Archiv | September 2015

achtung buch: jenseits des schattentores von beate teresa und susanne hanika

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Willkommen in Rom! In der ewigen Stadt, die vor Geschichte und Mythologie nur so strotzt. Rom, die Heimat der 17jährigen Professorentochter Aurora, die es gerade ziemlich satt hat, von ihrem Vater bevormundet zu werden und irrwitzige Aufträge für einen seiner besten Freunde zu erfüllen. Schließlich war sie deswegen nicht nur einmal in ungewollte Aufmerksamkeit gekommen und von den Carabinieri durch halb Rom gejagt worden. Am hellsten Tag auf das Collosseum klettern, den Neptun im Trevibrunnen besuchen oder sich in ein antikes Bad der römischen High Society zu mogeln gehört eben nicht ganz zu den ungeahndeten Kavaliersdelikten.

All dieser Dinge überdrüssig geworden, beschließt sie unverbindlich eine Wohnung zu besichtigen und ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie damit in das Abenteuer ihres Lebens schlittern wird. Wer ist diese Luna, die ihr die Tür öffnet und glaubt, dass sie über irgendwelche Aufträge Bescheid weiß? Wieso liegt da ein toter Mann in der Wohnung und was haben ein Zwerg und ein verdammt attraktiver junger Mann mit der ganzen Geschichte zu tun? Die Antwort auf all diese Fragen liegt jenseits des Schattentores. Macht euch gemeinsam mit Aurora auf die Suche und blickt dabei Persephone, der Göttin der Unterwelt, über die Schulter, der es tüchtig schwer fällt, sich nicht in die Geschehnisse auf der Erde einzumischen.

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Jugendbuch trifft antike Mythologie. Wer mich kennt, weiß, dass mit dieser Kombination zwei Herzensthemen bedient werden und sofort stand fest, dass ich dieses Buch lesen möchte… nein muss.

Schnell ist man mitten drin im Geschehen und begleitet Aurora bei ihrer Wohnungssuche. Ihr Vater, ein renommierter Professor war so verärgert über ihre waghalsigen Aktionen, dass er ihr Stubenarrest verpasste, obwohl das Mädchen eigentlich nichts dafür konnte. Schließlich waren es alles Aufträge, die sie von einem der besten Freunde des Vaters aufgetragen bekam – unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit natürlich – und die keinen wirklichen Sinn ergaben, außer Aurora regelmäßig in Schwierigkeiten zu bringen. Auf der Suche nach einer Wohnung wird ihr zufällig eine Adresse in die Hände gespielt und sie beschließt, dort ihr Glück zu versuchen. Doch anstatt einer gemütlichen Bleibe erwartet sie die junge Luna, die sie sofort mit der Aufgabe behelligt, eine Leiche verschwinden zu lassen. Charon der Skipper ist tot, umgebracht worden von Luna. Aber warum?

Ehe sie sich versehen kann, steckt Aurora mitten in einem Abenteuer aus Mythologie, Geschichte und Politik. Jeder scheint auf einmal etwas von Charon, oder wie er öfter genannt wird, dem Skipper zu wollen. Insbesondere die beiden verfeindeten Mafiaclans der Stadt buhlen um das Vorrecht und schrecken dafür auch nicht vor extremsten Mitteln zurück. Während beide Mädchen versuchen, die Leiche des Skippers zu beseitigen kommen ihnen auch noch der junge aber arrogante Leon und sein spezieller Zwergenfreund Tatramedes ins Spiel, die zwar enorm hilfreich sind, aber deren Ziele auch etwas undurchschaubar sind.

All diese Ereignisse erfahren wir aus zwei Perspektiven: Einmal erleben wir direkt mit, wie Aurora sich auf der Erde durchschlägt und andererseits beobachten wir alles durch Persephones Glaskugel. Die alternde Göttin hat es sich zum Hobby gemacht, durch ihre Kristallkugel die Geschehnisse der Erde zu beobachten, ist allerdings mehr als gelangweilt davon. Bis sie eines Tages Aurora erblickt und von ihren Taten mehr als neugierig gemacht wird. Sie beschließt, ihr weiter zu folgen und kann ihre Finger manchmal auch nicht ganz aus dem Schicksal heraushalten.

Aurora ist dabei eine sehr niedliche und sympathische Protagonistin, wenngleich sie nicht immer ganz authentisch ist. Als Antike-Expertin hätte sie eigentlich sofort beim Namen Charon stutzig werden müssen. Wenn auch nicht gleich, dann aber spätestens an der Stelle als ihr bewusst war, dass an den alten Mythen doch mehr Wahrheit zu finden ist als sie einst dachte. Je mehr man das Mädchen aber kennen lernt, desto mehr schließt man es in sein Herz und verfolgt gespannt, wie die Geschichte weitergeht.

Leon, Luna und Tatramedes sind tolle Nebencharaktere, die mich auch zu überzeugen verstanden. Natürlich war schnell klar, welche Rolle Leon wirklich spielt, aber es ist ja auch immernoch ein Jugendbuch – und ein wundervolles noch dazu. Und richtig lachen musste ich über Kassiopeia und Persephone. Zwei alternde Göttinnen mitten in einer ausgewachsenen Midlife-Crises und unbemannt. Diese beiden sind eigentlich meine geheimen Stars der Geschichte. Die Götter lieben schon seit jeher ihre Freizügigkeit und so wurden die Themen Liebe und Sex auch ausreichend thematisiert, was ich aber in Anbetracht der Entwicklung der heutigen Kids als okay befinden kann.

Das Thema Mythologie wird auch ordentlich bedient, bietet es ja schließlich die Basis für die Geschichte, wenngleich es auch schön gewesen wäre, die römischen Adaptionen der Götter zu sehen – schließlich spielt die Geschichte ja in Rom und nicht im alten Griechenland. Aber auch das soll meinem Lob keinen Abbruch tun. Es ist alles gut erklärt und die Umsetzung der Mythen in die Moderne ist ausgesprochen gut gelungen. Über die bezaubernde Kulisse der ewigen Stadt muss, denke ich, auch nicht mehr gesagt werden! Wundervoll!!!

Insgesamt hat mir der Roman richtig viel Freude bereitet, wenngleich es oft der Reise ins Labyrith des Minotaurus glich. Viele unvorhersehbare Wendungen gaben dem Vorhersehbaren die Spannung, die das Buch bis zum Ende konsequent lebendig hielt und zu einer tollen Story machte. So verworren wie die Handlungsstränge ab und an wirkten, nahm mir dies nie die Lesefreude. Viel mehr war es ein wahrer Anreiz das Puzzle Kapitel für Kapitel weiter zu entschlüsseln. Abenteuer mit einem Hauch Romantik und Mythologie gepaart mit charmanten Charakteren ergeben hier eine wunderbare Geschichte aus der Feder der Hanika-Schwestern, die jedem Freund dieser Geschichten ein breites Lächeln aufs Gesicht zaubern und viele wundervolle Lesestunden bescheren wird.

Vielen Dank an die S. Fischer Verlage / den Sauerländer Verlag für das Rezensionsexemplar!

achtung buch: palast der blauen delphine von brigitte riebe

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Ihr Lieben, heute hab ich etwas ganz Besonderes aus der Feder der lieben Brigitte Riebe für euch. Besonders und wieder ganz anders als ihre anderen Bücher. Diesmal nimmt sie den Leser mit auf eine Reise ins antike Griechenland und lässt dort den Mythos um den Minotaurus neu aufleben. Tausend Mal gehört, denkt ihr euch? Dann kennt ihr die liebe Brigitte aber schlecht! Stellt euch mal vor, ihr beschäftigt euch mit der Materie um das stierköpfige Ungetüm im Labyrinth und auf einmal schießt euch ein Geistesblitz durch den Kopf: Was ist, wenn es da gar kein Ungeheuer gab? Was ist, wenn Asterios. Sohn von Minos und  Pasiphae in seiner Bestimmung der erste männliche Priester der großen Mutter war, der die Stiermaske trägt? Wenn ihr euch vom traditionellen Mythenbild lösen könnt und dieser Sicht folgen wollt, dann seid ihr am Anfang von Brigitte Riebes Roman angekommen.

Zu dieser Zeit lag ganz Kreta in der Hand der Frauen, allen voran Minos‘ Gattin Pasiphae. Diese führte mit ihren Priesterinnen das Leben der Menschen mit Tradition und Strenge, während Minos im Hintergrund Pläne schmiedete, um der Herrschaft der Frauen ein Ende zu setzen. Zur gleichen Zeit reist der junge Astro mit seiner Mutter Merope über das Meer, um pünktlich zu den nahenden Festlichkeiten am Hof Pasiphaes anzukommen. Doch was er nicht weiß: Er wird dort nicht als Gast ankommen, sondern als Asterios, Sohn Pasiphaes und des Stiertänzers, dessen Aufgabe es sein wird, die Insel vor dem Untergang zu retten. Noch in völliger Ahnungslosigkeit gelassen, genießt er die Reise und begegnet der Jungen und wunderschönen Ariadne, die ihn mit heißer Liebe erfüllt. Keine andere Frau will er jemals an seiner Seite wissen.

Am Hof angekommen, erfährt der junge Mann vom ihm prophezeiten Schicksal und kommt zunächst gar nicht gut zurecht. Pasiphae scheint ihn nicht anzuerkennen, Minos erst recht nicht und seinen Geschwistern ist er auch mehr als fremd. Der schlimmste Schlag ist jedoch, als er feststellen muss, dass die geliebte Ariadne seine Halbschwester ist und ihrer Liebe so eine glückliche Zukunft verwehrt zu sein scheint. Heimlich treffen sich beide weiter, bis Ariadne schließlich von der großen Göttin mit einer Schwangerschaft gesegnet wird. Während sie das Kind nicht bekommen wird, steckt Asterios mitten im Unterricht mit den anderen Mysten, die so in die tiefsten Geheimnisse der Insel und ihrer Kultur eingeweiht werden und in ihren Positionen als spätere Priester und Priesterinnen ausgebildet werden.

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Dabei hat Asterios seine Ariadne nie vergessen, versuchte immer zu ihr zu gelangen und ihre Liebe zu wahren. Jung, verliebt und auch ein wenig blind vertraute er ihr und gab sich erneut der Illusion der großen und wahren Liebe hin. Unterdessen nahmen Minos‘ Pläne mehr und mehr Form an, war er es doch leid, von den Athenern für das Matriarchat auf Kreta verlacht zu werden. Rückständigkeit und Schwäche klingt daran unterschwellig mit – eine Demütigung, die Minos nicht auf sich sitzen lassen kann. So nimmt er letztlich Theseus, den Sohn des attischen Königs Aigeus mit nach Kreta, wo er mit den anderen Mysten in die kretischen Tugenden eingeführt werden soll. Rebellisch und keineswegs kooperativ bringt dieser Unfrieden in die Reihen, wo er nur kann und reizt auch Asterios an dessen wundestem Punkt: Ariadne.

Je mehr Asterios in seinen Aufgaben aufgeht, desto mehr zweifelt sie an der großen Liebe, misstraut ihn und versucht ihn zu hintergehen. Als er das bemerkt, zieht er sich von ihr zurück. Zur Strafe lässt sie sich auf Theseus ein, in dessen Plänen die Tochter der Hohepriesterin eine wahre Paraderolle einnimmt. Ein vernichtender Strudel aus Verrat, Intrigen und Macht schwelt von da an in starker Intensität über der Insel, genau wie die Gefahr des nahenden Vulkanausbruchs. Nachdem Asterios im Zweikampf mit Theseus beinahe zu Tode kommt, scheint die Prophezeiung und somit auch die Rettung Kretas in großer Gefahr.

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Atemlos bin ich aus diesem Roman aufgetaucht, atemlos und begeistert. Schließlich gehört die gesamte griechische Mythologie zu meinen liebsten Gebieten im Bereich der Historie. Werden dann aus den griechischen Gottheiten noch Menschen aus Fleisch und Blut, die eine eigene Geschichte haben, ist das Ganze ein absoluter Volltreffer. Und wer könnte so etwas besser, als Brigitte Riebe. Sie nimmt sich die Figur des Minotaurus im Labyrinth her und überlegt, wie es wohl wirklich zugegangen ist.

Heraus kam eine Geschichte voller Intrigen, schmerzlicher Liebe und Tradition, die den Leser von Beginn an bis hin zur letzten Seite tief in ihrem Bann hält. Wir begleiten den jungen Asterios, der seinen schweren Weg vom unbeschwerten Jüngling Astro hin zum Hoffnungsträger Kretas bestreiten muss. Trotz der harten weiblichen Hand gelingt es ihm, sich seinen Platz im Labyrinth zu erobern und sich Anerkennung zu verdienen, wenngleich das Misstrauen bei vielen noch immer schwer wiegt.

Insbesondere seine Liebe zu Ariadne lässt ihn manch kleinen Irrweg gehen, ohne aber jemals das große Ziel aus den Augen zu verlieren. Oft wirft ihm das Schicksal schwere Steine in den Weg und Minos und seine Gefolgen versuchen den Jungen zum Spielball ihrer Intrigen zu machen. Doch nicht nur Minos macht ihm das Leben schwer: Viel schlimmer wird es, als Theseus von Athen nach Kreta kommt und großen Unfrieden in allen Bereichen stiftet. Schwere Zeiten liegen vor Asterios und es bleibt bis zum Ende fraglich, ob er die Prophezeiung erfolgreich beenden wird.

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Ariadne – was soll zu ihr gesagt werden, außer dass sie die perfekte Mensch gewordene Adaption des Mythos ist? Die athenische Version, die auch im Buch umgesetzt wurde, besagt, dass Minos Athen unterworfen hat, nachdem sein Sohn dort ermordet wurde. Als „Strafe“ wurden die Athener dazu verpflichtet, alle neun Jahre sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge als Menschenopfer für den Minotaurus nach Kreta zu schicken. Im Roman werden diese nicht als Opfer geschickt, da es den Minotaurus ja in der Form des stierköpfigen Monsters nicht gibt. Vielmehr sollen sie mit der kretischen Tradition vertraut gemacht werden und im Labyrinth ihr wahres Ich erkennen. Unter den letzten 14 Jungen und Mädchen kam aufgrund einer Intrige von Minos Theseus mit nach Kreta – ein folgenschwerer Fehler, benutzte er Ariadne doch nur als Mittel zum Zweck, also um Kreta zu schaden und Asterios dabei fast tödlich zu verletzen. Doch jeder bekommt am Ende das, was er verdient!

Was für eine vielschichtige Welt uns die Autorin hier präsentiert! Das alte, mythische Griechenland zum greifen lebendig gemacht mit Charakteren, die farbiger und vielseitiger nicht sein könnten. Mythologie lebendig und fundiert recherchiert, wird hier in einer absolut dichten, spannenden und ergreifenden Geschichte präsentiert, die besser nicht hätte sein können. Spannung, Liebe, Verrat und Authentizität erzeugen einen Spannungsbogen, der den Leser bis zuletzt in Atem hält und begeistert. Eine komplett andere Sicht auf die Dinge, die mich absolut begeistern und überzeugen konnte. Für Freunde von Mythologie und Antike ein Muss! Ihr werdet es lieben!

achtung hörbuch: die verschwörung von david lagercrantz

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Vorab muss ich sagen, dass dies mein erster Roman/mein erstes Hörbuch aus der Reihe um Lisbeth Salander war. Die ersten Teile habe ich, weil ich ja dann doch wissen wollte, wie es begann, in der wunderbaren schwedischen Filmadaption genossen und nebenher auch kurz angelesen, um einen Vergleich zu Lagercratz‘ Stil stellen zu können, der ja ein wahrlich großes Erbe übernommen hat und auch eine ganz schöne Verantwortung auf seinen Schultern zu tragen hatte. Da ich momentan nicht so viel Hörzeit habe, habe ich mir etwa nach der Hälfte noch das Buch gekauft, da ich einfach wissen wollte, wie es weitergeht und somit ein paralleles Hör- und Leseerlebnis daraus gemacht habe. Doch nun zur „Verschwörung“:

Alles beginnt mit einer Verschwörung gegen Mikael Blomkvist, der einigen Kollegen ein wahrer Dorn im Auge ist. So versuchen Vorgesetzte ihn aufgrund seines Stils und seiner Vorgehensweise zu denunzieren. Just in diesem Moment wird er von Frans Balder, einem führenden IT-Wissenschaftler im Bereich der künstlichen Intelligenz, kontaktiert, der brisante und vor allem interessante Informationen für ihn habe. Doch zu einem Austausch beider Männer kommt es nicht mehr, da Balder ermordet wurde. Was steckt hinter diesem Attentat? Wer wollte damit etwas vertuschen? Und vor allem: Was hat Balders autistischer Sohn mitbekommen, der mit ihm im Zimmer war?

Fragen über Fragen, die nach einer Beantwortung lechzten. Schnell war ich tief versunken in Blomkvists Welt und verfolgte atemlos das Geschehen. Die Konstruktion dieses neuen Falls hielt mich fest in ihren Schnüren und schnell konnte ich feststellen, dass Lagercrantz ein würdiger Träger für dieses Erbe war. Ein treffender Stil, eine brillante Erzählweise und eine absolute Larssen’sche Denkweise ließen diesen viertel Teil perfekt mit der Millenium-Trilogie verschmelzen.

Die Handlung soll hier nicht weiter erwähnt werden, denn wer Larssen kennt, weiß wie brillant verschnörkelt sich diese entwickelt, bis es am Ende den ganz großen Knall gibt. Es hat mir wahnsinnig viel Freude gemacht, die Fäden nach und nach zusammenzuführen und mich erneut auf Lisbeths Spuren zu begeben. Denn: Balder hatte Kontakt zu Lisbeth und stellt ein wichtiges Verbindungsglied dar. Nach wie vor ist sie meine absolute Herzensfigur und ich hoffe, es war nicht das Letzte, was wir von ihr gehört haben! Man lernt erneut ihre warme und herzliche Seite kennen, wenngleich sie doch unter der rauen Schale verborgen bleibt und erst auf den zweiten Blick deutlich wird. Alle Charaktere werden lebendig und authentisch gezeichnet, was mir oft das Gefühl gab, mit alten Bekannten zusammenzutreffen und gemeinsam diesen Fall zu lösen.

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„Verschwörung“ ist für mich der brillanteste Schachzug diesen Genres in diesem Jahr. Lagercrantz ist es gelungen, erfolgreich an das Erbe Larssens anzuknüpfen und eine würdige Fortsetzung mit der gewohnte Tiefe, Vielschichtigkeit und Spannung zu erschaffen. Und man könnte direkt denken, dass Larssen ein Hellseher war, der blitzgescheit die Aktualität des gewählten Themas in Szene zu setzen verstand. Wir leben in einer Zeit, in der das Thema „Künstliche Intelligenz“ unweigerlich im Zentrum der Technologien steht. Wichtige Fragen werden dazu im Buch aufgeworfen: „Wenn der Mensch eine Intelligenz schaffen kann, die so intelligent wie er ist, kann diese dann nicht befähigt sein, eine intelligentere zu schaffen?“. Über diesen Satz sollte man scharf nachdenken und ihn bei der Forschung nie aus den Augen lassen. Die Gefahr des Missbrauchs oder des Kontrollverlusts schwebt wie ein Damoklesschwert über unserer Welt, die immer besser, höher, weiter gehen will, ohne dabei immer auf die moralischen Aspekte zu achten.

Nehmen wir die Drohnen als Beispiel: Nie war es im Ansatz leichter Krieg zu führen als heute – einen unbemannten, bei dem Menschen darauf getrimmt werden, Drohnen aus der Ferne zum Ziel zu steuern, um dort ihr vernichtendes Werk zu erfüllen. Erst gestern las ich einen Bericht darüber, wie „leicht“ es den Menschen auf diese Weise gemacht wird. Sie müssen den Opfern nicht mehr in die Augen blicken, bei dem, was sie tun…

Natürlich hat der Fortschritt auch seine guten Seiten. Aber hell und dunkel liegen immer nahe beieinander und ich denke, dass diese Warnung als indirekte Botschaft aus dem Buch mitgenommen werden kann und sollte! Warnung vor der Leichtigkeit des Missbrauchs, dem Überschätzen der Möglichkeiten… Fortschritt um des Fortschritts Willen ist nicht immer das erwünschte Ergebnis und vor allem sollte alles in einem kontrollierten Maß geschehen. Balder war sich dieser Sache gewiss und tat meines Erachtens das einzig Richtige!

Ich kann dem Buch an dieser Stelle nur eine absolut klare Empfehlung für alle Freunde des Genres mit auf den Weg geben! Ich bin überzeugt auf der ganzen Linie. Und auch das Hörbuch verstand zu begeistern, nicht zuletzt durch den Sprecher Dietmar Bär, der dem Genre eng verbunden ist. Als Hörbuchsprecher ist er ein wahrlicher Genuss, der dem Buch genau die Stimmung verleiht, die es verdient!

achtung buch: eine katze namens moon von brigitte riebe

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Friede, Freude, Eierkuchen im Hause der Familie Hirsch? Ganz im Gegenteil, denn alles scheint irgendwie auseinanderzubröckeln. Tochter Fanny hat arge Probleme in der Schule und Bruder Til steckt mitten in der Selbstfindungsphase. Doch anstatt Hilfe bei den Eltern zu finden, sind beide mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Denn: Vater Christoph hat seine eigenen Sorgen in seinem Antiquariat und Mutter Evelyn hat mehr als genug mit ihrem Partyservice zu tun, den sie mit ihrer besten Freundin Maxie betreibt und von dem sie größtenteils die Familie ernährt. Dazu kommen noch die vielen privaten Termine, die in letzter Zeit immer häufiger vorkommen und den Namen Franz Maria tragen. Auch auf die Oma Ilona ist nicht wirklich Verlass bei diesen ganzen Herzensangelegenheiten, kommt sie doch oft scheinbar ruppig daher. Dabei trägt auch sie im Inneren ihr Päckchen und es fällt ihr nicht immer leicht, dieses hinter der harten Fassade zu verbergen…

Familie, ein tolles Wort, wenn diese denn zusammenhält und nicht im Inneren mehr und mehr auseinanderzubrechen droht, wie es in der Familie Hirsch eindeutig der Fall ist. Jeder lebt mehr oder weniger mit seinen Problemen vor sich hin, ohne dass die anderen Auge oder Ohr dafür haben. Viel mehr herrscht ein wohl gesponnenes Konstrukt aus Lügen und verbogenen Gedanken, das wie ein nahendes Feuer über allen zu schwelen scheint. Genau in dieser heiklen Zeit, als Evelyn eines Nachts im Garten ihren Gedanken nachhängt, taucht ein kleines zerrupftes und verletztes Kätzchen auf, das sich auch direkt in Evelyns Herz mogelt. Trotz der familiären Vereinbarung, dass es kein Haustier in der Familie geben wird, nimmt Evelyn die Kleine, die in der klaren Mondnacht sofort auf den Namen „Moon“ getauft wurde mit und päppelt sie wieder auf.

Je mehr die kleine Dame wieder zu kräften kommt, desto mehr zeigt sich ihre Magie. Auf besonders samtpfotige Art und Weise gelingt es Moon, die Familie richtig auf den Kopf zu stellen, einige Lügen aufzudecken und sich in fast magischer Weise als Seelentröster, Mutmacher und Augenöffner zu präsentieren. Schier ungewollt manipuliert sie die Geschicke der Hirschs, bis sich am Ende alles zum Guten wendet, oder doch nicht?

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Brigitte Riebe sind in ihrem Roman „Eine Katze namens Moon“ gleich zwei Geniestreiche gelungen. Zum einen ist es die wohl süßeste, eigensinnigste und magischste Protagonistin auf vier Pfoten und zum anderen ist es die Geschichte an sich. Moon die Harmoniestifterin; Moon, die Familientherapeutin; Moon die selbstbewusste Mondkatze mit eigenem Kopf, die sich nicht beirren lässt, sich treu bleibt und nur nach eigenem Gefühl handelt, ohne dabei primär auf ihre Mitmenschen zu achten. So scheint es zumindest auf den ersten Blick. Doch schnell wird deutlich, dass dahinter viel mehr steckt: Moon weiß nämlich ganz genau, was sie da tut, wieso den Zeitschriftenstapel umstößt oder sich genau unter dem Bett versteckt. Genauso geschickt gelingt es Brigitte Riebe, die Gefühle und Handlungsweisen der Katzendame zu Papier zu bringen, deren Hauptaufgabe es zu sein scheint, das familiäre Gleichgewicht wieder herzustellen. Kein Wunder, ist sie doch auch eine wahre Katzenflüsterin!

Dazu die Geschichte: Was auf dem ersten Blick wie ein „normaler“ Familienroman aussieht, verbirgt viel mehr Tiefe. Wie heißt es so schön, man kann nie wissen, was sich hinter den Türen anderer Leute abspielt. Dafür sind die Hirschs wohl ein Paradebeispiel. Nach außen eine wundervolle Familie mit zwei Kindern, Oma, Partyservice, Haus und Katze. Aber im Inneren brodelt es gewaltig. Jeder denkt mehr an sich als an die anderen und jeder ist genauso allein mit seinen Problemen. Gerade für die Kinder ist dies eine schier ausweglose Situation. Til mit den Problemen eines jungen Mannes, der nicht weiß, wo er hingehört. Daneben die kleine Fanny mit ihren schweren Schulproblemen und nachvollziehbaren Ängsten. Beide erfahren kaum Hilfe und Unterstützung von den Eltern, die viel zu sehr auf ihre eigenen Sorgen und Nöte fixiert sind und kapseln sich mehr und mehr ab. Auch an der Stelle wirkt Moon ihre Magie und spendet den Kindern Trost, nachdem sie auch ihre Herzen langsam und im richtigen Tempo erobert hat. Moon, der kleine Katalysator der Familie, der alles ins Lot zu bringen versucht. Das kann natürlich nicht gelingen, denn wir befinden und ja (leider) im wahren Leben.

Und da haben wir die wahre und größte Stärke des Romans. Er ist aus dem Leben geschrieben. Kein leichter Stoff nach dem üblichen Schnittmuster, in dem auf die Familienkrise das große Happy End mit Herzchen folgt. Viel subtiler und feinfühliger wird gezeigt, wie die Familie zwar in gewisser Weise mit Moons Hilfe auf den richtigen Weg gebracht wird, aber dennoch nicht alles auf einmal zu Gold wird, was glänzt. Was oberflächlich heiter scheint, ist in Wahrheit eine bittersüße Geschichte über das Gewinnen und Verlieren in vielerlei Hinsicht. Holprige Wege, um zu sich selbst zu finden, die Fähigkeit sich eigene Fehler einzugestehen, tiefes Gefühl, wahre und ehrliche Liebe, daneben verzweifelte Lügen und falscher Stolz, eine Mischung, die besser nicht hätte dargestellt werden können.

„Eine Katze namens Moon“ hat mich tief berührt. Wer eine einfach gestrickte Familiengeschichte für das schnelle Lesevergnügen erwartet, wird möglicherweise enttäuscht sein. Man muss vielleicht zwei Mal hinschauen, um den tieferen Sinn hinter der Geschichte zu erfassen, aber dieses Hinschauen lohnt sich. Denn dann wird man Zeuge einer bezaubernden, wenngleich etwas traurigen Geschichte mit einer zauberhaften Portion Katzenmagie. Moon hat ihren Platz tief in meinem Herzen und den wird sie definitiv nicht mehr hergeben.

Don’t dream it, be it!

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Wie ihr seht, war ich mit meiner Lektüre nicht allein, denn neben einem wundervollem Mail-Austausch steckte ich auch noch zugleich mit meiner liebsten Yvonne im Buch – übrigens ein perfektes Beispiel für Katzenmagie: Wir hatten jetzt wirklich einige Jahre keinen Kontakt mehr und was soll ich sagen, seit ein paar Wochen haben wir uns wieder ❤ Macht mich einfach nur sehr, sehr glücklich und der Dank dafür gebührt einzig und allein Moon! Und auch sie hat ihre Gefühle zu Moon zu Papier, besser zu Blog, gebracht – endlich! Besucht doch mal ihre wunderbare Seite, die voller Katzenmagie steckt (schließlich ist sie ihrer kleinen Samtpfote Pauli gewidmet) und sicher in Zukunft viele tolle Rezensionen aus Katzensicht und andere tolle Dinge für euch bereit hält.

Eine Katze namens Moon auf: Lesende Samtpfote – reading and other things through a cats eye

achtung buch: das juwel (1) – die gabe von amy ewing

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Violet Lastings hatte es nicht leicht in ihrem Leben. In einem der ärmsten Bezirke, dem Sumpf, aufgewachsen ist ihr ein hartes Leben inmitten ihrer Familie beschert worden. Doch sie hat eine besondere Gabe: Nur mit Hilfe ihrer Willenskraft kann sie Dinge verändern und wachsen lassen. Sie ist ein sogenanntes Surrogat, also eine der besonderen jungen Frauen, die dazu bestimmt sind, ihr weiteres Leben im Juwel – dem prunkvollen Kern der ewigen Stadt – zu verbringen. Ein Segen, scheint es auf den ersten Blick, der sich jedoch schnell zu einem wahren Fluch entwickelt. Denn: Die jungen Frauen sind dazu bestimmt, das Fortleben der Adligen im Juwel zu sichern, indem sie diesen als Leihmütter zur Verfügung stehen. So wird Violet bei einer Auktion von der Herzogin vom See aufgekauft, die große Hoffnungen in eine schnelle Schwangerschaft setzt, schließlich ist Violet mit der Nummer 197 von 200 in den Top Ten der Surrogate. Bedingungsloser Gehorsam soll der jungen Frau dafür ein sehr angenehmes Leben im Palast ermöglichen. Vom ersten Moment an wird deutlich, dass dieses Leben nichts für Violet ist, denn schnell merkt sie, dass sie eigentlich nichts wert ist und dass ihr Leben mit der Geburt des Kindes besiegelt wäre. Und dann ist da noch Ash, der ungeahnte und verbotene Gefühle in ihr auslöst…

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„Das Juwel“ ist ein wahres Juwel der Jugendbücher, die bisher in diesem Jahr erschienen sind. Erinnerte mich der Aufbau der dargestellten Welt zunächst arg an Panem, wurde dieses jedoch durch die komplett andere Handlung sofort revidiert. Ewing zeigt eine Gesellschaft, die in Kreise aufgeteilt ist. Von arm nach reich sind diese angeordnet und im Mittelpunkt liegt das Juwel, das eigentliche Zentrum der Macht. Doch überall wo so eine Fülle von Macht herrscht, muss es auch einen Schwachpunkt geben: Die reichen, mächtigen Herrscher würden aussterben, gäbe es die armen Mädchen nicht. Denn einige von diesen sind mit der Macht ausgestattet, die den Nachwuchs im Juwel garantiert. Surrogate nennt man sie, ein Begriff, der in mir einen bitteren Geschmack auslöst, reduziert er die Mädchen doch zum Gegenstand, zur Ware.

Im Zentrum steht die junge Violet – ein wundervoller und starker Charakter – die mit besonders ausgeprägten Auspizien gesegnet (oder verflucht) ist. Sie kann die Dinge sehr schnell wachsen lassen und ist eine begnadete Cellistin. Ersteigert wird sie von der Herzogin vom See, einer kalten, dominanten Person, die der jungen Frau das Leben im Palast alles andere als leicht macht. Allein der Gedanke, für sie ein Kind auszutragen widert Violet nur an und als die Herzogin ihre wahren Absichten zeigt, beschießt diese, alles in ihrer Macht liegende zu tun, um ihrem Schicksal zu entgehen und dabei am besten noch ihre Freundin Raven aus demselben zu befreien. Denn schließlich ist sie diejenige, mit der sie schon seit jeher am engsten verbunden ist und wahre Freunde gehen miteinander sogar durch die Hölle. Für Ravens Glück riskiert Violet alles, sogar den Verlust der eigenen Chance auf ein anderes Leben. Und dann spielt da noch die verbotene Liebe eine sehr große Rolle.

Intrigen und Machtspiele werden ganz groß geschrieben unter den Adelsdamen. Die Männer haben meist nicht viel zu sagen, steht doch der edle Nachwuchs im Zentrum und garantiert den Wohlstand der Familien. Bösartige Damen sind es allesamt, die nur an sich denken. Jede will zuerst den lang ersehnten Erben in den Armen halten und sie sind bereit, dafür sämtliche moralische Grenzen zu überschreiten und ihre Surrogate als das zu benutzen, für das sie in ihren Augen da sind: lebendige Gebärmaschinen. Fast erinnert es schon an Genmanipulation: Das perfekte Kind soll entstehen, koste es was wolle und welche medizinischen Mittel dafür genutzt werden müssen.

Ein sehr überzeugender Auftakt zu einer tollen Trilogie, kann ich nur sagen. Neben dem wundervollen Cover brillieren die dargestellten Charaktere, die absolut plastisch und lebendig gezeigt werden. Man fühlt mit ihnen, leidet mit ihnen und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Fesselnd, teilweise sehr brutal und emotional geht es zu, voller Eifersucht und Egoismus. Doch auch die Liebe kommt nicht zu kurz – wobei eigentlich schon, denn zart aufkeimende Triebe werden im Ansatz schon erstickt, um die höhere Mission nicht zu gefährden. Von der ersten Seite an war ich tief drin im Geschehen und viel zu schnell hat das Buch ein Ende gefunden gehabt – wie zu erwarten natürlich mit einem sehr fiesen Cliffhanger!

Amy Ewing präsentiert eine faszinierende und fantastische Welt, die den Leser in ihrem Bann zu halten versteht. Eine spannende, teils sehr grausame Grundhandlung gepaart mit lebendigen Charakteren versprechen einen sehr guten zweiten Teil, auf den ich mich jetzt schon freue!

achtung buch: der himmel über paris von bregje hofstede

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Olivier ist Professor für Kunstgeschichte an der Sorbonne in Paris und lebt gemeinsam mit seiner Partnerin Sylvie ein ordentlich eingerichtetes Leben. So scheint es zumindest, bis eines Tages eine neue Studentin aus dem Ausland in seinen Seminaren auftaucht und sein Leben gehörig auf den Kopf stellt. Als der Dekan der Universität, ein Freund von Olivier, diesen noch bittet, sich um Fie – so heißt die junge Dame – zu kümmern, scheint das Chaos in Oliviers Innerstem perfekt. Denn: Fie erinnert ihn an seine große Liebe zu Mathilde, an die er nie wieder denken wollte. Trotz aller Vernunftgedanken kann er sich Fie nur schwer entziehen und geht auf das Angebot des Dekans ein. Stille Annäherungsversuche bringen beide an eine Weggabelung, an der Olivier schon einmal vor vielen Jahren mit Mathilde stand. Dort rät er der jungen Frau zu etwas, wozu er selbst nie den Mut hatte. Fie ist unentschlossen, ängstlich zu scheitert – entschließt sich jedoch  dazu, dieser Angst entgegenzutreten und fordert Olivier auf, sich ebenso seiner Vergangenheit zu stellen.

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Mit einer feinen und gewählten Sprache spricht Bregje Hofstede in ihrem Debütroman von einer ganz besonderen Liebe zwischen zwei Menschen, die sich noch nicht kannten und doch irgendwie besonders vertraut waren. So zumindest seitens Oliviers, der in Fie die Verkörperung seiner alten Liebe Mathilde sieht. Mathilde, mit der Olivier das Leben verbringen wollte, in einer verrückten und großen Liebe. Als sich jedoch erste gravierende Hürden einstellten, die es zu meistern galt, zog sich Olivier zurück und brachte nicht den Mut auf, sich der auf ihn wartenden Verantwortung und Veränderung zu stellen.

Nun lebt er mit Sylvie zusammen, eine adrette und auch auf ihre Weise liebenswerte Person, die nur so gar nicht zu Olivier passt. Aber sie haben sich zusammengerauft und arrangieren sich gut, bis zu dem Tag, an dem Fie auftaucht, Oliviers Vergangenheit über ihm hereinbricht und alles, was er jetzt hat, zu zerstören droht. Doch will er das „Jetzt“ überhaupt haben oder ist er froh über diesen Wandel? Man weiß es nicht genau.

Ich habe diesen Perspektivwechsel Hofstedes sehr genossen: Man hat nicht die klassische Mann-Frau-Geschichte, sondern erfährt die Höhen und Tiefen einer großen Liebesbeziehung aus männlicher Sicht. Nach und nach fügt sich ein sehr gut aufgebautes Puzzle zusammen, bis Oliviers und Mathildes Vergangenheit wie ein feiner Teppich vor dem Leser ausbreitet. Zu Beginn sind es nur Blicke zwischen Fie und Olivier, der gar nicht so begeistert davon ist, die junge Frau quasi an die Hand zu nehmen. Doch mehr und mehr wird er von der eigenen Vergangenheit eingeholt, was nicht nur seine jetzige Beziehung zu schädigen droht, sondern ihn auch bei seinen Studenten mehr und mehr in Misskredit bringt. Olivier schlittert immer tiefer in seine persönliche Lebenskrise hinein und sein gesamtes Leben gilt neu überdacht zu werden. Nichts ist mehr, wie es scheint und eine neuerliche Selbstfindung scheint unausweichlich notwendig, um nicht in den Fängen der Vergangenheit unterzugehen.

Ein wundervoller Ansatz für eine Geschichte wurde von der Autorin vorgelegt und mit viel Weitsicht und Prägnanz wiedergegeben. Was tun Menschen mit ihrem Leben, wo stehen sie sich selbst im Weg, wo sind sie willens und mutig genug, neue Perspektiven zu finden und diese auch zu nutzen. Olivier ist ein wahres Paradebeispiel für solch einen Menschen und Hofstede hat diese Figur überzeugend und lebendig gezeichnet. Man spürt seine Zweifel, seinen Schmerz über die Vergangenheit nahezu körperlich, man verteufelt ihn manchmal, wünscht ihm aber auch, nach all den Jahren endlich zur Ruhe zu kommen. Und danach sah es ja auch aus, wäre da nicht Fie.

Mit ihrer Figur bin ich leider nicht wirklich richtig warm geworden. Optisch ähnelte sie zwar der alten Liebe von Olivier, im Gesamtbild blieb sie für mich jedoch mehr oder weniger im Nebel. Einerseits will sie Oliviers Hilfe bei ihren Arbeiten, andererseits zeigt sie sich von einer kühlen, unnahbaren Art und Weise, die schon phasenweise an eine ausgewachsene Bockigkeit erinnert, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Fiktion verschwimmt bei ihr stellenweise mit Wahrheit und man ist nicht sicher – gerade aufs Ende zu – was nun wirklich passiert ist. Wie eine kleine ungezähmte Wildkatze geht sie ihren Weg, auch ohne Rücksicht auf Verluste – nicht manchmal sogar etwas manipulativ? Schließlich verursacht sie mit ihrem Verhalten nicht gerade wenige Widrigkeiten, unter denen Olivier zu leiden hat – und das im vollsten Bewusstsein ihrer Taten.

Die verschiedenen Nebenfiguren bieten dazu noch einen perfekten Rahmen: Wir haben Sylvie, die im Vergleich zum Bild, das man von Mathilde gewinnt, so offensichtlich nicht zu Olivier passt, dass es einem schon fast etwas leid tun kann. Dann der Dekan selbst mit seiner perfekten Familie und seinem schicken Leben – ist es wirklich so perfekt und friedlich, oder ist da nicht doch mehr dahinter?

Hofstede lieferte ein sehr einfühlsames und detailliert geschriebenes Debüt ab, das den Leser bis zuletzt festhalten konnte. Wundervoll übersetzt von Heike Baryga, schickt der Text den Leser  auf eine Reise durch ein Leben voller Vergangenheit, Hoffnung, Rache, Verrat, Liebe und Treue, das es neu zu sortieren gilt. Wie der Klappentext schon sagt, erzählt das Buch davon, wie sich Menschen selbst belügen und sich ein Leben zusammenkonstruieren, nur im nicht das zu tun, was sie wirklich wollen. Vielleicht tun sie es aber letztendlich doch, wenn es den richtigen Auslöser gibt, um den Stein auch nach vielen Jahren noch ins Rollen zu bringen. Mich konnte das Buch trotz kleiner, subjektiv empfundener Schwächen überzeugen und überraschte mit vielen unerwarteten und erstaunlichen Wendungen. Ein besonderes Leseerlebnis!

achtung buch: eine buchhandlung auf reisen von christopher morley

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Vor etwa einem Jahr hat sich eine Gruppe von Bücherliebhabern, genannt SOKO Buch, auf die Spuren eines ganz besonderen Buches begeben. Gemeinsam reisten wir nach Brooklyn und besuchten die Buchhandlung Parnassus, von deren Besitzern Mr. Roger und Mrs. Helen Mifflin wir noch viel lernen konnten.

Die Menschen brauchen Bücher, wissen es aber nicht. Meist wissen sie gar nicht, dass es die Bücher, die sie brauchen, überhaupt gibt. (S. 13)

Das war nur eine von vielen Weisheiten, die Mr. Mifflin uns mit auf den Weg gab und „Das Haus der vergessenen Bücher“ zu einem absoluten Herzensbuch für Bücherfreunde macht. 1919 geschrieben und bis heute unverändert voller Herzblut, hat es sich sofort tief in unsere Seele gemogelt und sie verzaubert. Wir haben mit Roger in der Buchhandlung gesessen und hätten ihm ewig zuhören können, sind durch das Brooklyn der Zwanziger Jahre flaniert und sind nebenbei einem literarischen Diebstahl der Sonderklasse auf die Spur gekommen. Aber eins haben wir nicht erfahren: Wie kam Roger Mifflin zu seiner wundervollen Buchhandlung Parnassus?

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Diese Frage sollte im Jahr 2015 beantwortet werden, als im August im Atlantik Verlag „Eine Buchhandlung auf Reisen“ erschien, denn nichts anderes ist der Parnassus! Eine Kutsche, die urig wohnlich eingerichtet  und mit allerhand Büchern zum Verkauf bestückt ist. An Bord Hund Boccaccio und Pferd Peg(asus), die gemeinsam mit Mifflin durch die Lande ziehen, um den Leuten die Literatur schmackhaft zu machen. Diese Stärke hatte unser lieber Roger also schon immer!

„Wenn Sie einem Menschen ein Buch verkaufen, dann verkaufen Sie ihm nicht nur so und so viel Papier, Druckerschwärze und Leim – nein, sie verkaufen ihm ein ganzes, neues Leben, Liebe und Freundschaft und Humor und Schiffe bei Nacht auf hoher See – Himmel und Erde, ich finde, das alles steckt in einem Buch – in einem wirklichen Buch!“
(S. 45)

Dabei will sich Roger jedoch keinesfalls selbst bereichern, sondern denkt nur an das Wohl seiner Leser. Egal wie sehr einer drauf drängen kann, Shakespeare zu lesen – wenn Roger der Meinung ist, dass er nicht reif dafür ist, gibt es keinen Shakespeare, aber dafür eine passende Alternative, die auch meist ins Schwarze trifft.

Morley reist mit uns Lesern an der Hand genau in diese Zeit zurück. In die Zeit, als der Parnassus auf Reisen ging, als Mifflin keine Buchhandlung hatte, als Roger seiner Helen begegnen sollte. Und mit welch großem Knall das geschehen sollte! Helen lebte zu jener Zeit mit ihrem Bruder Andrew, einem begnadeten Schriftsteller, auf der familieneigenen Farm und richtete ihm das Leben, während er auf der Suche nach Inspiration durchs Land vagabundierte und die eigentliche Arbeit vergaß.

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Literatur ist für sie nichts von praktischem Interesse, eher hinderlich in der Gestaltung des Alltags auf der Farm, da sie doch den Bruder von der Arbeit abhält – wenngleich dieser erfolgreich damit ist. Je mehr Andrew jedoch in die literarischen Weiten entschwebt, muss Helen die schwere Farmarbeit für zwei mehr und mehr allein bestreiten. Und als dann eines Tages – bloß gut, der Bruder ist unterwegs – der kleine rothaarige Mann mit seiner reisenden Bibliothek auftaucht und diese Andrew verkaufen will, sieht sie ihre Felle gar davonschwimmen.

Helen, sich der Tatsache mehr als bewusst, dass Andrew nichts lieber täte, als der Hofarbeit im Sinne der Literatur sofort zu entfliehen, sieht nur einen Ausweg aus der misslichen Situation: Sie kauft den Parnassus selbst, hinterlässt Andrew eine Liste mit lebensnotwendigen Hinweisen und macht sich auf in das Abenteuer ihres Lebens. Als erstes bedeutet dies, schneller als der Bruder zu sein und zweitens, Mifflin in den Zug nach Brooklyn zu verfrachten, bevor sie ihren persönlichen literarischen Feldzug beginnen könne – leichter gesagt als getan! Denn eigentlich genießt sie die Anwesenheit des kleinen kuriosen Männleins mehr als ihr lieb ist, und auch er scheint von ihr sehr angetan.

„Aber Bücher sind schließlich doch keine greifbare Welt, und hie und da dürsten wir auch nach irgendwelchen engeren, menschlicheren Beziehungen. Ich bin jetzt seit acht Jahren ganz allein, sieht man von meinem Bruder ab, der vielleicht gestorben ist, ohne es mir mitgeteilt zu haben. Dieses Wanderleben ist gewiss schön, aber einmal muss es doch ein Ende nehmen. Ein Mann muss Wurzeln schlagen, wenn er glücklich sein will.“
(S. 138)

Und auch Helen ist innerlich mehr als Ergriffen und fühlt sich mehr und mehr zu dem kleinen literaturbegeisterten Mann hingezogen. Eine Erkenntnis, die sie trifft wie ein Blitzschlag. Von diesem Momentan an, hat sie nur noch ein Ziel: zu Roger Mifflin zu gehören. Doch bevor beide endgültig zueinander finden (ich sehe das jetzt mal nicht als Spoiler, da dies ja schon anhand Morleys erstem Buch klar war), sind noch einige Hürden zu überwinden, auf die ihr Leser euch besonders freuen könnt.

„Das ist der Moment, in dem eine Frau zu sich selbst findet: wenn sie liebt. Es ist ganz egal, ob sie alt oder fett ist oder keinen Sinn für Romantik hat. Sie spürt das kleine Flattern unter ihren Rippen und fällt vom Baum wie eine reife Pflaume. Es kümmert mich nicht, dass Roger Mifflin und ich möglicherweise ein ebenso seltsames Paar abgaben wie Doktor Johnson und seine Frau. Ich wusste nur eins: Wenn ich den kleinen roten Teufel wiedersähe, würde ich die Seine sein – wenn er mich denn wollte.“
(S. 170)

Morleys „Buchhandlung auf Reisen“ schließt sich nahtlos an seinen Vorgänger – oder eher Nachfolger – an. Eine wortgewaltige und mehr als poetische Hommage an die Literatur, aber auch an die Liebe erwartet den Leser in diesem kleinen Büchlein, das diesmal aus Sicht Helens geschrieben wurde. Wie oft sehnt man sich nach einem Ausbruch aus dem Alltagstrott, nach der wahren Liebe, nach einem Abenteuer, dem keines ebenbürtig sein wird? Wie oft hängen wir unseren Träumen nach, einen ganz neuen Weg zu gehen?

Helen tat dies, brach aus, ging komplett neue Wege und gewann auf ganzer Linie. Sie lernte zu lieben – den Mann ihrer Träume und auch die Literatur. Sie wurde vom Herzblut Mifflins gepackt, genau wie es auch der Leser beim Inhalieren dieser Herzensgeschichte tut. Eine Herzensgeschichte, die sich wie Balsam auf die Seele legt. Viele Zitate habe ich euch gezeigt, noch viel mehr sind markiert, notiert und haben einen Platz in meinem Herzen gefunden.

Liebe Bücherfreunde, vertraut der Liebe zum Buch und eurem Instinkt – dann seid ihr stets auf der richtigen Spur und vielleicht führt diese euch zum ganz großen Lebens- und Liebesglück. Eine wahrer Hochgenuss der Literatur und das nicht nur für Literaturliebhaber. Macht euch auf, schwingt euch auf den Parnassus und schaut zu, wie sich eine hauchzarte Liebesgeschichte entspinnt, die am Anfang so sicher keiner erwartet hätte. Absoluter Herzensbuch-Alarm!

Und wer mir nicht glaubt, sollte beim Kollegen Arndt auf Astro Librium (Klick aufs Bild) vorbeischauen, der ganz sicher genau die selbe Meinung hat!

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