Achtung Buch: Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

9783455600438

Thaïs ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen, die sich inmitten von Zirkusleuten als die „unvergleichliche Madame Victoria“ einen Namen als Pferdedresseurin gemacht hatte. Dieses Leben war jedoch nichts für die junge Frau, die dem Zirkus direkt nach ihrem achtzehnten Geburtstag den Rücken kehrte, um in Paris ihr Glück zu machen. Dort lebte sie bis zu dem Tag, an dem sie ein trauriges Ereignis nach Arles rief. Dort sollte sie die Beerdigung ihrer Großmutter ausrichten. Ein Ereignis, dass für Thaïs weniger traurig zu sein schien, als es sollte. Aus dem Plan der schnellen Haushaltsauflösung wurde jedoch nichts, da ihr das Testament der Großmutter einen Strich durch die Rechnung macht. Darin vererbte die unvergleichliche Victoria die Hälfte ihres Hauses Zirkusleuten, von denen die Enkelin noch nie etwas gehört hatte. In einer Nacht schlugen diese Zirkusleute des geheimnisvollen „Cirque perdu“ ihr Lager hinter dem Haus auf und eine wundersame Reise nahm ihren Anfang. Eine Reise, deren Ausgang keiner absehen konnte…

Schon das Cover des Buches hatte mich in der Verlagsvorschau in seinen Bann gezogen, mag ich doch alles, was in und um Paris geschieht, sehr gern. Und in Kombination mit dem Klappentext war es direkt um mich geschehen. Eine Geschichte, die im Zirkus spielt? Und in Frankreich? Das kann nur gut sein, dachte ich mir. Doch Zirkus und Stille, wie kann das nur zusammenpassen? Ist ein Zirkus nicht eine Manege voller Tam Tam, Clownerie und Spektakel? Natürlich nicht, denn immer gibt es auch die tiefe Melancholie, die man mit dem Zirkus in Zusammenhang bringt, das Geheimnisvolle, die Sehnsucht, das Andere. Und genau diese Seite ist es, die der Autor ins Zentrum des Geschehens rückt.

Dies zeigt sich schon direkt zu Beginn in der Figur der Thaïs, die nun, als die Großmutter gestorben ist, ganz allein auf der Welt ist und niemanden mehr hat. Umso unwohler ist ihr, als sie nach Arles fährt, wo die Beerdigung stattfinden soll. Auf einmal ist sie da allein und wird komplett mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Eine Vergangenheit, die sie am liebsten auslöschen würde, zumindest zu Beginn. Der Zirkus ist nicht ihr Freund, eher etwas Fremdes, Anderes, das man als unbequem empfindet…

„Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat -, wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“
S. 7

Und mit der Fremde kennt sich die junge Frau sehr gut aus, hat sie sie doch als Kind am eigenen Körper nahezu schmerzlich erfahren müssen. Wie in einen Kokon hat sich Thaïs eingesponnen, um ihre Vergangenheit so weit wie möglich von sich abzuschotten, um ein normales Leben zu führen. Doch ist es wirklich das, was sie will? Oder wird sie dem Reiz des Fremden, der ihr Leben war, folgen? Und vor allem: Was wird sie am Ende des Weges finden?

Melancholische Fragen voller Tiefe, die den Kern des Buches bilden und die erst zu dem Zeitpunkt richtig aufgeworfen werden, an dem der „Cirque perdu“ auftaucht. Was für en Zirkus: Keine Manege, keine Tiere, nur eine Handvoll kurioser Gestalten, zu denen sich die junge Frau wider Erwarten stark hingezogen fühlt. Wer sind diese Leute, die ihr Lager hinter ihrem Haus aufgeschlagen haben? Welche Verbindung haben sie zu Victoria und welche Geschichten haben sie zu erzählen? Alles ist geheimnisvoll, leise und jeder spricht in Rätseln. Mehr und mehr gerät Thaïs in den Sog des Rätselhaften, der sie mehr und mehr in ihre Vergangenheit hineinzieht. Einem Sog, dem sich die junge Frau nicht lange widersetzen kann und will, bis zu dem Punkt, an dem sie eine Entscheidung treffen muss, die ihr Leben gänzlich verändern wird.

Die Zirkusleute des „Cirque perdu“ haben mich sofort in ihren Bann gezogen und fasziniert. Peter Goldammer Erzählstil trug dazu nicht unwesentlich bei, denn ihm ist es gelungen, dieser Geschichte nicht nur das französische Flair, sondern auch die tiefe Melancholie einzuhauchen, die sie ausmacht. Eine Melodie der leisen Töne, die noch lange in einem nachhallt, während man sich unweigerlich dieselben Fragen stellt, die Thaïs sich stellt. Sie ist es, die ich an manchen Stellen etwas besser kennenlernen hätte wollen. Was war es, das dazu führte, dass sie ihr altes Leben so rigoros von sich abschottete. Sicher – sie wollte normal sein, ein normales Leben führen, wie es alle Mädchen in ihrem Alter taten, wollte ausbrechen und die Welt erobern in der Metropole Paris, wollte dem Fremden, dem Exotischen des Zirkus entfliehen, aber hat sie ihre Vergangenheit doch so sehr „verstört“, dass sie diese so komplett von sich wegschob? Das kann ich ihr nicht ganz glauben, so schnell, wie sie die Leute des „Cirque perdu“ doch wieder in ihre „Fänge“ bekommen konnten. Und auch mich hatten sie sofort mit all der Herzenswärme, den Geheimnissen und den kleinen Weisheiten:

„´Dann stell deine Trauer ins Regal. ´ ´Ins Regal? ´ ´In das Regal deiner Gefühle. ´[…] ´Wie im Supermarkt, alles schön geordnet, direkt vor dir: ein Regal mit deinen Gefühlen drin. Die Menschen wollen immerzu ihre Gedanken ordnen, aber viel wichtiger ist es, die Gefühle zu ordnen. ´“
S.211

Das ist aber auch schon der einzige Aspekt, den ich anmerken möchte. Sicherlich eine subjektive Empfindung, die der Gesamterzählung auch keinen Abbruch tut. „Der Zirkus der Stille“ ist für mich eine Symphonie, ein Gesamtkunstwerk, dass am Ende in vollster Blüte erstrahlte und dabei einen wundervollen Bogen zum Beginn der Erzählung schlug. Rührende Szenen reichen aufschlussreichen die Hand, man ist tief berührt und bewegt und mag gar nicht aus dieser Stimmung auftauchen, die einen wie ein weiches und dennoch schweres Band aus Samt umschlungen hält. Man stellt sich und sein Leben unweigerlich selbst infrage und sinniert über die alltäglichen Dinge des Lebens. Peter Goldammer ist ein wundervolles leises Potpourri der Gefühle gelungen, das für mich definitiv zu den Lesehighlights 2016 gehört.

Don’t you love farce?
My fault, I fear.
I thought that you’d want what I want…
Sorry, my dear!
And where are the clowns
Send in the clowns
Don’t bother, they’re here.

Isn’t it rich?
Isn’t it queer?
Losing my timing this late in my career.
And where are the clowns?
There ought to be clowns…
Well, maybe next year.

(Send in the Clowns)

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Ein Kommentar zu “Achtung Buch: Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

  1. Hallo und guten Tag,

    das ist ja mal wirklich eine fesselnde Geschichte , die mich jetzt schon schon meine neugier weckt.

    Danke für das Vorstellen dieses Romanen.

    LG..Karin…

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