Archiv | Februar 2016

achtung graphic novel: steve jobs- das wahnsinnig geniale leben des iPhone erfinders von jessie hartland

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Es gibt ja Biografien wie Sand am Meer. Die einen basieren auf reinen Fakten und stellen eine Chronik des Lebens der jeweiligen Person da. Dabei sind sie manchmal so staubtrocken, dass man sich kaum das Gähnen verkneifen kann. Andere sind spannend recherchiert und gleichen einem Abenteuerfilm, sodass man nur schwer aus dem Leben der dargestellten Person wieder auftauchen möchte. Wieder andere sind wundervolle Mischungen aus Realität und Fiktion und ganz andere fallen komplett aus dem Rahmen – zum Beispiel, indem sie als Graphic Novel verpackt werden und sich im Vorwort schon an die Verrückten, Nonkonformisten, Rebellen, Unruhestifter, Unangepassten, Querdenker und Weltveränderer richtet. Und handeln sie dann noch von einer so einzigartigen Persönlichkeit wie Steve Jobs, ist klar, dass ich diese unbedingt haben muss. Zwei meiner Leidenschaften vereint: Technik mit angeknabberten Äpfeln und Graphic Novels! Ein Traum? Schaut selbst!

Wer ist Steve Jobs? Der Erfinder von Apple, soweit wird das jeder noch sagen können. Aber welche Geschichte hinter dem Mann steckt, der mit seinen Ideen dafür sorgt, dass Fans und Apple-Junkies teilweise Tage vorm Erscheinen von neuen Produkten vor den Apple Stores übernachten, weiß kaum jemand. Jessie Hartland hat sich auf seine Spuren begeben und sich Jobs auf einzigartige Weise genähert. Sie sagt, der Materialstapel, den sie für dieses Buch angehäuft hat, beträgt fast 1.51m. Stellt euch das einmal vor! So viel Recherche in Wort- und Bildform, die sie nun aussortieren, zusammenfassen und dann auch noch illustrieren musste, sodass ihre wundervolle Graphic Novel geboren werden konnte. Und daran, dass ihr dies gelungen ist, bleiben wahrlich keine Zweifel.

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Hartland beschreibt das gesamte Leben Steves von der Geburt bis zum Tod, knapp aber so nadelscharf, dass man nichts vermisst. Dazu beschreibt sie es aber auch noch auf eine sehr junge Art und Weise, sodass es auch den jungen Lesern eine wahre Freude sein dürfte, in das Leben des Genies einzutauchen. 228 Seiten sind dabei wahrlich nicht viel, wenn man sieht, welch turbulenten Weg Steve innerhalb seines Lebens gegangen ist. Dafür stehen diese Bilder aber für eine wahre Vielfalt an Details und Kleinigkeiten – fast schon wie in einem Wimmelbild-Buch. Für mich als bekennender Apple-Junkie war jede einzelne Seite ein wahrer Genuss! Man stöbert durch die Bilder, entdeckt immer neue Details und staunt über die Faktenfülle, die dabei genau auf den Punkt getroffen auf einen einstürmt, ohne dabei zu überfordern oder etwas ausgelassen zu haben.

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Schon bei den ersten zaghaften Schritten Steves bemerkt man als Leser das große Genie, das in dem kleinen Mann schlummert. Dabei war es eine wahrliche Fügung des Schicksals, dass er damit in seiner Adoptivfamilie genau am richigen Ort gelandet zu sein schien. Denn dort wurde er ordentlich gefördert, bzw. hatte stets die Möglichkeit, sich auszuprobieren und seine Ideen auszutesten. Wie es aber so oft bei Genies ist, fehlte es Steve auch eine lange Zeit an zwischenmenschlichen und sozialen Kompetenzen, sodass sich eine Zusammenarbeit mit ihm oftmals als etwas schwierig erwies. Er wollte technisch ans Ziel kommen, das schaffen, was die Menschen haben wollten und was es noch nicht auf dem Markt gab. Immer weiter, schneller, höher als die Konkurrenz sein. Und trotz vieler Tiefschläge gelang ihm genau das. Doch viel mehr als der geniale Erfinder, war Jobs auch ein Visionär: Er gab immer das Gefühl, dass man einfach alles schaffen kann, wenn man es nur wirklich und von ganzem Herzen will. Und diesen Glauben sollten wir alle stets im Herzen behalten.

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Diese Biografie in Form einer Graphic Novel ist ein wahres Kunstwerk. Sie geht in die Tiefe und zeichnet detailliert das Leben des Menschen und Genies Steve Jobs mit allen Höhen und Tiefen, Niederlagen und Erfolgen bis hin zur schweren Krankheit, die ihn viel zu früh das Leben kosten sollte. Hartland schafft es, sich mit ihren Illustrationen in die Herzen der Leser zu zeichnen, indem sie jedes Detail, jede Facette des Lebens darstellt, mal groß, mal klein, mal offensichtlich, mal versteckt und so ein wundervolles Gesamtbild dieser einzigartigen Persönlichkeit präsentiert. Eine wahre Freude und ein kleiner Schatz für jeden Apple-Fan und auch für jene, die gern eine gute Biografie lesen mögen. Genuss pur mit Lerneffekt für Groß und Klein!

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Das Buch
„STEVE JOBS – Das wahnsinnig geniale Leben des iPhone-Erfinders“ von Jessie Hartland ist im Februar 2016 unter der ISBN-Nr. 978-3-7373-4027-4 in den Fischerverlagen erschienen. Die Graphic Novel umfasst 240 Seiten und ist ebenfalls als eBook erhältlich. Ulrike Schimming hat das Buch ins Deutsche übersetzt.

Die Autorin und Zeichnerin
Jessie Hartland ist eine vielseitige Künstlerin. Ihre Arbeiten sind unter anderem in der »New York Times« erschienen, sie hatte bereits Ausstellungen in Tokyo, Venedig und New York City. Außerdem schreibt und illustriert sie Kinderbücher. Jessie Hartland lebt in New York, USA.
Quelle: Fischerverlage

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achtung hörbuch: harry potter und der feuerkelch

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Nie ist es mir schwerer gefallen als jetzt, über meine Herzensbuchreihe zu schreiben. Mit dem Tod von Alan Rickman ist nicht nur ein fantastischer Schauspieler und Mensch von dieser Welt gegangen, sondern auch ein einzigartiger Severus Snape. Niemand konnte diese Figur besser mit Leben füllen, als er.

Düstere Gedanken, die zu den düsteren Geschehnissen gleich zu Beginn des vierten Bandes um unsere jungen Zauberer passen. Geht doch alles so vielversprechend los – schließlich dürfen unsere Freunde direkt am Finale der Quidditch-Weltmeisterschaft teilnehmen, wendet sich das Blatt doch sehr schnell mit dem Auftauchen des dunklen Mals am Himmel und der damit einhergehenden Panik. Und auch nach Beginn des neuen Schuljahres kehrt keineswegs Ruhe ein. Hogwarts wurde zum Schauplatz des Trimagischen Turniers ausgewählt, einem Wettstreit zwischen den drei großen Zauberschulen Hogwarts, Durmstrang und Beauxbatons. Die Auswahlkriterien der Champions sind sehr hart. So müssen die Schüler beispielsweise älter als 17 Jahre sein. Umso überraschter sind alle, als der Kelch neben Cedric Diggory auch noch Harry Potter zum Champion ausruft. Ein Skandal! Aber die Regeln sind eindeutig: einmal vom Kelch bestimmt, gibt es kein Zurück mehr. Harry muss sich den Herausforderungen stellen.

Drei Prüfungen warten auf die Champions und auch in der Schule warten ausreichend Probleme und Schwierigkeiten, denen sich unsere jungen Zauberer entgegenstellen müssen. Wird alles gut gehen? Wird Harry die Aufgaben des Turniers lösen können? Fragen über Fragen, die im Laufe eines sehr spannenden vierten Harry Potter Buches beantwortet werden sollen…

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Wie auch schon in Band 3 lässt sich ein merkliches Erwachsenwerden sowohl bei den Figuren als auch innerhalb der Handlung nicht von der Hand weisen. Die Grundstimmung ist von Beginn an schon von einer bösartigen Düsternis geprägt, die sich durch die gesamte Handlung ziehen wird. Sowohl während der Meisterschaft als auch während der Trimagischen Prüfungen schwebt eine unsichtbare Gefahr über den jungen Zauberern und der gesamten Schule.

Eine Gefahr die auch durch diverse neue und dubiose Figuren geschürt wird. Da haben wir einerseits MadEye Moody mit sehr undurchschaubaren Beweggründen, Barty Crouch, die fiese Klatschreporterin Rita Kimmkorn und einige andere mehr. Auch unsere Freunde sind bei Weitem nicht mehr so unbeschwert wie in den letzten Jahren, und nicht nur einmal wird die Freundschaft in diesem Teil auf die Probe gestellt. Selbstzweifel, Zwänge, Prüfungen, Ängste – all dies bestimmt den Schulalltag in diesem Jahr in Hogwarts.

J. K. Rowling hat ihrer Geschichte ein komplett neues Outfit verpasst. Schon zu Beginn befinden wir uns nicht im Ligusterweg, sondern beobachten Voldemort bei einem Mord. Er ist stark geworden, sehr stark. Zwar ist dies „nur“ ein Traum Harrys, aber wie wir ja bestens wissen, sind Harrys Träume meist ein Spiegel der Realität. An diese Düsternis knüpft auch das gesamte Umfeld an. Wo wir uns früher an einem bunten und lebendigen Hogwarts erfreuen konnten, ruft die Fantasie beim Lesen oder nun eher eine graue, düstere, regnerische Umgebung hervor. Man ist teilweise sehr bedrückt aufgrund der Geschehnisse und  man kann definitiv nicht mehr leugnen, dass sich die Zaubererwelt im Umbruch befindet.

Die Handlung an sich punktet außerdem mit einer Vielzahl dramatischer Höhepunkte, die sich die Hand reichen, und die den Leser atemlos und gespannt bei der Handlung halten. All dies wird noch vom wundervollen Erzählstil Felix von Manteuffels unterstrichen, der diesem wundervollen Hörbuch seine Stimme leiht, und die liebgewonnenen Charaktere auf eine einzigartige Weise zum Leben erweckt. Ein absoluter Hörgenuss, der jeden Freund unserer jungen Zauberer für viele Stunden in diese wundervolle, wenn auch düstere Magierwelt entführt. Großer Hörgenuss, der Kopfkino erweckt!

achtung buch: sos schlank ohne sport – das kochbuch von katharina bachmann

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Liebe Freunde des gesundes Essens, oder die, die es noch werden wollen. Letztes Jahr habe ich mich ja mit meinem Mädels der Herausforderung der Entgiftungswoche nach Katharina Bachmanns erstem Buch „SOS Schlank ohne Sport“ gestellt, und war sehr positiv überrascht vom Ergebnis. Worum es dabei genau geht, könnt ihr HIER nachlesen.

Natürlich ist eine Ernährungsumstellung auf Dauer auch etwas mit einer kompletten Umstellung des Lebensstils verbunden. So muss man sich intensiv (nicht unbedingt zeitaufwendig) mit neuen Produkten, Ideen und Möglichkeiten auseinandersetzen, was für viele ein Grund zur Abschreckung ist. Keine Zeit, keine Lust, Stress – die typischen Ausreden. Auch an mir gingen diese gerade im stressigen Arbeitsmonat Dezember nicht vorbei, und die guten Vorsätze wurden nur noch teilweise eingehalten, was mich selbst sehr geärgert hat.

Viel mehr stand bei mir aber ein Problem im Raum: Der Markt wurde Ende des letzten Jahres ja von sogenanntem Healthfood überschwemmt: Chia, Quinoa, Amaranth,… tolle Produkte mit toller Wirkung. Aber was tue ich damit? Auch in der Entgiftungswoche stellte ich mir diese Frage oft. Mein größtes Problem war also primär nicht der Zeitmangel oder die Umstellung, sondern der eigene Mangel an Kreativität in der Küche. Ein Gemüsetag zum Beispiel bietet tausend Möglichkeiten und ließ mich – so spontan, wie wir in die Woche gestartet sind – doch etwas ratlos im Raum stehen.

Und ich denke, ich bin nicht die einzige, der es am Ende so ging. Viel Hilfe fand ich dabei in Katharina Bachmanns toller Facebook-Gruppe, wo man stets und schnell liebe Hilfe und Unterstützung bekommt. Eine tolle Truppe, wirklich! Nun war es dieses Jahr endlich soweit und Katharina brachte ein Kochbuch auf den Markt, gefüllt mit den besten Rezepten mit den Power-Lebensmitteln. Doch das ist nicht alles: Im Buch steckt noch vieles mehr, weswegen ich euch die einzelnen Kapitel etwas näher vorstellen möchte.

Los geht es mit einer kleinen Einführung zum Thema gesunde Ernährung und Qualität. Direkt danach geht es dann auch schon weiter mit dem Umsetzen der guten Vorsätze: dem 4-Wochen-Plan zur Entgiftung und Ernährungsumstellung. Eingeleitet von einem übersichtlichen Plan für die vier Wochen, beginnt das wohl wichtigste Kapitel der Ernährungsumstellung. Auf den folgenden Seiten werden dazugehörend auch schon etliche Rezepte und Anregungen vorgestellt, die den Einstieg ins Programm erleichtern. Meine persönliche Meinung ist jedoch, dass man, wenn man sich für die Entgiftungswoche entscheidet, dennoch auch zum Grundbuch „SOS – Schlank ohne Sport“ zurückgreift, da dort die wesentlichen Lebensmittel und das gesamte Prinzip ausführlich und detailliert beschrieben werden.

Danach kommt der große und ausführliche Rezeptteil, der wirklich alle Bereiche abdeckt. Vom Brotaufstrich über Süßes, von Salaten über Suppen bis hin zu herzhaften Gerichten und von Desserts hin zu Kaffeegenüssen, Drinks und Smoothies wird jeder Geschmack bedient. Ein wahres Potpourri der Kücheninspiration ganz nach dem Konzept von SOS. Wahnsinnig toll!

Selbst das ist aber noch nicht alles: Ganz am Ende des Buches gibt es es noch einen ausführlichen Frage- und Antwortteil, der nahezu alle Unklarheiten zur Entgiftung und Ernährungsumstellung abdeckt.

Für mich ist das Kochbuch eine wertvolle Ergänzung und Inspiration, die die Lust auf eine Weiterführung des SOS Programms enorm steigert und mir viel Input liefert. Außerdem bestärkt es meine tolle Meinung über die SOS-Truppe, die einem immer mit Rat und Tat zur Seite steht. Bei keinem Ernährungskonzept oder -programm fühlte ich mich so gut aufgehoben und motiviert und möchte hier einen großen Dank an Katharina Bachmann und alle Mitglieder der SOS-Facebookgruppe aussprechen. Weiter so!

 

achtung buch: queen on heels von nina mackay

Queen on Heels

Mariella, Baroness von Württemberg, steht eine traumhafte Ehe mit dem unverheirateten Kronprinzen von Preußen bevor – zumindest glaubt das ihre Mutter, als sie ihre widerwillige Tochter zur Brautschau schickt. Mariellas kleine Zwillingsschwestern haben auch noch ein Wörtchen mitzureden und mischen den gesamten preußischen Königshof ordentlich auf. Während die Baroness am liebsten mehr Zeit mit dem gut aussehenden Stalljungen Alex verbringt, entspinnt sich langsam ein Familiengeheimnis, von dem nur Mariellas Mutter etwas weiß. Ein Geflecht aus Intrigen, Verwechslungen und lustigen Streichen braut sich zusammen …

Soweit der Klappentext, der mich schon sehr neugierig gemacht hat, denn manchmal habe ich ja ein reges Bedürfnis nach royalem Chick-Lit mit Fashion Bonus. Und dieses Bedürfnis sollte auch nicht enttäuscht werden. Erfrischend locker tauchte ich vom ersten Moment in eine royale Welt ein, die Nina MacKay wunderbar ins Heute adaptiert hat. Keineswegs trifft man auf verstaubtes Personal in alten Schlössern, sondern auf geballte royale Power in einem durchaus modernen Umfeld. Doch nochmal zurück zur Handlung. Wie der Klappentext schon zeigt, soll die junge und toughe Mariella an den Kronprinzen von Preußen verheiratet werden. Diese hält davon aber gar nichts und wird unter den versnobten Anwärterinnen auch direkt zur Außenseiterin erkoren. Kein Wunder, dass sie schnell Zuflucht im Stall bei den geliebten Pferden sucht, wo sie außerdem noch auf den schmucken Stallburschen Alex trifft. Doof nur, dass Alex in Wahrheit kein anderer ist, als Prinz Karl-Alexander von Preußen, der heiß begehrte Kronprinz, der auch sofort ein Auge auf Mariella geworfen hat.

Natürlich steigert dieser Fakt das feindliche Verhalten der anderen Damen nur noch, wozu auch die teuflisch gerissenen Zwillingsschwestern Mariellas nicht unwesentlich beitragen. Von einer Katastrophe schlittert man in die nächste und muss dabei oftmals laut über die Terrorzwerge lachen. Doch das Lachen bleibt einem spätestens dann im Halse stecken, als Alex die Hochzeit mit der belgischen Prinzessin Henrietta aufgezwungen wird, und Ella den bösartigen Bruder Prinz Frederick ehelichen soll. Intrigen, Mord, Verschwörungen und Crime unter dem Deckmantel des Luxus, Glamour und des schönen Scheins – alles, was man von einem solchen Umfeld erwartet, verpackt Nina in ihre tolle und unterhaltsame Story. Einmal angefangen, konnte ich das Buch einfach nicht mehr aus den Händen legen und habe es fast in einem Rutsch durchgelesen.

Locker, abwechslungsreich und unterhaltsam mit einer guten Prise Action hält Nina MacKay ihre Leser von Anfang bis Ende gut bei Laune. Dafür sorgen zum einen die sympathischen Charaktere und zum anderen die tolle Story, die zwar an manchen Stellen etwas übertrieben ist, was der gesamten Geschichte aber keinen Abbruch tut. Denn verrückt geht es ja von Anfang an schon zu, da darf das auch gern so. Mir hat es sehr gut gefallen, und ich denke, dass sich auch gerade junge Leserinnen sehr dafür begeistern können. Genau das richtige für einen unterhaltsamen Wohlfühllesenachmittag. Danke, liebe Nina, und ich hoffe, es war nicht das letzte Buch, was ich aus deiner Feder lesen durfte!

achtung buch: die tochter des malers von gloria goldreich

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Letztes Jahr war ich schon mit Madame Picasso in der Lichterstadt Paris unterwegs. Auch dieses Jahr führt mich der Aufbau Verlag zurück in die Welt der Kunst des goldenen Zeitalters. War es letztes Jahr der große Picasso, auf dessen Spuren ich mich bewegte, so ist es diesmal Künstlerkollege Marc Chagall und insbesondere dessen Tochter Ida, die ich kennen lernen durfte. Gloria Goldreich hatte die Feder in der Hand, und schuf eine besondere Biografie über ganz besondere Menschen. Wie auch schon in „Madame Picasso“ kann man von einer gewissen Historifiktion sprechen: Wahre Biografien werden in teilweise historische und teilweise fiktive Handlungen verpackt und ergeben insgesamt ein zauberhaftes Leseerlebnis.

Wir befinden uns im Paris der Vorkriegszeit, wo wir auf Ida Chagall und ihre Eltern Marc und Bella treffen. Ida ist ein wahrer Inbegriff der Schönheit: kupferblondes Haar, vollendete Grazie – einfach eine Augenweide. Dies wusste auch ihr Vater sehr zu schätzen, stand sie ihm doch stets Modell. Dabei ist sie in einem goldenen Käfig gefangen. Ihre Eltern, deren Leben stets von Flucht geprägt war, behüten sie und lassen ein normales Aufwachsen kaum zu. Ida wächst sehr einsam auf, sehnt sich nach Kontakten zu Gleichaltrigen und wird mehr und mehr vom Wunsch ergriffen, sich von den Eltern zu lösen, die sie wie ihren wertvollsten Besitz auf ewig für sich behalten wollen. Eine Ausnahme wird der Besuch in einem Ferienlager, wo sie Michel Rapaport kennen lernt – eine Begegnung nicht ohne Folgen.

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Unmittelbar darauf naht der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Familie schwebt in größter Gefahr, sind sie doch allesamt Juden. Jeder spürt die fast schon greifbare Bedrohung, jeder außer Marc Chagall, der von seinem Erfolg geblendet ist. Jude ja, aber noch immer mehr artiste francais. Er besucht keine Synagoge und malt sowohl weltliche als auch christliche Bilder neben den Zeichnungen der Rabbiner. Macht es das besser? Nein, denn genau wie über seine Künstlerkollegen Klee und Kandinsky spricht man auch von Marc Chagall als einen Vertreter der Gattung der „entarteten Kunst“. Kann seine Kunst ihn also wirklich retten oder wird er aufwachen und der Realität ins Auge blicken? Ida setzt alle Hebel in Bewegung, um ihre Familie zu retten und aus Frankreich wegzubringen.

Dies zeig einen wahren Einschnitt im Leben der jungen Frau, denn damit beginnt sie aus dem familiären Käfig auszubrechen. Vom gehorsamen Kind wird sie zur Bestimmerin und Versorgerin ihrer Familie, wobei ihr ihre umfangreichen Kenntnisse der Kunst sehr zugute kommen. Schließlich ist dies alles, was sie kann. So bleibt ihr Leben immer vom Vater dominiert. Einerseits führt sie zwar ein eigenes Leben, andererseits ist dieses immer fest an den Vater gebunden. Man bekommt Ida nie allein, auch kein Mann, denn stets ist da Marc im Hintergrund, der diesen Platz auch nicht aufzugeben gedenkt. Insbesondere nach dem Tod Bellas rückt Ida mehr und mehr ins Zentrum des Lebens ihres Vaters, obwohl sie doch ein eigenes lebt. Sie beginnt das Werk Marc zu verwalten, organisiert Ausstellungen und reist durch die Welt, um die Geschäfte abzuwickeln.

Marc und Ida – eine Einheit, die man nicht trennen kann? Zumindest sollte es nur ganz schwer möglich sein. Ida will ihre eigene Zukunft nicht nur dem Vater widmen, schafft den Absprung aber nie ganz, bis zu dem einen Tag, an dem sich alles ändern soll…

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Wahnsinnig gefesselt habe ich dieses Buch binnen weniger Abende regelrecht verschlungen und bin den Charakteren fast schon atemlos durch die Seiten gefolgt. Dabei konnte ich mich sehr gut mit Ida identifizieren. Auch in meinem Leben spielte die Familie immer eine übergeordnete Rolle, gerade als mein Vater krank wurde. Wie oft fragt man sich, ob etwas anders geworden wäre, wenn man selbst gelöster von den familiären Bindungen gewesen wäre. Ich sage in meinem Fall, dass ich diese Bindung nicht bereue. Man verzichtet zwar auf einiges, aber am Ende war alles genau richtig so. Ob es Ida auch so ging? Sie hatte eine Vielzahl von Einschnitten in ihrem Leben, die gravierend waren, und deren Entscheidung sicher nicht immer leicht war und man kann gut verstehen, dass sie den einen oder anderen Abzweig ihres Lebensweges bereut. Man lacht mit ihr, man weint mit ihr, man teilt ihre Ängste und Hoffnungen.

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Marc Chagall mit seiner Tochter Ida, New York 1946, Copyright: Lotte Jacobi Collection, University of New Hampshire, USA

Und – was mit am wichtigsten ist – man versteht sie. Als ich zumindest. Ich verstehe Ida und ich verstehe vor allem auch Marc, dessen Biografie dem Leser im Zusammenhang auch wunderbar vermittelt wird. Er ist nicht unbedingt der sympathischste Mensch, aber er ist authentisch zu der ruhelosen Künstlerseele, die er war. Und ich habe schon mit sehr vielen Künstlern gearbeitet, was mir genau diese Charakterzüge Marcs sehr vertraut macht. Wahrscheinlich fiel es mir deswegen auch leicht, ihn zu verstehen, mich in seine Lage hineinzuversetzen, wohingegen meine Mitleserinnen teilweise etwas Unverständnis zeigten. Ein Leben für die Kunst, in dem wenig Platz für die Bedürfnisse der anderen blieb. Denn Marcs Leben war die Kunst und Bella und Ida ein Teil dieses Lebens. So war seine kleine Welt strukturiert und die kleinste Veränderung konnte alles zum Einsturz bringen. Marc ist eine rastlose geniale Künstlerseele, die uns von der Autorin mit allen Facetten sehr bildhaft dargestellt wird. Man flucht über ihn, man bewundert ihn und ja, man mag ihn auch sehr – also ich zumindest. Ein Mensch der Gegensätze, der Kunst, ein wenig Genie und Wahnsinn.

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Allein sprachlich und stilistisch muss ich kleine Abstriche machen, wählt die Autorin oder vielleicht eher die Übersetzerin häufig dieselbe Wortwahl, die sich an manchen Stellen über ganze Absätze zieht. Dies mindert aber nicht die Qualität des erzählten Stoffes. Die Geschichte konnte mich vollends überzeugen und hat Marc und Ida und vor allem auch den Rapaports einen großen Platz im Herzen eingeräumt. Auf diese bin ich bewusst nicht eingegangen, denn es soll ja auch noch ein wenig Platz für Überraschungen geben. Eine klare Leseempfehlung für alle Freunde von Paris, der Kunst und fein gezeichneten Biografien mit viel Wahrheitsgehalt.

Mimikry – Das Spiel des Lesens im Test im Campus Libris

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Hallo, auch ich spiele Mimikry. Der gesamte Campus Libris spielt Mimikry, warum also nicht auch du. Die Regeln sind leicht zu verstehen, Das Buch zum „Spiel des Lesens“ ist bereits bei Blumenbar erschienen und wie wir spielen, könnt ihr im Leitartikel auf AstroLibrium nachlesen: KLICK

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Heute bin ich die Gastgeberin und ich habe mir einen ersten Satz ausgesucht, den nun meine Mitspieler ergänzt haben. Sie sind in die Rolle des Schriftstellers geschlüpft und sehen die anderen Vorschläge jetzt zum allerersten Mal. Welche Fortsetzung ist die richtige? Wer konnte am überzeugendsten „fälschen“? Meine Mitspieler werden jetzt in den Kommentaren zu diesem Artikel ihre Tipps abgeben und ich löse das in wenigen Tagen hier auf. Ratet doch mit! Und wenn ihr selbst aktiv mitspielen wollt… Keine Sorge… Wir spielen weiter, ich spiele weiter… alle Welt spielt weiter… Heute also Runde 2 🙂

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Julia Groß

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Anja Schmidt, Eva Mirschel, Miriam Schaps, Arndt Stroscher, Ronja Grage, Heike Dewald, Yvonne Güntherodt & Paulinchen

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Matt Ruff: Fool on the Hill

Klappentext: Nicht zu fassen, was an Universitäten alles passiert, wenn man diesem haarsträubenden Campus-Roman glauben darf, in dem der junge George sich in die schönste Frau der Welt verliebt, der Kobold Puck der Elfe Zephyr nachjagt und Blackjack und Luther in den Himmel für Katzen und Hunde aufbrechen. Ein Sommernachtstraum für Freunde der Hobbits? Eine Love-Story? All das und noch viel mehr ist der „Narr auf dem Hügel“

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Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang.

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Vorschlag 1:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Hinter den Stadtmauern versinkt gerade die Sonne in einem roten Feuerball. Die ersten Laternen werden von den Nachtwächtern entzündet und die Stadt begrüßt sie mit einem Lichtermeer….

Vorschlag 2:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Ein kleiner, untersetzter Mann mit freundlichem Gesicht und schütterem Haar betrachtete die Straßen und ging diese in Gedanken entlang. Zu seiner Linken reihten sich einige kleine Geschäfte und Cafés, wo die Menschen auch jetzt noch fröhlich ein und aus gingen. Mr. Sunshine betrachtete diese mit einem kurzen Lächeln und ging seines Weges…

Vorschlag 3:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Er war müde von seinem Ritt, hatte schon seit Stunden nichts gegessen und war froh, endlich die Stadt erreicht zu haben. Er hoffte, eine Unterkunft für sich und sein Pferd zu finden, bevor sich die Nacht völlig über die Häuser legte…

Vorschlag 4:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Vom ersten Moment an ist er von dieser merkwürdigen Stadt wie verzaubert und so ist es kein Wunder, dass es ihn noch oft in diese Stadt ziehen wird. Doch an diesem Frühlingstag im Jahre 1866 kann er noch nicht ahnen, dass diese Stadt sein Leben für immer verändern wird…

Vorschlag 5:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Der Amerikanische Bürgerkrieg ist seit wenigen Tagen Geschichte und das ganze Land atmet auf. Die Abende sind wieder ruhig. Gänzlich ohne Kanonendonner und die Angriffssignale der Kavallerie. Der Campus von Eden Court liegt im samtenen Licht der rot verglühenden Sonne da, als hätte sich die Welt nicht verändert…

Vorschlag 6:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Er betrachtet die vor sich liegenden Gebäude auf der Suche nach der Universität, als er aus den Augenwinkeln plötzlich etwas erhascht, das sein Verstand nicht zu deuten weiß. Entfernt ähnelte es einem kleinen Kind, wenn auch einem sehr kleinen…

Vorschlag 7:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Er ist müde von der langen Reise und dennoch glücklich, angekommen zu sein. Dieser Ort scheint etwas besonderes zu sein, das verheißt ihm die warme Frühlingsbrise.

Vorschlag 8:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Starke Regenfälle haben Wege und Straßen in Schlammsuppe verwandelt. Das sind nicht gerade die Witterungsverhältnisse, die Mr. Sunshine bevorzugt, doch ein Geruch lockt ihn immer weiter – ein süßer Geruch, den der frische Regenduft nicht zu übertönen noch fortzuspülen vermag: der Geruch von Geschichten.

Vorschlag 9:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Nun kamen allmählich die Gestalten zum Vorschein, die sich tagsüber versteckt hielten. Eine schwarze Katze bog aus einer Gasse und funkelte ihn mit ihren grünen Augen an.

Vorschlag 10:

Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang.Auf seinen alten Stock gestützt, schaut er sich in der Stadt um, die ihm einst so bekannt und nun doch ferner zu sein schien, als er es je zu glauben vermochte. Mit einem Seufzen machte er sich auf den Weg, stieg den Hügel hinab, während das leise Summen der Vergangenheit in seinen Ohren hallte.

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Boah Leute, ihr seid einfach zu gut 😀 viel zu gut!!!

Vorschlag 1 stammt von Anja und erhielt 0 Stimmen
Vorschlag 2 stammt von Eva und erhielt 0 Stimme
Vorschlag 3 stammt von Heike und erhielt 1 Stimmen
Vorschlag 4 stammt von Miri und erhielt 2 Stimmen
Vorschlag 5 stammt von Arndt und erhielt 1 Stimmen
Vorschlag 6 stammt von Ronja und erhielt 4 Stimmen
Vorschlag 7 stammt von Yvonne und erhielt 0 Stimmen
Vorschlag 8 stammt von Matt Ruff und erhielt 6 Stimmen
Vorschlag 9 stammt von Paulinchen und erhielt 0 Stimmen
Vorschlag 10 stammt von Julia und erhielt 0 Stimmen

Ein eindeutiger Sieg für den Autor MATT RUFF und seinen FOOL ON THE HILL. Ihr habt ihn enttarnt!

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Mr. Sunshine betritt die Stadt erstmals an einem Frühlingstag des Jahres 1866, kurz vor Sonnenuntergang. Starke Regenfälle haben Wege und Straßen in Schlammsuppe verwandelt. Das sind nicht gerade die Witterungsverhältnisse, die Mr. Sunshine bevorzugt, doch ein Geruch lockt ihn immer weiter – ein süßer Geruch, den der frische Regenduft nicht zu übertönen noch fortzuspülen vermag: der Geruch von Geschichten.

Wahrscheinlich war der gute Geruch einfach zu gut! Ich hoffe, euch vielleicht sogar ein bissl neugierig auf dieses tolle Buch gemacht zu haben!

Und nun geht es bald weiter zu Runde 3 bei Yvonne und Paulinchen! Bin seeeeehr gespannt!

 

achtung buch: das haus der zwanzigtausend bücher von sasha abramsky

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„Es kommt mir vor, als ob er sich entweder als einen Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil von sich betrachtete.“

William Morris, Kunde von Nirgendwo (1890)

Mit diesen Worten leitet Sasha Abramsky den ersten Prolog im „Haus der zwanzigtausend Bücher“ ein. Worum es in einem Buch mit einem solchen Titel gehen soll, fragt ihr euch? Natürlich um Bücher, keine Frage. Doch nicht ausschließlich um sie, wie ich auf den zweiten Blick feststellen konnte. Habe ich im Vorfeld vermutet, dass ich mit „Das Haus der zwanzigtausend Bücher“ einen weiteren Band in die Reihe Bücher für Bücherliebhaber, ähnlich Christopher Morley, einordnen kann, wurde mir mein Irrtum sehr schnell bewusst und entlockte mir ein breites Lächeln.

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Neben einer Hommage an das Medium Buch erwartete mich nämlich eine Hommage Sasha Abramskys an seinen Großvater Chimen Abramsky. Chimen Abramsky wurde 1916 als Sohn eines sehr bekannten Rabbiners geboren. Mit 13 Jahren wanderte er mit seinen Eltern und zweien seiner Brüder nach London aus. Dort wendete er sich mehr und mehr dem sozialistischen Gedankengut ab und wurde im Laufe der Jahre zu einem flammenden Verfechter der Theorien von Karl Marx. Diese politischen Neigungen hielt er natürlich vor seiner Familie geheim, was tendenziell nicht schwer war, da ihm die jüdischen Traditionen und Gepflogenheiten bis ans Lebensende mehr als wichtig waren.

„Mimi und Chimen führten also ein streng koscheres Haus, in dem sie regelmäßig militamt nichtreligiöse Tischgäste bewirteten – Beleg für die Widersprüche zwischen dem Persönlichen und dem Politischen zwischen ihrer jüdischen Identität in kultureller Hinsicht und ihrer Ablehnung der Religion.“
(S. 152f)

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste Chimen seine Studien in Jerusalem abbrechen und schlug sich seither als Autodidakt durch das Leben. Sein Geld verdiente er dabei als Buchhändler und als Händler von Raritäten – einem Handwerk, in dem er erstaunliches Geschick zeigte. Im Verlauf seines Lebens trug er so eine wahrlich beträchtliche Summe an wertvollen Schriften, Erstausgaben und anderer Memorabilia zusammen, die mehr und mehr sein Leben dominierten. Mit Fug und Recht konnte er von sich behaupten, die größte Privatsammlung Englands in dieser Art zu besitzen.

„Im Laufe der Jahrzehnte war Chimen so süchtig nach Druckseiten geworden, nach der Haptik seiner Bücher, der Aura alter Manuskripte und den Inhalten seiner Briefwechsel, dass er sich zuletzt buchstäblich mit Wortmauern umgab. Sie boten ihm Schutz vor dem Wahnsinn der Außenwelt – oder halfen ihm, durch das Chaos zu navigieren.“
(S. 22)

Bestand seine Sammlung bis zum Ende der 1950er Jahre größtenteils aus sozialistischen Schriften – ja, Chimen war wirklich ein großer Verfechter dieser Theorien – änderte sich dies, nachdem die Verbrechen der Stalin-Zeit offensichtlich geworden waren. Chimen schämte sich teilweise stark, sich so voller Feuer und Flamme für diese Bewegung eingesetzt zu haben. Ein tiefer Schnitt, der sich nicht nur auf Chimens Leben, sondern auch auf seine Sammelleidenschaft auswirkte. Der Sozialismus schwand mehr und mehr aus dem Sichtfeld und seine zweite Leidenschaft begann sich durchzusetzen: das Sammeln von wertvollen Schriftzeugnissen über die jüdische Geschichte. Judaica wurden sein großes neues Sammelgebiet, auf dem er zu einem Meister wurde, der seinesgleichen erst noch finden müsse. Für dieses Lebenswerk erfuhr er dann auch noch die verspätete akademische Anerkennung, die an sich unmöglich war. Er wurde Professor für Hebräisch und Judaistik in London und blieb weiterhin als Berater für große Auktionshäuser wie Sotheby’s tätig. 2010 starb Chimen in London – nicht ohne der Welt ein großes Monument hinterlassen zu haben:

DAS HAUS DER ZWANZIGTAUSEND BÜCHER

„Getragen von dieser Begeisterung [für besondere und rare Schriftschätze], schuf er etwas Ungewöhnliches: eine Struktur für das Haus der Bücher, die ungeheuer komplex war und dem ungeübten Auge weitestgehend verborgen blieb.“
(S. 26)

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5 Hillway London

5 Hillway London – eine normale Adresse für ein ziemlich unscheinbares Haus. Ein Haus, wie es sie zu abertausenden in der Metropole zu finden gab. Für den jungen Sasha war es ein Rückzugsort, ein Ort der Lehre, eine Bücherei und vor allem ein Ort der Geborgenheit. Für Chimen war es ein Spiegel seines Lebens und seiner Leidenschaft. Gemeinsam mit seiner Frau Mimi war ihm das wundervollste gelungen: Ein Salon inmitten Londons. Was Gertrude Stein im goldenen Zeitalter in Paris mit den literarischen Größen vermochte, vollbrachten hier auf kleinstem Raum Chimen und Mimi für politische und gesellschaftliche Größen, für Freunde des kultivierten Gespräches, für potenziellen Nachwuchs und Familie und Freunde. Hatte man die Prüfungen Chimens erst einmal bestanden – ja, ins Haus am Hillway durften nur die hinein, die zu schätzen wussten, welche Ehre ihnen Chimen mit den Blicken in seine Schätze gewährte – wurde man mit Geborgenheit, Mimis göttlichen Speisen und intellektuellen Gesprächen erster Klasse belohnt. Es gab kaum einen Tag, an dem es im Hillway nicht summte, wie in einem Bienenstock. Immer herrschte geselliges Treiben, mitunter hitzige Debatten und reger Austausch, an dem auch die Kinder und Enkel teilhaben durften. So gingen die Jahre im Hillway ins Land und Chimens Sammlung wuchs und wuchs und wuchs.

„Während man sich von einem Zimmer ins andere bewegte, durchwanderte man Hunderte von Jahren der politischen Geschichte Europas und Tausende von Jahren der Philosophie und der jüdischen Geschichte. Es wurde deutlich, welche Persönlichkeiten und welche Ereignisse Chimen besonders fesselten, für welche Künstler und Dichter er sich begeisterte, welche Sprachen er beherrschte und welche Städte und Verlage ihn am meisten faszinierten. Und hatte man begriffen, in welchem Zeitraum das jeweilige Zimmer mit Büchern bestückt worden war, konnte man nachvollziehen, wie sich Chimens Interessen und Schwerpunkte im Laufe der Jahre verlagert hatten.“

Einer Zeitreise gleich, bewegen wir uns gemeinsam mit Sasha durch das Haus seiner Großeltern und erleben dabei einerseits Zeitgeschichte und andererseits die persönliche Entwicklung seines Großvaters. Vom Dschungelzimmer über das Schlafzimmer bis hin zum Salon und der Diele erleben wir hautnah große und geschichtsträchtige Begegnungen mit, wohnen der Entstehung eines der bedeutendsten linken Salons Großbritanniens bei und staunen über die Sammelwut Chimens. Sein überragendes Gedächtnis und sein umfassendes und vernetztes Wissen sorgen nicht selten dafür, dass diese Begegnungen für die Besucher zu einzigartigen und besonderen Erlebnissen wurden. Selbst nach Chimens Abkehr vom Sozialismus blieb der Salon bestehen. Nur das Publikum hatte sich gewandelt. Waren es einst die Linken, die ein und aus gingen, wandelte es sich zu Unterstützern und Freunden aus Wissenschaft, die Chimens Interesse für die Judaica teilten. Später dann, als er aktiv im Lehrbetrieb an der Universität war, wurde sein Salon sogar potenziellem Nachwuchs zugänglich gemacht, von dem er forderte, den er aber auch besonders förderte.

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Man kann und muss sagen, dass Sasha Abramsky seinem Großvater ein literarisches Monument gesetzt hat. Er sagt selbst von sich, dass er schon früh wusste, dass er einmal etwas über seinen Großvater, den winzigen Mann mit den tausenden Büchern und den großen Ideen schreiben würde. Witzigerweise war dies Chimen selbst nicht möglich. Die Idee zur Autobiografie bestand, genau wie die Idee eines großen Werkes über Marx. Nur war Chimen leider selbst nicht in der Lage, seine tausende von Ideen in eine niedergeschriebene Form zu bringen. Im März 2010 tat dies nun Sasha und die Biografie seines Großvaters erblickte das Licht der Welt. Eine Geschichte über Bücher, über die Liebe zu Büchern und über einen ganz besonderen Menschen, über einen Intellektuellen ohnegleichen und über einen geliebten Großvater. Doch ist dieses Buch wirklich nur eine Hommage und eine Biografie?

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Nein. Ein klares Nein. „Das Haus der zwanzigtausend Bücher“ ist ein wichtiges historisches Werk, spiegelt es doch die Geschichte Europas aus einem ganz besonderen Blickwinkels, nämlich aus der Sicht eines atheistischen Sohnes eines großen Rabbiners, der sich dem Sozialismus verschworen hatte, sich von diesem abkehrte, dem Zionismus entgegenblickte und sich letztendlich ganz in die Studien der Judaica stürzte. Aus der Sicht eines Mannes, der sich zwar von der jüdischen Religion abwendete, die jüdische Kultur jedoch bis in die innerste Faser seines Körpers durch und durch lebte und liebte. Neben den wichtigen Informationen über die verschiedensten Strömungen des Judentums aus Sicht eines Juden erleben wir die Sehnsüchte, Irrwege, Fehler, und Leidenschaften einer einzigartigen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Chimen Abramsky, ein Emigrant, ein Intellektueller, der sich selbst beweisen musste – für sich selbst immer aufs Neue und als Autodidakt in der Gesellschaft – und ein liebender Familienmann und Großvater.

Michael Ignatieff resümierte:

„ Die Elegie eines Enkels auf eine untergegangene Welt und auf das hitzige, leidenschaftliche Gerangel des Judentums mit dem Marxismus, das ihn durch Kindheit und Jugend begleitet hat. Ein mitreißendes Memoir über das verhängnisvolle Zusammentreffen russisch-jüdischen Freiheitsstrebens und stalinistisch geprägter Überzeugung, eine schonungslose und doch von Liebe getragene Auseinandersetzung mit einem Erbe, das widerstreitende Gefühle auslöst.“

Dieser Zusammenfassung kann ich mich nur anschließen. 15.000 – 20.000 Bücher waren es, die nach Chimens Ableben im Haus verblieben waren. Mehr als zehn Tonnen Papier. Stumm, leise, einsam in einem Haus, das Jahrzehnte lang von Diskussionen geprägt war, vom Umschwung, Debatten und voller Leben. Und nun Stille. Wirklich? Ich denke, jedes Buch, jedes Zimmer atmete noch den Atem der Vergangenheit, als Sasha Abramsky nach dem Tod des Großvaters noch einmal dort war, um den Nachlass zu sortieren. Kann ein Mensch komplett nicht mehr sein, der sein Leben mithilfe von Büchern stützte, die auch nach seinem Ableben noch existieren werden? Als Zeugnisse dieses einzigartigen Lebens eines winzigen Mannes? Ich glaube nicht. Besonders mit dieser Biografie Sasha Abramskys, die von Bernd Rullkötter ins Deutsche übersetzt wurde, wurde Chimen Abramsky ein Monument gesetzt, das ihn nicht nur in der Erinnerung seiner Familie lebendig bleiben lässt, sondern auch in der ganzen Welt.

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Wer nun also eine Hommage an das Medium Buch erwartet hat, wird leider in gewisser Weise enttäuscht werden, aber alle anderen werden einen einzigartigen und besonderen Menschen kennen lernen dürfen und Geschichte auf einem ganz anderen Level erleben. In mir hallt das ganze Buch sehr tief nach und hat seine Spuren hinterlassen. Danke für dieses Lebenswerk, Sasha Abramsky.

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Die gezeigten Bilder stammen aus der Pressebroschüre zum Buch aus dem dtv