Archiv | April 2016

Achtung Buch: Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

9783455600438

Thaïs ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen, die sich inmitten von Zirkusleuten als die „unvergleichliche Madame Victoria“ einen Namen als Pferdedresseurin gemacht hatte. Dieses Leben war jedoch nichts für die junge Frau, die dem Zirkus direkt nach ihrem achtzehnten Geburtstag den Rücken kehrte, um in Paris ihr Glück zu machen. Dort lebte sie bis zu dem Tag, an dem sie ein trauriges Ereignis nach Arles rief. Dort sollte sie die Beerdigung ihrer Großmutter ausrichten. Ein Ereignis, dass für Thaïs weniger traurig zu sein schien, als es sollte. Aus dem Plan der schnellen Haushaltsauflösung wurde jedoch nichts, da ihr das Testament der Großmutter einen Strich durch die Rechnung macht. Darin vererbte die unvergleichliche Victoria die Hälfte ihres Hauses Zirkusleuten, von denen die Enkelin noch nie etwas gehört hatte. In einer Nacht schlugen diese Zirkusleute des geheimnisvollen „Cirque perdu“ ihr Lager hinter dem Haus auf und eine wundersame Reise nahm ihren Anfang. Eine Reise, deren Ausgang keiner absehen konnte…

Schon das Cover des Buches hatte mich in der Verlagsvorschau in seinen Bann gezogen, mag ich doch alles, was in und um Paris geschieht, sehr gern. Und in Kombination mit dem Klappentext war es direkt um mich geschehen. Eine Geschichte, die im Zirkus spielt? Und in Frankreich? Das kann nur gut sein, dachte ich mir. Doch Zirkus und Stille, wie kann das nur zusammenpassen? Ist ein Zirkus nicht eine Manege voller Tam Tam, Clownerie und Spektakel? Natürlich nicht, denn immer gibt es auch die tiefe Melancholie, die man mit dem Zirkus in Zusammenhang bringt, das Geheimnisvolle, die Sehnsucht, das Andere. Und genau diese Seite ist es, die der Autor ins Zentrum des Geschehens rückt.

Dies zeigt sich schon direkt zu Beginn in der Figur der Thaïs, die nun, als die Großmutter gestorben ist, ganz allein auf der Welt ist und niemanden mehr hat. Umso unwohler ist ihr, als sie nach Arles fährt, wo die Beerdigung stattfinden soll. Auf einmal ist sie da allein und wird komplett mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Eine Vergangenheit, die sie am liebsten auslöschen würde, zumindest zu Beginn. Der Zirkus ist nicht ihr Freund, eher etwas Fremdes, Anderes, das man als unbequem empfindet…

„Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat -, wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“
S. 7

Und mit der Fremde kennt sich die junge Frau sehr gut aus, hat sie sie doch als Kind am eigenen Körper nahezu schmerzlich erfahren müssen. Wie in einen Kokon hat sich Thaïs eingesponnen, um ihre Vergangenheit so weit wie möglich von sich abzuschotten, um ein normales Leben zu führen. Doch ist es wirklich das, was sie will? Oder wird sie dem Reiz des Fremden, der ihr Leben war, folgen? Und vor allem: Was wird sie am Ende des Weges finden?

Melancholische Fragen voller Tiefe, die den Kern des Buches bilden und die erst zu dem Zeitpunkt richtig aufgeworfen werden, an dem der „Cirque perdu“ auftaucht. Was für en Zirkus: Keine Manege, keine Tiere, nur eine Handvoll kurioser Gestalten, zu denen sich die junge Frau wider Erwarten stark hingezogen fühlt. Wer sind diese Leute, die ihr Lager hinter ihrem Haus aufgeschlagen haben? Welche Verbindung haben sie zu Victoria und welche Geschichten haben sie zu erzählen? Alles ist geheimnisvoll, leise und jeder spricht in Rätseln. Mehr und mehr gerät Thaïs in den Sog des Rätselhaften, der sie mehr und mehr in ihre Vergangenheit hineinzieht. Einem Sog, dem sich die junge Frau nicht lange widersetzen kann und will, bis zu dem Punkt, an dem sie eine Entscheidung treffen muss, die ihr Leben gänzlich verändern wird.

Die Zirkusleute des „Cirque perdu“ haben mich sofort in ihren Bann gezogen und fasziniert. Peter Goldammer Erzählstil trug dazu nicht unwesentlich bei, denn ihm ist es gelungen, dieser Geschichte nicht nur das französische Flair, sondern auch die tiefe Melancholie einzuhauchen, die sie ausmacht. Eine Melodie der leisen Töne, die noch lange in einem nachhallt, während man sich unweigerlich dieselben Fragen stellt, die Thaïs sich stellt. Sie ist es, die ich an manchen Stellen etwas besser kennenlernen hätte wollen. Was war es, das dazu führte, dass sie ihr altes Leben so rigoros von sich abschottete. Sicher – sie wollte normal sein, ein normales Leben führen, wie es alle Mädchen in ihrem Alter taten, wollte ausbrechen und die Welt erobern in der Metropole Paris, wollte dem Fremden, dem Exotischen des Zirkus entfliehen, aber hat sie ihre Vergangenheit doch so sehr „verstört“, dass sie diese so komplett von sich wegschob? Das kann ich ihr nicht ganz glauben, so schnell, wie sie die Leute des „Cirque perdu“ doch wieder in ihre „Fänge“ bekommen konnten. Und auch mich hatten sie sofort mit all der Herzenswärme, den Geheimnissen und den kleinen Weisheiten:

„´Dann stell deine Trauer ins Regal. ´ ´Ins Regal? ´ ´In das Regal deiner Gefühle. ´[…] ´Wie im Supermarkt, alles schön geordnet, direkt vor dir: ein Regal mit deinen Gefühlen drin. Die Menschen wollen immerzu ihre Gedanken ordnen, aber viel wichtiger ist es, die Gefühle zu ordnen. ´“
S.211

Das ist aber auch schon der einzige Aspekt, den ich anmerken möchte. Sicherlich eine subjektive Empfindung, die der Gesamterzählung auch keinen Abbruch tut. „Der Zirkus der Stille“ ist für mich eine Symphonie, ein Gesamtkunstwerk, dass am Ende in vollster Blüte erstrahlte und dabei einen wundervollen Bogen zum Beginn der Erzählung schlug. Rührende Szenen reichen aufschlussreichen die Hand, man ist tief berührt und bewegt und mag gar nicht aus dieser Stimmung auftauchen, die einen wie ein weiches und dennoch schweres Band aus Samt umschlungen hält. Man stellt sich und sein Leben unweigerlich selbst infrage und sinniert über die alltäglichen Dinge des Lebens. Peter Goldammer ist ein wundervolles leises Potpourri der Gefühle gelungen, das für mich definitiv zu den Lesehighlights 2016 gehört.

Don’t you love farce?
My fault, I fear.
I thought that you’d want what I want…
Sorry, my dear!
And where are the clowns
Send in the clowns
Don’t bother, they’re here.

Isn’t it rich?
Isn’t it queer?
Losing my timing this late in my career.
And where are the clowns?
There ought to be clowns…
Well, maybe next year.

(Send in the Clowns)

Achtung Buch: The Diviners 2 – Die dunklen Schatten der Träume

 

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Endlich ist es soweit, Evie O’Neill ist zurück! Und viel ist geschehen. Mittlerweile ist die Existenz der Diviners kein Geheimnis mehr und ein regelrechter Medienansturm ist ausgebrochen. Mitten drin steht natürlich unser Sternchen Evie, die den Ruhm als America’s Sweetheart in einer eigenen Radioshow voll auskostet. Sehr gelegen kommt ihr dabei auch das kleine Schauspiel mit Sam, in dem beide öffentlich als DAS neue Traumpaar auftreten.

Onkel Will, Jericho und einige andere Freunde sehen diese Entwicklung doch eher mit gemischten Gefühlen, da der Ruhm die Sinne auch ganz schön benebeln kann. Außerdem geht es dem Museum für Okkultes auch immer schlechter – Probleme, die Evie einfach nicht für voll nehmen will, denn dafür ist ihr Leben im Moment einfach zu strahlend perfekt.

So bemerkt sie auch nicht, welches große Unheil sich über der ganzen Stadt auszubreiten beginnt. Mehr und mehr Menschen werden von einer mysteriösen Schlafkrankheit befallen. Sie wachen nicht mehr aus und sterben letztendlich, ohne dass jemand etwas tun kann, oder man im Vorfeld Symptome erkennen kann. Schnell stellt sich heraus, dass die Betroffenen in zunächst wundervollen Traumwelten gefangen sind. Diese sind jedoch nur so lange wundervoll, wie sich der Träumer freiwillig und gern in ihr aufhält. Wie eine Sucht breitet sich die Sehnsucht nach diesen schönen und so realen Traumwelten aus. „Träum mit mir!“, säuseln verführerische Stimmen und reißen die Schlafenden in ihren Sog. In Chinatown beginnt dieses Phänomen, was unweigerlich zur Folge hat, dass die dort ansässigen Chinesen dafür verantwortlich gemacht werden. Eine Hasswelle erfasst die Stadt und überflutet sie an der Oberfläche, während in der Unterwelt unheimliche Wesen in dunklen Tunneln ihr Unwesen treiben.

Henry ist es, der zuerst auf die Geschehnisse zu reagieren beginnt, während sich die anderen mit ihren eigenen Problemen herumschlagen. In seinen Träumen begegnet er der jungen Chinesin Lin, deren besondere Fähigkeit – genau wie seine – das Traumwandeln ist. Gemeinsam kommen sie weiteren Geheimnissen auf die Spur und stellen schnell fest, dass all die mysteriösen Ereignisse unweigerlich miteinander in Zusammenhang stehen und die Stadt in eine große Gefahr stürzen. Wird es den jungen Diviners gelingen, die Stadt vor der kompletten Zerstörung zu retten, oder werden sie diesmal an die Grenzen ihrer Fähigkeiten stoßen?

*

Sehnsüchtig habe ich nach dem grandiosen Auftaktband auf diesen zweiten Teil gewartet und wurde nicht enttäuscht. Noch mehr Seiten, noch mehr Spannung, tolle Entwicklungen, Ereignisse, die sich überschlugen und mich beim Lesen fesselten. Herz, was willst du mehr? Die Goldenen Zwanziger in New York bilden auch hier die Kulisse mit Party, Musik, Alkohol, Glamour und dem Flair des neuen Amerika, das alle Möglichkeiten bereithält. Mitten drin Evie, beliebt, strahlend, verrückt wie eh und je. Nach wie vor ein toller Charakter, dem der Ruhm allerdings etwas zu sehr zu Kopfe gestiegen ist. Sie schwebt durch die Welt, ohne dabei den Blick auf der Realität zu behalten. Nur auf den eigenen Erfolg bedacht, stößt sie Freunde und Familie nicht nur einmal vor den Kopf, was sie einige Sympathiepunkte kostet. Aber für die Entwicklung der Geschichte ist dies genau richtig, denn irgendwann musste das Sternchen einen Knacks bekommen, um nicht gar zu sehr als erfolgreiches Flapper-Girl dargestellt zu werden, das mit links zwischen zwei Partys schwierige übersinnliche Fälle zu lösen vermag.

Eine tolle Chance für Henry, der in dieser Geschichte stark in den Vordergrund rückt. Auch er gerät in die trügerisch-süßen Fänge der Traumwelten, wird ihm doch dort vorgegaukelt, dass er seine große Liebe Louis wiederfinden kann. Dort trifft er auf Lin, die auch eine Traumwandlerin ist und die versucht, Henry bei der Suche nach Louis zu helfen. In Sachen Liebe wird dabei aus Henry allerdings auch nur ein Mensch mit Gefühlen, der denn Sinn für die Ratio komplett verliert und sich der Illusion hingibt, Louis wirklich finden zu können, ohne dabei die Gefahr zu realisieren, in der er eigentlich schon steckt.

Auch die bisherigen Nebencharaktere Theta, Mabel, Jericho, Will und Sam sind grandios gezeichnet und schnell wird deutlich, dass sich aus den Nebencharakteren vollwertige Figuren entwickelt haben, die allesamt ihren Beitrag zum Geschehen leisten müssen. Jeder hat eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen und setzt dafür seine bestimmte Gabe ein. Nur gemeinsam ist es möglich, der Gefahr die Stirn zu bieten und eine Chance zu haben, die Stadt zu retten. Ob Evie das auch noch rechtzeitig einsehen wird und den Boden unter den Füßen wiedergewinnt, bevor es zu spät ist?

Genau wie der erste Teil, konnte mich „Die dunklen Schatten der Träume“ von Anfang bis Ende überzeugen. Auch wenn alles etwas ruhig und gezogen begann, stellte man schnell fest, dass dahinter eine gute Absicht der Autorin steckte, nämlich dem Leser die mühevoll konstruierte Welt zwischen Traum und Realität nahezubringen. Dies geschah auf eine genau so subtile und sensible Art und Weise, wie die einzelnen Charaktere in den Bann der gefährlichen Träume gerieten. Ein absoluter Pluspunkt in der strukturellen Entwicklung der Geschichte, die sprachlich sowieso stark punkten kann. Man gleitet nahtlos über vom lauten New York der Goldenen Zwanziger in eine auf den ersten Blick ruhige und perfekte Traumwelt, bevor man beginnt, die unterschwellige Gefahr zu spüren, die sich im Verlauf des Buches wie ein Nebel über die Geschichte legt. Immer Kälter wird dieser Nebel und schnürt einen in die Gefahr ein, die die Stadt zu zerstören droht. Man fliegt atemlos durch die Geschichte, fiebert mit Henry und Lin und den anderen dem Finale entgegen und bleibt mit dem Gefühl zurück, dass ein wirklich tolles Buch gerade zu Ende gegangen ist. Hoffentlich müssen wir nicht so lange auf den dritten Band warten! Eine klare Empfehlung meinerseits!