achtung buch: die tochter des malers von gloria goldreich

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Letztes Jahr war ich schon mit Madame Picasso in der Lichterstadt Paris unterwegs. Auch dieses Jahr führt mich der Aufbau Verlag zurück in die Welt der Kunst des goldenen Zeitalters. War es letztes Jahr der große Picasso, auf dessen Spuren ich mich bewegte, so ist es diesmal Künstlerkollege Marc Chagall und insbesondere dessen Tochter Ida, die ich kennen lernen durfte. Gloria Goldreich hatte die Feder in der Hand, und schuf eine besondere Biografie über ganz besondere Menschen. Wie auch schon in „Madame Picasso“ kann man von einer gewissen Historifiktion sprechen: Wahre Biografien werden in teilweise historische und teilweise fiktive Handlungen verpackt und ergeben insgesamt ein zauberhaftes Leseerlebnis.

Wir befinden uns im Paris der Vorkriegszeit, wo wir auf Ida Chagall und ihre Eltern Marc und Bella treffen. Ida ist ein wahrer Inbegriff der Schönheit: kupferblondes Haar, vollendete Grazie – einfach eine Augenweide. Dies wusste auch ihr Vater sehr zu schätzen, stand sie ihm doch stets Modell. Dabei ist sie in einem goldenen Käfig gefangen. Ihre Eltern, deren Leben stets von Flucht geprägt war, behüten sie und lassen ein normales Aufwachsen kaum zu. Ida wächst sehr einsam auf, sehnt sich nach Kontakten zu Gleichaltrigen und wird mehr und mehr vom Wunsch ergriffen, sich von den Eltern zu lösen, die sie wie ihren wertvollsten Besitz auf ewig für sich behalten wollen. Eine Ausnahme wird der Besuch in einem Ferienlager, wo sie Michel Rapaport kennen lernt – eine Begegnung nicht ohne Folgen.

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Unmittelbar darauf naht der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Familie schwebt in größter Gefahr, sind sie doch allesamt Juden. Jeder spürt die fast schon greifbare Bedrohung, jeder außer Marc Chagall, der von seinem Erfolg geblendet ist. Jude ja, aber noch immer mehr artiste francais. Er besucht keine Synagoge und malt sowohl weltliche als auch christliche Bilder neben den Zeichnungen der Rabbiner. Macht es das besser? Nein, denn genau wie über seine Künstlerkollegen Klee und Kandinsky spricht man auch von Marc Chagall als einen Vertreter der Gattung der „entarteten Kunst“. Kann seine Kunst ihn also wirklich retten oder wird er aufwachen und der Realität ins Auge blicken? Ida setzt alle Hebel in Bewegung, um ihre Familie zu retten und aus Frankreich wegzubringen.

Dies zeig einen wahren Einschnitt im Leben der jungen Frau, denn damit beginnt sie aus dem familiären Käfig auszubrechen. Vom gehorsamen Kind wird sie zur Bestimmerin und Versorgerin ihrer Familie, wobei ihr ihre umfangreichen Kenntnisse der Kunst sehr zugute kommen. Schließlich ist dies alles, was sie kann. So bleibt ihr Leben immer vom Vater dominiert. Einerseits führt sie zwar ein eigenes Leben, andererseits ist dieses immer fest an den Vater gebunden. Man bekommt Ida nie allein, auch kein Mann, denn stets ist da Marc im Hintergrund, der diesen Platz auch nicht aufzugeben gedenkt. Insbesondere nach dem Tod Bellas rückt Ida mehr und mehr ins Zentrum des Lebens ihres Vaters, obwohl sie doch ein eigenes lebt. Sie beginnt das Werk Marc zu verwalten, organisiert Ausstellungen und reist durch die Welt, um die Geschäfte abzuwickeln.

Marc und Ida – eine Einheit, die man nicht trennen kann? Zumindest sollte es nur ganz schwer möglich sein. Ida will ihre eigene Zukunft nicht nur dem Vater widmen, schafft den Absprung aber nie ganz, bis zu dem einen Tag, an dem sich alles ändern soll…

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Wahnsinnig gefesselt habe ich dieses Buch binnen weniger Abende regelrecht verschlungen und bin den Charakteren fast schon atemlos durch die Seiten gefolgt. Dabei konnte ich mich sehr gut mit Ida identifizieren. Auch in meinem Leben spielte die Familie immer eine übergeordnete Rolle, gerade als mein Vater krank wurde. Wie oft fragt man sich, ob etwas anders geworden wäre, wenn man selbst gelöster von den familiären Bindungen gewesen wäre. Ich sage in meinem Fall, dass ich diese Bindung nicht bereue. Man verzichtet zwar auf einiges, aber am Ende war alles genau richtig so. Ob es Ida auch so ging? Sie hatte eine Vielzahl von Einschnitten in ihrem Leben, die gravierend waren, und deren Entscheidung sicher nicht immer leicht war und man kann gut verstehen, dass sie den einen oder anderen Abzweig ihres Lebensweges bereut. Man lacht mit ihr, man weint mit ihr, man teilt ihre Ängste und Hoffnungen.

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Marc Chagall mit seiner Tochter Ida, New York 1946, Copyright: Lotte Jacobi Collection, University of New Hampshire, USA

Und – was mit am wichtigsten ist – man versteht sie. Als ich zumindest. Ich verstehe Ida und ich verstehe vor allem auch Marc, dessen Biografie dem Leser im Zusammenhang auch wunderbar vermittelt wird. Er ist nicht unbedingt der sympathischste Mensch, aber er ist authentisch zu der ruhelosen Künstlerseele, die er war. Und ich habe schon mit sehr vielen Künstlern gearbeitet, was mir genau diese Charakterzüge Marcs sehr vertraut macht. Wahrscheinlich fiel es mir deswegen auch leicht, ihn zu verstehen, mich in seine Lage hineinzuversetzen, wohingegen meine Mitleserinnen teilweise etwas Unverständnis zeigten. Ein Leben für die Kunst, in dem wenig Platz für die Bedürfnisse der anderen blieb. Denn Marcs Leben war die Kunst und Bella und Ida ein Teil dieses Lebens. So war seine kleine Welt strukturiert und die kleinste Veränderung konnte alles zum Einsturz bringen. Marc ist eine rastlose geniale Künstlerseele, die uns von der Autorin mit allen Facetten sehr bildhaft dargestellt wird. Man flucht über ihn, man bewundert ihn und ja, man mag ihn auch sehr – also ich zumindest. Ein Mensch der Gegensätze, der Kunst, ein wenig Genie und Wahnsinn.

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Allein sprachlich und stilistisch muss ich kleine Abstriche machen, wählt die Autorin oder vielleicht eher die Übersetzerin häufig dieselbe Wortwahl, die sich an manchen Stellen über ganze Absätze zieht. Dies mindert aber nicht die Qualität des erzählten Stoffes. Die Geschichte konnte mich vollends überzeugen und hat Marc und Ida und vor allem auch den Rapaports einen großen Platz im Herzen eingeräumt. Auf diese bin ich bewusst nicht eingegangen, denn es soll ja auch noch ein wenig Platz für Überraschungen geben. Eine klare Leseempfehlung für alle Freunde von Paris, der Kunst und fein gezeichneten Biografien mit viel Wahrheitsgehalt.

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9 Kommentare zu “achtung buch: die tochter des malers von gloria goldreich

  1. Auch wenn mir die Chagalls nicht sympathisch waren und ich ihr Tun oft nicht nachvollziehen konnte…. ihr Leben ist grandios und vor allem sehr glaubhaft geschildert und wusste mich überwiegend zu begeistern!

  2. Grandios, wenn es ein Roman vermag, auch die Biografie eines ganz großen Malers zu transportieren. Und das nicht nur am Rande, sondern als Elixier dieser Geschichte. Wohl eine wahre Perle…

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