achtung buch: nacht der wahrheit von véronique olmi

9783956140549

Eine junge Mutter Ende 20 und ihr zwölfjähriger Sohn Enzo wohnen in einer Pariser Luxuswohnung nahe des Palais Royal. Was wie ein Märchen klingt, ist jedoch nur die Fassade, denn obwohl die Wohnung riesig ist, schlafen beide gemeinsam in einer kleinen Kammer. Liouba Popov ist schließlich nur das Dienstmädchen im Haus und Enzo ihr uneheliches Kind, das sie nach bestem Wissen und Gewissen groß zu bekommen versucht. In ständiger Angst und unter großem Druck leben beide und Liouba hält die Wohnung akribisch sauber – schließlich weiß man nie, wenn das ständig verreiste neureiche Ehepaar sie überraschen wird. Eins ist jedoch klar: Wenn sie zurückkommen, muss alles perfekt sein.

Für die Herrschaften ist Liouba nur „Baba“ weil man sich mit den exotischen Namen ja nicht anfreunden kann und auch zu Enzo sind sie nur auf einer herablassende Weise nett. Dabei kämpfen sich die beiden nach besten Möglichkeiten durch Leben. Liouba arbeitet hart, um Enzo die beste Bildung auf einem Collège und damit eine gute Zukunft ermöglichen zu können. Der junge hingegen ist sehr einsam, viel zu dick und wird von seinen Kameraden gehänselt und tyrannisiert. Tatsachen, die der Junge vor der Mutter zu verbergen versucht – schließlich will sie ja nur das Beste für ihn.Was das aber ist, weiß sie mit ihren 29 Jahren noch nicht, vielmehr ist ihr die Verantwortung für Enzo manchmal gar unheimlich.

„Liouba klammerte sich an ihre neunundzwanzig Jahre, als käme unmittelbar danach ein unvermeidlicher Sturz, als würde sie in einem riesigen Netz landen, das sich jedes Jahr etwas mehr zusammenzöge, die Falle der Zeit, die ihr Gesucht, ihren Körper zeichnen würde, dann würde man die ersten Antifaltencremes kaufen müssen, nicht mehr „Mademoiselle“ genannt werden und auf die große Liebe verzichten, wer weiß? Und wenn man dann noch ein Kind hat … seufzte Liouba manchmal. die genausogut die Meinung ändern und verkünden konnte, mit einem Kind sei man wenigstens wer. Manchmal war Enzo ein Plus. Manchmal ein Minus.“
(S. 18)

Bei flüchten vor der Realität – Liouba in ihre Hausarbeit und Enzo in die Welt der Phantasie und der Bücher. Denn dort ist alles so viel besser als in der schmerzhaften Realität. Enzo ist sehr wissbegierig und schlau, findet aber auf dem feinen Lycée aufgrund seiner anderen Hautfarbe und seiner komplett anderen Art keinen Anschluss. Er schreibt keine guten Noten und wird immer häufiger Opfer von schlimmen Hänseleien.

Mehr und mehr zieht sich der Junge in seine eigene Welt zurück, beginnt seine Vergangenheit zu erkunden. Doch auch dort kommt er nicht weit, weicht Liouba doch all seinen Fragen nach dem Vater und seinen russischen Wurzeln aus. Fragen beschäftigen den Jungen, schwerwiegende Fragen, auf die er keine Antwort finden konnte: Wohin gehört man, wenn man nirgends willkommen ist? In solchen Momenten sehnt er sich in die große Bibliothek des Hausherren, die natürlich Tabu für ihn ist.

„Eine Bibliothek ist viel kosmopolitischer als ein Wohnzimmer, sagte sich Enzo, außerdem ist sie viel schwieriger zu ordnen und nachts noch geheimnisvoller als ein afghanischer Teppich. Wie die größten Helden der Literatur dort nebeneinander schliefen, in den geschlossenen Büchern atmeten, wie die Autoren Stunden, Monate und Jahre mit Schreiben verbracht hatten, wie sie sich jeden Morgen mit dem Stift in der Hand hingesetzt hatten wie Schüler, das Heft voller Streichungen, die Seiten zerfleddert, die Sorgfalt, mit der Maupassant die Traurigkeit einer Frau beschreibt, […], und trotzdem wusste der Junge: Liouba war eines Balzacs, Flauberts, Tolstois und Maupassants würdig: […].
(S. 57)

So leben die beiden ihr einfaches Leben voller großer Träume, bis eines Tages alles zu eskalieren droht. Enzos Schulkameraden haben sich hinter dem Rücken endgültig gegen diesen Jungen verschworen und quälen und schlagen ihn so sehr, dass er kaum lebendig aus dieser Situation entkommt. Es ist Zeit für Liouba und Enzo auszubrechen – jeder auf seine eigene Weise…

~

Véronique Olmi ist mit „Nacht der Wahrheit“ ein sehr bedrückender und ergreifender Roman gelungen. Mit poetischen und leisen Worten beschreibt sie die Geschichte eines Jungen und seiner Mutter, die alles Menschenmögliche tun, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Insbesondere Liouba arbeitet sich schier halb tot, um ihrem kleinen Sohn die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen, sodass es ihm einmal besser gehen wird, als ihr selbst.

In diesem Wahn erkennt sie jedoch nicht, dass dies nie passieren wird. Denn: Enzo wird auf dem Lycée nicht anerkannt. Nicht, weil er keine guten Noten schreibt, nein, nur weil er anders ist. Aufgrund dieser Andersartigkeit – er hat eine andere Hautfarbe, stammt aus keinem reichen Elternhaus – wird er zum Spielball und Opfer der Mitschüler, ohne begreifen zu können, warum. Er leidet so stark und erreicht seine Mutter aber nicht, bis zu dem Tag, an dem alles eskaliert.

Doch anstatt nun mit der Mutter überlegen zu können, wie man weitermachen könnte, mischen sich Monsieur und Madame ein, die just in diesem Moment von einer ihrer Reisen zurückkamen. Bevor sie einen Menschen ihres Standes für Enzos Wunden verantwortlich machen, schwebt schon der unausgesprochene Vorwurf an Lijouba in der Luft, den beide nicht demontieren können. Flucht in ein neues Leben scheint der einzige Ausweg für beide zu sein. Wird es besser, wird es schlimmer? Man weiß es nicht.

Tief berührt bin ich von dieser leisen und gefühlvollen Geschichte. Olmi zeigt nicht nur die Probleme Lioubas und Enzos, sondern auch ein allgemeines französisches Problem: Die Kinder auf allgemeinbildenden Schulen haben es viel schwerer als die Kinder auf den teuren Privatschulen. Und wenn man dann noch anders aussieht als die anderen, wird das nicht besser. Liouba opfert sich auf für Enzo, obwohl sie mit der Erziehung phasenweise überfordert zu sein scheint. Doch was will man erwarten? Mit 17 wurde sie schwanger und kämpft sich seither mit Enzo durch das Leben, das es auch mit ihr nicht gerade gut meint. Ein Baby wird nicht mit Gebrauchsanweisung geliefert und ein Platz auf der Sonnenseite des Lebens ist leider auch nicht jedem garantiert – egal, wie sehr man sich müht.

Auch jetzt, wo das Buch schon eine Weile ausgelesen neben mir liegt, hallt es noch tief in mir nach. Zeigt es einerseits eine schöne Geschichte über das Erwachsenwerden, die Mutterschaft und die stetige Hoffnung auf ein schönes Leben, ist es andererseits aber auch sehr düster und schmerzhaft. Doch da kommt die Besonderheit Olmis: Ganz gleich, wie düster die jeweilige Situation zu sein scheint, es folgt immer ein heller Gedanke gleich eines Hoffnungsschimmers am Horizont.

Einfühlsam beschreibt Olmi ihre zwei Protagonisten mit allen ihren Ecken und Kanten, arbeitet gerade diese „Schwächen“ detailliert heraus. Mit sanften Nuancen und viel Poesie erschafft sie ihre Welt in Paris, die sich eigentlich fast ausschließlich in den vier Wänden des Appartements abspielt. Eine aktive Gedankenwelt und etwas sehnsüchtige Träumerei erweitern diese um eine ganze und besondere Welt der Sehnsüchte und Phantasie, in der es Antworten auf alle Fragen gibt und in der alles gut zu werden scheint.

„Er hatte sie nicht gesehen. Die Alten. Die Müden. Die Verwirrten. Die Verliebten. All jene, die mit dem Kopf woanders waren. All jene, für die Zeit eine persönliche Angelegenheit war. Und er liebte es, einer von ihnen zu sein. Denn sie wussten. Das Leben spielt einem Streiche. Das Leben setzt einem hart zu und überrascht einen, und schneller, als man glaubt, ist man selbst an der Reihe.“
(S. 224)

Für mich ist dieses Buch ein leises Highlight der Herbstnovitäten und ich garantiere jedem Literaturliebhaber wundervolle und berührende Lesestunden.

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