Archiv | Januar 2016

Das Phänomen Antoine Laurain – vom Suchen, Finden und gefunden werden

Was geschieht, wenn du einem Autor über den Weg läufst, der dich sofort mit seinem Buch in den Bann zieht und verzaubert? Wenn man dieses Buch verschlingt und beseelt zurückbleibt und vergisst, es zu besprechen? Tragisch, denkt ihr? Vielleicht auch Glück, wenn man ein Jahr später das zweite Buch in den Händen hält. Und wenn man sie dann so nebeneinander legt und dabei so ein Bild entsteht…

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… kann das doch nur der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen mir und

Antoine Laurain werden.

Und es wurde nicht nur eine Freundschaft, sondern Liebe. Eine „Liebe mit zwei Unbekannten“ – Antoine und mir. Einem Autor und seiner Leserin, die auf Anhieb dieselbe Sicht auf Paris zu haben scheint, wie er. Kommt mit auf eine Reise durch die Werke von Antoine Laurain und trefft direkt auf eine große Portion

„Liebe mit zwei Unbekannten“

2015 bei Atlantik erschienen, verzaubert es auf Anhieb die Herzen der Leser. Stellt euch vor, vor euch geht eine attraktive Frau die Straße entlang, trägt stolz ihre wundervolle lila Handtasche, die ihr ganzes Leben beinhaltet. Ja, ich weiß, jede Frau denkt, dass ihre Handtasche ihr Leben ist – und in den meisten Fällen ist das ja auch so – so wie bei eben dieser jungen Frau: Laure Valadier. Plötzlich wird sie zum Opfer eines Raubüberfalls. Ein Mann entreißt ihr die Tasche, Laure stürzt und findet sich nach einer unfreiwilligen Nacht im Hotel bewusstlos im Koma wieder.

Unterdessen begibt sich der Buchhändler Laurent auf den Weg zur Arbeit und findet Laures Tasche. Einem inneren Impuls heraus folgend, nimmt er sie mit und durchsucht sie nach Hinweisen auf die Besitzerin. Besonders ein rotes Notizbuch mit Listen fällt ihm ins Auge:

Ich mag es, um die Zeit, wenn alle Leute den Strand verlassen, am Meer spazieren zu gehen.
Ich mag den Namen des Cocktails Americano, aber ein Mojito schmeckt mir besser.
Ich mag den Geruch von Minze und Basilikum.
Ich mag es, im Zug zu schlafen.
Ich mag Landschaftsbilder ohne Menschen…

Derlei Listen finden sich noch viele im Notizbuch, sowie der Zettel einer Reinigungsfirma. Das einzige, was Laurent über die Unbekannte weiß? Nein, ein Buch, von Modiano persönlich signiert, verrät ihm zumindest den Vornamen: Laure. Von diesem Moment an ist Laurent davon besessen, Laure zu finden und bekommt dabei Hilfe von verschiedenster Stelle. Bleibt eine große Frage: Werden sie auch einander finden? Oder wird Laurent das geheimnisvolle Wesen in Laures Leben bleiben, das in dieses hineinplatzte und genauso schnell und leise wieder daraus verschwand?

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Wird es eine große Liebe geben oder wird es eine diese speziellen Begegnungen sein, die Laurain so treffend beschreibt:

„Man ist an etwas Wichtigem vorbeigegangen. An einer Liebe, einem Beruf, einem Umzug in eine andere Stadt, ein anderes Land. An einem anderen leben. Man ist daran vorbeigegangen, aber doch so nah, dass man manchmal, in melancholischen, fast hypnotischen Momenten, trotzdem Teile dieses Möglichen erfassen kann. Etwa wie eine Radiofrequenz, auf der von sehr weither gesendet wird. Der Empfang ist gestört, aber wenn man genau hinhört, kann man Fetzen der Tonspur dieses nicht stattgefundenen Lebens aufschnappen. […]. Aus irgendeinem unbekannten Grund haben wir dem köstlichen Schwindel der paar Zentimeter, die zu überbrücken sind, wenn man sich zum ersten Kuss einem anderen Gesicht zuneigt, nicht nachgegeben. Wir sind daran vorbeigegangen, so nah, dass etwas bleibt.
(S. 186f)

Ja, auch von diesem Buch ist sehr viel geblieben, nachdem ich es geschlossen habe. Aber zunächst noch kurz zum neuen Meisterwerk Laurains, bevor ich mich genauer mit den Besonderheiten der Bücher beschäftige.

„Der Hut des Präsidenten“

Lasst euch eine ganz besondere Geschichte erzählen: Die Geschichte eines edlen schwarzen Filzhutes, der keinem Geringeren gehörte, als Francois Mitterand persönlich. Das Staatsoberhaupt war mit Freunden zum Essen in einem Restaurant, in dem sich zur selben Zeit am Nachbartisch der unscheinbare Buchhalter Daniel aufhält. Der Staatspräsident vergisst den Hut, und eine besondere Reise beginnt.

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Eine Reise des Hutes von Kopf zu Kopf. Zunächst begleitet er Daniel Mercier, den Buchhalter, der diesen möglichst unauffällig an sich nimmt und das Restaurant verlässt. Von da an ändert sich alles im Leben des jungen Mannes. Wurde er sonst immer gedrückt und klein gemacht, schien er von nun an über sich hinauszuwachsen und alle anderen zu beeindrucken.  Auf dem Zenit dieser Erfahrungen passiert das Schreckliche: Daniel vergisst den Hut im Zug…

Doch dieser denkt gar nicht daran, allein zu bleiben und sucht sich die junge Fanny Marquant als neue Trägerin. Wohl behütet macht sich diese dann daran, ihrem ewigen Geliebten ein schlechtes Gewissen für all die leeren Versprechungen der letzten Jahre zu machen. Und so ein fescher Herrenhut tut das auf ganz besondere Weise. Auch Fannys Leben wird nicht mehr so sein, wie es war.

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Veränderungen stehen im Mittelpunkt, Veränderungen, die ausgelöst werden durch die Kopfbedeckung des französischen Staatsoberhauptes. So kommen weiterhin sowohl Pierre Aslan, ein berühmter Parfumeur, der seine Fähigkeiten schon lang verloren zu haben scheint, als auch der noble Bernard Lavallière in den Genuss der besonderen Fähigkeiten des Hutes, der sie zu Höherem aufleben lässt.

Ewig könnte es so weitergehen, potenzielle Anwärter für den Hut gäbe es sicher mehr als genug. Doch irgendwann muss gut sein, und so führt Antoine Laurain alle Fäden mit einem mehr als geschickten und unerwarteten Schachzug zusammen, der zugleich überrascht und zum Schmunzeln bringt!

Chapeau, Monsier Laurain!!

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Doch was ist es nun, das das Phänomen Laurain ausmacht? Es ist das Gesamtkunstwerk der beiden Bücher. Beginnt man beim Stil, bekommt man zwei Geschichten, die nur von einem Vollblutfranzosen geschrieben worden sein können. Aus jedem Satz, jedem Wort, jeder kleinen Geschichte sprühen der französische Charme sowie das Savoir Vivre der Charaktere wie ein Feuerwerk. Man bekommt das Bild einer Stadt Paris vermittelt, das passt, wie die Faust aufs Auge: großes Gefühl, Charme, das nötige Augenzwinkern und die Lebenslust der Menschen. In Paris ist nichts unmöglich. Man sucht nach dem Glück und findet die große Liebe.

Wo wir direkt beim Kernpunkt beider Romane sind: Suchen und Finden und dem gefunden werden. Sowohl in „Liebe mit zwei Unbekannten“ als auch im „Hut des Präsidenten“ stehen verlorenen Gegenstände im Zentrum, die die Handlung überhaupt zum Laufen bringen. Bei Erstem ist es die gestohlene Handtasche Laures und bei Zweitem der vergessene Hut des Präsidenten. Bleiben wir zunächst bei Laure: Ihre Handtasche geht verloren und eine romantisches Such- und Findspiel beginnt, bei dem man bis fast zuletzt nicht sicher sein kann, wie es endet. Werden sie sich finden? Können beide über ihren Schatten springen und den entscheidenden Schritt in die richtige Richtung machen, oder war alles nur ein kleines Abenteuer?

Suchen und Finden – auch ein großes Leitthema im „Hut des Präsidenten“. Der Hut sucht sich seinen Besitzer auf Zeit und hilft diesem, zu sich selbst zu finden. Hat man im Leben nicht oft Idole oder Vorbilder, Glücksbringer und kleine Dinge, die einem im rechten Moment die Kraft geben, Dinge bewusst oder unbewusst zu verändern? So ein Gegenstand ist dieser Hut. Er verleiht seinen Trägern unbewusst nahezu magische Fähigkeiten und lässt diese über sich hinauswachsen, bzw. lenkt deren Leben in die richtige Richtung. Wäre es nicht schön, so einen Hut in mancher Situation auch zu besitzen?

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All diese Prozesse des Suchens und Findens führen bei Laurain aber immer zu einem Ergebnis: Zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen.

Neben diesem zentralen Thema lässt sich auch feststellen, dass den Autor aktuelle sowie politische und zeitgenössische Geschehnisse sehr beschäftigen, wie beispielsweise die, welche die Buchbranche beeinflussen. So zollt er dem französischen Nobelpreisträger Patrick Modiano Tribut, indem er ihn zu einer Kernfigur seines Romans macht. Auch die „Probleme“ des Buchmarktes kommen vielfältig zur Sprache.Er  beschäftigt sich dabei mit der großen Frage, ob eReader eines Tages das Buch ablösen werden:

„Das Gerät erlaubte es, eine ganze Bibliothek herunterzuladen und sie in der Tasche mit sich herumzutragen. Würde das Papierbuch diesem technischen Wunder standhalten? Trotz der guten Umsätze des Cahier Rouge“ kamen Laurent bisweilen Zweifel.“
(S. 74)

Auch im „Hut des Präsidenten“ findet man eine Vielzahl von Anspielungen auf das Leben in Frankreich, darin speziell dem Frankreich der 80er Jahre. So zeigt er besonders im Kapitel über Bernard Lavallière die politischen Geschehnisse und die Spaltung der Geister auf. Eine Spaltung, die Frankreich schon im 17. Jahrhundert auch in Kultur und Literatur in der sogenannten Querelle des Anciens et des Modernes (Streit der Alten und der Neuen) finden konnte.  Dort zeigte es die geistesgeschichtliche Debatte um die Frage, inwiefern die Antike noch als Vorbild für die zeitgenössische Literatur und Kunst sein könne. Und genau dies zeigt sich im genannten Kapitel auf einer anderen Ebene. Lavallière ändert mit dem Hut seine politischen Ansichten, wird im Denken fortschrittlich, kauft Bilder, die unter seinen Bekannten, die konservativ anmuten und am Alten festhalten, als verpönt gelten und macht seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Ein Mann der Moderne, der den Konservativen gerade ins Gesicht lacht. All dies zeigt er unter dem Deckmantel der beginnenden und fortschreitenden Amtszeit von Mitterand, der zu dieser Zeit der Präsident Frankreichs war und die sozialistische Partei nach vorn brachte.

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Ganz besonders sind auch die Charaktere, die Laurain dem Leser präsentiert. Durch und durch Vollblutfranzosen mit ihrem Stil, ihrem Chi, ihren Extravaganzen, aber auch mit ihrer Melancholie und ihren Sehnsüchten. Jeder Charakter ist für sich ein kleines Kunstwerk. In „Liebe mit zwei Unbekannten“ sind es natürlich Laure und Laurent, die man kennenlernt und denen man bis zur letzten Seite folgen möchte. Doch auch Laurents Tochter Chloé und sein Freund, der sich seine Damen aus dem Internet sucht und diese Kategorisiert sowie der große Modiano, sind einzigartige Wegbegleiter, die im Gedächtnis bleiben.

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Viel mehr Menschen trifft man im „Hut des Präsidenten“, und jeden einzelnen schließt man tief in sein Herz. Da haben wir Mitterand persönlich, die lebenslustige und unglücklich verliebte Fanny, den erfolglosen Parfumeur und so viele mehr. Sie werden nicht nur erwähnt, sie leben in der Geschichte und die Geschichte lebt von ihnen. Mit zarten Pinselstrichen erweckt Laurain sie zum Leben und man genießt jeden einzelnen Moment mit ihnen. Man riecht die Essenzen aus der Duftorgel, man leidet mit Fanny, man bestaunt die so andersartigen Kunstwerke und man wünscht sich, mit Mitterand am Tisch zu sitzen.

Laurain sind zwei Meisterwerke gelungen, die für mich etwas ganz besonderes ergeben: Er hat ein Porträt der Stadt Paris geschaffen, dass mir meine Herzensstadt genauso authentisch zeigt, wie sie ist: als Lichterstadt, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem nichts unmöglich ist, als Ort der Selbstverwirklichung, der Träume und Ziele. Und diese Stadt hat er in zwei wundervolle herzerwärmende Geschichten verpackt, die mehr als das sind: Sie sind voller Tiefe und lassen den Leser lange sinnieren und nachdenken und einfach träumen. Was wäre, wenn meine Handtasche gestohlen würde, oder ich auf einer Parkbank einen schwarzen Filzhut finden würde? Das weiß nur Paris allein…

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Danke für diese zwei wundervollen Bücher, die definitiv zu Lebenswegbegleitern geworden sind. Danke für mein Paris, für unseres, lieber Antoine!

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Wer nicht genug von tollen Besprechungen zu diesem kleinen Schatz bekommen kann, sollte unbedingt bei Arndt von AstroLibrium, mit dem ich gemeinsam durch Paris reiste, vorbeischauen. KLICK

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Giuseppe Verdi – Luisa Miller

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Letzten Samstag war es endlich soweit: Premiere von Luisa Miller am Vogtlandtheater in Plauen. Eigentlich war es ja die B-Premiere, da es in Zwickau schon eine Weile läuft. Das tut der Sache jedoch keinen Abbruch. Viel mehr Sorge machte allen die Erkältungswelle, die das Ensemble seit Dezember fest im Griff hat. Zum Glück blieben alle Soli gesund, aber im Chor fehlten knapp 10 Leute. Aushilfen mussten her – gar nicht leicht bei einer Oper, die nur relativ selten zur Aufführung kommt. Aber zwei kamen zum Premierentag extra aus Hamburg eingeflogen, sodass alles gut von der Bühne ging. 

Luisa Miller

Miller: Shin Taniguchi, Luisa: Sonja Westermann (Foto von Peter Awtukowitsch)

Die Oper

Drei Worte reichen eigentlich aus, um diese Oper Verdis zu beschreiben:

Liebe – 1. Akt
Die junge und schöne Luisa (Sonja Westermann) feiert mit ihrem Vater (Shin Taniguchi), ihrem Geliebten (Jason Kim) und den Freunden und Nachbarn ihren Geburtstag. Der Vater ist dem Geliebten der Tochter gegenüber sehr misstrauisch, will Luisas Hand aber auch nicht dem dubiosen Sekretät Wurm (Igor Levitan) zur Frau geben, da diese ihre Liebe frei wählen solle. Was keiner wusste: Der Geliebte Luisas ist kein Geringerer als Rodolfo, der Sohn des Grafen Walter (Karsten Schröter). Dieser wiederum will Rodolfo mit der Herzogin Federica (Johanna Brault) verheiraten. Als der Abend der Verlobung naht, gesteht Rodolfo dieser, in eine andere Frau verliebt zu sein. Daraufhin geht er zu Miller, gibt sich zu erkennen und bittet um die Hand Luisas. Der Graf will dies nicht akzeptieren und will Luisa und ihren Vater gefangen nehmen. Rodolfo verhindert zumindest die Festnahme Luisas.

Luisa Miller

Luisa: Sonja Westermann, Wurm: Igor Levitan (Foto von Peter Awtukowitsch)

Intrige – 2. Akt
Luisa erfährt von der Inhaftierung des Vaters und wird von Wurm erpresst. Ihr Vater wird nur am Leben bleiben, wenn sie einen Brief an Rodolfo schreibt und darin ihrer Liebe abschwört. Um das Ganze noch zu verstärken, bringt Wolf Luisa zur Herzogin, vor der sie das Spiel weiterspielen muss. Rodolfo erhält den gefälschten Brief und versöhnt sich gekränkt wieder mit dem Vater, der erneut zur Ehe mit der Herzogin drängt.

Luisa Miller

Rodolfo: Jason Kim, Federica: Johanna Brault (Foto von Peter Awtukowitsch)

Gift – 3. Akt
Luisa ist verzweifelt und will Selbstmord begehen, wird aber von ihrem Vater davon abgehalten. Beide planen, am kommenden Tag der Stadt für immer den Rücken zu kehren. Unterdessen kommt Rodolfo,um sich an Luisa zu rächen. Während er sie bedrängt, um zu erfahren, ob ihre Liebe zu Wurm wirklich echt sei, reicht er ihr Gift und trinkt es selbst auch. Luisa bleibt zunächst bei ihrer Aussage, bis Rodolfo gesteht, dass er sie beide vergiftet hat. Dann eröffnet sie ihm die Wahrheit über die Intrige. Die Väter können den Tod ihrer Kinder jedoch nicht mehr verhindern.

Luisa Miller

Rodolfo: Jason Kim, Luisa: Sonja Westermann  (Foto von Peter Awtukowitsch)

Der Opernabend:

Schillers „Kabale und Liebe“ bilden, wenn auch in damals zensurbedingt zurechtgestutzter Form , die Grundlage für Verdis „Luisa Miller“ (Libretto: Salvatore Cammarano), eine Oper, die in unserer Zeit nur sehr selten auf den deutschen Bühnen zu finden ist. „Warum?“, frage ich? Aufführungen finden sich in Berlin 1927, Wien 1930 oder in Zürich 1938. Warum aber nur so selten und gar kaum im deutschen Raum. Das Werk besitzt alles, was Opernfreunden den perfekten Abend bescheren kann: Eine schlüssige und gut ausgebaute Handlung, das nötige Drama, bezaubernde Melodien und Arien zum Niederknien. Dem Musiktheaterdirektor Jürgen Pöckel ist es nun zu verdanken, dass es dieses Werk auf unsere Bühnen in Plauen und Zwickau geschafft hat – und das auf eine Weise, an der es nichts außer Lob zu finden gibt. Regie führte Thilo Reinardt, der im Haus schon wunderbar „Joseph Süß“ inszeniert hatte. Ein Hauch früherer 50er Jahre lag in der Luft, als die Damen und Herren in angedeuteter Rock’n Roll Manier Luisas Geburtstag feierten. Gewagt? Nein, denn es ergab sich im Folgenden eine fesselnd konsequente Regieführung, die den Abend zu einer komplett runden und in sich geschlossenen Sache machte. An seiner Seite dabei Luisa Lange, die sich für Bühne und Kostüme verantwortlich zeigt. Luisa kenne ich schon seit ihren ersten Tagen an unserem Haus und kann wiederholt nur sagen: Hut ab vor dieser Leistung. Da entstanden mit relativ geringer Kulisse und fantastischer Beleuchtung wahre Bilderwelten, die einfach nur faszinierend und traumhaft waren. Wahrlich ein goldener Griff für diese Inszenierung. 

Luisa Miller

Federica Johanna Brault. Il conte di Walter Karsten Schröter, Ensemble (Foto von Peter Awtukowitsch)

Identitätsfragen stehen im Zentrum um das große Thema der dramatischen Liebe: Wer ist man? Wer will man sein? Was will man erreichen? Zentrale Fragen, die auf der Bühne gestellt und von den jeweiligen Charakteren verkörpert werden. In einer von Gegensätzen regierten Welt agieren die Charaktere, die individueller und klarer nicht gezeichnet sein könnten. Liebe stirbt, das Böse überlebt – ein Ausgang, der Triumph und Versagen zugleich sein kann. Wir haben das kleine Haus der Millers im Vergleich zu einem pompösen Festsaal im Hause des Grafen (meine Lieblingsbilder in der Oper) und die unendlichen Weiten des Horizonts. Brillant war es auch, die Handlung quasi von Hinten her aufzurollen: Alles beginnt und endet am Grab der Kinder. In der Ouvertüre sieht man schon die Väter an den Gräbern knien und am Ende ergibt sich dasselbe Bild. Ein wahnsinnig kluger Schachzug der Regie!

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Luisa: Sonja Westermann, Rodolfo: Jason Kim, Ensemble (Foto von Peter Awtukowitsch)

Das Philharmonische Orchester Plauen-Zwickau brillierte unter der Leitung von GMD Lutz de Veer mit großer klanglicher Qualität und vermittelte Verdis Melodien auf nahezu perfekte Art und Weise. Technisch perfekt brillierte Sonja Westermann in der Hauptrolle der Luisa Miller. In beeindruckender Höhe und Klarheit meisterte sie die anspruchsvollen Koloraturen und vermittelte eine wundervolle Ausgestaltung der Rolle. Genauso auch ihre Kontrahentin Federica, die von Johanna Brault verkörpert wurde. Beschränkt auf wenigere Szenen füllte sie den Abend sowohl spielerisch als auch stimmlich komplett und mehr als überzeigend aus und bestach mit einer wahrlich bedrohlichen Kühle in der Ausstrahlung, die der Rolle der Herzogin mehr als gerecht wurde. Jason Kim als Rodolfo verging in Liebe zu Luisa. Bedingungslos wollte er das einfache Mädchen lieben und wurde Opfer der Intrige. Genau wie die Liebe, verkörperte er auch die Verzweiflung in einmaliger Brillanz. Ebenso glänzte Shin Taniguchi in der Partie des Vaters in gewohnter einmaliger stimmlicher Qualität. Imposant auch Karsten Schröter, mein persönlicher „Bad-Boy“ des Musiktheaters. Die intriganten und bösen Rollen stehen ihm einfach nur gut zu Gesicht. Stimmlich füllt er diese auch mit seinem angenehmen Bass aus. Als letzter sei Igor Levitan zu erwähnen, der das hauseigene Ensemble gastierend in der Rolle des Wurm sowohl stimmlich als auch spielerisch bereicherte. 

Luisa Miller

Rodolfo: Jason Kim (Foto von Peter Awtukowitsch)

Summiert man dies alles, erhält man einen qualitativ sehr hochwertigen Opernabend, der den Großstädten in keinster Weise nachstehen muss, ein brillantes Ensemble von immenser Qualität und Stimmgewalt, das durch ein harmonierendes  Orchester begleitet wird, sowie einen starken Chor. All dies in einer wunderbaren Kulisse vereint und perfekt ausgeleuchtet. Ja, die Beleuchtung muss hier einfach explizit erwähnt werden, denn die Jungs erzeugten einfach einmalige Stimmungen. 

Ein verdienter fulminanter Applaus, fliegende Blumensträuße und ein toller Premierenempfang waren das wohlverdiente Ende dieses einfach perfekten Opernabends. der einmal mehr zeigte, dass es sich lohnt, auch so manche Rarität auf die Bühne zu bringen. 

Mehr Infos zur Oper und zum Theater unter: http://www.theater-plauen-zwickau.de

achtung buch: charlotte von david foenkinos

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Das Jahr 2015 stand in verschiedenerlei Hinsicht im Zeichen der Kunst. Ich stand in Paris vor dem Louvre, mit der Gewissheit, dieses Mal endlich hinein gehen zu können. Leider wurde das nichts, da er gesperrt wurde wegen zu großer Hitze. Ich besuchte die Neuen Meister, diverse Vernissagen, machte Zeichenkurse und fuhr nach München. Dort nahm mich Arndt mit auf eine Reise in seine Welt – ins Lenbachhaus. Dort erlebte ich einen Ausstellungsbesuch mal ganz anders, nämlich durch die Augen einer bezaubernden Historikerin und Autorin und durch die Augen eines wahren Liebhabers. Über Klee und Kandinsky, über Braque und Marc kamen wir auf Charlotte zu sprechen.

Charlotte Salomon – Künstlerin, deren Leben, Schaffen und Wirken in einen Koffer passte, die mir bis dato gänzlich unbekannt war, und die mir von Arndt wärmstens ans Herz gelegt wurde. David Foenkinos näherte sich der jungen Künstlerin auf eine ganz besondere Weise an, die mich eine halbe Nacht lang in ihrem Bann hielt. Denn genauso lang dauerte es, bis ich dieses Buch atemlos in mich aufgesogen hatte. Denn: Weglegen war unmöglich. Der Schreibstil so besonders, so einzigartig. Das hatte ich noch nie so erlebt. Foenkinos sagte selbst zur Entstehung des Buches:

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang…
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz kam ich ins Stocken.

Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte ständig den Drang, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.

Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Und genau so tat er es. Satz an Satz reihte er aneinander. Bloße Sätze, ein nahezu telegrafischer Stil der entstand. Satz – Stop – Atmen – Verarbeiten – Satz – Stop – Atmen – Verarbeiten. So flogen die Seiten dahin und man konnte nicht aufhören, bevor das letzte Zeichen geschrieben war. Die Gefühle, die Stimmungen, die Beklemmungen und Ängste in einzelnen, präzisen Sätzen auf den Punkt gebracht, verankerten sich beim Lesen tief in mir, jagten mich atemlos durch manche Passage und hallten noch lange in mir nach. Doch wer war Charlotte Salomon?

Charlotte Salomon

Eine geborene Heldin, so Foenkinos. Am 16 April 1917 wird die junge Schriftstellerin und Künstlerin geboren, wahrlich nicht unter dem besten Stern. Die Mutter setzt ihrem Leben ein Ende, was man zu vertuschen versucht. Die Grippe habe sie umgebracht, so die Erklärung. Ein Verlust, den das Mädel nie überwinden kann. Der Vater versunken in seinen Beruf und in seine Studien. Keine Zeit für sein Mädchen – ein typischer Fall von Realitätsflucht. Charlotte zieht sich zurück in eine eigene Welt – in die ihre.

Malerei lautet der Schlüssel zu dieser kleinen Welt. Sie zeichnet und malt, begnadet und begabt. Kaum einer kann ihr das Wasser reichen. Sie steckt all ihr Leben in ihre Bilder und soll dennoch kaum eine Chance bekommen, ihren Traum vom Leben als Künstlerin zu verwirklichen. Denn Charlotte ist Jüdin und lebt in einer Zeit, in der Braun über die anderen Farben dominiert. In der Kunst als entartet gilt, und ihre Künstler denunziert und verspottet werden. Und nicht nur das: auch verfolgt und vertrieben. Der Vater bemerkte die Veränderungen nicht, und Charlotte sitzt erneut in der Falle. Die Kunst, einst Ort der Sicherheit und der Geborgenheit wird überschattet von Angst, Zerstörung und Feuer. Synagogen und Bücher brennen. Und auch Charlottes Herz brennt. Denn sie liebt das, was nun zerstört wird, fast mehr als ihr Leben – es ist ihr Leben.

Der Krieg ist nun nicht mehr aufzuhalten. 1939 flieht Charlotte zu den Großeltern nach Frankreich, doch der Tod ist ihr auf den Fersen. Die Großmutter begeht Selbstmord, die Nazis kommen, sind da. Verteibung, Verfolgung und letztlich Internierung ins KZ. Ein glücklicher Wink des Schicksals bringt sie frei, gemeinsam mit dem Großvater, doch der Schein trügt. Es folgen zwei Jahre der künstlerischen Arbeit, die zugleich zur Therapie der jungen Frau wird. Im geheimen malt sie über tausend Bilder, nahezu besessen. Ein Ausbruch des inneren Widerstands. Zu dieser Zeit entflammt auch die Liebe in der jungen Frau, und der unsterbliche Wunsch nach Freiheit durch die Kunst und die Bilder rückt in den Fokus der jungen Frau.

Leben? Oder Theater. 

So lautet der Titel, den sie dem Zyklus ihrer Bilder, ihres Lebens gibt. Wissend, dass sie damit in dieser Zeit nichts erreicht, da das Feindbild dominiert, vertraut sie ihrem Arzt im zarten Alter von 26 Jahren den Koffer mit allen Bildern an. Ein Satz bleibt im Raum. Wie eine Botschaft ins Herz gebrannt:

C’est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.

Als hätte sie es geahnt, folgt kurz darauf das Unvermeidliche. Verrat und Deportation. An der Seite des geliebten Mannes, das gemeinsame Kind unter dem Herzen, werden sie nach Auschwitz verbracht. Gemeinsam bis fast zum Ende. Am Tor werden sie getrennt. Er stirbt aufgrund der harten Arbeit drei Monate nach der Ankunft, Charlotte sofort im Gas…

C’est toute ma vie.

Ihr ganzes Leben ist es, das bleibt. In einem Koffer. Ihre Bilder. Ein Leben, das Foenkinos mit diesem knappen, besonderen Stil auf den Punkt gebracht hat. Nie fühlte ich mich einem Menschen näher, der mir vorher gänzlich unbekannt war. Foenkinos macht Charltotte wieder lebendig, brennt sie dem Leser ins Herz, verankert sie dort. Eine literarische Meisterleistung, die mich wahnsinnig tief berührt hat. Mitgerissen in einen Strudel aus Leben, Geschichte und Kunst. Fast wie ein Schatten klebte ich an Charlottes Sohlen, erlebte atemlos jeden einzelnen ihrer Striche, fühlte fast körperlich die starken, aufflammenden Emotionen während der intensiven kreativen Schaffensphase. Malen um des Malens Willen, und um zu überleben. Atemlos. Dieses Buch – ein Meisterwerk, das niemals vergessen werden darf.

Danke David, für diese intensive und schlaflose Nacht, die ich nicht so schnell vergessen werde. Und danke Arndt, dass ich dir auf diese Reise folgen durfte!

Arndts Herzensworte zu „Charlotte“ findet ihr genau im Zentrum der kleinen Sternenwarte AstroLibrium – ein KLICK weist euch den Weg. Danke, Arndt! Für dich war es ein Heimkommen, für mich ein Ankommen.

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Info:

Aus dem Französischen von Christian Kolb
Originaltitel: Charlotte
Originalverlag: Editions Gallimard

ISBN: 978-3-421-04708-3

Verlag: DVA Belletristik