„Es muss nicht immer Schokolade sein!“ – Ein Wiedersehen mit Teresa Simon

Über ein Jahr ist es her, seit der wundervolle Debütroman „Die Frauen der Rosenvilla“ von Teresa Simon im Heyne Verlag erschienen ist und seither große Erfolge feiert. Nun war es vor wenigen Wochen soweit: „Die Holunderschwestern“ erblickten das Licht der Welt und ich habe für euch ein exklusives neues Interview mit der absolut herzigen Teresa führen dürfen, die gerade ein paar sonnige Tage im schönen Bella Italia verbringt und dennoch Zeit für ihre lieben Leser findet. Also, ihr Lieben, nehmt euch ein wenig Schokolade, atmet den Duft der Rosen auf dem Tisch und genießt ein Glas der erfrischenden Holunderlimonade, während ihr lest, was Teresa uns zu berichten hat.

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Liebe Teresa,

ein Jahr ist vergangen, seit die Rosenvilla das Licht der Welt erblickt hat und sehr erfolgreich wurde. Dazu die herzlichsten Glückwünsche! Nun ist dein zweiter Roman erschienen. Willst du für uns eine kurze Bilanz des letzten Jahres ziehen? Wie waren die Monate zwischen Rosenvilla und Holunderschwestern? Hättest du dir diesen Erfolg ausgemalt? Und wie war es nun kurz vor der Veröffentlichung der Holunderschwestern? Standst du unter starkem „Leistungsdruck“ oder hast vielleicht sogar etwas gezweifelt, ob du den Erwartungen an das neue Buch gerecht werden kannst?

Das letzte Jahr war besonders für mich. Die vielen positiven Reaktionen auf „Die Frauen der Rosenvilla“ haben mich bewegt, berührt und natürlich granatenmäßig gefreut – noch einmal 1000 Dank an alle! Ja, aber nach dem Roman ist natürlich auch vor dem (nächsten) Roman. Ich trage dieses Thema ja schon lange in mir herum (in verschiedenen möglichen Formationen), weil es eine Menge mit meiner persönlichen Familiengeschichte zu tun hat – und auf einmal war die Idee da, es so und NUR so zu erzählen … Dresden & Rosen & Schokolade? Dachte mir schon, dass ihr das mögt. Aber Holz & Kunst & München? Mein Verlag war ein bisschen skeptisch, ich eigentlich nicht, denn ich liebe diese Geschichte so sehr … nach den ersten Reaktionen ihr auch – freut mich total! Und die anderen, die den Roman „Die Holunderschwestern“ Noch nicht kennen, möchte ich an dieser Stelle herzlichst dazu einladen …

Von Dresden nach München führte dich die Reise. Was war der Anreiz, diesmal die bayrische Landeshauptstadt zum Schauplatz deines Buchs zu machen? Ist es nur die Heimatliebe gewesen, der historische Hintergrund, oder etwas ganz Anderes?

München war nach dem 1. Weltkrieg ein sehr besonderes Pflaster und bei weitem nicht nur so griabig-gemütlich, wie manche denken. Immerhin wurde hier die Revolution ausgerufen! Künstler und Gelehrte lebten hier, große Autoren wie Feuchtwanger, Graf, Mann und andere. Und eben auch Paul Klee, dessen Bilder ich seit meinen Jugendtagen verehrte und liebe. Wie kaum ein anderer konnte er Farben zum Klingen bringen. Und da ich mich entschlossen hatte, einen Handlungsschwerpunht nach Schwabing zu verlegen (wo ich auch selbst seit vielen Jahren lebe), kam eines zum anderen …

O ja, Paul Klee… unser Nachmittag im Lenbachhaus, gemeinsam mit Arndt… Deine Erzählungen, Berichte, Geschichten. Mit niemandem würde ich lieber in eine Galerie gehen und so viele kleine Episoden dann niedergeschrieben in einem wundervollen Buch wiederfinden!

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Als wir miteinander sprachen, sagtest du so furchtbar charmant: „Es muss nicht immer Schokolade sein.“ Dabei muss ich furchtbar lachen, denn du weißt ja, was ich dir immer vorwerfe: Es gibt kaum eine Autorin, die so gekonnt kulinarische Leckereien in ihre Bücher einbaut, dass ich beim Lesen wahre Hungerattacken bekomme. Und dann noch diese Rezepte am Ende! Du bist ja eine wahre Göttin der Delikatessen! Wählst du diese willkürlich aus, oder haben diese Rezepte für dich eine persönliche Bedeutung?

Die Rezepte sind nicht drin, um euch schwach zu machen (wenn sie das zusätzlich tun, umso besser), sondern stehen in engem Zusammenhang zum Text. In „Die Frauen der Rosenvilla“ hatte Anna eine Schokolaterie und macht feine Pralinen, hier kocht Fanny einfache Gerichte (man könnte fast sagen: sie kocht um ihr Leben – und das ihrer jüdischen Freundin Alina). Die Rezepte stammen von meiner Großmutter, aus deren Leben ich mir eben so einiges für Fanny „geborgt“ habe: auch meine Oma konnte fantastisch kochen (ungelernt), nicht die feinen Menüs, sondern das, was die einfachen Leute gerne gegessen haben (sofern sie etwas zu essen hatten!). Sie sollte Weißnäherin werden (hat sie gehasst), sie kam 1918 aus einer vielköpfigen Weidener Familie jung und naiv nach München – direkt in den Revolutionsherbst 1918 … 

Ich habe meine Oma sehr geliebt. Sie war gütig und hatte einen Riesenherz – und das ich auch Fanny gegeben. Sie hat mich aufgezogen, bis ich 2 Jahre alt war (Mama musste arbeiten)  und mich in ihren großen, gütigen Händen gehalten und gehegt. Immer wenn ich an sie denke, rieche ich Vanille …

Ich hänge ihr schönes Foto mit an – vielleicht mag Julia es ja mit einzustellen? Da war sie ungefähr 30 Jahre alt …

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Diesmal steht der Holunder in all seiner vielseitigen Wirkung im Zentrum des Geschehens. Warum gerade diese Pflanze? Übrigens kann man Holunder auch vorzüglich mit Schokolade kombinieren… Lach! 

 Holunder – der Strauch der Frau Holle – ist eine alte Heil- und Schutzpflanze. Eigentlich sollte jedes Haus einen Holunderstrauch haben … Blüten und Beeren lassen sich vielfachst verarbeiten, sind in der Volksmedizin bekannt (u.a. fiebersenkend!), und schmecken vorzüglich. Außerdem sind die Blüten weiß und die Beeren dunkel – Tag und Nacht – Gut und Böse, Himmel und Hölle – das passt wunderbar zu diesem sehr unterschiedlichen Zwillingspärchen, das ich hier erzähle … Geht mal bisschen in die Recherche zu diesem Thema – es lohnt sich wirklich! Auch das Märchen „Goldmarie & Pechmarie“ hat damit zu tun …

übrigens stand neben dem Geburtshaus meiner Großmutter auch „in echt“ dieser Strauch – und das Brot, von dem im Roman erzählt hat, hat meine Urgroßmutter Anna Clara wirklich selbst gebacken …

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Natürlich kommt bei den Holunderschwestern auch die Geschichte nicht zu kurz. Und auch in diesem Buch ist es wirklich gelebte Geschichte. Worauf setzt du dein Hauptaugenmerk beim „Erzählen“ von Geschichte? Ist es die authentische Wiedergabe oder sind es eher spezielle Details aus der Zeit, die dich fesseln und die du dann näher betrachtest und ins Zentrum des großen Ganzen rückst?

Ich möchte Geschichte durch (meine) Geschichten erzählen. Dabei interessieren mich weniger Kriege und Verträge, sondern das Leben der Menschen: Was haben diese Ereignisse mit den Menschen gemacht? Wie hat sich das konkret auf ihren Alltag auswirkte? Haben sie anderes geliebt, gegessen, geheiratet, ihre Kinder anders erzogen? 

Das ist mein Ansatz, „Geschichte“ ist für mich nichts Abstraktes, sondern die Dinge, die zum Greifen sind; wie ein Tisch gedeckt wird, wie ein Stuhl geschreinert wird, wie jemand seine Schuhe putzt …

Wenn ihr so wollt: jeder Tag, den wir erleben, ist Geschichte …

Natürlich kann sich ein Roman nicht im Alltäglichen erschöpfen, sonst würdet ihr euch schnell langweilen. So lasse ich Fanny ihre schwierige Zwillingsgeburt erleben, während Hitler seinen Putsch versucht (der misslingt – noch) … Die Stadt ist verbarrikadiert, es wird geschossen, ihr Mann treibt sich irgendwo bei den Nazis rum, nicht einmal die Hebamme kommt mit dem Radl durch  – das ist für „erlebte Geschichte“ – spannend, spannend! 

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Du beschreibst diesmal ein sehr düsteres Kapitel der Münchner Geschichte, was man auch am Tonfall des ganzen Buches spürt. Es ist ernsthafter als die Rosenvilla, wohingegen die Geschehnisse in der Jetztzeit einfach wieder erfrischend, romantisch, spritzig sind. Ist dir dieser Spagat schwergefallen? 

Kein bisschen! Die Zeit nach 1818 war eine schwere Zeit für alle. Zum ersten Mal hatte Europa „Krieg total“ erlebt, alle waren davon gezeichnet – und was dann als Brauner Dunst heraufzog, war ja eher noch schlimmer. Jedes Mal wenn ich in einem Kapitel tief eingetaucht war, hat es sich für mich wie eine Befreiung angefühlt, wieder ins „Jetzt“ zu dürfen . Wier können wir froh sein, hier und jetzt zu leben! 

Fritzi und Fanny – Zwillinge im Zentrum der Geschichte. Zwillinge, die einerseits enger zusammen und andererseits ferner nicht sein könnten. Hast du diese Figurenkonstellation in all ihrer Ambivalenz bewusst gewählt? Bzw. was hat dich dazu bewegt, ein Zwillingspaar als Hauptprotagonisten des „historischen Teils“ zu verwenden?

 Meine Großmutter hatte auch eine Zwillingsschwester (zweieige Zwillinge)), das hat mich schon als Kind fasziniert: diese Nähe und auch die Verschiedenheit, denn gezofft haben die beiden sich auch (selbst als ältere Damen). Aber ich als Einzelkind hab mir oft vorzustellen versucht, wie das wäre, noch jemand so nah bei mir zu haben – eine Verbündete? Eine Rivalin? Ich denke, es ist bei allen Zwillingen immer beides vorhanden ..

Ist mir sehr leicht gefallen, mich einzudenken …

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Nun kehren wir zurück ins Hier und Jetzt: Mit Katharina und Isi sind dir ja wieder zwei wahre Zuckerstücke an Protagonisten gelungen, genauso wie mit den anderen Nebencharakteren, über die wir hier nicht mehr verraten wollen. Die Leser sollen sich ja selbst ein Bild machen, oder was meinst du? Damals war es das Pralinenhandwerk, das du ins Zentrum gerückt hast, diesmal ist es die Holzkunst, die Restauration. Was hat dich auf dieses Handwerk gebracht? 

Ich liebe schöne alte Dinge – nur oft sind sie eben im Lauf der Zeit nicht mehr ganz so schön, und wer ihnen wieder das „Flair“ verleiht, ist in meinen Augen ein Künstler. Außerdem ist mein bester Freund Schreiner (unsere Wohnung ist voll mit seinen Möbeln), da reden wir immer wieder über Holz und Gestaltung. Aber er macht neue Möbel – und doch bin ich auf seine Vermittlung auf den wunderbaren  Restaurator  Clemens Oppenheimer gestoßen, der meine „Werkstatt-Kapitel“ unterstützt und liebevoll begleitet hat – danke noch einmal, lieber Clemens!  Hab viel dabei gelernt …

Was verbindest du mit folgenden Stichworten: Holz, Holunder, Trennung, Kochen, Tagebuch

Holz – Wärme

Holunder – Schutz

Trennung – immer schmerzlich, oft aber auch heilsam

Kochen – wunderbar (wenn man es kann, aber jeder kann es lernen!)

Tagebuch – Geheimnis (natürlich!) 

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Welcher Prota ist dir in diesem Buch besonders ans Herz gewachsen und welcher ist dir am schwersten gefallen?

Ich mag sehr gern Bubi und Alina, aber natürlich ist es Fanny, Fanny, Fanny (obwohl ich ihre irrlichternde Schwester Fritzi auch tief ins Hertz geschlossen habe!). Am schwierigsten war vielleicht die spröde Mutter Christine, die auch ihr Päckchen zu tragen hat und erst später eine Wandlung durchläuft … 

Aber ehrlich gesagt man ich sie alle, sogar den Widerling Josef, der sich so herrlich schreiben ließ !!!

Was hält die Zukunft für Teresa Simon und ihre Leser bereit?

Hab einen neuen Klingelton für mein Handy: „Auf der Reeperbahn nachts um ½ 1  …

Also, liebe Leser und Leserinnen: Es geht auf nach Hamburg … riecht ihr schon den Kaffee duften?????? 

Was möchtest du deinen Lesern dieses Jahr mit auf den Weg geben?

Lasst euch nichts vormachen, meine Lieben, und schon gar nicht von Leuten, die so tun, als gäbe es schnelle Lösungen für schwierige Probleme. Wer nichts aus der Geschichte lernen will, dem ist einfach nicht zu helfen. 50 Millionen Tote hat uns das im Zweiten Weltkrieg gekostet – der Wahnsinn! Bleibt offen, kritisch, aber tolerant und vergesst niemals: „we are the world …“ 

Herzlichst eure Teresa.

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Liebste Teresa, 

ich danke dir für die viele gemeinsame Holunderzeit, vor allem auch während der Entstehung dieses buchigen Schatzes und freue mich, dich bald wiederzusehen, zu hören und noch viel mehr zu lesen! 

Eins muss ich nun doch noch beifügen… Über den Klingelton reden wir noch *lach*

Wer von euch noch wissen will, was uns die liebe Teresa letztes Jahr berichtet hat, klickt bitte  HIER.

Zu den „Frauen der Rosenvilla“ geht es HIER.

Mehr zu den „Holunderschwestern“ folgt in den nächsten Tagen! Stay tuned und habt es wundervoll!

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6 Kommentare zu “„Es muss nicht immer Schokolade sein!“ – Ein Wiedersehen mit Teresa Simon

  1. Hach – was für schöne und intensive Worte – ich danke dir, für deine grandiosen Fragen. Du hast da eine schöne Fragenpalette zusammen gestellt und somit habe ich nun allerhand über die wunderbare Autorin erfahren. Die Bücher sind einfach wundervoll und es macht nicht nur Spaß, gemeinsam zu lesen, sondern auch gemeinsam darüber zu sprechen.

    Danke für die Worte hier.
    Bini

    • Danke dir für diesen lieben Kommentar! Die Fragen sind mir nur so aus der Feder gepurzelt – gerade da ich in diesem Buch so tief in der Materie verankert war. Aber auch für mich war da noch sehr viel Neues zu erfahren und es war mir eine große Freude, das Interview zu führen und zu bearbeiten *lach*
      Oh ja und unsere Gespräche darüber sind ein richtiges Sahnehäubchen! Genusslesen vom Feinsten!!

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