Achtung Buch: M Train von Patti Smith

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„Es ist nicht so leicht, über nichts zu schreiben.“

Das ist der erste Satz im biografisch angelegten neuen Buch „M Train“ von Patti Smith. Und dieser Satz soll sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Über „Nichts“ schreiben, wieso sollte man das tun? Was ist „Nichts“? Ist „Nichts“ das, was übrig bleibt, wenn man über seine Vergangenheit reflektiert? Über geliebte Menschen und über Freundschaften, die man hinter sich lassen musste- sei es durch Krankheit, Unfälle oder einfach nur durch den Lauf der Zeit? Sind es Idole, Begegnungen und Erinnerungen, die sich wie lose Fetzen durch unsere Erinnerungen ziehen wie ein Windhauch, der an alte Zeiten erinnert?

Wenn all das „Nichts“ ist, dann hat Patti Smith, die gefeierte Musikerin, Dichterin und Künstlerin sehr viel dazu zu sagen, und das auf eine ganz besondere Art und Weise. Und auch „M Train“ beginnt im „Nichts“ – nämlich in einem kleinen Café in Greenwich Village, das heute nicht mehr existiert. „Nichts“ ist mehr davon übrig. „Nichts“? Eine glatte Lüge, denn niemand kann ein „Nichts“ besser füllen als Patti Smith. Ihr „Nichts“ ist eine Fülle von Erinnerungen und Momenten aus ihrem Leben. Und auf eine Reise durch eben dieses begleiten wir sie quer durch die Welt. Wir besuchen mit ihr Mexiko, Japan und auch Deutschland und bekommen dabei tiefe Einblicke in die Dinge, die Patti Smith wichtig waren, die ihr Leben waren und die einfach Patti Smith sind.

Angefangen bei der Liebe zu kleinen Cafés, die schon mit einer Reihe liebevoller Spleens einhergeht (sie geht beispielsweise mit einem Buch zur Toilette, bis „ihr Tisch“ frei wird), in denen sie Listen aufschreibt, über ihr Leben sinniert, und schreibt und malt und ihre an die 14 Tassen Kaffee pro Tag trinkt, begleiten wir Patti Smith durch ihren Alltag, der oft in ihrer unbändigen Liebe zu Kriminalserien endet.

„Zurück in meinem Zimmer, packte ich mich warm ein und trank Tee auf dem Balkon. Dann machte ich es mir gemütlich und überließ mich Leuten wie Morse, Lewis, Frost, Wycliffe und Whitechapel – Kriminalkommissare, deren Launenhaftigkeit und zwanghaftes Wesen mein eigenes widerspiegelte. Wenn sie ein Kotelett aßen, bestellte ich dasselbe beim Zimmerservice. Wenn sie einen Drink nahmen, bediente ich mich an der Minibar. Ich übernahm ihre Gepflogenheiten, vollkommen vereinnahmt oder leidenschaftslos entfremdet.“

(S. 79)

Doch neben dem alltäglichen Caféhausbesuch und der Krimileidenschaft gibt es noch ein ganzes Universum in Patti Smith zu entdecken, nämlich ihr Innerstes. Ein ganzer Planet, gefüllt von Erinnerungen, Momentaufnahmen und Gedankengängen, die sie mit uns teilt. Momentaufnahmen – ein wichtiger Aspekt im Leben von Patti, was schon auf dem Cover deutlich wird: Patti an ihrem Tisch im Caféhaus, ihre Kamera, eine große Tasse Kaffee und ein nachdenklicher, in die Ferne schweifender Blick. Einzig die Schale Olivenöl zum Tunken und der Vollkorntoast fehlen noch, um das tägliche Stillleben zu komplettieren, das den Start in den Tag der Autorin beschreibt.

Einsam, denkt man sich, melancholisch und in Gedanken versunken. Denn Patti Smith ist oft allein und ich denke, sie ist es gern. Natürlich unter Vorbehalten, denn es wird deutlich, wie sehr sie bestimmte Lebensereignisse nachhaltig schmerzen. Verluste spielen eine große Rolle in ihrem Leben, allen voran der Verlust ihres geliebten Mannes. Doch Patti kann allein sein und ihr Leben genießen. Sie pflegt ihre Kontakte auf der ganzen Welt, kann aber auch in Büchern versinken, die sie liebt und die allesamt eine besondere Bedeutung für sie haben. Fotografie ist ihr wichtig, sehr wichtig, dokumentiert sie doch mit ihren Kameras die Dinge und Momente, die für sie wichtig sind: Frida Kahlos Krücken, Bobby Fishers Schachturniertisch, die Standpromenade in Rockaway Beach, einen Engel auf einem Friedhof. Nur Fotografien? Nein, Dokumente ihres Lebens, Zeugnisse von Erlebnissen und Reisen, die sie prägten und zu der Patti Smith machten, die heute in diesem Buch über genau diese Erlebnisse reflektiert.

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Allein, aber nicht einsam – so sollte man das Leben Pattis wirklich beschreiben. Direkt von der ersten Seite an verfällt man dem Stil und der Sprache der Autorin. Man spinnt sich ein in einen Kokon, der warm und gemütlich ist. Man ist gern allein mit Patti, eine wohlig warme Melancholie breitet sich beim Lesen in einem selbst aus, man träumt sich in das facettenreiche Leben der Autorin und versinkt mit ihr im Kaleidoskop der Momentaufnahmen und Erlebnisse. Fast mit einer kindlichen Neugier lebt sie ihr Leben, lässt sich treiben, ist fasziniert von Dingen, die einen Moment ihr Leben bedeuten und die sie im nächsten Moment verliert oder vergisst- siehe ihr Notizbuch oder das Murakami-Buch, das sie auf der Flughafentoilette vergaß. Rastlos, aber dennoch voller Ruhe reist sie durch die Welt, teils von wahnwitzigen Ideen getrieben, immer irgendwie auf der Suche nach Beständigkeit und einem Ankommen und immer versunken in tiefe Gedanken, denen ich nur zu gut folgen konnte.

„Ich glaube an Bewegung. Ich glaube an diese unbekümmerte Kugel, die Welt. Ich glaube an Mitternacht und an die Mittagsstunde. Aber woran glaube ich noch? Manchmal an alles. Manchmal an nichts. Es schwankt wie flirrendes Licht über einem Teich. Ich glaube an das Leben, das eines Tages jeder von uns verliert. Wenn wir jung sind, glauben wir, uns passiert das nicht, wir sind anders. Als Kind dachte ich immer, ich würde ncht erwachsen werden, dass es meine Entscheidung wäre. Und dann wurde mir – erst vor Kurzem . klar, dass ich eine Linie überschritten hatte und unbewusst in der Wirklichkeit meiner Chronologie verhaftet war. Wie konnten wir so verdammt alt werden? Sagte ich zu meinen Gelenken, meinem eisenfarbenen Haar. Jetzt bin ich älter als mein Liebster und meine verstorbenen Freunde.“

(S. 325f)

Die Lebenden und vor allem die Toten sind ein wesentlicher Bestandteil im Leben Pattis und auch ein sehr prägender. Denn auch das ist „M Train“: eine Hommage an all diejenigen, die Patti hinter sich lassen musste und die dennoch noch einen wichtigen Platz in ihrem Leben haben und so weiterbestehen. Viele tote Dichter, Musiker und Schriftsteller werden von ihr durch Erinnerungen honoriert, doch den zentralen Platz bestimmt ihr viel zu jung verstorbener Mann, der Musiker Fred Sonic Smith. Wie kleine Inseln des Glücks streut Smith Episoden ihrer gemeinsamen Zeit in ihr Buch ein, die an eine mystische und freudige Zeit erinnern. Episoden, in denen sie auch offen Gefühle und den Schmerz über den Verlust zeigt und den Leser so auch an ihren innersten Gefühlen teilhaben lässt.

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All dies wäre an sich schon eine Biografie, die ihresgleichen suchen müsste, doch mit ihrer Sprache setzt Smith dem Genuss noch eine Krone auf. Schmerzhaft schön und anmutig ist jeder Satz, jede Erinnerung gestaltet. Die Melancholie und die wohltuende Einsamkeit überträgt sich unweigerlich auf den Leser. Sätze, in denen die Magie von Smiths Worten deutlich wird, wechseln sich mit verklärten Polaroid-Aufnahmen ab und man möchte nicht heraus aus dieser Welt. Man möchte in eine Decke gekuschelt mit einer Tasse Tee ewig in „M Train“ bleiben. Dieses Buch hat mir gezeigt, wie wohltuend die Einsamkeit und Melancholie sein kann. Nahezu eine reinigende Wirkung hat dieses Buch auf die Seele. Entschleunigend wirkt es und lenkt den Fokus auf die kleinen aber oft so wichtigen Momente des Lebens, die man in der schnelllebigen Zeit so oft unbewusst verstreichen lässt. Man beginnt selbst nachzudenken, sich selbst zu hinterfragen, sucht besondere Momente und erinnert sich und ertappt sich oft dabei, wie sich ein leichtes Lächeln auf die Lippen stiehlt.

„Es liegt in der Natur von Bildern, zu verschwinden und plötzlich wieder aufzutauchen, zusammen mit der Freude und dem Schmerz, die wir mit ihnen verbinden, wie klappernde Blechdosen hinter einem altmodischen Hochzeitsgefährt. Ein schwarzer Hund auf einem Streifen Sand. Fred im Schatten schäbiger Palmen am Eingang zum Gefängnis Saint-Lauren, die in sein Taschentuch eingewickelte blau-gelbe Gitanes-Streichholzschachtel und Jackson, der vorausrennt und im fahlen Himmel nach seinem Vater sucht.“

(S. 300)

Tiefe Melancholie, die von Patti Smith gekonnt in Szene gesetzt wird, phasenweise durchbrochen vom fast schon rotzigen Humor der unvergleichlichen Frau, die mit ihrer Biografie ein ganz besonderes Lebenszeugnis ablegt. Ein besonderes Selbsporträt mit Ecken und Kanten, das mehr zeigt als Patti Smith. Es zeigt vor allem ihre Umwelt, ihr Umfeld, Menschen und Dinge, die aus ihr die Frau machten, die wir heute sehen und zu kennen glauben. Man schwebt mit ihr zwischen Traum und Wirklichkeit – in einer Ebene des „Nichts“, das man wortreicher nicht beschreiben könnte. Ein „Nichts“, in das man tief hineinsinken möchte, in dem man sich verliert und aus dem man nur schwer wieder auftauchen möchte…

„Wir wünschen uns Dinge, die wir nicht haben können. Wir wollen einen bestimmten Augenblick, einen Klang, eine Empfindung noch einmal erleben. Ich möchte die Stimme meiner Mutter hören. Ich möchte meine Kinder als Kinder sehen. Kleine Hände, flinke Füße. Alles verändert sich. Der Junge ist erwachsen, der Vater ist tot, die Tochter ist größer als ich und erwacht weinend aus einem schlimmen Traum. Bitte bleibt für immer, sage ich zu den Dingen, die ich kenne. Geht nicht fort. Werdet nicht groß.“

(S. 272)

Eine großartige Botschaft am Ende meiner Besprechung dieses einzigartigen Buches, das zu meinen persönlichen Favoriten gehört. Patti Smith nahm mich nicht nur mit auf eine Reise durch ihr Leben, sondern schickte mich auch auf einen Trip durch mein eigenes Leben. Dieses Buch ist Spiegel ihres Lebens, ein Kaleidoskop von Gefühlen und Erinnerungen und vor allem ein Seelenbuch. Eigentlich kann man es nicht in Worte fassen, man muss das Buch lesen, um seine Wirkung zu fühlen.

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3 Kommentare zu “Achtung Buch: M Train von Patti Smith

  1. Hallo und guten Tag,

    schöne Biografie, so wie Du sie schilderst.

    Danke für diesen Buchtipp..LG..und schönen Feiertag…Karin…

  2. Dafür liebe ich Rezensionen, dafür liebe ich Blogs und dafür liebe ich auch dich!

    Ein Buch, zu dem ich nie gegriffen hätte. Eine Musikerin, die ich nur vom Namen her kenne.
    Aber du, du schaffst es, dass ich dieses Buch lesen möchte, einatmen und so viel mehr über Patty Smith erfahren möchte.

    Vielen lieben Dank für diese wunderbare Besprechung, das Buch wird definitiv gekauft – dank dir!

    Alles Liebe
    Yvonne

    • Awwww da wacht man gerade auf und dann so liebe Worte! Hab tausend Dank dafür. Ja, ich hätte es eigentlich auch nie gelesen, aber warum hab ich es eigentlich gemacht? Irgendwie kam ein Bericht im Radio, da dachte ich: oh interessant. Aber noch nicht mehr. Dann lag es hier ein paar Wochen und dann kam der Moment, an dem ich dachte: jetzt dieses Buch. Und ich war gefangen. Komplett. Denn mir geht es im Moment auch so, dass ich vieles reflektiere und über vieles nachdenke, da sich einiges bei mir geändert hat. Und diese Stimmung in die mich das Buch versetzt hat, war einfach nur wie ein Balsam. Hoffe, es wird dir beim Lesen genau so gehen. Halt mich bitte auf dem Laufenden 🙂 ich hab gestern direkt noch ihre anderen zwei Bücher geordert. ❤

      Liebste Grüße
      Julia

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