achtung buch: charlotte von david foenkinos

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Das Jahr 2015 stand in verschiedenerlei Hinsicht im Zeichen der Kunst. Ich stand in Paris vor dem Louvre, mit der Gewissheit, dieses Mal endlich hinein gehen zu können. Leider wurde das nichts, da er gesperrt wurde wegen zu großer Hitze. Ich besuchte die Neuen Meister, diverse Vernissagen, machte Zeichenkurse und fuhr nach München. Dort nahm mich Arndt mit auf eine Reise in seine Welt – ins Lenbachhaus. Dort erlebte ich einen Ausstellungsbesuch mal ganz anders, nämlich durch die Augen einer bezaubernden Historikerin und Autorin und durch die Augen eines wahren Liebhabers. Über Klee und Kandinsky, über Braque und Marc kamen wir auf Charlotte zu sprechen.

Charlotte Salomon – Künstlerin, deren Leben, Schaffen und Wirken in einen Koffer passte, die mir bis dato gänzlich unbekannt war, und die mir von Arndt wärmstens ans Herz gelegt wurde. David Foenkinos näherte sich der jungen Künstlerin auf eine ganz besondere Weise an, die mich eine halbe Nacht lang in ihrem Bann hielt. Denn genauso lang dauerte es, bis ich dieses Buch atemlos in mich aufgesogen hatte. Denn: Weglegen war unmöglich. Der Schreibstil so besonders, so einzigartig. Das hatte ich noch nie so erlebt. Foenkinos sagte selbst zur Entstehung des Buches:

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang…
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz kam ich ins Stocken.

Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte ständig den Drang, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.

Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Und genau so tat er es. Satz an Satz reihte er aneinander. Bloße Sätze, ein nahezu telegrafischer Stil der entstand. Satz – Stop – Atmen – Verarbeiten – Satz – Stop – Atmen – Verarbeiten. So flogen die Seiten dahin und man konnte nicht aufhören, bevor das letzte Zeichen geschrieben war. Die Gefühle, die Stimmungen, die Beklemmungen und Ängste in einzelnen, präzisen Sätzen auf den Punkt gebracht, verankerten sich beim Lesen tief in mir, jagten mich atemlos durch manche Passage und hallten noch lange in mir nach. Doch wer war Charlotte Salomon?

Charlotte Salomon

Eine geborene Heldin, so Foenkinos. Am 16 April 1917 wird die junge Schriftstellerin und Künstlerin geboren, wahrlich nicht unter dem besten Stern. Die Mutter setzt ihrem Leben ein Ende, was man zu vertuschen versucht. Die Grippe habe sie umgebracht, so die Erklärung. Ein Verlust, den das Mädel nie überwinden kann. Der Vater versunken in seinen Beruf und in seine Studien. Keine Zeit für sein Mädchen – ein typischer Fall von Realitätsflucht. Charlotte zieht sich zurück in eine eigene Welt – in die ihre.

Malerei lautet der Schlüssel zu dieser kleinen Welt. Sie zeichnet und malt, begnadet und begabt. Kaum einer kann ihr das Wasser reichen. Sie steckt all ihr Leben in ihre Bilder und soll dennoch kaum eine Chance bekommen, ihren Traum vom Leben als Künstlerin zu verwirklichen. Denn Charlotte ist Jüdin und lebt in einer Zeit, in der Braun über die anderen Farben dominiert. In der Kunst als entartet gilt, und ihre Künstler denunziert und verspottet werden. Und nicht nur das: auch verfolgt und vertrieben. Der Vater bemerkte die Veränderungen nicht, und Charlotte sitzt erneut in der Falle. Die Kunst, einst Ort der Sicherheit und der Geborgenheit wird überschattet von Angst, Zerstörung und Feuer. Synagogen und Bücher brennen. Und auch Charlottes Herz brennt. Denn sie liebt das, was nun zerstört wird, fast mehr als ihr Leben – es ist ihr Leben.

Der Krieg ist nun nicht mehr aufzuhalten. 1939 flieht Charlotte zu den Großeltern nach Frankreich, doch der Tod ist ihr auf den Fersen. Die Großmutter begeht Selbstmord, die Nazis kommen, sind da. Verteibung, Verfolgung und letztlich Internierung ins KZ. Ein glücklicher Wink des Schicksals bringt sie frei, gemeinsam mit dem Großvater, doch der Schein trügt. Es folgen zwei Jahre der künstlerischen Arbeit, die zugleich zur Therapie der jungen Frau wird. Im geheimen malt sie über tausend Bilder, nahezu besessen. Ein Ausbruch des inneren Widerstands. Zu dieser Zeit entflammt auch die Liebe in der jungen Frau, und der unsterbliche Wunsch nach Freiheit durch die Kunst und die Bilder rückt in den Fokus der jungen Frau.

Leben? Oder Theater. 

So lautet der Titel, den sie dem Zyklus ihrer Bilder, ihres Lebens gibt. Wissend, dass sie damit in dieser Zeit nichts erreicht, da das Feindbild dominiert, vertraut sie ihrem Arzt im zarten Alter von 26 Jahren den Koffer mit allen Bildern an. Ein Satz bleibt im Raum. Wie eine Botschaft ins Herz gebrannt:

C’est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.

Als hätte sie es geahnt, folgt kurz darauf das Unvermeidliche. Verrat und Deportation. An der Seite des geliebten Mannes, das gemeinsame Kind unter dem Herzen, werden sie nach Auschwitz verbracht. Gemeinsam bis fast zum Ende. Am Tor werden sie getrennt. Er stirbt aufgrund der harten Arbeit drei Monate nach der Ankunft, Charlotte sofort im Gas…

C’est toute ma vie.

Ihr ganzes Leben ist es, das bleibt. In einem Koffer. Ihre Bilder. Ein Leben, das Foenkinos mit diesem knappen, besonderen Stil auf den Punkt gebracht hat. Nie fühlte ich mich einem Menschen näher, der mir vorher gänzlich unbekannt war. Foenkinos macht Charltotte wieder lebendig, brennt sie dem Leser ins Herz, verankert sie dort. Eine literarische Meisterleistung, die mich wahnsinnig tief berührt hat. Mitgerissen in einen Strudel aus Leben, Geschichte und Kunst. Fast wie ein Schatten klebte ich an Charlottes Sohlen, erlebte atemlos jeden einzelnen ihrer Striche, fühlte fast körperlich die starken, aufflammenden Emotionen während der intensiven kreativen Schaffensphase. Malen um des Malens Willen, und um zu überleben. Atemlos. Dieses Buch – ein Meisterwerk, das niemals vergessen werden darf.

Danke David, für diese intensive und schlaflose Nacht, die ich nicht so schnell vergessen werde. Und danke Arndt, dass ich dir auf diese Reise folgen durfte!

Arndts Herzensworte zu „Charlotte“ findet ihr genau im Zentrum der kleinen Sternenwarte AstroLibrium – ein KLICK weist euch den Weg. Danke, Arndt! Für dich war es ein Heimkommen, für mich ein Ankommen.

~

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Info:

Aus dem Französischen von Christian Kolb
Originaltitel: Charlotte
Originalverlag: Editions Gallimard

ISBN: 978-3-421-04708-3

Verlag: DVA Belletristik

 

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4 Kommentare zu “achtung buch: charlotte von david foenkinos

    • Danke für deine Meinung. Ich komm gleich mal bei dir vorbei 🙂
      Also mich hat es gehabt. Die literarische Leistung war für mich wirklich das Tempo, das er bei mir beim Lesen durch dieses Reportagenstil erreicht hat. Kanns nur schwer beschreiben. 🙂 immer wieder dennoch schön, festzustellen, wie verschieden die Leseempfindungen sind.

  1. Danke für deine Wegbegleitung… Foenkinos liegt nicht jedem Leser. Sein Stil in diesem Buch ist bahnbrechend. Wo andere ganze Kapitel brauchen, um den Siegeszug der braunen Horden zu erklären, reichen ihm seine satzgewordenen Gefühle… ein Auftritt im Theater… aufziehende Buh-Rufe bei einer vormals geliebten jetzt als jüdisch wahrgenommenen Sängerin… Szenen in der Kunstakademie, die von Entartung sprechen.

    Du weißt, wie sehr mich dieses Buch bewegt, und was es in mir auslöst. Deine Rezension zu lesen ist wie nach Hause kommen…

    Arndt

  2. Pingback: “Charlotte” von David Foenkinos | AstroLibrium

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