Achtung Buch: Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

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Und weiterhin hält mich Paris in ihrem Bann! Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges springen wir heute zurück ins Jahr 1889, präzise zum Nachmittag des 29. Oktober, zweieinhalb Tage vor den Abschluss der Exposition Universelle, der Weltausstellung in Paris. Und welch prunkvolles Bild präsentiert sich uns: Einem Bienenstock gleich, summt es und brummt es an allen Ecken und Enden. Aufgeregt und fröhlich plaudernd bewegen sich die fein gekleideten Leute durch die Hallen und Ausstellungsbereiche aus aller Herren Länder. Begeisterung und Staunen ob des Unbekannten und mittendrin fröhlich tobende neugierige Kinder.

Paris – ein Fest für’s Leben! Wahrlich ein passender Spruch, den Hemingway einst prägte. Die Weltausstellung – ein Markenzeichen, das die Stadt Paris auszeichnet, und inmitten des ganzen Spektakels ragt er auf: Der Eiffelturm, Turm der Welt. Gehasst, verflucht und vergöttert zugleich. Ein Symbol der Macht, ein Sieg über die Elemente und ein Sieg der Wissenschaft, die so vieles zu erreichen vermochte und vermag. Mit respektvoller Neugier wird er bestaunt, bestiegen, angezweifelt und ist dennoch in aller Munde. Ein glanzvoller Mittelpunkt des bunten Treibens, das jedoch nicht ganz so makellos ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

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Ein Doppelmord hinter den Kulissen der Exposition. Zwei Polizisten aufgespießt auf den Zeigern der Berneau’schen Uhr, einem Meisterwerk der technischen Entwicklungen, die bisher so noch nie denkbar waren und die einen Höhepunkt der Ausstellung darstellen. Fünf vor zwölf – exakt fünf Minuten vor Mitternacht war die Uhr stehengeblieben. Eine Zufall oder doch eine böse Vorahnung auf die weiteren Geschehnisse? Es ist fünf vor zwölf in Paris – und nicht nur in Paris.

Denn: Die brisante internationale Lage scheint für den Augenblick in den Hintergrund zu rücken, aber nur an der Oberfläche. Im Untergrund brodelt es gewaltig, und jedem halbwegs intelligenten Menschen dürfte es klar sein, dass gerade in Paris, im internationalen und bunten Gewimmel der Nationen während der Ausstellung, ein Funke genügen würde, um die Situation zur Eskalation zu treiben. Wieso? Ganz einfach: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger der politisch und wirtschaftlich hochkarätigen Besucher der Ausstellung eng verknüpft. Da haben wir eine französische Aristokratin – Königin der Salons, die um ihr Familiengeheimnis bangt. Daneben ein deutscher Offizier mit einem großen persönlichen Anliegen, der zum Spielball der Mächte gemacht wird. Ein junger und talentierter Fotograf, der einen wahren Teufelspakt eingeht, um das Herz seiner großen Liebe zu erobern. Und eine stadtbekannte Kurtisane, deren Innerstes undurchdringlich tief ist. Letztendlich versammelt sich das gesamte Who is Who der Weltpolitik an der Spitze des Eiffelturms, um das fulminante Abschlussfeuerwerk zu bewundern. Ein perfekter Zeitpunkt für einen Anschlag, der die Welt in Chaos versinken lassen würde. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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In seinem historisch angelehnten Roman nimmt uns Benjamin Monferat mit auf eine Reise in eine der (meiner Meinung nach) schönsten und spannendsten Epochen der Pariser Geschichte. Das ausgehende 19. Jahrhundert sprühte nur so vor Innovation und Entwicklung und verlor dabei aber nie den traditionellen Charme, der die Stadt so einzigartig macht. Und genau diesen Charme fängt er brillant ein. Man flaniert durch die eindrucksvolle Ausstellung und spürt die Aufregung, Spannung und Neugier fast körperlich, während einem die Vielzahl fremder Düfte um die Nase zu wehen scheint.

Mit viel Authentizität verknüpft er dieses mit den Geschehnissen in der Politik und ganz Europa und gibt auch tiefe Einblick in die damalige Gesellschaft samt der eindrucksvollen Salonkultur. Diese in Kombination mit der Magie der Stadt und der Ausstellung wird abgerundet vom Interesse und der Faszination für die Technischen Innovationen des industriellen Zeitalters, das schon Ende des 19. Jahrhunderts seine Schatten voraus warf.

Zu einem solchen vielseitigen Bild einer Stadt gehören natürlich auch die Charaktere, die Monferat ebenso verschieden, vielseitig und bunt gestaltet. Anfangs von der Fülle der Personen nahezu erschlagen, machte es von Seite zu Seite mehr Freude, sich auf die Spuren der Vicomtesse Albertine de Rocquefort, des jungen Offiziers Friedrich-Wilhelm von Straten, Celeste Marêchal -der Chefin des Hôtel Vernet, Madeleine Royals und Lucien Dantez zu begeben. All diese Figuren erwecken in der Geschichte das Bild der gesamten Pariser Gesellschaft sowie der Internationalen High Society aus den Bereichen Politik und Wirtschaft, sodass man sich direkt von Beginn des Romans an in einer realen und lebendigen Welt wiederfindet.

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Abgerundet wird dies noch durch den zweiten Handlungsstrang, nämlich durch die Ermittlungen im Mordfall der zwei Polizisten. Niemand geringeres als die Polizeilegende Alain Marais wird mit Hilfe des jungen Agenten Pierre Trebut auf die Spuren des Attentäters angesetzt und erleben eine wahre Schnitzeljagd durch die Seine-Metropole. All dies unter dem Deckmantel der absoluten Geheimhaltung, was gar nicht so einfach ist, nachdem mehrere Menschen zu Tode kommen.

Sie merken, liebe Leser, jede Figur – ganz gleich ob Hauptfigur oder auf den ersten Blick unscheinbare Nebenfigur – durchläuft eine große Entwicklung und spielt ihre fest zugedachte Rolle im Räderwerk der vielschichtigen Handlung. Jeder hegt seine Geheimnisse, jeder hat etwas zu verbergen, hat eine Mission zu erfüllen, ist in zwielichtige Machenschaften verstrickt oder folgt eigenen Zielen. Eine Geschichte wie ein großes dreidimensionales Puzzle, das es mit viel Geschick zusammenzufügen gilt. Spannung pur und eins ist klar: Zum Lesen erfordert es einen wachen Geist!

Wie schon angedeutet ist die gesamte Handlung sehr lebendig und verstrickt. Viele Handlungsstränge verlaufen auf den ersten Blick unabhängig parallel voneinander, um irgendwann doch durch winzig kleine Verknüpfungen miteinander verbunden zu werden. Bevor dies jedoch klar wird, bleibt viel Zeit für eigene  Gedanken, Ideen und Interpretationen. Nach und nach lichtet sich das Feld, bis ganz zuletzt alle Fäden in einem besonders fulminanten Feuerwerk zusammenlaufen und sich alles spiegelklar präsentiert. Keine Frage bleibt ungeklärt, keine Verbindung ungelöst! Ein wahrlich literarisches Meisterwerk, das uns Benjamin Monferat da präsentiert.

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Man braucht Zeit für diesen Roman, Zeit, um ihm den Raum zu geben, den er benötigt. Zeit, um die Personen kennenzulernen. Zeit, um zu ermitteln, zu forschen und zu vermuten. Zeit, um das besondere Flair zu genießen, den Charme, der den Roman umgibt und einen wie in eine weiche Decke hüllt, aus der man nicht mehr heraus möchte. Man braucht Zeit, um sich mit Verlusten abzufinden; um sich zu verabschieden; um zu bangen und zu trauern.

Benjamin Monferat hat sich mit diesem Roman selbst übertroffen. Er schuf ein Meisterwerk, eine Hommage an eine Stadt, an das Savoir Vivre, an das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er schrieb einen Roman über einen Anschlag in einer Stadt, die in jüngster Vergangenheit so oft Opfer von Terror wurde und verpackte das so gekonnt in ein Puzzle aus Wahrheit, Geschichte und Fiktion, das man nicht anders kann, als gebannt von Seite zu Seite zu fliegen und dem Geschehen atemlos zu folgen. Benjamin Monferat, dir ist ein Meisterwerk gelungen, das ich sicher nicht das letzte Mal gelesen haben werde! Auch wenn mich der Verlust einer Person mehr als schmerzt… Aber Verluste gehören nun einmal zum Leben. genau wie die Liebe es tut…

 

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2 Kommentare zu “Achtung Buch: Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

  1. das hört sich für einen Paris-Liebhaber wie mich ja sehr vielversprechend an, mal sehen, ob ich zum Herbst oder Winter die Zeit finde, mich ins Paris von 1889 zu begeben – danke für den Tipp 🙂

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