Klassiker Weltreise – Unterwegs mit Friedrich Schiller und Giuseppe Verdi

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Heute ist es soweit: Ich bin zu Gast bei Ronja und ihrer Klassikerweltreise. Jeder der mich kennt, würde wahrscheinlich vermuten, dass ich nun „Faust“ vorstellen werde, womit ich auch tatsächlich kurz geliebäugelt habe. Aber dann gibt es da ja noch diese anderen Klassiker, die einen fesseln und nicht mehr loslassen. Die einem auf besondere Art und Weise immer wieder begegnen und die man einfach weitergeben will. Mein Klassiker für euch ist deshalb Schillers „Kabale und Liebe“. Dieses Stück möchte ich euch zunächst in seiner ursprünglichen Form als Text/Bühnenfassung für das Theater vorstellen, bevor ich mit euch dann weiter in die Oper gehe. In die Oper? Richtig gelesen! Kein Geringerer als Giuseppe Verdi persönlich nahm sich des Stoffes an und zauberte eine Oper, die zwar relativ unbekannt, aber dennoch wunderschön ist. Ich habe das große Glück, dass sie bei uns am Theater aufgeführt wird und möchte euch somit einen kleinen Exkurs in die Opernwelt inklusive Einblicke in meinen persönlichen Premierenbesuch geben. Viel Spaß dabei!

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Der Roman/Das Theaterstück: Friedrich Schiller – Kabale und Liebe

Die Handlung:

Ferdinand, Sohn des Präsidenten von Walter liebt Luise Miller, die Tochter eines einfachen Musikers. Beide Väter lehnen diese nicht standesgemäße Liebe ihrer Kinder ab. Der Präsident von Walter möchte Ferdinand mit Lady Milford verheiraten, um so einen höheren Rang bei Hofe zu erreichen – ein Plan, den Ferdinand vereitelt, indem er sich offen gegen den Vater wendet. Er geht zu Lady Milford, um ihr von seiner Liebe zu Luise zu berichten und sie so dazu zu bewegen, dieses unglückselige Bündnis aufzuheben. Dabei erfährt er aber, dass die Lady ihn wirklich liebt und auf ihn nicht mehr verzichten möchte. Luise geht daraufhin selbst zu ihr und spricht voller Unschuld und Selbstlosigkeit zu ihr. Daraufhin verlässt Lady Milford das Land und löst diese Verbindung.

Geschockt darüber, dass ihre Ziele so in die Ferne rücken und besorgt, dass Ferdinand die korrupten Machenschaften des Vaters offenlegen könnte, spinnen der Präsident und sein Sekretär Wurm eine vernichtende Intrige: Luises Eltern werden grundlos verhaftet und man redet ihr ein, dass sie diese nur retten könne, indem sie dem Hofmarschall von Kalb einen Liebesbrief schreibt. Auf diesen Brief muss sie außerdem einen Eid schwören, der den Brief als ein von ihr aus freien Stücken verfasstes Dokument belegt. Dieser Brief wird Ferdinand zugespielt, der in eifersüchtige Raserei verfällt. Luise will sich indessen durch Selbstmord von diesem Eid lösen, um so vor Ferdinand sterbend wieder die reine Liebe schwören zu können.

Ihr Vater durchkreuzt diese Pläne aber, da er Selbstmord als eine Schwäche und vor allem als ein unchristliches Verhalten anklagt, das einer schweren Sünde gleichkommt. So kann sie Ferdinand nur schweigend gegenüberstehen. Wütend und verzweifelt vergiftet Ferdinand erst sich und dann Luise. Sterbend offenbart diese dem Geliebten die Wahrheit über die Intrige und vergibt ihm. So sterben beide in Liebe. Im Moment des Todes kommt auch noch Ferdinands Vater dazu, der an dem Bild, das sich ihm zeigt, zu zerbrechen droht. Als Zeichen wahrer Größe reicht ihm der sterbende Sohn noch die Hand zur Versöhnung, bevor er seinen letzten Atemzug tut.

Luisa Miller

Rodolfo: Jason Kim – Copyright: Peter Awtukowitsch

Hintergrund

Kabale und Liebe ist ein klassisches Drama in fünf Akten von Friedrich Schiller. (Ich spare mir hier die Beschreibung der klassischen Dramentheorie. Sollte es für euch von Interesse sein, kann ich dazu natürlich noch einen kleinen Exkurs hinzufügen.) Wie so ziemlich jedes klassische Drama war es für die Bühne konzipiert und wurde am 13. April 1784 in Frankfurt am Main uraufgeführt. Es gehört zu den wichtigsten Beispielen der Literatur des Sturm und Drang, einer literarischen Strömung, die sich zur Zeit der Aufklärung ausprägte. Heute zählt es zu den bedeutendsten Theaterstücken überhaupt. Nannte Schiller es ursprünglich „Luise Millerin“, änderte er dies bald in „Kabale und Liebe“ – ein Name, von dem er sich mehr Publikumswirksamkeit erhoffte.

Das Stück handelt von der leidenschaftlichen Liebe zwischen der bürgerlichen Musikertochter Luise Miller und dem Adelssohn Ferdinand von Walter, die jedoch durch vielerlei Intrigen zerstört wird. Schiller sah in seinem Theater die Bühne schon immer als einen Ort, der einer moralischen Anstalt gleichkommt. Theater soll die von Gott geschaffene Ordnung der Welt zeigen, es hat einen Bildungs- und Erziehungsauftrag – die Reinigung des Zuschauers sei ein wünschenswertes Ergebnis des Theaterbesuchs. Eine Tatsache, die auch in „Kabale und Liebe“ nicht zu kurz kommt, denn auch dort setzt sich am Ende Gott als richterliche Instanz gegen die weltliche Justiz durch. Auch wird die Politik der Zeit an vielen Stellen offen kritisiert, was ein typisches Merkmal der Epoche darstellt.

Gattungstechnisch muss man das Stück dem bürgerlichen Trauerspiel zuordnen, einer Form der Tragödie, die – das ist die eigentliche Neuerung der Gattung – nicht mehr ausschließlich in der Adelswelt stattfindet, sondern auch das Bürgertum einschließt (siehe die Liebe Luisas zu Ferdinand). Die bestehende Ständeordnung wird gewollt außer Kraft gesetzt, der Konflikt zwischen Adel und Bürgertum wird zum zentralen Motiv. Deutlich für den Sturm und Drang ist außerdem die Vertretung individueller Interessen und subjektive Empfindungen. Man fordert die persönliche Freiheit fernab der standesbedingten Zwänge, die letztendlich immer wieder in die Katastrophe führen.

Die Oper: Giuseppe Verdi – Luisa Miller 

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Was geschieht, wenn ein großer Komponist von einem klassischen Stoff begeistert ist und den Auftrag bekommt, für Neapel zwei neue Opern zu schreiben, für die Salvatore Cammarano, der Hausdichter des Teatro San Carlo die Libretti liefern sollte? Richtig: Verdi entschied sich für eine Inszenierung für „Luisa Miller“ nach Schillers Drama „Kabale und Liebe“. Man kann fast schon sagen, dass Verdi ein Verehrer Schillers sein musste, war „Luisa Miller“ nach „Giovanna d’Arco“ (nach „Die Jungfrau von Orléons“) und „I masnadieri“ (nach „Die Räuber“) schon die dritte Vertonung eines Dramas des großen Klassikers. Es soll später noch „Don Carlos“ folgen.

Schillers „Kabale und Liebe“ bilden, wenn auch in damals zensurbedingt zurechtgestutzter Form, die Grundlage für Verdis „Luisa Miller“ (Libretto: Salvatore Cammarano), eine Oper, die in unserer Zeit nur sehr selten auf den deutschen Bühnen zu finden ist. „Warum?“, frage ich? Aufführungen finden sich in Berlin 1927, Wien 1930 oder in Zürich 1938. Warum aber nur so selten und gar kaum im deutschen Raum. Das Werk besitzt alles, was Opernfreunden den perfekten Abend bescheren kann: Eine schlüssige und gut ausgebaute Handlung, das nötige Drama, bezaubernde Melodien und Arien zum Niederknien.

Vergleicht man das Libretto mit dem Trauerspiel Schillers, darf man die Zeit nicht außer Acht lassen. Bleibt der Inhalt nahezu gleich, muss doch mit einigen Streichungen gelebt werden. So war Kritik am politischen Geschehen ein absolutes Tabu und auch der Sohn Ferdinand musste in Rodolfo umbenannt werden, da zur Entstehungszeit der König Siziliens Ferdinand hieß. Der Chor war unabdingbar in der Oper, sodass räumliche und szenische Umlagerungen erfolgen mussten und auch die Soli mussten teilweise umgeschrieben und in eine Art Hierarchie gebracht werden, was der Dramaturgie des Trauerspiels in der Umsetzung als Oper an sich einige kleine Schwächen bringt. So wird die Rolle der Herzogin in der Oper im Vergleich zu ihrer doch starken Vorlage im  Buch arg heruntergebrochen und auf wenige Szenen beschränkt und auch Wurm verliert mangels einer eigenen Arie oder ähnlichem an Handlungsmotivation, die er mit Schalk und Intrige auszugleichen versucht. All dies tut der Qualität des Stückes jedoch keinen Abbruch!

Luisa Miller

Luisa: Sonja Westermann, Wurm: Igor Leviten – Copyright: Peter Awtukowitsch

Handlung:

Aus dem klassischen Drama in fünf Akten wurden in der Oper drei Akte. Drei Worte reichen eigentlich aus, um diese Oper Verdis zu beschreiben:

Liebe – 1. Akt

Die junge und schöne Luisa feiert mit ihrem Vater, ihrem Geliebten und den Freunden und Nachbarn ihren Geburtstag. Der Vater ist dem Geliebten der Tochter gegenüber sehr misstrauisch, will Luisas Hand aber auch nicht dem dubiosen Sekretät Wurm zur Frau geben, da diese ihre Liebe frei wählen solle. Was keiner wusste: Der Geliebte Luisas ist kein Geringerer als Rodolfo, der Sohn des Grafen Walter. Dieser wiederum will Rodolfo mit der Herzogin Federica verheiraten. Als der Abend der Verlobung naht, gesteht Rodolfo dieser, in eine andere Frau verliebt zu sein. Daraufhin geht er zu Miller, gibt sich zu erkennen und bittet um die Hand Luisas. Der Graf will dies nicht akzeptieren und will Luisa und ihren Vater gefangen nehmen. Rodolfo verhindert zumindest die Festnahme Luisas.

Intrige – 2. Akt

Luisa erfährt von der Inhaftierung des Vaters und wird von Wurm erpresst. Ihr Vater wird nur am Leben bleiben, wenn sie einen Brief an Rodolfo schreibt und darin ihrer Liebe abschwört. Um das Ganze noch zu verstärken, bringt Wolf Luisa zur Herzogin, vor der sie das Spiel weiterspielen muss. Rodolfo erhält den gefälschten Brief und versöhnt sich gekränkt wieder mit dem Vater, der erneut zur Ehe mit der Herzogin drängt.

Gift – 3. Akt

Luisa ist verzweifelt und will Selbstmord begehen, wird aber von ihrem Vater davon abgehalten. Beide planen, am kommenden Tag der Stadt für immer den Rücken zu kehren. Unterdessen kommt Rodolfo,um sich an Luisa zu rächen. Während er sie bedrängt, um zu erfahren, ob ihre Liebe zu Wurm wirklich echt sei, reicht er ihr Gift und trinkt es selbst auch. Luisa bleibt zunächst bei ihrer Aussage, bis Rodolfo gesteht, dass er sie beide vergiftet hat. Dann eröffnet sie ihm die Wahrheit über die Intrige. Die Väter können den Tod ihrer Kinder jedoch nicht mehr verhindern.

Luisa Miller

Rodolfo: Jason Kim, Luisa: Sonja Westermann – Copyright: Peter Awtukowitsch

Der Opernabend – Premiere in Plauen:

Dem Musiktheaterdirektor Jürgen Pöckel ist es zu verdanken, dass es dieses Werk auf unsere Bühnen in Plauen und Zwickau geschafft hat – und das auf eine Weise, an der es nichts außer Lob zu finden gibt. Regie führte Thilo Reinardt, der im Haus schon wunderbar „Joseph Süß“ inszeniert hatte. Ein Hauch früherer 50er Jahre lag in der Luft, als die Damen und Herren in angedeuteter Rock’n Roll Manier Luisas Geburtstag feierten. Gewagt? Nein, denn es ergab sich im Folgenden eine fesselnd konsequente Regieführung, die den Abend zu einer komplett runden und in sich geschlossenen Sache machte. An seiner Seite dabei Luisa Lange, die sich für Bühne und Kostüme verantwortlich zeigt. Luisa kenne ich schon seit ihren ersten Tagen an unserem Haus und kann wiederholt nur sagen: Hut ab vor dieser Leistung. Da entstanden mit relativ geringer Kulisse und fantastischer Beleuchtung wahre Bilderwelten, die einfach nur faszinierend und traumhaft waren. Wahrlich ein goldener Griff für diese Inszenierung.

Identitätsfragen stehen im Zentrum um das große Thema der dramatischen Liebe: Wer ist man? Wer will man sein? Was will man erreichen? Zentrale Fragen, die auf der Bühne gestellt und von den jeweiligen Charakteren verkörpert werden. In einer von Gegensätzen regierten Welt agieren die Charaktere, die individueller und klarer nicht gezeichnet sein könnten. Liebe stirbt, das Böse überlebt – ein Ausgang, der Triumph und Versagen zugleich sein kann. Wir haben das kleine Haus der Millers im Vergleich zu einem pompösen Festsaal im Hause des Grafen (meine Lieblingsbilder in der Oper) und die unendlichen Weiten des Horizonts. Brillant war es auch, die Handlung quasi von Hinten her aufzurollen: Alles beginnt und endet am Grab der Kinder. In der Ouvertüre sieht man schon die Väter an den Gräbern knien und am Ende ergibt sich dasselbe Bild. Ein wahnsinnig kluger Schachzug der Regie!

Luisa Miller

Federica: Johanna Brault, Il conte di Walter: Karsten Schröter, Ensemble – Copyright: Peter Awtukowitsch

Das Philharmonische Orchester Plauen-Zwickau brillierte unter der Leitung von GMD Lutz de Veer mit großer klanglicher Qualität und vermittelte Verdis Melodien auf nahezu perfekte Art und Weise. Technisch perfekt brillierte Sonja Westermann in der Hauptrolle der Luisa Miller. In beeindruckender Höhe und Klarheit meisterte sie die anspruchsvollen Koloraturen und vermittelte eine wundervolle Ausgestaltung der Rolle. Genauso auch ihre Kontrahentin Federica, die von Johanna Brault verkörpert wurde. Beschränkt auf wenigere Szenen füllte sie den Abend sowohl spielerisch als auch stimmlich komplett und mehr als überzeigend aus und bestach mit einer wahrlich bedrohlichen Kühle in der Ausstrahlung, die der Rolle der Herzogin mehr als gerecht wurde. Jason Kim als Rodolfo verging in Liebe zu Luisa. Bedingungslos wollte er das einfache Mädchen lieben und wurde Opfer der Intrige. Genau wie die Liebe, verkörperte er auch die Verzweiflung in einmaliger Brillanz. Ebenso glänzte Shin Taniguchi in der Partie des Vaters in gewohnter einmaliger stimmlicher Qualität. Imposant auch Karsten Schröter, mein persönlicher „Bad-Boy“ des Musiktheaters. Die intriganten und bösen Rollen stehen ihm einfach nur gut zu Gesicht. Stimmlich füllt er diese auch mit seinem angenehmen Bass aus. Als letzter sei Igor Levitan zu erwähnen, der das hauseigene Ensemble gastierend in der Rolle des Wurm sowohl stimmlich als auch spielerisch bereicherte.

Summiert man dies alles, erhält man einen qualitativ sehr hochwertigen Opernabend, der den Großstädten in keinster Weise nachstehen muss, ein brillantes Ensemble von immenser Qualität und Stimmgewalt, das durch ein harmonierendes Orchester begleitet wird, sowie einen starken Chor. All dies in einer wunderbaren Kulisse vereint und perfekt ausgeleuchtet. Ja, die Beleuchtung muss hier einfach explizit erwähnt werden, denn die Jungs erzeugten einfach einmalige Stimmungen.

Luisa Miller

Miller Shin Taniguchi Luisa Sonja Westermann – Copyright: Peter Awtukowitsch

Ein verdienter fulminanter Applaus, fliegende Blumensträuße und ein toller Premierenempfang waren das wohlverdiente Ende dieses einfach perfekten Opernabends. der einmal mehr zeigte, dass es sich lohnt, auch so manche Rarität auf die Bühne zu bringen. Und: Ist es nicht wundervoll zu sehen, wie gut der teils so unwillig gelesene Stoff zum Leben erwachen kann?

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2 Kommentare zu “Klassiker Weltreise – Unterwegs mit Friedrich Schiller und Giuseppe Verdi

  1. Huhu!

    Ein ganz wunderbarer Beitrag! Besonders die Vergleiche zwischen Drama und Oper finde ich interessant, denn das Drama habe ich zwar vor langer Zeit gelesen, die Oper kenne ich dagegen nicht (und muss ehrlich zugeben, dass ich über Oper generell wenig weiß).

    Ich freue mich, wenn Klassiker mehr Beachtung in Buchblogs finden! 🙂

    LG,
    Mikka

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