Achtung Buch: Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irene Nemirovsky

Pariser Symphonie von Irene Nemirovsky

Paris – du schönste Stadt der Welt. Du Stadt, die nie schweigt, die ihre Geschichte in jedem Stein gefangen hat. Du Stadt, in der jeder Ort eigene Geschichten zu erzählen hat. Man muss nur die Augen schließen und genau zuhören, dann hört man ihre Melodie: Die Schnelllebigkeit der Stadt in einem feurigen Allegro, abgelöst von einem langsamen Andante und Adagio, die einem durch die Sinne streifen, wenn man durch die ruhigen Seitenstraßen und Parks flaniert, die tanzartigen Scherzi der jungen Frauen, die im typischen Stil durch die Stadt zu schweben scheinen und schließlich ein fulminantes Allegro vivace, das in einem schallenden Crescendo mündet, bevor es im pianissimo verhallt und nun noch einen Hauch der Pariser Luft in der Nase zurücklässt. Eine wahre Symphonie, Symphonie einer Stadt – Pariser Symphonie!

Ein Buch, dessen Cover mich schon verzauberte und das durch einen wundervollen Zufall in meinen Besitz kam. Denn da mir der Messebesuch auch dieses Jahr leider verwehrt blieb, hatte der liebe Arndt von AstroLibrium mal wieder seine Augen und Ohren für mich offen gehalten, kennt er doch meinen Leseschwerpunkt Paris zu gut. Schon flatterte eine Leseprobe bei mir zu Hause ein und ich freute mich, als er mir sagte, dass er dieses Buch gern mit mir gemeinsam lesen möchte. Arndt und Paris? Ja, hat mich verwundert, aber auch sehr gefreut, denn das macht gemeinsames Lesen aus: sich von Lesebegleitern auf fremdes Terrain entführen zu lassen, neue Horizonte erkunden und sich darüber auszutauschen. Und ein reger Austausch wurde es.

Forrest Gump sagte einst: „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man bekommt.“ Und genau dieser Spruch passt auf die „Pariser Symphonie“. 12 Kurzgeschichten vereint die Autorin in ihrem Buch. Kurzgeschichten. Keine abgeschlossene Geschichte. Ein Lesewagnis für Arndt, der eigentlich nie Kurzgeschichten liest und ein Abenteuer für mich, da ich sehr gespannt war, was sich hinter dem verträumt-malerischen Cover verbergen wird. Und es waren definitiv keine verträumt-romantischen Geschichten.

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Momentaufnahmen und Lebenszeugnisse waren es. Einzelschicksale, die den Leser episodenhaft in ihre Fänge zogen. Allesamt geprägt von einer immensen Sehnsucht, die auch den Leser von der ersten Seite an tief in ihren Bann zog und ihn in einer tiefen Melancholie zurück ließ. Sehnsucht nach dem Vergangenen, wie in der ersten Geschichte „Geister“, in der der frühere Wohnsitz der Mutter die Geister der Vergangenheit heraufzubeschwören scheint und dunkle Familiengeheimnisse zu enthüllen droht. Vergangenheiten, mit denen man nie richtig abschließen konnte, die sich tief ins Herz gebrannt haben und das jetzige Leben noch immer stark prägen.

Sehnsucht nach der Liebe findet man in verschiedenen tiefen Formen. Die Liebe des Soldaten zu seiner jungen Frau, die ihn bis zum Tode die nötige Kraft und Hoffnung gibt. Doch kann seine junge Frau diese Liebe so innig erwidern oder wird sie doch vom Leben eingeholt? Liebe, die vorbestimmt war und doch nie ihre Erfüllung fand. Liebe, die Schmerz mit sich brachte. Liebe, die abgelehnt wurde aus Angst vor dem Leid, das mit ihr einhergehen könnte.

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Les chances perdues – verlorene Chancen, amour et fortune – Liebe und Glück, la douleur – der Schmerz: Alles Worte, die ihre tiefe Bedeutung in Némirovskys Buch finden und dieses nachhaltig prägen. All dies vor der nur knapp umrissenen Kulisse des Paris der Vorkriegszeit, dessen drohenden Schrecken man teilweise schon unterschwellig brodeln spüren kann. Paris als Schauplatz, der nur eine sekundäre Rolle spielt und der dennoch in jeder Geschichte gegenwärtig ist. Ein Schauplatz für viele einzelne Schicksale deren Facetten die Autorin in einer wundervollen sprachlichen Vielfalt und mit stilistischem Zauber festzuhalten vermag. Auch wenn man die Geschichten gelesen hat, leben diese Charaktere im Leser weiter und man ertappt sich oft dabei, wie man sich darüber Gedanken macht, wie es ihnen ergangen wäre, wenn dies oder jenes anders gelaufen wäre…

Ein Buch, das nicht nur mit dem schönsten Cover punkten kann, sondern dass auch noch auf eine vielseitige Art und Weise mit seinem Inhalt überzeugen kann. Man findet keine Pariser Romantik, dafür aber eine Fülle von Nahaufnahmen, die einen wie Blätter im Wind umwirbeln, sich ins Herz einnisten und zum Nachdenken und Reflektieren einladen. Dies kombiniert mit dem tiefen Austausch mit Arndt machte das Lesen zu einem besonderen Erlebnis. Lesewelten und Interessengebiete trafen aufeinander und verliehen dem Lesen eine ganz neue Tiefe. Und ich kann jetzt schon versprechen, dass es weder das letzte Buch von Némirovsky gewesen ist, das wir gemeinsam gelesen haben, noch dass es der letzte gemeinsame Besuch in Paris war! Und wer wissen will, wie Arndt über das Buch denkt sei herzlich zu einem Besuch HIER eingeladen!

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6 Kommentare zu “Achtung Buch: Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

  1. Vive la France, kann ich nur sagen. Dich wundern meine Ausflüge nach Paris? Wer hat mich denn infiziert? Wer ist schuld daran, dass ich in Schnappatmung verfalle, wenn ich Buchcover mit dem Eiffelturm sehe? Wer war mit mir auf präsidialer Hutsuche?

    Inzwischen entdecke ich mehr und mehr Bücher, die in unserer Schnittmenge angesiedelt sind und „Die Liebenden im Chamäleon Club“ vereint beide Lesewelten. Ich bin gern in Paris mit dir und ich halte die Augen auf nach gemeinsamen Reiseunterlagen.

    Irène Némirovsky wird mich weiter beschäftigen. Unser Austausch zum Buch war kontrovers, emotional und unglaublich warm. Dafür danke ich und bald folge ich Irène in ihrer Biografie nach Auschwitz… So nah liegen Lesewege beisammen.

    Vive la France… Pling

    • Ömm…. ich bin doch komplett unschuldig. Habe ich jemals in deiner Anwesenheit von dieser Stadt gesprochen? Dich mit auf Reisen genommen? Auf den Eiffelturm? In den Louvre durchnässt und verzweifelt? Ich doch nicht 😉

      Die Liebenden habe ich auch hier liegen und werde sie bald genießen! Schauen wir mal, wie unsere Parallelen sich da finden werden, ich freu mich sehr!

      Und deine Augen sind meine Augen! Freude pur!!!

      • Oh nein… du hast nie von dieser Stadt gesprochen. Du hast sie nie erwähnt, mir nie Fotos geschickt, mich niemals gedanklich mit durch die Straßen genommen, mir nie davon berichtet, wie das Leben dort pulsiert und welche Farben diese Stadt ausstrahlt.

        All das hast du nie getan. Du hast mich nur einmal angesehen und ich sah die Seine im Mondlicht. Ich denke, das hat gereicht. Dein Lesen im Chamäleon Club wird ein Traum. versprochen.

        Meine Augen sind hellwach… Vive la France….

  2. Huhu,

    irgendwie ein interessantes, aber auch ungewöhnliches Cover wie mir scheint.
    Schön das sich eine Autorin auch mal wieder an Kurzgeschichten traut. Denn ich finde, die werden von den Autoren sträflich vernachlässigt.

    Kurzgeschichte sind doch das Salz im Lesealltag!!

    LG..Karin…

  3. Pingback: Die „Pariser Symphonie“ von Irène Némirovsky | AstroLibrium

  4. Pingback: Achtung Buch: Die Liebenden im Chamäleon-Club von Francine Prose | Ruby's Cinnamon Dreams

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