Achtung Buch: Die Nachtigall von Kristin Hannah

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Und wieder verschlug mich meine Lesereise nach Paris. Diesmal in ein Paris, das in seinen schwersten Jahren steckte, nämlich mitten in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Noch immer zehrten die Menschen an den Verlusten, Ängsten und sonstigen schlimmen Folgen des Ersten Weltkrieges, als sich die neue Katastrophe unausweichlich anzubahnen begann.     Ein historischer Rahmen, des es wohl recherchiert zu füllen gilt – damit hat sich Hannah eine wahrlich schwierige Aufgabe gestellt. Denn: So aktiv wie sich die deutsche Seite von Beginn des Krieges an zeigte, so passiv verhielten sich die Franzosen. Kristin Hannah gelang es jedoch auf Anhieb, genau diese besondere Stimmung im Land einzufangen. Man erduldete die Übernahme, ohne sich ihr wirklich entgegenzusetzen. Seitens des Vichy-Regimes wurden die Menschen angehalten, sich ruhig zu verhalten und kaum jemand traute sich, dem Feind entgegenzutreten. „Drôle de Guerre“ lautet ein Stichwort – ein passives Verhalten an der Westfront seitens der Franzosen und der Briten. Keine wirkliche Kriegshandlung fand statt. Beruhigend für die Franzosen, die zwar über ein mehrere Millionen Mann starkes Heer verfügten, dieses aber nie auf einen wirklichen offensiven Krieg vorbereitet hatten. Außerdem stütze sich alle Aufmerksamkeit sowieso auf die Maginot-Linie, die es zu verteidigen galt.

Eine wahrlich komische Situation, die so jedoch nicht Bestand hatte. Im Laufe der folgenden Kriegsjahre schlug sich die Passivität im Land um: die Deutschen besetzten das Land mehr und mehr, die Maginot-Linie hatte nicht gehalten. Und auch die Franzosen begannen sich zu regen. Politische Aggression grids um sich und Begriffe wie Deportation, Judenverfolgung, Vertreibung der Bevölkerung, Repressalien und Flucht begannen den Alltag zu prägen. Das Vichy-Régime versagte und gestand sich dieses Versagen nicht ein. Und unter dieser Decke begann man einen Namen zu murmeln: de Gaulle. Ein Mann, den niemand kannte, der aber schon bald mit Begriffen wie Résistance – Widerstand in Verbindung gebracht werden sollte. Eine politische Kulisse, die Kristin Hannah perfekt umzusetzen versteht. Jede Seite des Buches atmet die Seele Frankreichs zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Und inmitten dieser Geschichte haben wir sie: Zwei Schwestern, die vieles gemeinsam haben und doch verschiedener nicht sein könnten: Vianne und Isabelle de Rossignol.

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Beide Frauen leben ihr Leben im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkrieges und müssen allein auf sich gestellt ihren eigenen Weg finden. Nach dem Tod der Mutter scheiterte der Vater an seiner neuen Rolle und die Mädchen schlugen sich mehr oder weniger allein durch – eine Tatsache, die durch das übersprühende Temperament Isabelles noch verschlimmert wurde. Vianne, die Ältere ist glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter. Ein Glück, für das sie wie eine Löwin kämpft. Im Vergleich dazu springt Isabelle zeitlos durch ihr Leben. Kaum zu bändigen ist sie und Regeln und Normen sind ihr fremd. Und genau diese verschiedenen Charakterzüge sind es, die die beiden Frauen an einen Scheitelpunkt bringen: Der Krieg ist da, aber wie geht man mit ihm um?

Viannes Mann Antoine wird einberufen und gerät ziemlich schnell in Kriegsgefangenschaft. Bald schon quartiert sich ein deutscher Offizier bei ihr ein und der Zwiespalt zwischen Abneigung und Kompromissbereitschaft bestimmt das Leben der jungen Frau und ihrer Tochter. Viel schlimmer trifft dies jedoch Isabelle, die sich genau damit nicht abfinden kann. Sie kann nicht still zusehen, wie die Deutschen ihr Land, ihr Leben und nun auch noch ihre Familie okkupieren. Ihre Gefühlsausbrüche schweben permanent wie ein Damoklesschwert über dem Leben der Familie, bis zu dem Tag, an dem sie beschließt, etwas  gegen den Krieg zu tun. Durch ihre Zähigkeit und ihren starken Willen findet sie ihren Platz und ihre Bestimmung in den Reihen der Résistance und ist bereit, selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen – koste es, was es wolle.

„In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.“

Zwei Schwestern, zwei Wege. Wege, die auf den ersten Blick nicht weiter auseinandergehen könnten und die nicht weiter zur Entfremdung führen könnten. Zwei komplexe Erzählebenen, die dem Leser eine breite Sicht auf das Geschehen in Frankreich sowie auf das Leben der Frauen, einmal im privaten und einmal im Widerstand, vermitteln. Eine Sichtweise, die sehr authentisch und klar ist. Vianne erlebt tagtäglich das Grauen der Besatzung mit dem steigenden Mangel der Versorgung bis hin zur harten Durchsetzung der antijüdischen Gesetze. Sie sieht Freunde abtransportiert werden, sie sieht Kinder sterben und erträgt dies. Noch. Im Gegensatz dazu stürzt sich Isabelle in ein wagemutiges Abenteuer: Ihr gelingt es unter dem Decknamen „Nachtigall“ abgeschossene alliierte Piloten über die Pyrenäen zu bringen und wird zu einem der meistgesuchten Feinde der Deutschen. Angst kennt sie dabei nicht. Noch nicht.

Und doch sind es genau diese verschiedenen Wege, die die Schwestern wieder vereinen sollen, ohne dass diese es zu Beginn merken. Beide stellen sie fest, dass der Krieg seine eigenen Regeln schreibt. Vianne, die immer voller Liebe war, muss lernen, dass eine Liebe nicht mehr geliebt werden darf. Isabelle hingegen erfährt die erste große Liebe, allerdings auch eine Liebe, die nicht geliebt werden darf. Doch zum ersten Mal kann sie nun verstehen, wie ihre Schwester bedingungslos alles erdulden kann, um ihre Familie zu schützen. Auch der Verlust des Vaters, von dem beide Schwestern nach dem Tod der Mutter nur Ablehnung erfuhren, prägt das Leben der Schwestern auf besondere Weise. Beide Schwestern beginnen zu kämpfen, jede auf ihre Art und Weise, aber beide – ohne dies zu wissen – für dasselbe Ziel. Und beide haben doch mehr von der anderen in sich, als sie es sich je eingestehen würden.

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Zwei Frauen vor einer einmalig realistisch erschaffenen Kulisse. Zwei Frauen, deren Schicksal mich nachhaltig so stark prägt, dass es nur schwer einzuordnen ist. Zwei Leben, die genau so hätten gelebt werden können. Keine Klischees, keine Übertreibung, sondern zwei präzise herausgearbeitete Charaktere, die für ein ganzes Land stehen. Ihre Entwicklungen und Denkprozesse, die einfach nur beeindruckend sind. Ein über sich selbst Hinauswachsen der ganz besonders großen sprachlichen und stilistischen Klasse wird präsentiert, das einen atemlos an der Seite beider Schwestern hält. Für Romantische Verklärung ist nicht viel Platz, aber dennoch wird jedes zarte Gefühl der Liebe und Zuneigung so klar beschrieben, dass es die Kälte des Krieges wie eine zarte Flamme zu durchdringen vermag.

Ein Roman, der so tief ist, so intensiv und so herzzerreißend, dass ich ihn nie wieder aus meinem Herzen vertreiben mag. Ein Roman, der mich so stark beeindruckt hat, wie es nur wenige Romane mit dieser Thematik zu tun vermögen. Zwei Schwestern, die mich seit der letzten Seite wie zwei Schatten begleiten, mit denen ich eine intensive Zeit verbrachte, mit denen ich lebte, litt und weinte und die mich mit ihrer Stärke zu prägen vermochten. Zwei Schwestern, die ihren Platz in meinem Herzen gefunden haben, die mich nicht nur einmal zum Weinen brachten und die mich festhielten und mir Wärme gaben, als mich die Kälte des Krieges gefangen hielt. Ein Buch für die langen Herbstabende, ein Buch zum sich darin verlieren. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Für mich nahezu unübertrefflich!

„Manche Geschichten haben kein glückliches Ende. Selbst wenn es um Liebe geht. Womöglich vor allem dann.“

 

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6 Kommentare zu “Achtung Buch: Die Nachtigall von Kristin Hannah

  1. Eine wunderbare Rezension, mit dem du dieser grandiosen Geschichte absolut Fall gerecht wirst. 🙂 Chapeau!

    Ich veröffentliche in den nächsten Tagen auch einen kleinen Beitrag über das gleichnamige Hörbuch und würde deine Besprechung dann gerne dort verlinken.

  2. Pingback: *Hörbuch.Steckbrief* Die Nachtigall / Kristin Hannah | super.lese.helden

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