaten auf dem Grabstein so klein und nichtssagend ist, wo er doch das ganze Leben beschreiben sollte, das zwischen Geburt und Tod liegt. All dies beschäftigt sie in der dunklen Einsamkeit der Kaufhausnacht.

„Und plötzlich ist sie sich sicher, dass sie das kleinste Ding ist, das je gemacht wurde, kleiner sogar als die Schotterstückchen unter ihrem Rücken oder die Ameisen, die um ihre Füße herumkrabbeln, denn die Welt ist so groß, so voller Bäume und Sterne und Sterben, dass sie denkt, ein Bindestrich ist wahrscheinlich genau das, was sie ist.“
(S.154)

In ihrer Einsamkeit verbündet sich Millie mit der Schaufensterpuppe Manny, die ihr unfreiwillig das Leben gerettet hat. Doch auch Manny kann ihr nicht helfen, die abhanden gekommene Mutter wiederzufinden. In diesem Moment schickt ihr das Schicksal zwei wundervolle Begleiter, die auf dem ersten Blick mehr schrullig als normal wirken. Blickt man aber hinter die Fassade, haben auch diese beiden Leute ein Leben voller Entbehrungen und Verluste hinter sich. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Millies Mutter.

Da haben wir Karl, der seine große Liebe Evie im Schreibmaschinekurs kennenlernte und ihren Tod bis heute nicht verschmerzen konnte. Überall tippt er auf die Tische nur einen Satz: „Ich bin hier, Evie“. Und dann haben wir Agatha, harte Schale, weicher Kern, die ihren Mann verlor, von dem sie sich nie eingestehen würde, dass er die Liebe ihres Lebens war.

Gemeinsam machen sich die drei auf zu einem besonderen Road-Trip, der sich immer um den Verlust und den Gewinn der Liebe dreht. Nur, weil man etwas verloren hat, bedeutet dies nicht, dass man nie wieder glücklich sein kann. Man muss nur manchmal über seinen Schatten springen, die Vergangenheit hinter sich lassen und offenen Auges nach vorn blicken. Dann geschehen vielleicht manchmal kleine und größere Wunder, die eine neue Liebe ermöglichen, gleich einer jung aufblühenden Knospe. Und schon ist sie wieder da, die fast vergessene Lebendigkeit des eigenen Körpers, der noch viele Abenteuer erleben möchte, bevor er sich in die Reihe der toten Dinge eingliedern wird. Aus dem früheren fast toten Ding wurde wieder eine lebendiges Ding und vor allen drei wundervollen Protagonisten liegt eine wundervolle, auch leicht verrückt-liebenswerte Zukunft.

11903987_505260029649668_6677580707631829148_n (1)

Davis gelang mit „Noch so eine Tatsache über die Welt“ ein wundervolles Buch über den Wert des Lebens und der Liebe, die oft dann auftaucht, wenn man sie schon gar nicht mehr vermutet und resigniert vor sich hin lebt. Wie geht man am besten mit der Trauer um, wie mit der Tatsache, dass ein geliebter Mensch aus dem Leben gerissen wurde? Verkriecht man sich und erträgt alles eben mehr schlecht als recht oder beschließt man, dem Leben noch eine Chance zu geben und etwas zu tun?

„Wie sagt man einem Kind, dem eigenen Kind, dass so das Leben ist? Dass man nur lebt, um zu sterben? Dass, solange man lebt, Menschen, die man kennt, Menschen, die man liebt, sterben werden? Dass es im Grunde am besten ist, gar nicht erst jemanden gern zu haben?“
(S. 240)

Richtig, man sollte die Pobacken zusammenkneifen und etwas tun. Es ist oftmals sehr schwer, sich aus der Klammer der Trauer zu befreien, die einen manchmal nahezu körperlich zu lähmen scheint, doch am Ende sollte man sich überwinden. Das Leben hält immer neue Überraschungen bereit, denen man sich offenen Auges stellen sollte – ganz gleich, ob es eine neue Liebe, eine kleine Geste oder eine komplette Veränderung des Lebensstils ist. Nur wer rastet, der rostet und eins steht fest: Man kann auch lebend zu einem toten Ding werden, nämlich dann, wenn die Lebensfreude erloschen ist. Millie gibt diese Lebensfreude an ihre Begleiter weiter und ermutigt sie zum entscheidenden Schritt zurück ins Leben.

Und ihr alle solltet das mutige kleine Mädchen dabei begleiten, wie sie. die in jungen Jahren schon so viel verloren hat, noch anderen den Lebensmut und die Freude zurückgibt. Eine wundervolle Geschichte, mit leisen Tönen erzählt, die man wirklich jedem Leser nur direkt ans Herz legen kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s