achtung buch: das haus der zwanzigtausend bücher von sasha abramsky

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„Es kommt mir vor, als ob er sich entweder als einen Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil von sich betrachtete.“

William Morris, Kunde von Nirgendwo (1890)

Mit diesen Worten leitet Sasha Abramsky den ersten Prolog im „Haus der zwanzigtausend Bücher“ ein. Worum es in einem Buch mit einem solchen Titel gehen soll, fragt ihr euch? Natürlich um Bücher, keine Frage. Doch nicht ausschließlich um sie, wie ich auf den zweiten Blick feststellen konnte. Habe ich im Vorfeld vermutet, dass ich mit „Das Haus der zwanzigtausend Bücher“ einen weiteren Band in die Reihe Bücher für Bücherliebhaber, ähnlich Christopher Morley, einordnen kann, wurde mir mein Irrtum sehr schnell bewusst und entlockte mir ein breites Lächeln.

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Neben einer Hommage an das Medium Buch erwartete mich nämlich eine Hommage Sasha Abramskys an seinen Großvater Chimen Abramsky. Chimen Abramsky wurde 1916 als Sohn eines sehr bekannten Rabbiners geboren. Mit 13 Jahren wanderte er mit seinen Eltern und zweien seiner Brüder nach London aus. Dort wendete er sich mehr und mehr dem sozialistischen Gedankengut ab und wurde im Laufe der Jahre zu einem flammenden Verfechter der Theorien von Karl Marx. Diese politischen Neigungen hielt er natürlich vor seiner Familie geheim, was tendenziell nicht schwer war, da ihm die jüdischen Traditionen und Gepflogenheiten bis ans Lebensende mehr als wichtig waren.

„Mimi und Chimen führten also ein streng koscheres Haus, in dem sie regelmäßig militamt nichtreligiöse Tischgäste bewirteten – Beleg für die Widersprüche zwischen dem Persönlichen und dem Politischen zwischen ihrer jüdischen Identität in kultureller Hinsicht und ihrer Ablehnung der Religion.“
(S. 152f)

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste Chimen seine Studien in Jerusalem abbrechen und schlug sich seither als Autodidakt durch das Leben. Sein Geld verdiente er dabei als Buchhändler und als Händler von Raritäten – einem Handwerk, in dem er erstaunliches Geschick zeigte. Im Verlauf seines Lebens trug er so eine wahrlich beträchtliche Summe an wertvollen Schriften, Erstausgaben und anderer Memorabilia zusammen, die mehr und mehr sein Leben dominierten. Mit Fug und Recht konnte er von sich behaupten, die größte Privatsammlung Englands in dieser Art zu besitzen.

„Im Laufe der Jahrzehnte war Chimen so süchtig nach Druckseiten geworden, nach der Haptik seiner Bücher, der Aura alter Manuskripte und den Inhalten seiner Briefwechsel, dass er sich zuletzt buchstäblich mit Wortmauern umgab. Sie boten ihm Schutz vor dem Wahnsinn der Außenwelt – oder halfen ihm, durch das Chaos zu navigieren.“
(S. 22)

Bestand seine Sammlung bis zum Ende der 1950er Jahre größtenteils aus sozialistischen Schriften – ja, Chimen war wirklich ein großer Verfechter dieser Theorien – änderte sich dies, nachdem die Verbrechen der Stalin-Zeit offensichtlich geworden waren. Chimen schämte sich teilweise stark, sich so voller Feuer und Flamme für diese Bewegung eingesetzt zu haben. Ein tiefer Schnitt, der sich nicht nur auf Chimens Leben, sondern auch auf seine Sammelleidenschaft auswirkte. Der Sozialismus schwand mehr und mehr aus dem Sichtfeld und seine zweite Leidenschaft begann sich durchzusetzen: das Sammeln von wertvollen Schriftzeugnissen über die jüdische Geschichte. Judaica wurden sein großes neues Sammelgebiet, auf dem er zu einem Meister wurde, der seinesgleichen erst noch finden müsse. Für dieses Lebenswerk erfuhr er dann auch noch die verspätete akademische Anerkennung, die an sich unmöglich war. Er wurde Professor für Hebräisch und Judaistik in London und blieb weiterhin als Berater für große Auktionshäuser wie Sotheby’s tätig. 2010 starb Chimen in London – nicht ohne der Welt ein großes Monument hinterlassen zu haben:

DAS HAUS DER ZWANZIGTAUSEND BÜCHER

„Getragen von dieser Begeisterung [für besondere und rare Schriftschätze], schuf er etwas Ungewöhnliches: eine Struktur für das Haus der Bücher, die ungeheuer komplex war und dem ungeübten Auge weitestgehend verborgen blieb.“
(S. 26)

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5 Hillway London

5 Hillway London – eine normale Adresse für ein ziemlich unscheinbares Haus. Ein Haus, wie es sie zu abertausenden in der Metropole zu finden gab. Für den jungen Sasha war es ein Rückzugsort, ein Ort der Lehre, eine Bücherei und vor allem ein Ort der Geborgenheit. Für Chimen war es ein Spiegel seines Lebens und seiner Leidenschaft. Gemeinsam mit seiner Frau Mimi war ihm das wundervollste gelungen: Ein Salon inmitten Londons. Was Gertrude Stein im goldenen Zeitalter in Paris mit den literarischen Größen vermochte, vollbrachten hier auf kleinstem Raum Chimen und Mimi für politische und gesellschaftliche Größen, für Freunde des kultivierten Gespräches, für potenziellen Nachwuchs und Familie und Freunde. Hatte man die Prüfungen Chimens erst einmal bestanden – ja, ins Haus am Hillway durften nur die hinein, die zu schätzen wussten, welche Ehre ihnen Chimen mit den Blicken in seine Schätze gewährte – wurde man mit Geborgenheit, Mimis göttlichen Speisen und intellektuellen Gesprächen erster Klasse belohnt. Es gab kaum einen Tag, an dem es im Hillway nicht summte, wie in einem Bienenstock. Immer herrschte geselliges Treiben, mitunter hitzige Debatten und reger Austausch, an dem auch die Kinder und Enkel teilhaben durften. So gingen die Jahre im Hillway ins Land und Chimens Sammlung wuchs und wuchs und wuchs.

„Während man sich von einem Zimmer ins andere bewegte, durchwanderte man Hunderte von Jahren der politischen Geschichte Europas und Tausende von Jahren der Philosophie und der jüdischen Geschichte. Es wurde deutlich, welche Persönlichkeiten und welche Ereignisse Chimen besonders fesselten, für welche Künstler und Dichter er sich begeisterte, welche Sprachen er beherrschte und welche Städte und Verlage ihn am meisten faszinierten. Und hatte man begriffen, in welchem Zeitraum das jeweilige Zimmer mit Büchern bestückt worden war, konnte man nachvollziehen, wie sich Chimens Interessen und Schwerpunkte im Laufe der Jahre verlagert hatten.“

Einer Zeitreise gleich, bewegen wir uns gemeinsam mit Sasha durch das Haus seiner Großeltern und erleben dabei einerseits Zeitgeschichte und andererseits die persönliche Entwicklung seines Großvaters. Vom Dschungelzimmer über das Schlafzimmer bis hin zum Salon und der Diele erleben wir hautnah große und geschichtsträchtige Begegnungen mit, wohnen der Entstehung eines der bedeutendsten linken Salons Großbritanniens bei und staunen über die Sammelwut Chimens. Sein überragendes Gedächtnis und sein umfassendes und vernetztes Wissen sorgen nicht selten dafür, dass diese Begegnungen für die Besucher zu einzigartigen und besonderen Erlebnissen wurden. Selbst nach Chimens Abkehr vom Sozialismus blieb der Salon bestehen. Nur das Publikum hatte sich gewandelt. Waren es einst die Linken, die ein und aus gingen, wandelte es sich zu Unterstützern und Freunden aus Wissenschaft, die Chimens Interesse für die Judaica teilten. Später dann, als er aktiv im Lehrbetrieb an der Universität war, wurde sein Salon sogar potenziellem Nachwuchs zugänglich gemacht, von dem er forderte, den er aber auch besonders förderte.

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Man kann und muss sagen, dass Sasha Abramsky seinem Großvater ein literarisches Monument gesetzt hat. Er sagt selbst von sich, dass er schon früh wusste, dass er einmal etwas über seinen Großvater, den winzigen Mann mit den tausenden Büchern und den großen Ideen schreiben würde. Witzigerweise war dies Chimen selbst nicht möglich. Die Idee zur Autobiografie bestand, genau wie die Idee eines großen Werkes über Marx. Nur war Chimen leider selbst nicht in der Lage, seine tausende von Ideen in eine niedergeschriebene Form zu bringen. Im März 2010 tat dies nun Sasha und die Biografie seines Großvaters erblickte das Licht der Welt. Eine Geschichte über Bücher, über die Liebe zu Büchern und über einen ganz besonderen Menschen, über einen Intellektuellen ohnegleichen und über einen geliebten Großvater. Doch ist dieses Buch wirklich nur eine Hommage und eine Biografie?

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Nein. Ein klares Nein. „Das Haus der zwanzigtausend Bücher“ ist ein wichtiges historisches Werk, spiegelt es doch die Geschichte Europas aus einem ganz besonderen Blickwinkels, nämlich aus der Sicht eines atheistischen Sohnes eines großen Rabbiners, der sich dem Sozialismus verschworen hatte, sich von diesem abkehrte, dem Zionismus entgegenblickte und sich letztendlich ganz in die Studien der Judaica stürzte. Aus der Sicht eines Mannes, der sich zwar von der jüdischen Religion abwendete, die jüdische Kultur jedoch bis in die innerste Faser seines Körpers durch und durch lebte und liebte. Neben den wichtigen Informationen über die verschiedensten Strömungen des Judentums aus Sicht eines Juden erleben wir die Sehnsüchte, Irrwege, Fehler, und Leidenschaften einer einzigartigen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Chimen Abramsky, ein Emigrant, ein Intellektueller, der sich selbst beweisen musste – für sich selbst immer aufs Neue und als Autodidakt in der Gesellschaft – und ein liebender Familienmann und Großvater.

Michael Ignatieff resümierte:

„ Die Elegie eines Enkels auf eine untergegangene Welt und auf das hitzige, leidenschaftliche Gerangel des Judentums mit dem Marxismus, das ihn durch Kindheit und Jugend begleitet hat. Ein mitreißendes Memoir über das verhängnisvolle Zusammentreffen russisch-jüdischen Freiheitsstrebens und stalinistisch geprägter Überzeugung, eine schonungslose und doch von Liebe getragene Auseinandersetzung mit einem Erbe, das widerstreitende Gefühle auslöst.“

Dieser Zusammenfassung kann ich mich nur anschließen. 15.000 – 20.000 Bücher waren es, die nach Chimens Ableben im Haus verblieben waren. Mehr als zehn Tonnen Papier. Stumm, leise, einsam in einem Haus, das Jahrzehnte lang von Diskussionen geprägt war, vom Umschwung, Debatten und voller Leben. Und nun Stille. Wirklich? Ich denke, jedes Buch, jedes Zimmer atmete noch den Atem der Vergangenheit, als Sasha Abramsky nach dem Tod des Großvaters noch einmal dort war, um den Nachlass zu sortieren. Kann ein Mensch komplett nicht mehr sein, der sein Leben mithilfe von Büchern stützte, die auch nach seinem Ableben noch existieren werden? Als Zeugnisse dieses einzigartigen Lebens eines winzigen Mannes? Ich glaube nicht. Besonders mit dieser Biografie Sasha Abramskys, die von Bernd Rullkötter ins Deutsche übersetzt wurde, wurde Chimen Abramsky ein Monument gesetzt, das ihn nicht nur in der Erinnerung seiner Familie lebendig bleiben lässt, sondern auch in der ganzen Welt.

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Wer nun also eine Hommage an das Medium Buch erwartet hat, wird leider in gewisser Weise enttäuscht werden, aber alle anderen werden einen einzigartigen und besonderen Menschen kennen lernen dürfen und Geschichte auf einem ganz anderen Level erleben. In mir hallt das ganze Buch sehr tief nach und hat seine Spuren hinterlassen. Danke für dieses Lebenswerk, Sasha Abramsky.

~

Die gezeigten Bilder stammen aus der Pressebroschüre zum Buch aus dem dtv

 

 

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9 Kommentare zu “achtung buch: das haus der zwanzigtausend bücher von sasha abramsky

  1. Deine Rezension führt mich wieder in mein Lesen. Und so, wie ich dir damals sagte, es ist ein Buch, das zu dir muss. Deine Sicht aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ist wichtig und wird dem Buch gerecht, ebenso wie deine zarte Warnung, dass es sich hier nicht um ein leichtes Werk rund um die Liebe zum Buch handelt.

    Ein wichtiges Buch in meinem Lesen… wir haben viel darüber gesprochen, Nun finden sich die Worte. Ein Denkmal für einen besonderen Menschen.

    • Genauso seh ich das auch. Es ist wahrlich ein Monumentalwerk! So vielseitig, so tiefgründig … Dazu noch wundervoll geschrieben für eine Bio. Gibt die, die dich sofort haben und die, die man nach wenigen Seiten weg legt, weil sie fad sind. Aber diese hat sich tief in die Seele gegraben.

  2. Pingback: „Das Haus der zwanzigtausend Bücher“ von Sasha Abramsky | AstroLibrium

  3. Huhu,
    eine Art Lebenswerk zum nachlesen über diesen Mann, von dessen Leben wenige Leute etwas mitbekommen haben…ist das so in etwas eine mögliche Aussage des Buches.

    Ein Vermächtnis für die Nachwelt.

    LG..Karin…

  4. „Es kommt mir vor, als ob er sich entweder als einen Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil von sich betrachtete.“ …..das ist ja schonmal ein grandioser Start für den Prolog 🙂 klingt sehr, sehr interessant…hast mich wirklich neugierig gemacht.
    ist ja wieder schlimm…bin ich endlich mal wieder hier bei dir zu Besuch, sprengt es gleich die Wunschliste. Böses Mädchen! 😉 :* aber es ist auch immer wieder schön deine Beiträge zu lesen 🙂

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