achtung buch: eine buchhandlung auf reisen von christopher morley

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Vor etwa einem Jahr hat sich eine Gruppe von Bücherliebhabern, genannt SOKO Buch, auf die Spuren eines ganz besonderen Buches begeben. Gemeinsam reisten wir nach Brooklyn und besuchten die Buchhandlung Parnassus, von deren Besitzern Mr. Roger und Mrs. Helen Mifflin wir noch viel lernen konnten.

Die Menschen brauchen Bücher, wissen es aber nicht. Meist wissen sie gar nicht, dass es die Bücher, die sie brauchen, überhaupt gibt. (S. 13)

Das war nur eine von vielen Weisheiten, die Mr. Mifflin uns mit auf den Weg gab und „Das Haus der vergessenen Bücher“ zu einem absoluten Herzensbuch für Bücherfreunde macht. 1919 geschrieben und bis heute unverändert voller Herzblut, hat es sich sofort tief in unsere Seele gemogelt und sie verzaubert. Wir haben mit Roger in der Buchhandlung gesessen und hätten ihm ewig zuhören können, sind durch das Brooklyn der Zwanziger Jahre flaniert und sind nebenbei einem literarischen Diebstahl der Sonderklasse auf die Spur gekommen. Aber eins haben wir nicht erfahren: Wie kam Roger Mifflin zu seiner wundervollen Buchhandlung Parnassus?

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Diese Frage sollte im Jahr 2015 beantwortet werden, als im August im Atlantik Verlag „Eine Buchhandlung auf Reisen“ erschien, denn nichts anderes ist der Parnassus! Eine Kutsche, die urig wohnlich eingerichtet  und mit allerhand Büchern zum Verkauf bestückt ist. An Bord Hund Boccaccio und Pferd Peg(asus), die gemeinsam mit Mifflin durch die Lande ziehen, um den Leuten die Literatur schmackhaft zu machen. Diese Stärke hatte unser lieber Roger also schon immer!

„Wenn Sie einem Menschen ein Buch verkaufen, dann verkaufen Sie ihm nicht nur so und so viel Papier, Druckerschwärze und Leim – nein, sie verkaufen ihm ein ganzes, neues Leben, Liebe und Freundschaft und Humor und Schiffe bei Nacht auf hoher See – Himmel und Erde, ich finde, das alles steckt in einem Buch – in einem wirklichen Buch!“
(S. 45)

Dabei will sich Roger jedoch keinesfalls selbst bereichern, sondern denkt nur an das Wohl seiner Leser. Egal wie sehr einer drauf drängen kann, Shakespeare zu lesen – wenn Roger der Meinung ist, dass er nicht reif dafür ist, gibt es keinen Shakespeare, aber dafür eine passende Alternative, die auch meist ins Schwarze trifft.

Morley reist mit uns Lesern an der Hand genau in diese Zeit zurück. In die Zeit, als der Parnassus auf Reisen ging, als Mifflin keine Buchhandlung hatte, als Roger seiner Helen begegnen sollte. Und mit welch großem Knall das geschehen sollte! Helen lebte zu jener Zeit mit ihrem Bruder Andrew, einem begnadeten Schriftsteller, auf der familieneigenen Farm und richtete ihm das Leben, während er auf der Suche nach Inspiration durchs Land vagabundierte und die eigentliche Arbeit vergaß.

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Literatur ist für sie nichts von praktischem Interesse, eher hinderlich in der Gestaltung des Alltags auf der Farm, da sie doch den Bruder von der Arbeit abhält – wenngleich dieser erfolgreich damit ist. Je mehr Andrew jedoch in die literarischen Weiten entschwebt, muss Helen die schwere Farmarbeit für zwei mehr und mehr allein bestreiten. Und als dann eines Tages – bloß gut, der Bruder ist unterwegs – der kleine rothaarige Mann mit seiner reisenden Bibliothek auftaucht und diese Andrew verkaufen will, sieht sie ihre Felle gar davonschwimmen.

Helen, sich der Tatsache mehr als bewusst, dass Andrew nichts lieber täte, als der Hofarbeit im Sinne der Literatur sofort zu entfliehen, sieht nur einen Ausweg aus der misslichen Situation: Sie kauft den Parnassus selbst, hinterlässt Andrew eine Liste mit lebensnotwendigen Hinweisen und macht sich auf in das Abenteuer ihres Lebens. Als erstes bedeutet dies, schneller als der Bruder zu sein und zweitens, Mifflin in den Zug nach Brooklyn zu verfrachten, bevor sie ihren persönlichen literarischen Feldzug beginnen könne – leichter gesagt als getan! Denn eigentlich genießt sie die Anwesenheit des kleinen kuriosen Männleins mehr als ihr lieb ist, und auch er scheint von ihr sehr angetan.

„Aber Bücher sind schließlich doch keine greifbare Welt, und hie und da dürsten wir auch nach irgendwelchen engeren, menschlicheren Beziehungen. Ich bin jetzt seit acht Jahren ganz allein, sieht man von meinem Bruder ab, der vielleicht gestorben ist, ohne es mir mitgeteilt zu haben. Dieses Wanderleben ist gewiss schön, aber einmal muss es doch ein Ende nehmen. Ein Mann muss Wurzeln schlagen, wenn er glücklich sein will.“
(S. 138)

Und auch Helen ist innerlich mehr als Ergriffen und fühlt sich mehr und mehr zu dem kleinen literaturbegeisterten Mann hingezogen. Eine Erkenntnis, die sie trifft wie ein Blitzschlag. Von diesem Momentan an, hat sie nur noch ein Ziel: zu Roger Mifflin zu gehören. Doch bevor beide endgültig zueinander finden (ich sehe das jetzt mal nicht als Spoiler, da dies ja schon anhand Morleys erstem Buch klar war), sind noch einige Hürden zu überwinden, auf die ihr Leser euch besonders freuen könnt.

„Das ist der Moment, in dem eine Frau zu sich selbst findet: wenn sie liebt. Es ist ganz egal, ob sie alt oder fett ist oder keinen Sinn für Romantik hat. Sie spürt das kleine Flattern unter ihren Rippen und fällt vom Baum wie eine reife Pflaume. Es kümmert mich nicht, dass Roger Mifflin und ich möglicherweise ein ebenso seltsames Paar abgaben wie Doktor Johnson und seine Frau. Ich wusste nur eins: Wenn ich den kleinen roten Teufel wiedersähe, würde ich die Seine sein – wenn er mich denn wollte.“
(S. 170)

Morleys „Buchhandlung auf Reisen“ schließt sich nahtlos an seinen Vorgänger – oder eher Nachfolger – an. Eine wortgewaltige und mehr als poetische Hommage an die Literatur, aber auch an die Liebe erwartet den Leser in diesem kleinen Büchlein, das diesmal aus Sicht Helens geschrieben wurde. Wie oft sehnt man sich nach einem Ausbruch aus dem Alltagstrott, nach der wahren Liebe, nach einem Abenteuer, dem keines ebenbürtig sein wird? Wie oft hängen wir unseren Träumen nach, einen ganz neuen Weg zu gehen?

Helen tat dies, brach aus, ging komplett neue Wege und gewann auf ganzer Linie. Sie lernte zu lieben – den Mann ihrer Träume und auch die Literatur. Sie wurde vom Herzblut Mifflins gepackt, genau wie es auch der Leser beim Inhalieren dieser Herzensgeschichte tut. Eine Herzensgeschichte, die sich wie Balsam auf die Seele legt. Viele Zitate habe ich euch gezeigt, noch viel mehr sind markiert, notiert und haben einen Platz in meinem Herzen gefunden.

Liebe Bücherfreunde, vertraut der Liebe zum Buch und eurem Instinkt – dann seid ihr stets auf der richtigen Spur und vielleicht führt diese euch zum ganz großen Lebens- und Liebesglück. Eine wahrer Hochgenuss der Literatur und das nicht nur für Literaturliebhaber. Macht euch auf, schwingt euch auf den Parnassus und schaut zu, wie sich eine hauchzarte Liebesgeschichte entspinnt, die am Anfang so sicher keiner erwartet hätte. Absoluter Herzensbuch-Alarm!

Und wer mir nicht glaubt, sollte beim Kollegen Arndt auf Astro Librium (Klick aufs Bild) vorbeischauen, der ganz sicher genau die selbe Meinung hat!

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6 Kommentare zu “achtung buch: eine buchhandlung auf reisen von christopher morley

  1. Warte, ich gehe nur den guten Füller holen, um jedes Deiner Worte zu unterschreiben und dann verlinke ich das mit meiner Rezi… Hand in Hand in einer Bücherkutsche… eeee Draum…

  2. Pingback: Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley | AstroLibrium

      • Ach, kein Problem, es waren ja nur winzig kleine Sachen, so wie ich es wahrscheinlich auch mache *lach*
        Bin nur so vorfreudig und SELBST schuld, wenn ich jetzt ein wenig mehr weiß als zuvor. War auch eher als FIngerklopfer für mich gemeint, nicht immer so neugierig zu sein 😉

  3. Pingback: *+* Christopher Morley: „Eine Buchhandlung auf Reisen“ *+* | Irve liest...

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