Achtung Buch: Dora und der Minotaurus von Slavenka Drakulić

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Spricht man von Dora Maar, drängt sich unweigerlich ein anderer Name in den Vordergrund: Pablo Picasso – Künstler, Visionär, Legende. Doch mehr als das war er derjenige, der die Tragödie im Leben der franco-argentinischen Künstlerin bedeutete.

In Form eines unbekannten Tagebuchs der Fotografin und Surrealistin, entführt uns die Autorin in die Welt der Autorin und lässt diese somit direkt selbst zur Sprache kommen. In der Ich-Form lässt Dora (eigentlich Henriette Theodora Markovitch) ihr Leben in verschiedenen prägnanten Episoden Revue passieren.

Als Tochter einer Französin und eines kroatischen Architekten wächst sie zunächst in Paris auf, muss jedoch schon bald nach Argentinien auswandern, wo ihr Vater einen vielversprechenden neuen Beruf bekommen hat. Im Gegensatz zu ihm, gelingt es der Mutter Julie nie, Frankreich hinter sich zu lassen. Sie kann sich mit der neuen Heimat nicht anfreunden und findet keinen Zugang zu den ihr neuen Kulturen und Menschen. All das Neue scheint ihr verwerflich und moralisch inkorrekt.

Ganz anders verhält es sich mit der jungen Dora, die mittlerweile zu einer jungen Frau herangewachsen ist. War sie früher ein schüchternes und ernstes Kind, sprüht sie nun vor Energie und lässt sich vom südamerikanischen Temperament hinreißen. Ein absolut inakzeptables Verhalten in den Augen der Mutter, das dazu führt, dass sie mit Dora umgehend nach Paris zurückkehrt und Argentinien samt dem primitiven und unwürdigen Leben hinter sich lässt.

Auch in Paris findet Dora schnell Anschluss und absolviert erfolgreich ein Studium im Bereich Fotografie und Malerei. Zu dieser Zeit ändert sie auch ihren Namen in Dora Maar, um ihr introvertiertes und einsames Ich hinter sich zu lassen. Ihr größtes Ziel ist eine Karriere als Fotografin und vor allem ein unabhängiges Leben.

„Ich fühlte mich wohl in meiner neuen Haut als Dora Maar, denn Dora war eine Persönlichkeit nach meinem Maß. Ich selbst hatte sie zugeschnitten. Mir schien, ich hätte, anstatt zu sein, was mir durch Geburt vorgegeben war, mich schließlich selbst so geschaffen, wie ich sein wollte. Ich war von Menschen umgeben, mit denen ich verkehrte und arbeitete und die mich schätzten. In diesen Jahren begann ich auch Geld zu verdienen. Es war nicht viel, aber damals lebten wir einfach.“
(S. 48)

Unterstütz wird sie dabei von ihrem Vater, der ihr mit finanzieller Unterstützung ihr erstes eigenes Atelier ermöglicht. Dort kommt sie dann auch schnell in Kontakt mit den schillerndsten Persönlichkeiten der Zeit wie André Breton und Georges Bataille. Insbesondere mit ihrer Straßenfotografie und mit Erotik- und Modefotos macht sich die junge Frau schnell einen Namen. Die Kamera wird ihr Auge auf die Welt, sie wird der Spiegel der Seele der Menschen für Dora. Eins jedoch kann sie nie aus ihrem Leben verbannen: das Gefühl der Entwurzelung. Es fällt ihr schwer, irgendwo heimisch zu werden. stets ist sie rastlos und unsicher – Charakterzüge, die sie hinter der Kamera zu verbergen versucht.

„Unbewusst begriff ich schon damals das Wesen der Fotografie, ich hatte ein Auge dafür. Ich frage mich, ob ich überhaupt jemals einen unschuldigen Kinderblick gehabt habe. Oder schließt der Sinn für die Fotografie Unschuld bereits aus, selbst bei einem Kind?
(S. 40)

29 Jahre alt war Dora, als es im Pariser Café „Les Deux Magots“ zur ersten schicksalhaften Begegnung mit Picasso kam. Für Dora war er zu diesem Zeitpunkt nichts anderes als ein anderer Künstler, aber für ihn war sie sofort faszinierend. Er wollte sie um jeden Preis erobern und letztendlich hatte er Erfolg. Die junge Künstlerin konnte sich seiner Ausstrahlung und Anziehungskraft nicht widersetzen, wenngleich Picasso keinesfalls als attraktiv zu bezeichnen war. Eine stürmische Affäre folgt, die wider aller Erwartungen in eine Beziehung mündete. Völlig im Liebesrausch, ignoriert Dora alle Frauengeschichten sowie Picassos Hang zu Geiz und Macht und stürzt sich zum ersten Mal in ein großes persönliches Glück, in der Gewissheit, ihrem Leben nun eine ganz andere Richtung geben zu können.

Und eine andere Richtung wurde es wirklich: Dora wurde zu Picassos Muse, Teil seiner Kunst und Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie inspiriert ihn und wird sogar Teil des Schaffens, indem sie den Entstehungsprozess von „Guernica“ mit der Kamera begleitet.

Leider soll das Glück nicht von langer Dauer sein, denn mit der Zeit schleicht sich die Unzufriedenheit in die Beziehung. Picasso ist sich seiner Sache so sicher, dass er Dora mehr und mehr als Objekt, denn als Mensch behandelt. Er will keine gleichwertige, selbstständig denkende Person an seiner Seite, er will eine Muse, die zu ihm aufschaut und ihn vergöttert. Auch die Fotografie als Kunstform lehnt Picasso strikt ab und verhöhnt Dora für die Arbeit. Zu diesem Punkt ist ihm Dora jedoch schon so hörig, dass sie das Fotografieren aufgibt und sich freudlos der Kunst und Malerei zuwendet.

„Später riss mich seine Stimme aus dem Schlummer. Dora, ich zeige dir, was ich heute Nachmittag gezeichnet habe! Er machte das Licht an, und vor mir auf dem Bett befand sich eine kleine Zeichnung, auf der eine Frau und ein Mann mit Stierkopf abgebildet waren. Das sind du und ich, siehst du, Dora und der Minotaurus, sagte er stolz, richtete den Finger aufs Papier und wartete auf meine Reaktion.
Die Zeichnung ist brutal. Ich hasse ihn. Bete ihn an. Niemals werde ich mich von ihm trennen.“
(S. 85)

Damit ist Picasso jedoch nicht zufrieden. Vielmehr muss sich Dora mit einer Vielzahl von ständig wechselnden Geliebten stellen, mit denen Picasso sie psychisch quält. Sie redet sich ein, dass er ja stets zu ihr zurückkommt. So hält sie an einer Beziehung fest, aus der sie nur als Verliererin hervorgehen kann. Picasso erniedrigt sie so sehr, dass sie sich in psychologische Betreuung begeben muss. Dort muss sie schmerzhaft erkennen, dass Picasso ihre Situation komplett egal ist, er sie sogar schon mit einer jungen Muse ersetzt hat. In diesem Moment fasst die junge Frau einen Entschluss, der ihr Leben komplett verändern soll…

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Dora Maars Leben wird von Drakulić auf eine ungeschönte und direkte Art und Weise wiedergegeben, die den Leser von der ersten Seite an bannt. Aufgrund der intensiven und klaren Ich-Erzählung, hat man das Gefühl, direkt in Doras Gedankenwelt einzutauchen. Man schwankt zwischen Verständnis und Entsetzen für die junge Frau. Wie konnte sie sich so selbst aufgeben, ihre Ziele opfern für einen Mann, für den sie nur ein austauschbares Objekt ist? Messerscharfe Selbstanalysen stehen im Widerspruch zu ihrem Handeln. Sie schafft es einfach nicht, sich aus dem Bann Picassos zu befreien und schaut sich in gewisser Weise selbst beim Verfall zu.

Eine wichtige Schlüsselstelle ist eindeutig die Präsentation des Bildes „Dora und der Minotaurus“, das der jungen Frau ihre Situation schmerzlich wie einen Spiegel vor die Augen hält. Auch auf den anderen Bildern dieser Zeit ist Dora nur noch ein Schatten der jungen und aufstrebenden Frau. Trotz all dieser Demütigungen kommt sie nicht von ihm los, erhebt ihn nahezu zu einem Heiligen und lässt sich zerstören. Ebenso gebannt wie Dora von Picasso ist, ist man als Leser von der Geschichte. Man kann sich nicht von ihr lösen, ganz gleich, wie entsetzt man doch aufgrund der Qualen der jungen Frau ist. Der Roman ist brillant recherchiert und berührt auf jeder Seite mit seiner Tragik und dem tiefen Schmerz. So schnell kann es passieren, dass man sich trotz aller Cleverness in eine Abhängigkeit stürzen kann, aus der man nur als Verlierer und komplett zerstört hervorgehen kann. Immer dachte Dora, sie sei anders als die anderen Verflossenen des großen Genies. Und am Ende musste sie teuer für dieses Trugbild bezahlen. Eine Lebensgeschichte, die tief berührt und lange nachhallt.

 

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