Achtung Theater: „Terror“ von Ferdinand von Schirach

Terror

Biegler, Verteidiger Daniel Koch – Vorsitzende Ute Menzel – Nelson, Staatsanwältin Anja Schreiber – Protokollführerin Susann Schmidt

Endlich gibt es Neues aus der Kategorie „One Night at the Opera“. Diesmal ist es aber kein schöner Musiktheaterabend, den ich euch präsentieren möchte, sondern ein brisanter Premierenabend aus der Sparte Schauspiel.

Wie an vielen anderen Theatern in Deutschland und in der Welt steht auch bei uns am Theater Plauen-Zwickau seit dem 08.10.2016 das Stück „Terror“ auf dem Spielplan – ein Stück zum nachdenken, in sich gehen und reflektieren. Ein Stück von erschreckender und knallharter Realität. Denn „Terror“ ist kein Fantasiegebilde. Mann kann ihn nicht leugnen oder verdrängen. Er ist da. Allgegenwärtig. Anschläge und Attentate bestimmen die Nachrichten und das Leben der Menschen in allen Ländern. Auch bei uns. Doch um was geht es im Stück genau?

Ferdinand von Schirachs Justizdrama macht den Zuschauer zum Schöffen und gibt ihm somit die Macht, der  den Ausgang des Prozesses direkt mitzuentscheiden. Schuldig oder unschuldig, das ist also die Frage, die wie ein Damoklesschwert von Beginn an über dem Abend schwebt. 124 gegen 164 könnte ein solches Ergebnis lauten. 124 plädieren für Schuldig, 164 für unschuldig – solche Ergebnisse sind es, die momentan an den Theatern besprochen und international ausgewertet werden. Ergebnisse, die die Meinung spalten, die moralische Entscheidungen fordern, welche niemandem leicht fallen dürften und die dennoch binnen weniger Momente getroffen werden müssen.

Terror

Lars Koch, Angeklagter – Leonard Lange

Wir sind mitten dabei in einem Prozess, bei dem ein 31jähriger Angeklagter verhört wird. Lars Koch sein Name, Major der Luftwaffe sein Beruf. Eine Frau, ein Sohn – Boris, 2 Jahre alt. Koch schoss mit seinem Kampfjet eine Zivilmaschine der Lufthansa ab, welche von Terroristen übernommen worden war. Der Terrorist hatte gedroht, ebendiese Maschine in die mit 70.000 Zuschauern ausverkaufte Allianz Arena zu steuern und dort zum Absturz zu bringen. 70.000 Opfer wären die Folge gewesen. Koch widersetzte sich der Anweisung des Vorgesetzten und verhinderte dieses Attentat, indem er das Flugzeug abschoss und somit vom Kurs auf die Arena brachte. Mit der Rettung der 70.000 tötete er jedoch bewusst 164 Menschen (die allerdings in der logischen Konsequenz des Attentats so uns so gestorben wären). Und genau damit befinden wir uns im Konflikt: Ist Lars Koch ein Verbrecher oder ein Held? Der Aspekt der Justiz, nachdem er natürlich schuldig zu sprechen ist, sei hierbei jedoch hinten angestellt, denn die Verhandlung basiert auf einer viel höheren Ebene, der Ebene der Moral.

Terror

Christian Lauterbach, Michael Schramm – Vorsitzende Ute Menzel – Protokollführerin Susann Schmidt

Ohne Kitsch und unnötige Nebenhandlungen und Überraschungen läuft die vom Schauspieldirektor Gilbert Mieroph auf den Punk inszenierte Gerichtsverhandlung ab. Als Kulisse dient ein klassischer Gerichtssaal. Wir haben die Vorsitzende (Ute Menzel), den Angeklagten Lars Koch (Leonard Lange) samt seines Verteidigers (Daniel Koch) und auf anderen Seite die Staatsanwältin Nelson (Anja Schreiber) samt Nebenklägerin Meier (Nadine Assmann). Abgerundet wird das ganze durch den Zeugen Lauterbach (Michael Schramm), den Wachtmeister (René Weidlich) und die Protokollführerin (Susann Schmidt). Nur wenige Leute in einem imposant aufgebautem Gerichtssaal. Eine angespannte Stimmung, die sich auf den Zuschauer überträgt. Standpunkte werden vorgetragen, mit Argumenten untermauert und umgeworfen. Meinungen und Weltbilder prallen aufeinander, die Verhörten werden moralisch in die Ecke gedrängt. Was wäre wenn… Fragen, die schwer zu beantworten sind; die man sich jedoch stellen muss, um ein Urteil fällen zu können. Ein Urteil, das jeder für sich allein fällen muss – in kürzester Zeit. Denn das ist eine weitere Besonderheit dieses Stücks. Wenn man das Buch vorher nicht gelesen hat, findet man sich genau in einem einmaligen Experiment wieder. Im ersten Teil, etwa 80 min. wird man mit der Materie des Falls vertraut gemacht. Was geschah?  Was hätte geschehen können? Wie lauteten die Anweisungen, die der Pilot erhalten hat? Hätte er anders handeln können? Knall auf Fall wie aus einem Maschinengewehr werden die Fakten im angespannten Stakkato abgefeuert und auch die Gerichtsdiener sind sich nicht immer einig, was die impulsiven Reaktionen zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft an verschiedenen Stellen deutlich machten. Eine Reaktion, die rein menschlich ist, im Anbetracht dieses Falls.

20 Minuten Pause

Danach: Etwa 30 Minuten Zeit für die Plädoyers der Staatsanwaltschaft sowie der Verteidigung. Man ist verwirrt, hin und her gerissen in seinen eigenen Gedanken. Lag man richtig mit seiner Entscheidung, oder soll man diese noch einmal hinterfragen? Wann hat sich die eigene Meinung geändert? Und warum? Schuldig? Nicht schuldig? Aber sie wären ja sowieso gestorben… Es sind doch Menschen… Kann man wenige Menschenleben gegen viele aufwiegen? Fragen über Fragen. Man ist gewissermaßen in die Ecke gedrängt. Ging es Lars Koch nicht ebenso? Er musste handeln, binnen Sekunden eine Entscheidung im großen Ausmaß treffen. So wie es nun jeder einzelne Zuschauer tun muss. Koch entschied über 164 Leben, wir in gewisser Weise über eines. Die Saaltüren fliegen auf, Zeit für die Abstimmung. Man bemerkt die Unruhe unter den Leuten, die leisen gemurmelten Diskussionen, ein kurzer Austausch, bevor das Signal zur Abstimmung ertönt. Jeder wirft seinen Abstimmungs-Coin in eine der vorgesehenen Boxen. Schuldig oder Unschuldig. Auch nach der Abstimmung herrscht ein reger Austausch, während hinter den Kulissen das Ergebnis ausgezählt wird. Es schien – zumindest auf unserer Seite – sehr ausgewogen.

Terror

Biegler, Verteidiger Daniel Koch – Wachtmeister Rene Wedlich – Lars Koch, Angeklagter Leonard Lange – Vorsitzende Ute Menzel – Protokollführerin Susan Schmidt

 Die Vorsitzende tritt auf: Lars Koch wird in diesem Fall freigesprochen. Es folgt die Urteilsbegründung und das Stück ist vorbei. Begeisterung und viel Applaus begleiten die Verbeugungsordnung – sehr verdient, denn wenngleich das Stück nicht von viel körperlicher Handlung oder einem fulminanten Bühnenbild geprägt ist, zeigt es eine große sprachliche Kunst. Gesetzestexte, moralische Fragen, Gedankenspiele, Gleichnisse, Anschuldigungen und Verteidigungen reichen sich wie Pistolenschüsse die Hand. Eine Dynamik entwickelt sich, die während des Stückes zu starker Spannung heranwächst und den Zuschauer im Bann hält. Eine großartige Leistung aller Beteiligten, der Regie sowie der Ausstattung!

Ferdinand von Schirach hat für seinen Richter zwei Urteilsbegründungen verfasst, eine, die er spricht, falls der Angeklagte freigesprochen wird, und eine, falls er für schuldig befunden wird. Beide Urteile sind untermauert mit bildhaften Beschreibungen, die jedes Urteil als Plausibel erscheinen lassen. Es gibt folglich kein richtiges Handeln in diesem Fall, was auch die knappen Ergebnisse bei den Abstimmungen zeigen. Aber das eigentliche Ziel der Inszenierung wurde dennoch erreicht: Die Menschen denken nach. Sie überdenken moralische Fragen, denken über den Terror und die Hintergründe nach. Sie Hinterfragen und nehmen es nicht nur hin.

Terror

Vorsitzende Ute Menzel – Protokollführerin Susann Schmidt – Biegler, Verteidiger Daniel Koch – Franziska Meier Nadine Aßmann – Nelson, Staatsanwältin Anja Schreiber

Leute, geht ins Theater. Schaut euch dieses Stück an und hinterfragt euch, das Gesehene, die Welt. Werdet Teil dieser besonderen Atmosphäre! Ich freue mich schon auf unsere nächste Vorstellung und bin sehr gespannt, wie sich das gesamte Projekt weltweit weiterentwickeln wird.

HIER findet ihr die internationalen Abstimmungsergebnisse

Das Copyright aller in dieser Besprechung gezeigten Fotos liegt beim Theaterfotografen Peter Awtukowitsch

Advertisements

3 Kommentare zu “Achtung Theater: „Terror“ von Ferdinand von Schirach

  1. Ich habe das Buch vor einiger Zeit gelesen, und es hat mich lange nicht losgelassen. Diese sehr authentische Geschichte als Theaterstück zu sehen und an der Abstimmung beteiligt zu sein, ist sicher noch um einiges eindrucksvoller. 🙂 Ich werde die Augen offenhalten, ob es demnächst auch eine Vorstellung bei uns in der Nähe gibt.
    Danke für deinen ausführlichen und sehr guten Bericht!
    Liebe Grüße
    Tina

    • Liebe Tina,
      das stimmt, es war sehr aufregend und es ist auch immer aufs Neue spannend. Bin sehr froh, dass wir an unserem Theater eine solche Inszenierung zur Aufführung gebracht haben und hoffe, dass es lange gut laufen und die Leute weiterhin zum wachen Nachdenken bewegen wird! 🙂
      Schau mal, es werden wohl insgesamt über 14 Theater in ganz Deutschland sein, die es aufführen werden!
      Liebe Grüße
      Julia

  2. Auch nach der gestrigen Ausstrahlung des Fernsehfilms in der ARD waren die Zuschauer aufgerufen, ihr Urteil mitzuteilen. Fast reflexartig erklärten ca. 86% der an der Abstimmung Teilnehmenden den Soldaten Koch für unschuldig. Mich erschreckt das zutiefst und macht mir wirklich Angst.

    Ebenfalls war ich irritiertdurch die aus den Schilderungen erkennbare Tatenlosigkeit der Stabsmitglieder. Sollte dies ein Abbild der Realität sein, so frage ich mich u.a. vor welchen Katastrophen uns ein Katastrophenschutz bewahren will, der sich in einer solchen Situation nicht dazu durchringen kann, ein vermeintliches Ziel mit tausenden von Menschen zu räumen, obwohl dazu Zeit genug wäre.

    Desweiteren bin ich völlig verunsichert, was Entscheidungswege in einem solchen Fall anbelangt. Wäre es in der Realität tatsächlich vorgesehen, ein Kabinett zusammenzutrommeln und für den Schießbefehl hier eine Mehrheit herbeizuführen (so hatte ich es der anschließenden Diskussion entnommen). Wie absurd!

    Ich bleibe rat- und sprachlos zurück.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s