Archiv | Juli 2016

Klassiker Weltreise – Unterwegs mit Friedrich Schiller und Giuseppe Verdi

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Heute ist es soweit: Ich bin zu Gast bei Ronja und ihrer Klassikerweltreise. Jeder der mich kennt, würde wahrscheinlich vermuten, dass ich nun „Faust“ vorstellen werde, womit ich auch tatsächlich kurz geliebäugelt habe. Aber dann gibt es da ja noch diese anderen Klassiker, die einen fesseln und nicht mehr loslassen. Die einem auf besondere Art und Weise immer wieder begegnen und die man einfach weitergeben will. Mein Klassiker für euch ist deshalb Schillers „Kabale und Liebe“. Dieses Stück möchte ich euch zunächst in seiner ursprünglichen Form als Text/Bühnenfassung für das Theater vorstellen, bevor ich mit euch dann weiter in die Oper gehe. In die Oper? Richtig gelesen! Kein Geringerer als Giuseppe Verdi persönlich nahm sich des Stoffes an und zauberte eine Oper, die zwar relativ unbekannt, aber dennoch wunderschön ist. Ich habe das große Glück, dass sie bei uns am Theater aufgeführt wird und möchte euch somit einen kleinen Exkurs in die Opernwelt inklusive Einblicke in meinen persönlichen Premierenbesuch geben. Viel Spaß dabei!

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Der Roman/Das Theaterstück: Friedrich Schiller – Kabale und Liebe

Die Handlung:

Ferdinand, Sohn des Präsidenten von Walter liebt Luise Miller, die Tochter eines einfachen Musikers. Beide Väter lehnen diese nicht standesgemäße Liebe ihrer Kinder ab. Der Präsident von Walter möchte Ferdinand mit Lady Milford verheiraten, um so einen höheren Rang bei Hofe zu erreichen – ein Plan, den Ferdinand vereitelt, indem er sich offen gegen den Vater wendet. Er geht zu Lady Milford, um ihr von seiner Liebe zu Luise zu berichten und sie so dazu zu bewegen, dieses unglückselige Bündnis aufzuheben. Dabei erfährt er aber, dass die Lady ihn wirklich liebt und auf ihn nicht mehr verzichten möchte. Luise geht daraufhin selbst zu ihr und spricht voller Unschuld und Selbstlosigkeit zu ihr. Daraufhin verlässt Lady Milford das Land und löst diese Verbindung.

Geschockt darüber, dass ihre Ziele so in die Ferne rücken und besorgt, dass Ferdinand die korrupten Machenschaften des Vaters offenlegen könnte, spinnen der Präsident und sein Sekretär Wurm eine vernichtende Intrige: Luises Eltern werden grundlos verhaftet und man redet ihr ein, dass sie diese nur retten könne, indem sie dem Hofmarschall von Kalb einen Liebesbrief schreibt. Auf diesen Brief muss sie außerdem einen Eid schwören, der den Brief als ein von ihr aus freien Stücken verfasstes Dokument belegt. Dieser Brief wird Ferdinand zugespielt, der in eifersüchtige Raserei verfällt. Luise will sich indessen durch Selbstmord von diesem Eid lösen, um so vor Ferdinand sterbend wieder die reine Liebe schwören zu können.

Ihr Vater durchkreuzt diese Pläne aber, da er Selbstmord als eine Schwäche und vor allem als ein unchristliches Verhalten anklagt, das einer schweren Sünde gleichkommt. So kann sie Ferdinand nur schweigend gegenüberstehen. Wütend und verzweifelt vergiftet Ferdinand erst sich und dann Luise. Sterbend offenbart diese dem Geliebten die Wahrheit über die Intrige und vergibt ihm. So sterben beide in Liebe. Im Moment des Todes kommt auch noch Ferdinands Vater dazu, der an dem Bild, das sich ihm zeigt, zu zerbrechen droht. Als Zeichen wahrer Größe reicht ihm der sterbende Sohn noch die Hand zur Versöhnung, bevor er seinen letzten Atemzug tut.

Luisa Miller

Rodolfo: Jason Kim – Copyright: Peter Awtukowitsch

Hintergrund

Kabale und Liebe ist ein klassisches Drama in fünf Akten von Friedrich Schiller. (Ich spare mir hier die Beschreibung der klassischen Dramentheorie. Sollte es für euch von Interesse sein, kann ich dazu natürlich noch einen kleinen Exkurs hinzufügen.) Wie so ziemlich jedes klassische Drama war es für die Bühne konzipiert und wurde am 13. April 1784 in Frankfurt am Main uraufgeführt. Es gehört zu den wichtigsten Beispielen der Literatur des Sturm und Drang, einer literarischen Strömung, die sich zur Zeit der Aufklärung ausprägte. Heute zählt es zu den bedeutendsten Theaterstücken überhaupt. Nannte Schiller es ursprünglich „Luise Millerin“, änderte er dies bald in „Kabale und Liebe“ – ein Name, von dem er sich mehr Publikumswirksamkeit erhoffte.

Das Stück handelt von der leidenschaftlichen Liebe zwischen der bürgerlichen Musikertochter Luise Miller und dem Adelssohn Ferdinand von Walter, die jedoch durch vielerlei Intrigen zerstört wird. Schiller sah in seinem Theater die Bühne schon immer als einen Ort, der einer moralischen Anstalt gleichkommt. Theater soll die von Gott geschaffene Ordnung der Welt zeigen, es hat einen Bildungs- und Erziehungsauftrag – die Reinigung des Zuschauers sei ein wünschenswertes Ergebnis des Theaterbesuchs. Eine Tatsache, die auch in „Kabale und Liebe“ nicht zu kurz kommt, denn auch dort setzt sich am Ende Gott als richterliche Instanz gegen die weltliche Justiz durch. Auch wird die Politik der Zeit an vielen Stellen offen kritisiert, was ein typisches Merkmal der Epoche darstellt.

Gattungstechnisch muss man das Stück dem bürgerlichen Trauerspiel zuordnen, einer Form der Tragödie, die – das ist die eigentliche Neuerung der Gattung – nicht mehr ausschließlich in der Adelswelt stattfindet, sondern auch das Bürgertum einschließt (siehe die Liebe Luisas zu Ferdinand). Die bestehende Ständeordnung wird gewollt außer Kraft gesetzt, der Konflikt zwischen Adel und Bürgertum wird zum zentralen Motiv. Deutlich für den Sturm und Drang ist außerdem die Vertretung individueller Interessen und subjektive Empfindungen. Man fordert die persönliche Freiheit fernab der standesbedingten Zwänge, die letztendlich immer wieder in die Katastrophe führen.

Die Oper: Giuseppe Verdi – Luisa Miller 

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Was geschieht, wenn ein großer Komponist von einem klassischen Stoff begeistert ist und den Auftrag bekommt, für Neapel zwei neue Opern zu schreiben, für die Salvatore Cammarano, der Hausdichter des Teatro San Carlo die Libretti liefern sollte? Richtig: Verdi entschied sich für eine Inszenierung für „Luisa Miller“ nach Schillers Drama „Kabale und Liebe“. Man kann fast schon sagen, dass Verdi ein Verehrer Schillers sein musste, war „Luisa Miller“ nach „Giovanna d’Arco“ (nach „Die Jungfrau von Orléons“) und „I masnadieri“ (nach „Die Räuber“) schon die dritte Vertonung eines Dramas des großen Klassikers. Es soll später noch „Don Carlos“ folgen.

Schillers „Kabale und Liebe“ bilden, wenn auch in damals zensurbedingt zurechtgestutzter Form, die Grundlage für Verdis „Luisa Miller“ (Libretto: Salvatore Cammarano), eine Oper, die in unserer Zeit nur sehr selten auf den deutschen Bühnen zu finden ist. „Warum?“, frage ich? Aufführungen finden sich in Berlin 1927, Wien 1930 oder in Zürich 1938. Warum aber nur so selten und gar kaum im deutschen Raum. Das Werk besitzt alles, was Opernfreunden den perfekten Abend bescheren kann: Eine schlüssige und gut ausgebaute Handlung, das nötige Drama, bezaubernde Melodien und Arien zum Niederknien.

Vergleicht man das Libretto mit dem Trauerspiel Schillers, darf man die Zeit nicht außer Acht lassen. Bleibt der Inhalt nahezu gleich, muss doch mit einigen Streichungen gelebt werden. So war Kritik am politischen Geschehen ein absolutes Tabu und auch der Sohn Ferdinand musste in Rodolfo umbenannt werden, da zur Entstehungszeit der König Siziliens Ferdinand hieß. Der Chor war unabdingbar in der Oper, sodass räumliche und szenische Umlagerungen erfolgen mussten und auch die Soli mussten teilweise umgeschrieben und in eine Art Hierarchie gebracht werden, was der Dramaturgie des Trauerspiels in der Umsetzung als Oper an sich einige kleine Schwächen bringt. So wird die Rolle der Herzogin in der Oper im Vergleich zu ihrer doch starken Vorlage im  Buch arg heruntergebrochen und auf wenige Szenen beschränkt und auch Wurm verliert mangels einer eigenen Arie oder ähnlichem an Handlungsmotivation, die er mit Schalk und Intrige auszugleichen versucht. All dies tut der Qualität des Stückes jedoch keinen Abbruch!

Luisa Miller

Luisa: Sonja Westermann, Wurm: Igor Leviten – Copyright: Peter Awtukowitsch

Handlung:

Aus dem klassischen Drama in fünf Akten wurden in der Oper drei Akte. Drei Worte reichen eigentlich aus, um diese Oper Verdis zu beschreiben:

Liebe – 1. Akt

Die junge und schöne Luisa feiert mit ihrem Vater, ihrem Geliebten und den Freunden und Nachbarn ihren Geburtstag. Der Vater ist dem Geliebten der Tochter gegenüber sehr misstrauisch, will Luisas Hand aber auch nicht dem dubiosen Sekretät Wurm zur Frau geben, da diese ihre Liebe frei wählen solle. Was keiner wusste: Der Geliebte Luisas ist kein Geringerer als Rodolfo, der Sohn des Grafen Walter. Dieser wiederum will Rodolfo mit der Herzogin Federica verheiraten. Als der Abend der Verlobung naht, gesteht Rodolfo dieser, in eine andere Frau verliebt zu sein. Daraufhin geht er zu Miller, gibt sich zu erkennen und bittet um die Hand Luisas. Der Graf will dies nicht akzeptieren und will Luisa und ihren Vater gefangen nehmen. Rodolfo verhindert zumindest die Festnahme Luisas.

Intrige – 2. Akt

Luisa erfährt von der Inhaftierung des Vaters und wird von Wurm erpresst. Ihr Vater wird nur am Leben bleiben, wenn sie einen Brief an Rodolfo schreibt und darin ihrer Liebe abschwört. Um das Ganze noch zu verstärken, bringt Wolf Luisa zur Herzogin, vor der sie das Spiel weiterspielen muss. Rodolfo erhält den gefälschten Brief und versöhnt sich gekränkt wieder mit dem Vater, der erneut zur Ehe mit der Herzogin drängt.

Gift – 3. Akt

Luisa ist verzweifelt und will Selbstmord begehen, wird aber von ihrem Vater davon abgehalten. Beide planen, am kommenden Tag der Stadt für immer den Rücken zu kehren. Unterdessen kommt Rodolfo,um sich an Luisa zu rächen. Während er sie bedrängt, um zu erfahren, ob ihre Liebe zu Wurm wirklich echt sei, reicht er ihr Gift und trinkt es selbst auch. Luisa bleibt zunächst bei ihrer Aussage, bis Rodolfo gesteht, dass er sie beide vergiftet hat. Dann eröffnet sie ihm die Wahrheit über die Intrige. Die Väter können den Tod ihrer Kinder jedoch nicht mehr verhindern.

Luisa Miller

Rodolfo: Jason Kim, Luisa: Sonja Westermann – Copyright: Peter Awtukowitsch

Der Opernabend – Premiere in Plauen:

Dem Musiktheaterdirektor Jürgen Pöckel ist es zu verdanken, dass es dieses Werk auf unsere Bühnen in Plauen und Zwickau geschafft hat – und das auf eine Weise, an der es nichts außer Lob zu finden gibt. Regie führte Thilo Reinardt, der im Haus schon wunderbar „Joseph Süß“ inszeniert hatte. Ein Hauch früherer 50er Jahre lag in der Luft, als die Damen und Herren in angedeuteter Rock’n Roll Manier Luisas Geburtstag feierten. Gewagt? Nein, denn es ergab sich im Folgenden eine fesselnd konsequente Regieführung, die den Abend zu einer komplett runden und in sich geschlossenen Sache machte. An seiner Seite dabei Luisa Lange, die sich für Bühne und Kostüme verantwortlich zeigt. Luisa kenne ich schon seit ihren ersten Tagen an unserem Haus und kann wiederholt nur sagen: Hut ab vor dieser Leistung. Da entstanden mit relativ geringer Kulisse und fantastischer Beleuchtung wahre Bilderwelten, die einfach nur faszinierend und traumhaft waren. Wahrlich ein goldener Griff für diese Inszenierung.

Identitätsfragen stehen im Zentrum um das große Thema der dramatischen Liebe: Wer ist man? Wer will man sein? Was will man erreichen? Zentrale Fragen, die auf der Bühne gestellt und von den jeweiligen Charakteren verkörpert werden. In einer von Gegensätzen regierten Welt agieren die Charaktere, die individueller und klarer nicht gezeichnet sein könnten. Liebe stirbt, das Böse überlebt – ein Ausgang, der Triumph und Versagen zugleich sein kann. Wir haben das kleine Haus der Millers im Vergleich zu einem pompösen Festsaal im Hause des Grafen (meine Lieblingsbilder in der Oper) und die unendlichen Weiten des Horizonts. Brillant war es auch, die Handlung quasi von Hinten her aufzurollen: Alles beginnt und endet am Grab der Kinder. In der Ouvertüre sieht man schon die Väter an den Gräbern knien und am Ende ergibt sich dasselbe Bild. Ein wahnsinnig kluger Schachzug der Regie!

Luisa Miller

Federica: Johanna Brault, Il conte di Walter: Karsten Schröter, Ensemble – Copyright: Peter Awtukowitsch

Das Philharmonische Orchester Plauen-Zwickau brillierte unter der Leitung von GMD Lutz de Veer mit großer klanglicher Qualität und vermittelte Verdis Melodien auf nahezu perfekte Art und Weise. Technisch perfekt brillierte Sonja Westermann in der Hauptrolle der Luisa Miller. In beeindruckender Höhe und Klarheit meisterte sie die anspruchsvollen Koloraturen und vermittelte eine wundervolle Ausgestaltung der Rolle. Genauso auch ihre Kontrahentin Federica, die von Johanna Brault verkörpert wurde. Beschränkt auf wenigere Szenen füllte sie den Abend sowohl spielerisch als auch stimmlich komplett und mehr als überzeigend aus und bestach mit einer wahrlich bedrohlichen Kühle in der Ausstrahlung, die der Rolle der Herzogin mehr als gerecht wurde. Jason Kim als Rodolfo verging in Liebe zu Luisa. Bedingungslos wollte er das einfache Mädchen lieben und wurde Opfer der Intrige. Genau wie die Liebe, verkörperte er auch die Verzweiflung in einmaliger Brillanz. Ebenso glänzte Shin Taniguchi in der Partie des Vaters in gewohnter einmaliger stimmlicher Qualität. Imposant auch Karsten Schröter, mein persönlicher „Bad-Boy“ des Musiktheaters. Die intriganten und bösen Rollen stehen ihm einfach nur gut zu Gesicht. Stimmlich füllt er diese auch mit seinem angenehmen Bass aus. Als letzter sei Igor Levitan zu erwähnen, der das hauseigene Ensemble gastierend in der Rolle des Wurm sowohl stimmlich als auch spielerisch bereicherte.

Summiert man dies alles, erhält man einen qualitativ sehr hochwertigen Opernabend, der den Großstädten in keinster Weise nachstehen muss, ein brillantes Ensemble von immenser Qualität und Stimmgewalt, das durch ein harmonierendes Orchester begleitet wird, sowie einen starken Chor. All dies in einer wunderbaren Kulisse vereint und perfekt ausgeleuchtet. Ja, die Beleuchtung muss hier einfach explizit erwähnt werden, denn die Jungs erzeugten einfach einmalige Stimmungen.

Luisa Miller

Miller Shin Taniguchi Luisa Sonja Westermann – Copyright: Peter Awtukowitsch

Ein verdienter fulminanter Applaus, fliegende Blumensträuße und ein toller Premierenempfang waren das wohlverdiente Ende dieses einfach perfekten Opernabends. der einmal mehr zeigte, dass es sich lohnt, auch so manche Rarität auf die Bühne zu bringen. Und: Ist es nicht wundervoll zu sehen, wie gut der teils so unwillig gelesene Stoff zum Leben erwachen kann?

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Achtung Buch: Die Seiten der Welt „Blutbuch“ von Kai Meyer

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Eine Weile ist es nun schon her, seit das „Blutbuch“ im Fischer Verlag das Licht der Welt erblickt hat. Warum ich es jetzt erst bespreche, fragt ihr euch sicher. Aus mehreren Gründen: Der erste ist mein neuer Job, der mich so auf Trab hält, dass ich mir nicht nur einmal das Bookboard gewünscht habe, um meine Wege zu verkürzen – von Lesezeit ganz zu schweigen. Der zweite Grund wiegt natürlich noch viel schwerer – zumindest aus buchiger Sicht: Das „Blutbuch“ ist der dritte Band aus der Reihe um Kai Meyers „Seiten der Welt“ und somit das Finale. Finale bedeutet immer etwas Endgültiges, einen Abschluss und auch einen Abschied von den geliebten Charakteren, die man mehrere Jahre lang begleitet hat, mit denen man gelacht und gelitten hat. Wie man die Monate bis zum Erscheinen des Folgebandes gehibbelt hat, weil man kaum erwarten konnte, wieder tief in die „Seiten der Welt“ einzutauchen. Dazu noch die tollen Aktionen des Verlags, die uns Lesern die Welt rund um Libropolis und seine Einwohner, Gauner, Schurken, Kämpfer des Friedens und Freunde noch nähergebracht und unsere Fantasie so richtig zum Kochen gebracht haben. All das soll nach dem Finale nun vorbei sein…

Ich gebe zu, ich wollte nicht, dass die Reihe endet. Zu viel habe ich mit Furia und ihren Freunden erlebt. Vom ersten Moment an war ich tief in der Welt der Bibliomantik gefangen, lernte Tintlinge, die gefürchteten Ideen, die Kämpfer des Widerstands und viele mehr kennen. Ich erfuhr, was Gut und Böse ist und auch, dass Böse zu Gut und Gut zu Böse werden kann, dass Schein oft mehr ist als Sein, aber auch zu Sein werden kann. Wilde Exlibri wurden zu treuen Freunden, der einzigartige Duft von gespaltenen Seitenherzen lag allerorts in der Luft, während der Fischer Verlag uns einlud, ein Bookboard zu besteigen und so die Refugien aus luftiger Höhe zu erobern.

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Die Liebe zum Buch, zum Wort und auch die Macht des geschriebenen Wortes wurden in jedem Satz, auf jeder Seite deutlich. Die Phantasie Kai Meyers ist dabei einfach unschlagbar – ein wahrer Großmeister der Phantastik. Er erschafft literarische Welten, die vor dem inneren Auge des Lesers zum Leben erwachen. Welten in einer absoluten Vollendung geschrieben, mit einer eigenen Geschichte ausgestattet, die ausgeklügelter und in sich schlüssiger nicht sein könnte. Einer Geschichte, die niedergeschrieben wurde und somit erst zur Realität wurde und den eigentlichen Stein ins Rollen brachte. Mir soll an dieser Stelle verziehen sein, dass ich mir die Details zum Inhalt des Buches spare. Wer die ersten beiden Bände der Reihe gelesen hat, wird den dritten Band schon lange herbeigesehnt haben, und für diejenigen, die die ersten beiden Teile nicht kennen, wird der dritte Band einer Trilogie wohl kaum von inhaltlicher Relevanz sein.

Doch zurück zur Geschichte: Drei Bände brauchte es unbedingt, um sie zu erzählen, zu schreiben und auch, um sie umzuschreiben. Die „Seiten der Welt“ als fulminante Ouvertüre, die uns in die Welt Furias und der Bibliomantik entführte, „Nachtland“ als eine Art Entwicklungsroman, in dem sich Charaktere entfalten konnten, sich neue Wege auftaten, neue Wege begründet wurden und in dem ganz neue Refugien entdeckt wurden. Bestehendes wurde hinterfragt, Gewohntes verändert oder umgestürzt, eine merkliche Aufbruchsstimmung in eine neue Zeit war spürbar geworden. Und nun das „Blutbuch“ als episches Finale. Blut, der Stoff des Lebens, Blut als Symbol der Zugehörigkeit zu einer Familie oder/und der Verbundenheit. All diese Aspekte spielen in gewisser Weise eine wichtige Rolle.

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Jedem einzelnen Charakter wurde eine bestimmte Rolle zuteil, er entwickelte sich weiter, musste über sich hinauswachsen und sich seinem persönlichen Schicksal stellen. Nicht selten gingen diese Entwicklungsprozesse mit Schmerz und Leid einher, jedoch liegt die Betonung auch stets auf den Werten der Freundschaft und Loyalität. Am Ende laufen alle Fäden zusammen, man versteht, warum alles so kam wie es kommen musste. Doch bis zu diesem Moment erlebt man ein wahrlich episches Finale in den Tiefen der Seiten der Welt. Furia, Isis und Cat sind meine definitiven Favoritinnen des Buches, was nicht bedeutet, dass die anderen Charaktere nicht genauso gut gezeichnet sind. Jeder einzelne strotzte vor Komplexität, Lebendigkeit und einer eigenen Persönlichkeit, die bis ins kleinste Detail ausgefeilt wurde. Dabei bleibt auch die eigene Person – die Person des Autors – nicht außen vor. Schonungslos stellt er seine Rolle infrage, zeigt indirekt auf, welche Macht das geschriebene Wort hat und übt auch ausreichend Kritik.

Man kann nur sagen, dass Kai Meyer ein absolutes Gesamtkunstwerk gelungen ist: Eine Hommage an das geschriebene Wort, eine Welt, in die man eintaucht, in die man sich verliebt, die man tief inhaliert und die man nicht mehr missen möchte. Eine Welt, in der die Geschichte um Furia in Ende fand, die aber so komplex aufgebaut ist, dass am Ende die Hoffnung auf neue Abenteuer in den Refugien bleibt und wir dem einen oder andren liebgewonnenen Charakter doch noch einmal über den Weg laufen werden. Definitiv wurden die „Seiten der Welt“ zu meinem Seelenbuch, das mit all seiner Bibliomantik mein Seitenherz gespaltet hat. Danke dafür, danke für ein buchiges Wunder, lieber Kai!

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Achtung Buch: Die Liebenden im Chamäleon-Club von Francine Prose

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Nachdem wir gemeinsam tief in die berührenden Kurzgeschichten der „Pariser Symphonie“ eingetaucht waren, dauert es nicht lange, bis der liebe Arndt von AstroLibrium mir Folgendes schrieb:

„Die Liebenden im Chamäleon-Club – Das MUSST du lesen Paris vor und während des Zweiten Weltkriegs aus einer ganz besonderen Perspektive – nein aus ganz besonderen Perspektiven!“

Okay, dachte ich, nachdem ich Arndt jetzt schon für meine Herzensstadt begeistern konnte, wollte und musste ich ihm bei diesem Tipp einfach vertrauen – lag er doch auch bei der „Pariser Symphonie“ mehr als richtig. Und ich sollte nicht enttäuscht werden. Anstatt eines Buches erwartete mich ein Potpourri aus sechs, ja ihr lest richtig, aus sechs Büchern, die im Werk von Francine Prost vereint sind und deren Fäden im legendären Chamäleon-Club zusammenlaufen. Diese Bücher sind:

„Der Teufel am Steuer – Das Leben der Lou Villars“ von Nathalie Dunois

„Erschaffen Sie sich neu“ – von Lionel Maine

„Paris im Rückspiegel“ – von Lionel Maine

„Die Memoiren der Suzanna Dubois Tsenyi“ von Suzanna Dubois Tsenyi

„Die Baronin bei Nacht“ von Lily de Rossignol

„Der Briefwechsel des Fotografen Gabor Tsenyi“ – Gabor – Tsenyi – Archiv

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Dazu sei eine Sache vorab anzumerken, bevor Sie, liebe Leser, sich auf die Suche nach diesen Büchern machen sollten. Sie werden sie – der größten Wahrscheinlichkeit nach nicht finden. Denn: Der Roman von Francine Prost basiert war auf einem Gerüst von realen Persönlichkeiten und Geschehnissen, konnte jedoch an vielen Stellen nicht ausreichend historisch gefestigt werden, sodass sich die Autorin die Freiheit herausnahm, ihm den Mantel der Fiktion überzustülpen. Dies tat der Qualität des Buches jedoch keinerlei Abbruch – so viele soll schon gesagt werden – sondern macht es zu einem Meisterwerk der „Historifiktion“.

Zwei Dinge stehen im unmittelbaren Zentrum des Romans: Lou Villard und der Chamäleon-Club. Wer aber ist Lou Villard? Eine junge Frau, die von Klein auf orientierungslos ist, burschikos, sportlich, mit einer Vorliebe für Jungenkleidung geboren, keine wahre Schönheit und ausgestattet mit der wahnwitzigen Idee, eins wie ihr großes Idol Jeanne d’Arc Großes für ihr geliebtes Heimatland zu vollbringen. Und Großes wird sie vollbringen – Schreckliches zwar, aber definitiv Großes.Bis dahin sollen jedoch einige Jahre ins Land gehen. Jahre, in denen Lou verzweifelt nach dem kranken Bruder sucht, der in irgendeine Anstalt eingewiesen worden sein soll. Jahre der Schmach und der Ausgrenzung, nirgends passt sie hin. Überall wird sie benutzt, ausgenutzt und geschunden, dabei sucht sie nur etwas Liebe und Glück. Doch jeder, bei dem sie dies zu finden glaubte, missbrauchte sie wieder nur für die eigenen Zwecke – bis sich Jahre später das Blatt wendet und aus dem Opfer ein Täter wird, der die Weltgeschichte verändern soll.

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Doch noch befinden wir uns im Paris der „Goldenen Zwanziger“ mit all seiner schillernden Freizügigkeit. Zoomen wir direkt ins Nachtleben – in den legendären Chamäleon-Club, dessen Besitzerin Yvonne gerade versonnen ihr Chamäleon streichelt, das – passend zu ihrem Kleid eine rote Farbe angenommen hat. Dort treffen wir auch auf Lou, entspannt in Männerkleidern, ihre Geliebte Arlette im Arm – eine Szene, die von dem jungen ungarischen Fotografen Gabor Tsenyi für die Ewigkeit auf Zelluloid gebannt wird und die später noch die wahre Macht und Gefahr des Bildes zeigen soll. Ein erster Schritt zur Unsterblichkeit Lous wurde mit diesem Bild gegangen und zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass aus dem Kunstwerk einst etwas Entartetes werden sollte. Gabor war dabei nur eine Person, die Lou im Club kennenlernen sollte und die ihr den Weg in die Zukunft ebnen würden.

Niemand geringeres als die Familie Rossignol persönlich nahmt Lou unter ihre Fittiche und machte sie zur ersten Rennfahrerin Frankreichs, und in ihrer Freizeit war es der Schriftsteller Lionel Maine, der ihr die schillernden Seiten der Stadt zeigt. Lou blühte merklich auf, kann zum ersten Mal sie selbst sein, ihren Traum leben, auf der Rennbahn ein kleines bisschen wie ihr Idol Jeanne d’Arc für Frankreich kämpfen – wenn auch nur hinter dem Steuer. Dafür verzichtete sie sogar auf den Rest Weiblichkeit und lässt sich beide Brüste transplantieren, um besser und sicherer hinter das Lenkrad zu passen. Der Sport und die Liebe zur Tänzerin Arlette lassen dies jedoch alles zu Nichtigkeiten werden.

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Ewig hätte es so weitergehen können. Das erste Mal, dass Lou glücklich war. Doch es sollte ihr nicht vergönnt sein. Mit der Machtergreifung der Nazis änderte sich alles, auch die Situation in Paris. Alles „untypische“ – so auch der Chamäleon-Club galt nun als entartet und gehört ausgemerzt: Allem voran natürlich auch Frauen, die in Männerkleidung auftraten und dazu noch Autorennen fuhren. Einst als Favorit für Olympia gehandelt, verlor Lou nun direkt ihre Lizenz und dazu noch die Geliebte, die sich lieber in die Arme des Polizeichefs begab, der Lou nicht sonderlich mochte, um es harmlos auszudrücken. Einmal mehr stand Lou am Abgrund ihres Lebens, verraten und enttäuscht. Das Land, für das sie alles gab, hat sie fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.

Der rettende Anker kommt diesmal von gänzlich unerwarteter Seite. Eine Einladung zu den Olympischen Spielen nach Berlin führt Lou direkt in die Arme Hitlers und Inge Walisers, der deutschen Ikone des Rennsports. Eine erneute Verblendung, von der Lou nichts ahnt. Bedingt durch den Hass auf die Heimat, von der sie sich verraten und ausgestoßen fühlt, begibt sie sich nur zu gern in die offenen Hände der Nazis, die ihr neue Möglichkeiten bieten und sie zu einer ihrer besten und gefährlichsten Waffen machen sollen. Wie ein Racheengel kehrt sie zurück nach Paris – in ein Paris, das nicht mehr ihre Stadt ist. Dennoch kreuzen ihre Wege immer wieder die der alten „Freunde“, ohne dass diese eine Ahnung von Lous neuer Funktion haben. Ich glaube, manchmal – zumindest zu Beginn – war sich Lou dieser selbst nicht ganz bewusst.

Lou Villars – eine tragische Figur, eine tragische Liebesgeschichte im Zentrum eines Romans, der von den Bekannten Lous erzählt wird. Verschiedene Perspektiven wechseln sich ab, Protagonisten aus den verschiedensten Schichten reichen sich die Hand, um dem Leser ein ganzheitliches Bild der Zeit zu vermitteln, was brillant gelingt. Man erlebt die Gründung der Résistance ebenso  wie die Passivität der Franzosen gegenüber den Deutschen zu Beginn des Krieges, man wird Augenzeuge der politischen Veränderungen, man atmet direkt die Luft dieser Zeit.

Keine Sichtweise kommt zu kurz und jede Persönlichkeit trägt zur Ganzheit der Geschichte bei. Dabei basiert diese fiktionale Erzählung durchaus auf wahren Begebenheiten und Persönlichkeiten. So begründet niemand anderes die Biografie Lou Villars als Violette Morris, was man nach schon kurzer Recherche belegen kann. Auch der Fotograf lässt Rückschlüsse auf den real existierenden Fotografen Brassaï zu. Eine grandiose Verschmelzung von Realität und Fiktion. Ganz großes literarisches Kino.Wer darüber mehr erfahren möchte, sei herzlich eingeladen, auch den Lebensweg Arndts zu diesem Buch zu folgen. HIER findet ihr seine berührende Besprechung!

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Und am Ende bleibt immer nur Lou. Lou Villars, die nichts hatte als einen Traum und ein Idol: Sie wollte als moderne Jeanne d’Arc für ihr Land da sein. Ein Traum, eine Sehnsucht und ihre Besonderheit, die sie letztendlich zu einer absonderlichen Person machten. Lou, die nach jedem Strohhalm griff, um einfach nur sie selbst und glücklich zu sein und am Ende schmerzlich erfahren musste, dass sie wieder und wieder ausgenutzt wurde. Tief berührt lässt mich dieses Buch zurück. Tief berührt und zerrissen über Lou und die Schuldfrage, die über allem schwebt. Die Schuld besteht, eindeutig. Lou folterte, quälte und verriet Menschen und ihr eigenes Land. Das ist unbestreitbar und auch unverzeihlich. Dennoch regt sich in mir ein „aber“. Kann man einen Hund, der das ganze Leben von Welpenbeinen an getreten und misshandelt wurde, verübeln wenn er beißt? Ein merkwürdiges Gleichnis, ich weiß. Aber je mehr ich mich in Lou hineindenke, ist es doch genau das, was passiert ist. Von Kindesbeinen an wurde sie schlecht behandelt, nicht für voll genommen, eingezwängt in Paradigmen, benutzt und missbraucht, um andere ans Ziel zu bringen. Hatte sie ihren Zweck erfüllt, wurde sie fallengelassen. Nichts von dem entschuldigt den Schmerz, den sie anderen angetan hat, aber tief im Inneren sehe ich noch immer das kleine Mädchen, das einfach nur sein wollte wie Jeanne d’Arc, ihre Liebe und ihren Bruder finden und im Rausch der Geschwindigkeit ihr Talent beweisen wollte. Das Mädchen, das so viele Enttäuschungen und so viel Schmerz erdulden musste, bis es innerlich schwarz vor Rache und Gram sein musste…

Ein literarisches Meisterwerk, das tief nachhallt und auch noch lange in mir klingen wird. Fragen, die mich beschäftigen. Fragen, auf die ich Antworten suche. Werde ich sie je finden? Ich weiß es nicht.

 

Achtung Buch: Sommernachtstraum von Tanya Lieske

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Shakespeares ›Sommernachtstraum‹ als Schultheaterprojekt! Voller Vorfreude stürzen sich Ben und seine Schüler in die Proben. Hermia liebt Lysander, Helena will Demetrius, Oberon straft Titania, und die Feenkönigin liebt plötzlich einen Esel: willkommen in Shakespeares Sommernachtstraum! Während die Theatertruppe versucht, der verschlungenen Verwechslungskomödie um verwirrte Liebespaare Herr zu werden, geraten die Liebesgeschicke aller Beteiligten ziemlich durcheinander: Struppi liebt Mireille, Mary Jane will Ben und Bens Freundin trifft sich heimlich mit Mireilles Vater. Bald weiß niemand mehr, wer eigentlich gerade in wen verliebt ist …

»Verliebte und Verrückte
Sind beide von so brausendem Gehirn, 
So bildungsreicher Phantasie, die wahrnimmt, 
Was nie die kühlere Vernunft begreift!«

Soweit beschreibt der Klappentext das Buch, das ich von dem Moment an, als ich diesen las, unbedingt haben wollte. Shakespeares „Sommernachtstraum“ im Hinterkopf, perfekt für den Sommerabend an dem man die Elfen erahnen kann, während draußen die Grillen zirpen. Oberon und Titania, dazwischen den kecken Puck, der seinen Schabernack treibt, um die Liebenden zu necken, bis am Ende jeder den richtigen Partner gefunden hat. Diese Geschichte adaptiert als Theaterstück einer 9. Klasse – das kann sehr unterhaltsam sein, dachte ich, und nahm mir das Buch letzte Woche an einem richtig schönen Sonnentag mit in den Garten. Doch schon bald zeichnete sich ab, dass dieses Buch viel mehr ist, als nur eine Adaption des beliebten Klassikers.

Wieso? Ganz einfach: Die Autorin holt das Stück ins Hier und Jetzt, lässt es eine Schulklasse aufführen, die gerade mitten in der Pubertät steckt und der all die Irrungen und Wirrungen, die Shakespeare schon vor über 400 Jahren aufschrieb, mehr als bekannt ist – auch wenn die Kids den Klassiker sicher noch nicht in den Händen hatten – wenn doch, dann aber sicher nur widerwillig als Pflichtlektüre. Und da stecken wir auch schon mitten im Geschehen. Während die Kinder für das Stück proben, läuft das normale Leben weiter. Doch was ist schon normal? Mobbing, Schikane, Probleme zuhause, schwache Elternhäuser, Karriere, wenig Zeit für die Kinder, Gruppenzwang – das sind Stichworte, die heute leider an vielen Stellen schon zum Alltag gehören und aus diesem nur schwer wegzudenken sind. Natürlich sind das oftmals Einzelfälle, aber wenn man diese summiert, kommt man teilweise auf erschreckende Bilanzen. Ich arbeite ja seit März als Lehrerin an einer Oberschule und bin mit all diesen Themen schon in Berührung gekommen, manchmal fassungslos, dass es das wirklich in diesem Maße gibt, berührt und immer bemüht, den Kids zu helfen. Genau wie Ben – der junge Englischlehrer. Auch er versucht, mithilfe seiner Inszenierung des „Sommernachtstraums“ die Kids ein Stück weit aus der Realität zu entführen und sie ihren Alltag vergessen zu lassen.

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Doch das kann nicht gänzlich gelingen, da an vielen Stellen Realität und Klassiker verschmelzen – siehe Klappentext. Die Liebe geht die merkwürdigsten Wege und trifft dabei auf die Alltagsprobleme der Jugendlichen und auch auf die Erwachsenen, die oft ihr Päckchen zu tragen haben. Darüber erfahren wir durch die verschiedenen Erzählperspektiven, die uns die Protagonisten in all ihren Gefühlen – von Freude bis Trauer, von Euphorie bis Melancholie, von Liebe bis Schmerz – nahebringen. Man erfährt die Dinge, die zu Hause hinter den Kulissen passieren, man lernt sie im strahlenden Scheinwerferlicht kennen, sieht aber auch ihre Verzweiflung und Tränen, wenn der – metaphorisch betrachtete – Vorhang gefallen ist. Jeder spielt jeden Tag seine Rolle und ich war so oft sehr berührt, was auch durch den wundervoll sanften und einfühlsamen Erzählstil der Autorin verstärkt wurde, die sich sehr gut in die Seele eines 15jährigen Teenagers hineinversetzen kann.

Begleitet wird die Geschichte von keinem anderen als von Shakespeare persönlich, der an vielen Stellen mit Ironie und Witz, aber auch mit Tiefgründigkeit das Geschehen kommentiert. An seiner Seite agiert der Elfenkönig Oberon, der es nicht für nötig erachtet, im Hintergrund zu bleiben, sondern viel lieber direkt auf der Erde herumspaziert und so – verkleidet als Bettler – unbemerkt die Geschicke der Protagonisten in die richtige Richtung lenkt und deren Wege kreuzt. Eins wird beiden aber deutlich: Es gibt Probleme, die auch die Jahrhunderte nicht lösen können, vor allem in Bezug auf die Liebe und die dazugehörigen Probleme.

Die Geschichte fließt beim Lesen nur so dahin und war viel zu schnell vorbei. Man begleitet die Protagonisten mit all ihren Problemen wie der ersten Liebe, Mobbing, Magersucht, Verwahrlosung und erkennt so viele Bekannte darin wieder. Ein großer Teil Gesellschaftskritik, der in dieser Geschichte verarbeitet wird und mich sehr getroffen hat, sehe ich doch genau das fast täglich. Ein Jugendbuch ist hier entstanden, das einerseits amüsiert und andererseits tief berührt und aufrüttelt. Kein leichter Lesestoff! Wirklich nicht. Aufgrund der Fülle der angeschnittenen Themen, blieb manches Thema mehr an der Oberfläche und wird auch nicht zum Ende gebracht, was einerseits etwas schade ist, andererseits dem Buch aber keinen Abbruch tut, da es so dennoch wichtige Denkanstöße gibt, die jeder für sich selbst betrachten und benutzen kann.

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Insgesamt haben wir hier einen Jugendroman, der mich mehr als begeistern konnte. Ein Hauch von Mystik und Fantasie trifft auf Realität und eine berührend tragisch-komische Geschichte. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlasse ich diese Seiten, die mir direkt vor Augen geführt haben, wie das Leben als 15jährige(r) war, ist und immer wieder sein wird: Ein Chaos aus Gefühl, Liebe, Orientierungslosigkeit und dazu noch dem alltäglichen Wahnsinn des Lebens obendrauf. Und dennoch bleibt  auch da immer der Hauch des Fernstaubs, der das ganze überstrahlt! Eine klare Leseempfehlung meinerseits und wohl eins der besten und überraschendsten Bücher des Jahres!

 

Karin zu Gast bei den Zimtträumereien

Meine lieben Leser,

Gewinnspiele sind ja immer etwas Feines für denjenigen, dem die Glücksfee hold ist und natürlich auch für den, der es ausrichtet. Vor Kurzem habe ich ein Exemplar des tollen Buchs „Der Wahnsinn den man Liebe nennt“ verlost und die glückliche Gewinnerin war die liebe Karin. Als ich ihr das Buch zusendete, habe ich sie gebeten, mir doch kurz zu sagen, wie es ihr gefallen hat. Dass daraufhin eine ganze Rezension bei mir einflattert – damit habe ich wirklich nicht gerechnet, und die Karin gebeten, diese für euch veröffentlichen zu dürfen! Danke für deine Worte, Karin und nun Vorhang auf für dich 🙂

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Zum Inhalt: 

Heldin der Geschichte ist Susa Bergmann. Sie ist Inhaberin des „Papermoon“, einem Geschäft für Papierwaren aller Art und ihr Mann Wolf, mit dem sie seit 10 Jahre glücklich verheiratet ist, unterhält ein Immobiliengeschäft. Beide sind erfolgreich bei ihrer Arbeit und auch der Umzug von der einfach Mietwohnung in Schwabing ging gut über die Bühne jetzt in die Maria-Theresia-Straße,  eine der besten Gegenden von München. Alles ist eingerichtet und fertig. Doch plötzlich erhält Susa den Anruf einer Spedition: Es soll noch ein Kühlschrank geliefert werden. Doch die Adresse stimmt leider nicht. Was tun? Ihr Mann Wolf, der Auftraggeber, ist aber leider auf Geschäftsreise in Berlin und nicht erreichbar und so nimmt Susa sich der Sache an und kommt hinter eine schreckliche Wahrheit.

Meine Meinung:

Wie das Leben manchmal so spielt. Ja, Kommissar Zufall bringt in dem scheinbar glücklichen und geordneten Leben von Susa Bergmann einiges durcheinander.  Wobei ich jetzt nicht nur ihre Ehe mit Wolf,  sondern auch ihr ganzes Umfeld, Familie und Freunde meine. Hey, irgendwie lässt dieser Vorname Wolf auf keine guten Eigenschaften bei einem Mann hoffen, oder? War zumindest mein erster Gedanke., was sich dann letztendlich auch für meinen Geschmack bewahrheitet hat.

Irgendwie ist es ein Dominoeffekt: Ein Stein fällt und plötzlich kommt eins zum anderen. Schön wie die Autorin Clara Römer quasi die Ehe, Familie und den Freundeskreis auseinander nimmt, um dann am Ende zu schauen, was noch passen könnte.

Dabei macht sie weder vor ihren weiblichen noch vor männlichen Protagonisten halt. Jeder bekommt sein Fett weg und muss sich selber fragen, kann es das wirklich sein. Einzige Ausnahme sind Wolf und Susa Vater – beides für sich gesehen und in ihrer Veranlagung eigentlich menschlich gesehen Schweine/Wölfe, was ihr persönliche Verhalten angeht. Nur auf ihren Vorteil bedacht.

Trotzdem bekommen beide lange Zeit von Susa einen Heiligenschein verpasst und es fällt ihr nur sehr schwer, endlich den Egomann in den beiden Männern zu sehen. Schade das Susa da auch so hart mit ihrer Mutter ins Gericht geht. Denn ein Kind aus einem Seitensprung aufzunehmen, stelle ich mir extrem schwer vor und letztendlich ist die Mama immer nur das dritte Rad am Wagen in dieser Familie gewesen. Denn Susa ist immer schon ein Papa-Kind gewesen. Was irgendwie in ihrer Einschätzung der Lage der Dinge in ihrer Familie keine wirkliche Beachtung findet.

Eine interessante, schön erzählte Geschichte, die zeigt wie man plötzlich vor den Trümmern einer Beziehung stehen kann und wie blind die Liebe machen kann.

 

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Liebe Karin,

ich freue mich sehr, dass dir das Buch so gut gefallen hat und danke dir herzlich für deine ausführliche Meinung!

Achtung Buch: Die Holunderschwestern von Teresa Simon

 

Anfang letzten Jahres veröffentlichte Teresa Simon ihren Debütroman „Die Frauen der Rosenvilla“ und erreichte damit sehr verdient einen großen Erfolg. Rosen, Dresden und Schokolade waren die Stichworte, die über der Geschichte, die sich um ein Familiengeheimnis rankt, standen.

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Und auch dieses Jahr steht ein großes Familiengeheimnis im Zentrum des neuen Romans „Die Holunderschwestern“. Die junge Restauratorin Katharina Raith bekommt an einem Vormittag überraschend Besuch von dem charmanten jungen Engländer Alex Bluebird, der ihr die Tagebücher ihrer verstorbenen Urgroßmutter Fanny überreicht. Beim Lesen taucht sie tief in die Geschichte ihrer eigenen Familie ein, die so manches gut gehütete Geheimnis verbirgt. Geheimnisse, die bis ins Hier und Jetzt reichen. Denn wieso sonst würde die eigene Mutter so abweisend auf Katharinas Fragen reagieren und wieso ist da auf einmal so eine große Aufregung von allen Seiten, als Isi, die Freundin und Kollegin von Katharina, eine alte Kücheneinrichtung aufspürt, die sie unbedingt wieder im alten Glanz erstrahlen lassen will. Findet es heraus!

Doch zunächst einmal tauchen wir mit Katharina tief ein in die Geschichte Münchens im Jahre 1918. Fanny lebte mit ihrer Zwillingsschwester Fritzi und dem Vater nach dem Tod der Mutter in einem kleinen bayerischen Ort, an dem sie sich sehr eingeengt fühlt. Die Luft zum Atmen fehlt ihr schier und sie beschließt, in einer Nacht und Nebelaktion nach München zu fliehen, um in der Großstadt ihr Glück zu machen. Schweren Herzens lässt sie ihre Schwester Fritzi und den Vater zurück und beginnt ihr neues Leben. Ein neues Leben, das nicht den besten Start nahm, wurde Fanny doch schon im Zug vom schlechten Gewissen und der Sehnsucht zu Fritzi geplagt. In diesem Moment tritt die junge Alina Rosengart in ihr Leben, eine Bekanntschaft, die Fannys Zukunft in München nachhaltig prägen soll. Die beiden Mädchen werden beste Freundinnen und Vertraute und Fanny bekommt durch die Rosengarts die Möglichkeit, sich aktiv an Politik, Kultur und Kunst zu beteiligen. Sie lernt die Familie von Paul Klee kennen und verbringt viel Zeit in diesen Kreisen.

Eines Tages jedoch steht Fritzi vor der Tür, die die Trennung von der Zwillingsschwester nicht mehr aushielt und nun auch in der Großstadt Fuß fassen will. Schnell macht auch sie sich einen Ruf, jedoch ganz anders, als man es sich gewünscht hätte. Im Gegensatz zu Fanny gerät sie schnell in judenfeindliche Kreise, während ein Mann namens Adolf Hitler mehr und mehr an Macht gewinnt…

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Wieder ist Teresa Simon ein wahrer Geniestreich gelungen. Genau wie „Die Frauen der Rosenvilla“ sind auch „Die Holunderschwestern“ ein wahrer Pageturner. Gekonnt springt die Autorin zwischen den beiden Zeitebenen und vermittelt dem Leser nicht nur eine tolle Rahmenhandlung, sondern gibt auch auf besondere Art und Weise tiefe Einblicke in die Geschichte Münchens. Dieses tut sie jedoch nicht durch die sture Vermittlung von Fakten, vielmehr lässt sie uns Geschichte (er)leben. Man schaut den Charakteren über die Schulter, erlebt mit, wie es den einzelnen Protagonisten ergangen ist, welche Schwierigkeiten sie im Leben zu meistern hatten und wie leicht man geblendet werden konnte und so ins falsche Lager abdriftete.

Dabei wählt sie ein Zwillingspaar als Hauptprotagonisten der Vergangenheitsebene: Fanny und Fritzi. Sie sind einerseits so eng verbunden, wie es nur Zwillinge sein können und andererseits doch so konträr wie Licht und Schatten, Gut und Böse, Hell und Dunkel…. Macht euch selbst ein Bild! Dennoch waren sie beide auf ihre Art sehr sympathisch – man kann ja nachvollziehen, warum wer wie gehandelt hat. Fanny ist und bleibt jedoch meine heimliche Favoritin – gemeinsam mit Alina und Bubi. Ach, ihr werdet sie in euer Herz schließen!

Auch die Protagonisten der Jetztzeit lassen keine Wünsche offen. Mit Charme erobert Alex nicht nur das Herz von Katharina und Isi, sondern auch das Leserherz. Die beiden Restauratorinnenmädels sind einfach nur herzerfrischend und sprühen vor Leben, sodass man sie einfach lieben muss und auch die diversen Nebencharaktere verzaubern mit ihren charakteristischen Eigenschaften von ruppig bis geheimnisvoll. Eine tolle Mischung!

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Und das Handwerk darf bei Teresa natürlich auch nicht zu kurz kommen. Waren es im letzten Jahr Schokolade und die Kunst der Pralinenherstellung, so sind es diesmal Holunder und Restauration, die ins Zentrum gerückt werden. Dabei trumpft die Autorin einmal mehr mit viel gut recherchiertem Fachwissen und Liebe zum Detail auf, die das Buch noch authentischer machen, als es so schon ist. Da wird nicht an der Oberfläche gekratzt, sondern tief in die Materie eingetaucht.

Alles in allem ist „Die Holunderschwestern“ ein Roman, der sehr kurzweilige und tiefe Lesemomente garantiert. Eintauchen und genießen heißt die Devise beim Lesen – und dabei noch etwas lernen. Mitgefühl, Hoffnung, Zuversicht, Liebe und Leid und viel Vertrauen – das sind wohl die wichtigsten Gefühle, die in jeder einzelnen Zeile des Buches mitschwingen und den Leser festhalten und einfangen. Und das Sahnehäubchen bilden am Ende – wie sollte es bei Teresa Simon auch anders sein – eine Sammlung köstlicher Rezepte, die auch noch das Genießerherz höher schlagen lässt.

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Ideal für den Sommer, Urlaub, Strand, Balkon, Garten – einfach ideal für alle Lebenslagen! Danke für diesen Lesegenuss, liebe Teresa! Ich freue mich schon sehr auf dein drittes Buch!

Und ihr, liebe Leser, seid herzlich eingeladen, auch das absolut tolle Interview mit Teresa Simon zu genießen, bei dem sie viel aus dem Nähkästchen plauderte und viele persönliche Einblicke gibt. Hier geht’s entlang:

„Es muss nicht immer Schokolade sein!“ – Im Gespräch mit Teresa Simon

 

 

 

 

„Es muss nicht immer Schokolade sein!“ – Ein Wiedersehen mit Teresa Simon

Über ein Jahr ist es her, seit der wundervolle Debütroman „Die Frauen der Rosenvilla“ von Teresa Simon im Heyne Verlag erschienen ist und seither große Erfolge feiert. Nun war es vor wenigen Wochen soweit: „Die Holunderschwestern“ erblickten das Licht der Welt und ich habe für euch ein exklusives neues Interview mit der absolut herzigen Teresa führen dürfen, die gerade ein paar sonnige Tage im schönen Bella Italia verbringt und dennoch Zeit für ihre lieben Leser findet. Also, ihr Lieben, nehmt euch ein wenig Schokolade, atmet den Duft der Rosen auf dem Tisch und genießt ein Glas der erfrischenden Holunderlimonade, während ihr lest, was Teresa uns zu berichten hat.

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Liebe Teresa,

ein Jahr ist vergangen, seit die Rosenvilla das Licht der Welt erblickt hat und sehr erfolgreich wurde. Dazu die herzlichsten Glückwünsche! Nun ist dein zweiter Roman erschienen. Willst du für uns eine kurze Bilanz des letzten Jahres ziehen? Wie waren die Monate zwischen Rosenvilla und Holunderschwestern? Hättest du dir diesen Erfolg ausgemalt? Und wie war es nun kurz vor der Veröffentlichung der Holunderschwestern? Standst du unter starkem „Leistungsdruck“ oder hast vielleicht sogar etwas gezweifelt, ob du den Erwartungen an das neue Buch gerecht werden kannst?

Das letzte Jahr war besonders für mich. Die vielen positiven Reaktionen auf „Die Frauen der Rosenvilla“ haben mich bewegt, berührt und natürlich granatenmäßig gefreut – noch einmal 1000 Dank an alle! Ja, aber nach dem Roman ist natürlich auch vor dem (nächsten) Roman. Ich trage dieses Thema ja schon lange in mir herum (in verschiedenen möglichen Formationen), weil es eine Menge mit meiner persönlichen Familiengeschichte zu tun hat – und auf einmal war die Idee da, es so und NUR so zu erzählen … Dresden & Rosen & Schokolade? Dachte mir schon, dass ihr das mögt. Aber Holz & Kunst & München? Mein Verlag war ein bisschen skeptisch, ich eigentlich nicht, denn ich liebe diese Geschichte so sehr … nach den ersten Reaktionen ihr auch – freut mich total! Und die anderen, die den Roman „Die Holunderschwestern“ Noch nicht kennen, möchte ich an dieser Stelle herzlichst dazu einladen …

Von Dresden nach München führte dich die Reise. Was war der Anreiz, diesmal die bayrische Landeshauptstadt zum Schauplatz deines Buchs zu machen? Ist es nur die Heimatliebe gewesen, der historische Hintergrund, oder etwas ganz Anderes?

München war nach dem 1. Weltkrieg ein sehr besonderes Pflaster und bei weitem nicht nur so griabig-gemütlich, wie manche denken. Immerhin wurde hier die Revolution ausgerufen! Künstler und Gelehrte lebten hier, große Autoren wie Feuchtwanger, Graf, Mann und andere. Und eben auch Paul Klee, dessen Bilder ich seit meinen Jugendtagen verehrte und liebe. Wie kaum ein anderer konnte er Farben zum Klingen bringen. Und da ich mich entschlossen hatte, einen Handlungsschwerpunht nach Schwabing zu verlegen (wo ich auch selbst seit vielen Jahren lebe), kam eines zum anderen …

O ja, Paul Klee… unser Nachmittag im Lenbachhaus, gemeinsam mit Arndt… Deine Erzählungen, Berichte, Geschichten. Mit niemandem würde ich lieber in eine Galerie gehen und so viele kleine Episoden dann niedergeschrieben in einem wundervollen Buch wiederfinden!

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Als wir miteinander sprachen, sagtest du so furchtbar charmant: „Es muss nicht immer Schokolade sein.“ Dabei muss ich furchtbar lachen, denn du weißt ja, was ich dir immer vorwerfe: Es gibt kaum eine Autorin, die so gekonnt kulinarische Leckereien in ihre Bücher einbaut, dass ich beim Lesen wahre Hungerattacken bekomme. Und dann noch diese Rezepte am Ende! Du bist ja eine wahre Göttin der Delikatessen! Wählst du diese willkürlich aus, oder haben diese Rezepte für dich eine persönliche Bedeutung?

Die Rezepte sind nicht drin, um euch schwach zu machen (wenn sie das zusätzlich tun, umso besser), sondern stehen in engem Zusammenhang zum Text. In „Die Frauen der Rosenvilla“ hatte Anna eine Schokolaterie und macht feine Pralinen, hier kocht Fanny einfache Gerichte (man könnte fast sagen: sie kocht um ihr Leben – und das ihrer jüdischen Freundin Alina). Die Rezepte stammen von meiner Großmutter, aus deren Leben ich mir eben so einiges für Fanny „geborgt“ habe: auch meine Oma konnte fantastisch kochen (ungelernt), nicht die feinen Menüs, sondern das, was die einfachen Leute gerne gegessen haben (sofern sie etwas zu essen hatten!). Sie sollte Weißnäherin werden (hat sie gehasst), sie kam 1918 aus einer vielköpfigen Weidener Familie jung und naiv nach München – direkt in den Revolutionsherbst 1918 … 

Ich habe meine Oma sehr geliebt. Sie war gütig und hatte einen Riesenherz – und das ich auch Fanny gegeben. Sie hat mich aufgezogen, bis ich 2 Jahre alt war (Mama musste arbeiten)  und mich in ihren großen, gütigen Händen gehalten und gehegt. Immer wenn ich an sie denke, rieche ich Vanille …

Ich hänge ihr schönes Foto mit an – vielleicht mag Julia es ja mit einzustellen? Da war sie ungefähr 30 Jahre alt …

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Diesmal steht der Holunder in all seiner vielseitigen Wirkung im Zentrum des Geschehens. Warum gerade diese Pflanze? Übrigens kann man Holunder auch vorzüglich mit Schokolade kombinieren… Lach! 

 Holunder – der Strauch der Frau Holle – ist eine alte Heil- und Schutzpflanze. Eigentlich sollte jedes Haus einen Holunderstrauch haben … Blüten und Beeren lassen sich vielfachst verarbeiten, sind in der Volksmedizin bekannt (u.a. fiebersenkend!), und schmecken vorzüglich. Außerdem sind die Blüten weiß und die Beeren dunkel – Tag und Nacht – Gut und Böse, Himmel und Hölle – das passt wunderbar zu diesem sehr unterschiedlichen Zwillingspärchen, das ich hier erzähle … Geht mal bisschen in die Recherche zu diesem Thema – es lohnt sich wirklich! Auch das Märchen „Goldmarie & Pechmarie“ hat damit zu tun …

übrigens stand neben dem Geburtshaus meiner Großmutter auch „in echt“ dieser Strauch – und das Brot, von dem im Roman erzählt hat, hat meine Urgroßmutter Anna Clara wirklich selbst gebacken …

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Natürlich kommt bei den Holunderschwestern auch die Geschichte nicht zu kurz. Und auch in diesem Buch ist es wirklich gelebte Geschichte. Worauf setzt du dein Hauptaugenmerk beim „Erzählen“ von Geschichte? Ist es die authentische Wiedergabe oder sind es eher spezielle Details aus der Zeit, die dich fesseln und die du dann näher betrachtest und ins Zentrum des großen Ganzen rückst?

Ich möchte Geschichte durch (meine) Geschichten erzählen. Dabei interessieren mich weniger Kriege und Verträge, sondern das Leben der Menschen: Was haben diese Ereignisse mit den Menschen gemacht? Wie hat sich das konkret auf ihren Alltag auswirkte? Haben sie anderes geliebt, gegessen, geheiratet, ihre Kinder anders erzogen? 

Das ist mein Ansatz, „Geschichte“ ist für mich nichts Abstraktes, sondern die Dinge, die zum Greifen sind; wie ein Tisch gedeckt wird, wie ein Stuhl geschreinert wird, wie jemand seine Schuhe putzt …

Wenn ihr so wollt: jeder Tag, den wir erleben, ist Geschichte …

Natürlich kann sich ein Roman nicht im Alltäglichen erschöpfen, sonst würdet ihr euch schnell langweilen. So lasse ich Fanny ihre schwierige Zwillingsgeburt erleben, während Hitler seinen Putsch versucht (der misslingt – noch) … Die Stadt ist verbarrikadiert, es wird geschossen, ihr Mann treibt sich irgendwo bei den Nazis rum, nicht einmal die Hebamme kommt mit dem Radl durch  – das ist für „erlebte Geschichte“ – spannend, spannend! 

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Du beschreibst diesmal ein sehr düsteres Kapitel der Münchner Geschichte, was man auch am Tonfall des ganzen Buches spürt. Es ist ernsthafter als die Rosenvilla, wohingegen die Geschehnisse in der Jetztzeit einfach wieder erfrischend, romantisch, spritzig sind. Ist dir dieser Spagat schwergefallen? 

Kein bisschen! Die Zeit nach 1818 war eine schwere Zeit für alle. Zum ersten Mal hatte Europa „Krieg total“ erlebt, alle waren davon gezeichnet – und was dann als Brauner Dunst heraufzog, war ja eher noch schlimmer. Jedes Mal wenn ich in einem Kapitel tief eingetaucht war, hat es sich für mich wie eine Befreiung angefühlt, wieder ins „Jetzt“ zu dürfen . Wier können wir froh sein, hier und jetzt zu leben! 

Fritzi und Fanny – Zwillinge im Zentrum der Geschichte. Zwillinge, die einerseits enger zusammen und andererseits ferner nicht sein könnten. Hast du diese Figurenkonstellation in all ihrer Ambivalenz bewusst gewählt? Bzw. was hat dich dazu bewegt, ein Zwillingspaar als Hauptprotagonisten des „historischen Teils“ zu verwenden?

 Meine Großmutter hatte auch eine Zwillingsschwester (zweieige Zwillinge)), das hat mich schon als Kind fasziniert: diese Nähe und auch die Verschiedenheit, denn gezofft haben die beiden sich auch (selbst als ältere Damen). Aber ich als Einzelkind hab mir oft vorzustellen versucht, wie das wäre, noch jemand so nah bei mir zu haben – eine Verbündete? Eine Rivalin? Ich denke, es ist bei allen Zwillingen immer beides vorhanden ..

Ist mir sehr leicht gefallen, mich einzudenken …

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Nun kehren wir zurück ins Hier und Jetzt: Mit Katharina und Isi sind dir ja wieder zwei wahre Zuckerstücke an Protagonisten gelungen, genauso wie mit den anderen Nebencharakteren, über die wir hier nicht mehr verraten wollen. Die Leser sollen sich ja selbst ein Bild machen, oder was meinst du? Damals war es das Pralinenhandwerk, das du ins Zentrum gerückt hast, diesmal ist es die Holzkunst, die Restauration. Was hat dich auf dieses Handwerk gebracht? 

Ich liebe schöne alte Dinge – nur oft sind sie eben im Lauf der Zeit nicht mehr ganz so schön, und wer ihnen wieder das „Flair“ verleiht, ist in meinen Augen ein Künstler. Außerdem ist mein bester Freund Schreiner (unsere Wohnung ist voll mit seinen Möbeln), da reden wir immer wieder über Holz und Gestaltung. Aber er macht neue Möbel – und doch bin ich auf seine Vermittlung auf den wunderbaren  Restaurator  Clemens Oppenheimer gestoßen, der meine „Werkstatt-Kapitel“ unterstützt und liebevoll begleitet hat – danke noch einmal, lieber Clemens!  Hab viel dabei gelernt …

Was verbindest du mit folgenden Stichworten: Holz, Holunder, Trennung, Kochen, Tagebuch

Holz – Wärme

Holunder – Schutz

Trennung – immer schmerzlich, oft aber auch heilsam

Kochen – wunderbar (wenn man es kann, aber jeder kann es lernen!)

Tagebuch – Geheimnis (natürlich!) 

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Welcher Prota ist dir in diesem Buch besonders ans Herz gewachsen und welcher ist dir am schwersten gefallen?

Ich mag sehr gern Bubi und Alina, aber natürlich ist es Fanny, Fanny, Fanny (obwohl ich ihre irrlichternde Schwester Fritzi auch tief ins Hertz geschlossen habe!). Am schwierigsten war vielleicht die spröde Mutter Christine, die auch ihr Päckchen zu tragen hat und erst später eine Wandlung durchläuft … 

Aber ehrlich gesagt man ich sie alle, sogar den Widerling Josef, der sich so herrlich schreiben ließ !!!

Was hält die Zukunft für Teresa Simon und ihre Leser bereit?

Hab einen neuen Klingelton für mein Handy: „Auf der Reeperbahn nachts um ½ 1  …

Also, liebe Leser und Leserinnen: Es geht auf nach Hamburg … riecht ihr schon den Kaffee duften?????? 

Was möchtest du deinen Lesern dieses Jahr mit auf den Weg geben?

Lasst euch nichts vormachen, meine Lieben, und schon gar nicht von Leuten, die so tun, als gäbe es schnelle Lösungen für schwierige Probleme. Wer nichts aus der Geschichte lernen will, dem ist einfach nicht zu helfen. 50 Millionen Tote hat uns das im Zweiten Weltkrieg gekostet – der Wahnsinn! Bleibt offen, kritisch, aber tolerant und vergesst niemals: „we are the world …“ 

Herzlichst eure Teresa.

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Liebste Teresa, 

ich danke dir für die viele gemeinsame Holunderzeit, vor allem auch während der Entstehung dieses buchigen Schatzes und freue mich, dich bald wiederzusehen, zu hören und noch viel mehr zu lesen! 

Eins muss ich nun doch noch beifügen… Über den Klingelton reden wir noch *lach*

Wer von euch noch wissen will, was uns die liebe Teresa letztes Jahr berichtet hat, klickt bitte  HIER.

Zu den „Frauen der Rosenvilla“ geht es HIER.

Mehr zu den „Holunderschwestern“ folgt in den nächsten Tagen! Stay tuned und habt es wundervoll!