Archiv | August 2016

Achtung Buch: Holmes und Ich – Die Morde von Sherringford von Brittany Cavallaro

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Manche Bücher kommen genau zur rechten Zeit, so wie dieses. Als ich im März meine erste Klasse übernommen habe, stand das Thema Krimi ganz hoch im Kurs auf dem Lehrplan und damit einhergehend natürlich große Namen wie Sherlock Holmes, Agatha Christie und Alfred Hitchcock. Namen, die aus dem Krimigenre nicht mehr wegzudenken sind und die ihren guten Ruf bis heute gewahrt und verstärkt haben. Agatha Christie erfährt ein großes Comeback im Aufbau Verlag und Sherlock Holmes verfolgt uns in einer brillanten Neuverfilmung als Serie mit dem fabelhaften Mr. Cumberbatch und Co. Doch auch aus dem Bereich Jugendbuch kann man den Charmanten Detektiv mit seinen Markenzeichen Mütze und Pfeife nicht mehr wegdenken. Auf vielfältige Weise begegnet er uns immer wieder, sei es bei Fischer FJB als Young Sherlock Holmes oder nun hier im DTV. Eins haben sie aber alle gemeinsam: Sie verstehen das Publikum zu fesseln.

Und dieses Handwerk versteht auch Brittany Cavallaro in ihrem Buch „Holmes und Ich“, obwohl, oder gerade weil sie einmal eine ganz andere Herangehensweise wählt. Stellt euch vor, ihr müsst eure geliebte Heimat London verlassen, da ihr ein Stipendium für einen Platz an einem Elite-Internat an der Ostküste der USA erhalten habt. Kann passieren, denkt ihr euch. Aber dann trefft ihr genau dort auf den Menschen, der euer Unterbewusstsein schon das ganze Leben lang beschäftigt: Charlotte Holmes, Nachfahrin des einzigartigen und legendären Sherlock Holmes. Und ihr? Ihr seid kein Geringerer als Jamie Watson, Nachfahre Doktor Watsons. Schicksal, Vorhersehung, Zufall oder doch ein abgekartetes Spiel? Findet es heraus! Euch bleibt nicht viel Zeit, denn schon kurze Zeit, nachdem ihr an der Eliteuniversität angekommen seid, geschieht ein erster Mord. Hauptverdächtige: Jamie Watson und Charlotte Holmes. Misstrauen und Beobachtung von allen Seiten folgen auf die Geschehnisse und auf einmal holt euch die Vergangenheit ein. Nur ihr beiden könnt gemeinsam den Mord von Sherringford  aufklären. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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Brittany Cavallaro ist mit ihrer Version von Sherlock Holmes ein toller Auftakt gelungen. Von einer ganz neuen Seite beleuchtet sie das Leben des berühmten Detektivs, nämlich durch die Augen seiner Nachfahrin Charlotte, die ihm gar nicht so unähnlich ist. Ausgestattet mit einer sehr egozentrischen und eigenen Art sowie zahlreichen Ticks, gelingt es ihr sehr schnell den jungen Watson in ihren Bann zu ziehen, der eigentlich nichts wollte, außer ein ruhiges Leben zu führen und eins tunlichst zu vermeiden: Charlotte Holmes zu begegnen. Unmöglich! Denn schon bei der ersten Begegnung ist es um den jungen Mann geschehen. Nach und nach raufen sich die beiden mehr zusammen und Watson gelingt es, den harten Panzer um den Kern Charlottes zu durchbrechen. Beide Charaktere erzählen und berichten parallel über ihre Erlebnisse, sodass der Leser die verschiedenen Gedanken sehr plastisch vermittelt bekommt. Dabei spart die Autorin an keiner Stelle mit Details und Beschreibungen, sodass vor dem inneren Auge des Lesers eine sehr lebendige Welt entsteht. Ebendiese Perspektivenwechsel machen das Buch sehr spannend und halten den Leser in den Seiten gefangen. Man mag das Buch kaum mehr aus den Händen legen, wenn man einmal damit begonnen hat.

Der Autorin ist hier ein wirklich tolles Jugendbuch gelungen. Die gewählte Thematik punktet mit Spannung, einer gut durchdachten Handlung, aber auch mit viel Romantik und Herzblut, was im Jugendgenre einfach auch nicht fehlen darf. Schauplätze und die Atmosphäre sind zauberhaft beschrieben und mit viel Liebe zum Detail zum Leben erweckt worden und stets schwebt die Erinnerung an die großen Vorbilder über der Geschichte. Ein prima Auftakt, den ich jedem Jugendlichen Krimifreund und auch den „großen“ Verehrern von Sherlock Holmes nur empfehlen kann. Ich freue mich schon auf weitere spannende Abenteuer der beiden!

Achtung Buch: Die Bechsteins: Eine Familiengeschichte von Gunna Wendt

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Viele meiner Freunde wissen, dass es mir eine große Freude machen kann, eine gute Biografie in den Händen zu halten und diese natürlich auch zu lesen. Und bei manchen Biografien weiß ich schon lange, dass ich sie lesen will, bevor sie überhaupt auf den Markt kommen. Genauso war es mit der Biografie der Familie Bechstein von Gunna Wendt. Schon in der letzten Verlagsvorschau ist mir das Cover ins Auge gestochen: Mattschwarz. Ein stilisierter Flügel. Goldene Schrift. Schlicht aber alles sagend. Dann noch ein kurzer Blick auf den Klappentext und mein Entschluss stand fest. Dieses Buch muss ich haben – unbedingt!

Und – so viel kann ich jetzt schon sagen – enttäuscht wurde ich keinesfalls. Habe ich erwartet, größtenteils über den Klavierbauer Carl Bechstein zu erfahren, war ich schon auf den ersten Seiten überrascht, welchen Weg die Autorin einschlug. Nicht nur Carl stand im Zentrum der Biografie, sondern die ganze Familie findet Beachtung. Neben Carl waren das vor allem Ludwig Bechstein, der als zukünftiger Autor unter anderem die „Tannhäuser-Sage“ entdeckte, die später Wagner zu seiner berühmten Oper inspirieren sollte.

Doch erst einmal zurück zu Carl. 1826 wurde er geboren und war von einem überragenden Gehör gesegnet, dass ihm mitsamt seinem großen handwerklichen Geschick den Weg zur Karriere eines großen Klavierbauers ebnen sollte. 1953 machte er sich nach harten Lehr- und Wanderjahren mit seiner ersten Werkstatt selbstständig. Ein Jahr, das zum goldenen Jahr der großen Klavierhersteller werden sollte: In New York wuchs Steinway heran, in Leipzig Blüthner und in Berlin Bechstein. Drei große Unternehmen, die allesamt in Deutschland gegründet wurden und bis heute großen Weltruhm genießen. Ja, richtig, auch Steinway stammt aus Deutschland, da Steinway niemand anderer war als ein gewisser Herr Steinweg aus dem Harz.

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Ein erster wichtiger Wegbegleiter für Carl war der Komponist Franz Liszt und es sollten viele weitere folgen, die den guten Ruf der Bechstein-Flügel besiegeln sollten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts ging es steil bergauf, obwohl Carl selbst im Jahr 1900 verstarb. Die drei Söhne übernahmen das Unternehmen, wobei es durch den ersten Weltkrieg zu einer ersten Krise kam: Die Menschen hatten nun andere Dinge im Kopf als die schönen Künste und auch viele Auslandsfilialen mussten geschlossen werden.

Viel schlimmer schadeten jedoch der Zweite Weltkrieg und die Jahre der Weimarer Republik dem Unternehmen. Carls Sohn Edwin gehörte seit den frühen Zwanziger Jahren zu den Förderern Hitlers, den seine Frau Helene liebte und ideell und finanziell stark unterstütze. Dies war ein Makel, der dem Unternehmen nachhaltig schadete, auch nachdem Edwin auf Drängen der Familie das Unternehmen verlassen musste.

Nichts desto trotz blieb das Unternehmen bis heute eine erstklassige Klaviermanufaktur, das noch immer über Weltruhm verfügt und großartige Künstler zu seinen Anhängern zählt. Hat Carl schon zu Beginn seiner Karriere verstanden, geschickt Netzwerke zu spinnen, setzen sich diese bis heute fort und werden in Künstlerkreisen weiter gesponnen. Ganz gleich ob die Beatles, Queen, Elton John oder große Künstler der Klassikszene – alle vereint bis heute der Name Bechstein. Name einer Familie, die eine spannende Geschichte zu erzählen hat, die Gunna Wendt sehr gekonnt niedergeschrieben hat.

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Spannend und informativ erzählt Gunna Wendt die Entstehung der Familiendynastie und setzt ihr Augenmerk dabei auf alle Mitglieder der Familie Bechstein und deren individuellen Entwicklungen. Ergänzt wird dies durch eine Vielzahl gegenwärtiger Stimmen, die sich aktuell zum Stellenwert eines Bechsteinflügels äußern. Interviews mit Pianisten, Musikern und Komponisten wurden im Text eingebunden und bieten so eine absolut abgerundete Geschichte vom Beginn des Flügelbaus bis heute. Für mich als bisherige Steinway-Verehrerin ein wahres Lesevergnügen, das mir auch nach über 10 Jahren direkter und indirekter Orchesterarbeit so viel Neues vermitteln konnte und dabei so viel Freude gemacht hat! Eine wahre Empfehlung für alle Musikfreunde und diejenigen, die gern spannende und sehr gut recherchierte Biografien lesen mögen!

Achtung Buch: Die Vegetarierin von Han Kang

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Als eine der großen literarischen Entdeckungen wird „Die Vegetarierin“ von der südkoreanischen Autorin Hang Kan angepriesen, und das mit Recht. Nachdem ich binnen weniger Tage dieses Werk nahezu verschlungen habe, bin ich noch immer zutiefst aufgewühlt, verstört und zugleich beeindruckt von dem Gelesenen. Im Vorfeld war mir die Autorin gänzlich unbekannt und rückte nur durch meine neugeweckte Liebe zur asiatischen Literatur in meinen Fokus, die oftmals mit leisen Worten so vieles auf eine besondere Art und Weise auszudrücken vermag.

Und genau so war es auch mit diesem Buch. Wenige Sätze genügten, um mich vollkommen in den Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Mittendrin war ich in der Geschichte der Südkoreanerin Yong Hye, einer ganz normalen Ehefrau – fast schon zu normal, wenn man ihrem Ehemann glaubt, der genau das schon zu Beginn des Romans beschreibt:

„Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“, sagt er. „Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen. Auf diese Weise brauchte ich keine intellektuellen Hochleistungen zu vollbringen, um sie für mich zu gewinnen.“

Normal und unscheinbar: Werte, die für ihn groß geschrieben werden. Auf keinen Fall auffallen oder gar anders sein. So lebten sie still miteinander oder doch eher nebeneinander in einem Land, das von ebendiesen Normen geprägt ist. Bis zu jenem besagten Abend, an dem alles Yong Hye vor dem Kühlschrank sitzt, inmitten von haufenweise eingefrorenem Fleisch in allen Variationen. Fleisch, das man von keiner Speisekarte wegdenken kann und das zum Leben gehört wie die Luft zum Atmen. Alle essen Fleisch, die ganze Familie kocht und liebt es. Vegetarismus ist streng verpönt und absolut nicht akzeptabel. Schon gar nicht in Yong Hyes Familie. Doch dann passiert genau in dieser Nacht das Unglaubliche. Yong Hye hört auf Fleisch zu essen, überhaupt alles Tierische wird von der Speisekarte gestrichen. Eine einzige knappe Begründung gibt es immer wieder:

„Ich hatte einen Traum.“

Nich mehr und nicht weniger. Träume waren es von Blut, von Fleisch, vom Fressen und gefressen werden. Aus der Ablehnung des Fleisches wird eine Ablehnung des Essens überhaupt. Mehr und mehr verfällt die junge Frau und geht vor den Augen ihrer Familie zugrunde. Bis es bei einer Familienfeier zur Eskalation kommt: Der Vater, das Oberhaupt der Familie, versucht seine Tochter „zu Vernunft“ zu bringen, indem er ihr gewaltsam Fleisch in den Mund steckt.

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Spätestens in diesem Moment wird alles klar: Fleisch ist nicht nur Fleisch und auch nicht nur ein Symbol für das Essen in Korea. Fleisch steht in diesem Buch als Symbol für Gewalt, für alle Gewalt, gegen die es aufzubegehren gilt. Ganz gleich ob häusliche Gewalt oder andere tätliche Gewalt. Und Yong Hye steht genau in der Mitte des Ganzen als Symbol für den Kampf und für die Freiheit in einer Umgebung, die dieser entgegensteht. Sie steht für den Kampf und für den Wandel.

Und der Wandel ist ein weiterer wichtiger Aspekt, der im Roman schon fast kafkaesk anmutet, wenn nicht sogar ein wenig an Ovids Metamorphosen denken lässt. Mit dem Verzicht auf Fleisch kommt in der jungen Frau nämlich ein großer Wunsch auf: Sie will selbst zur Pflanze werden. Und einen Moment, einen sehr bizarren Moment lang, scheint dieser sogar wahr zu werden. Ein wilder Akt, den ich an dieser Stelle nicht näher beschreiben will, der für mich aber zu einer schockierenden und dennoch sehr faszinierenden Stelle im Buch wurde. Ein Akt der Befreiung, nachdem sie sich schon in der Öffentlichkeit entblößte und der Sonne entgegenstreckte – wie eine Pflanze auf der Suche nach dem rettenden Sonnenlicht.

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Leise Töne dominieren diesen Roman – leise Töne, die so laut in den Ohren widerhallen wie die Gewalt und die Brutalität, die hinter dem gesamten Verhalten Yong Hyes stecken und Auslöser des Ganzen sind. Gewalt und Brutalität, die das Leben der jungen Frau von Kindesbeinen an auf verschiedenste Art und Weise prägten und die immer gut verschlossen unter der Oberfläche gehalten wurden – man muss ja schließlich die Norm wahren.

Der Verzicht auf Fleisch – ein stummer Aufschrei mit einer gravierenden Wirkung. „Lass uns einfach nicht nach Hause gehen“, sagte sie zu ihrer Schwester in jungen Jahren. Damals schon ein leiser Hilferuf, der nie erhört wurde. Vielleicht hätte es etwas geändert, vielleicht auch nicht…

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Tief aufgewühlt lässt mich dieser Roman zurück, voller Fragen, auf die ich momentan keine Antworten finde und vielleicht auch nicht finden werde oder finden will. Nicht umsonst hat „Die Vegetarierin“ den Man Booker International Prize gewonnen und wird hoch im Kurs gehandelt. Er ist ein literarisches Meisterwerk, das einen von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und weit darüber hinaus beschäftigt. Man schaut über die Grenzen, denn dieser Roman steht für weit mehr als für den Vegetarismus in Korea, als für Normen und Auflehnung. Er hält uns einen Spiegel vor, einen Spiegel der Gesellschaft und der Doktrinen. Einen Spiegel derer, die die Freiheit suchen und alles dafür geben. Und steht es nicht jedem Menschen frei, das zu sein? FREI?