achtung buch: der himmel über paris von bregje hofstede

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Olivier ist Professor für Kunstgeschichte an der Sorbonne in Paris und lebt gemeinsam mit seiner Partnerin Sylvie ein ordentlich eingerichtetes Leben. So scheint es zumindest, bis eines Tages eine neue Studentin aus dem Ausland in seinen Seminaren auftaucht und sein Leben gehörig auf den Kopf stellt. Als der Dekan der Universität, ein Freund von Olivier, diesen noch bittet, sich um Fie – so heißt die junge Dame – zu kümmern, scheint das Chaos in Oliviers Innerstem perfekt. Denn: Fie erinnert ihn an seine große Liebe zu Mathilde, an die er nie wieder denken wollte. Trotz aller Vernunftgedanken kann er sich Fie nur schwer entziehen und geht auf das Angebot des Dekans ein. Stille Annäherungsversuche bringen beide an eine Weggabelung, an der Olivier schon einmal vor vielen Jahren mit Mathilde stand. Dort rät er der jungen Frau zu etwas, wozu er selbst nie den Mut hatte. Fie ist unentschlossen, ängstlich zu scheitert – entschließt sich jedoch  dazu, dieser Angst entgegenzutreten und fordert Olivier auf, sich ebenso seiner Vergangenheit zu stellen.

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Mit einer feinen und gewählten Sprache spricht Bregje Hofstede in ihrem Debütroman von einer ganz besonderen Liebe zwischen zwei Menschen, die sich noch nicht kannten und doch irgendwie besonders vertraut waren. So zumindest seitens Oliviers, der in Fie die Verkörperung seiner alten Liebe Mathilde sieht. Mathilde, mit der Olivier das Leben verbringen wollte, in einer verrückten und großen Liebe. Als sich jedoch erste gravierende Hürden einstellten, die es zu meistern galt, zog sich Olivier zurück und brachte nicht den Mut auf, sich der auf ihn wartenden Verantwortung und Veränderung zu stellen.

Nun lebt er mit Sylvie zusammen, eine adrette und auch auf ihre Weise liebenswerte Person, die nur so gar nicht zu Olivier passt. Aber sie haben sich zusammengerauft und arrangieren sich gut, bis zu dem Tag, an dem Fie auftaucht, Oliviers Vergangenheit über ihm hereinbricht und alles, was er jetzt hat, zu zerstören droht. Doch will er das „Jetzt“ überhaupt haben oder ist er froh über diesen Wandel? Man weiß es nicht genau.

Ich habe diesen Perspektivwechsel Hofstedes sehr genossen: Man hat nicht die klassische Mann-Frau-Geschichte, sondern erfährt die Höhen und Tiefen einer großen Liebesbeziehung aus männlicher Sicht. Nach und nach fügt sich ein sehr gut aufgebautes Puzzle zusammen, bis Oliviers und Mathildes Vergangenheit wie ein feiner Teppich vor dem Leser ausbreitet. Zu Beginn sind es nur Blicke zwischen Fie und Olivier, der gar nicht so begeistert davon ist, die junge Frau quasi an die Hand zu nehmen. Doch mehr und mehr wird er von der eigenen Vergangenheit eingeholt, was nicht nur seine jetzige Beziehung zu schädigen droht, sondern ihn auch bei seinen Studenten mehr und mehr in Misskredit bringt. Olivier schlittert immer tiefer in seine persönliche Lebenskrise hinein und sein gesamtes Leben gilt neu überdacht zu werden. Nichts ist mehr, wie es scheint und eine neuerliche Selbstfindung scheint unausweichlich notwendig, um nicht in den Fängen der Vergangenheit unterzugehen.

Ein wundervoller Ansatz für eine Geschichte wurde von der Autorin vorgelegt und mit viel Weitsicht und Prägnanz wiedergegeben. Was tun Menschen mit ihrem Leben, wo stehen sie sich selbst im Weg, wo sind sie willens und mutig genug, neue Perspektiven zu finden und diese auch zu nutzen. Olivier ist ein wahres Paradebeispiel für solch einen Menschen und Hofstede hat diese Figur überzeugend und lebendig gezeichnet. Man spürt seine Zweifel, seinen Schmerz über die Vergangenheit nahezu körperlich, man verteufelt ihn manchmal, wünscht ihm aber auch, nach all den Jahren endlich zur Ruhe zu kommen. Und danach sah es ja auch aus, wäre da nicht Fie.

Mit ihrer Figur bin ich leider nicht wirklich richtig warm geworden. Optisch ähnelte sie zwar der alten Liebe von Olivier, im Gesamtbild blieb sie für mich jedoch mehr oder weniger im Nebel. Einerseits will sie Oliviers Hilfe bei ihren Arbeiten, andererseits zeigt sie sich von einer kühlen, unnahbaren Art und Weise, die schon phasenweise an eine ausgewachsene Bockigkeit erinnert, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Fiktion verschwimmt bei ihr stellenweise mit Wahrheit und man ist nicht sicher – gerade aufs Ende zu – was nun wirklich passiert ist. Wie eine kleine ungezähmte Wildkatze geht sie ihren Weg, auch ohne Rücksicht auf Verluste – nicht manchmal sogar etwas manipulativ? Schließlich verursacht sie mit ihrem Verhalten nicht gerade wenige Widrigkeiten, unter denen Olivier zu leiden hat – und das im vollsten Bewusstsein ihrer Taten.

Die verschiedenen Nebenfiguren bieten dazu noch einen perfekten Rahmen: Wir haben Sylvie, die im Vergleich zum Bild, das man von Mathilde gewinnt, so offensichtlich nicht zu Olivier passt, dass es einem schon fast etwas leid tun kann. Dann der Dekan selbst mit seiner perfekten Familie und seinem schicken Leben – ist es wirklich so perfekt und friedlich, oder ist da nicht doch mehr dahinter?

Hofstede lieferte ein sehr einfühlsames und detailliert geschriebenes Debüt ab, das den Leser bis zuletzt festhalten konnte. Wundervoll übersetzt von Heike Baryga, schickt der Text den Leser  auf eine Reise durch ein Leben voller Vergangenheit, Hoffnung, Rache, Verrat, Liebe und Treue, das es neu zu sortieren gilt. Wie der Klappentext schon sagt, erzählt das Buch davon, wie sich Menschen selbst belügen und sich ein Leben zusammenkonstruieren, nur im nicht das zu tun, was sie wirklich wollen. Vielleicht tun sie es aber letztendlich doch, wenn es den richtigen Auslöser gibt, um den Stein auch nach vielen Jahren noch ins Rollen zu bringen. Mich konnte das Buch trotz kleiner, subjektiv empfundener Schwächen überzeugen und überraschte mit vielen unerwarteten und erstaunlichen Wendungen. Ein besonderes Leseerlebnis!

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