Achtung Buch: Die Vegetarierin von Han Kang

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Als eine der großen literarischen Entdeckungen wird „Die Vegetarierin“ von der südkoreanischen Autorin Hang Kan angepriesen, und das mit Recht. Nachdem ich binnen weniger Tage dieses Werk nahezu verschlungen habe, bin ich noch immer zutiefst aufgewühlt, verstört und zugleich beeindruckt von dem Gelesenen. Im Vorfeld war mir die Autorin gänzlich unbekannt und rückte nur durch meine neugeweckte Liebe zur asiatischen Literatur in meinen Fokus, die oftmals mit leisen Worten so vieles auf eine besondere Art und Weise auszudrücken vermag.

Und genau so war es auch mit diesem Buch. Wenige Sätze genügten, um mich vollkommen in den Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Mittendrin war ich in der Geschichte der Südkoreanerin Yong Hye, einer ganz normalen Ehefrau – fast schon zu normal, wenn man ihrem Ehemann glaubt, der genau das schon zu Beginn des Romans beschreibt:

„Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“, sagt er. „Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen. Auf diese Weise brauchte ich keine intellektuellen Hochleistungen zu vollbringen, um sie für mich zu gewinnen.“

Normal und unscheinbar: Werte, die für ihn groß geschrieben werden. Auf keinen Fall auffallen oder gar anders sein. So lebten sie still miteinander oder doch eher nebeneinander in einem Land, das von ebendiesen Normen geprägt ist. Bis zu jenem besagten Abend, an dem alles Yong Hye vor dem Kühlschrank sitzt, inmitten von haufenweise eingefrorenem Fleisch in allen Variationen. Fleisch, das man von keiner Speisekarte wegdenken kann und das zum Leben gehört wie die Luft zum Atmen. Alle essen Fleisch, die ganze Familie kocht und liebt es. Vegetarismus ist streng verpönt und absolut nicht akzeptabel. Schon gar nicht in Yong Hyes Familie. Doch dann passiert genau in dieser Nacht das Unglaubliche. Yong Hye hört auf Fleisch zu essen, überhaupt alles Tierische wird von der Speisekarte gestrichen. Eine einzige knappe Begründung gibt es immer wieder:

„Ich hatte einen Traum.“

Nich mehr und nicht weniger. Träume waren es von Blut, von Fleisch, vom Fressen und gefressen werden. Aus der Ablehnung des Fleisches wird eine Ablehnung des Essens überhaupt. Mehr und mehr verfällt die junge Frau und geht vor den Augen ihrer Familie zugrunde. Bis es bei einer Familienfeier zur Eskalation kommt: Der Vater, das Oberhaupt der Familie, versucht seine Tochter „zu Vernunft“ zu bringen, indem er ihr gewaltsam Fleisch in den Mund steckt.

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Spätestens in diesem Moment wird alles klar: Fleisch ist nicht nur Fleisch und auch nicht nur ein Symbol für das Essen in Korea. Fleisch steht in diesem Buch als Symbol für Gewalt, für alle Gewalt, gegen die es aufzubegehren gilt. Ganz gleich ob häusliche Gewalt oder andere tätliche Gewalt. Und Yong Hye steht genau in der Mitte des Ganzen als Symbol für den Kampf und für die Freiheit in einer Umgebung, die dieser entgegensteht. Sie steht für den Kampf und für den Wandel.

Und der Wandel ist ein weiterer wichtiger Aspekt, der im Roman schon fast kafkaesk anmutet, wenn nicht sogar ein wenig an Ovids Metamorphosen denken lässt. Mit dem Verzicht auf Fleisch kommt in der jungen Frau nämlich ein großer Wunsch auf: Sie will selbst zur Pflanze werden. Und einen Moment, einen sehr bizarren Moment lang, scheint dieser sogar wahr zu werden. Ein wilder Akt, den ich an dieser Stelle nicht näher beschreiben will, der für mich aber zu einer schockierenden und dennoch sehr faszinierenden Stelle im Buch wurde. Ein Akt der Befreiung, nachdem sie sich schon in der Öffentlichkeit entblößte und der Sonne entgegenstreckte – wie eine Pflanze auf der Suche nach dem rettenden Sonnenlicht.

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Leise Töne dominieren diesen Roman – leise Töne, die so laut in den Ohren widerhallen wie die Gewalt und die Brutalität, die hinter dem gesamten Verhalten Yong Hyes stecken und Auslöser des Ganzen sind. Gewalt und Brutalität, die das Leben der jungen Frau von Kindesbeinen an auf verschiedenste Art und Weise prägten und die immer gut verschlossen unter der Oberfläche gehalten wurden – man muss ja schließlich die Norm wahren.

Der Verzicht auf Fleisch – ein stummer Aufschrei mit einer gravierenden Wirkung. „Lass uns einfach nicht nach Hause gehen“, sagte sie zu ihrer Schwester in jungen Jahren. Damals schon ein leiser Hilferuf, der nie erhört wurde. Vielleicht hätte es etwas geändert, vielleicht auch nicht…

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Tief aufgewühlt lässt mich dieser Roman zurück, voller Fragen, auf die ich momentan keine Antworten finde und vielleicht auch nicht finden werde oder finden will. Nicht umsonst hat „Die Vegetarierin“ den Man Booker International Prize gewonnen und wird hoch im Kurs gehandelt. Er ist ein literarisches Meisterwerk, das einen von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und weit darüber hinaus beschäftigt. Man schaut über die Grenzen, denn dieser Roman steht für weit mehr als für den Vegetarismus in Korea, als für Normen und Auflehnung. Er hält uns einen Spiegel vor, einen Spiegel der Gesellschaft und der Doktrinen. Einen Spiegel derer, die die Freiheit suchen und alles dafür geben. Und steht es nicht jedem Menschen frei, das zu sein? FREI?

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Ein Kommentar zu “Achtung Buch: Die Vegetarierin von Han Kang

  1. Hallo und guten Tag,

    ungewöhnlich……waren meine ersten Gedanken zu diesen Roman. Und der Schritt ist schon sehr gewaltig…da kommt man schon ins Grübeln…

    Danke für das Vorstellen des Romames.

    LG..Karin…

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