Jahre zwischen Hoffnung und Dunkelheit (1923-1926) – „L’aviateur“

Antoine de Saint-Exupéry bekam Louise und lebte nun ein bodenständiges Leben, was ihn jedoch nicht erfüllte. Viel mehr verspürte er eine innere Leere, konnte den Menschen und seine Werte nicht mehr erkennen. Er versuchte sich anzupassen und vernünftig zu sein, also das solide, angepasste und vor allem ungefährliche Leben am Boden zu leben, dass sowohl seine Verlobte als auch deren Familie und seine Freunde für angemessen hielten. Stellte er sich dieser Herausforderung zunächst voller Optimismus und Liebe, änderte sich das bald.

Louise

Louise

Sicherlich hatte er eine feste Anstellung in Paris, die Frau an seiner Seite, die er begehrte und viele gute Freunde um sich herum. Aber eins blieb: die Sehnsucht nach dem Fliegen, der Freiheit der Lüfte. Manchmal gelang es ihm, in Orly zu fliegen – heimlich natürlich. Die Beziehung zu Louise entwickelte sich sehr gut. Sie lebten harmonisch und verliebt miteinander, wie es sich für junge und leidenschaftliche junge Menschen gehört, doch das Glück sollte nicht von Dauer sein. Gerade Louise, die sich nach Bodenständigkeit sehnte, löste die Verbindung, da sie sich noch nicht reif für die Ehe sah. Louise beschrieb in einem Artikel, der in der französischen Marie Claire veröffentlicht wurde und aus dem  Joy D. Marie Robinson zitiert:

„Antoine dachte nur ans Fliegen“, erinnert sie sich, „und schilderte mir schreckliche und herrliche Momente, die er zwischen Himmel und Erde verbracht hatte, während ich nur an die Einrichtung unseres zukünftigen Hauses dachte und ihn mit der Frage unterbrach, ob ihm gepolsterte Stuhlsitze gefielen.“

Louise löste die Verlobung, indem sie – ohne Antoine ein Wort zu sagen – nach Biarritz verschwand. Antoine war von dieser Trennung sehr getroffen. Louise schrieb über diese Zeit der Verlobung ein sehr rührendes Gedicht. Sie liebte ihn, konnte ihn aber nicht halten:

„Mais où est mon amant? – Il vole.
C’est un voleur, que j’ai pour amant,
Le corbeau vole et mon amant vole;
Voleur de coeur manque à son parole
Et voleur de fromage est absent
Mais où est le bonheur? – Il vole.“

Übersetzt man diese Verse, wird vor allem die Doppeldeutigkeit des Verbs „voler“ deutlich: die dem Gedicht eine besondere Bedeutung zukommen lässt. Aber das sei der freien Interpretation eines jeden Lesers überlassen. Die Übersetzung lautet in etwa:

Aber wo ist mein Geliebter? – Er fliegt (stiehlt).
Es ist ein Flieger (Dieb), den ich zum Geliebten habe.
Die Krähe fliegt (stiehlt) und mein Geliebter fliegt (stiehlt).
Ein Herzensdieb, der sein Wort bricht
Und der Käsedieb ist abwesend.
Aber wo ist das Glück? – Es fliegt.

Später soll die Freundschaft zwischen beiden wieder zarte Knospen tragen, und beide schreiben sich Briefe, als er in Cap Juby stationiert ist. Auch als Antoine mit seiner zweiten Frau verheiratet ist, bricht der Kontakt nicht ab und er steht ihr bei, als sie nach dem Scheitern ihrer Ehe zurück nach Paris kommt.

Auch finanziell ging es Saint-Exupéry in dieser Zeit nicht besonders gut und er sehnte sich danach, gerade seiner Mutter ein schönes Leben bescheren zu können und sie zu verwöhnen. Dazu kommt die Unzufriedenheit im Beruf. Er will weg vom Schreibtisch. Journalismus scheint ihm ein interessantes Gebiet zu sein, aber die Büroarbeit ließ kaum Zeit zum Schreiben. Auch die Fliegerei ging ihm nicht aus dem Kopf und er flog oft in Orly. Zu dieser Zeit erwähnte er in den Briefen an seine Mutter auch erstmals sein Interesse für die Schriftstellerei.

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Im Jahr 1924 schien sich Antoines Situation zu stabilisieren. Er war Teilzeitpilot bei der Compagnie Aérienne francaise geworden, wo er Lufttaufen erteilte und Flugaufnahmen machte. Aus diesem Job ergab sich die Möglichkeit, Handelsvertreter der Lastwagenfirma Saurer zu werden – ein Job, von dem er sich mehr Freiheiten erhoffte.

Im Hinterkopf nagte jedoch noch immer der Wunsch nach einer eigenen Familie mit vielen Kindern. Er war ein liebevoller Onkel, den die Nichten und Neffen vergötterten, doch eigene Kinder waren ihm nicht vergönnt. Auch die wahre Liebe sollte noch ein paar Jahre auf sich warten lassen.

Nach der kurzen Ausbildungszeit fand er im neuen Beruf kurzzeitige Erfüllung und Freude, doch bald nervte ihn dieser Beruf. Er war einsam, hatte viel Zeit zum Nachdenken, doch Familie und Freunde fehlten ihm sehr.

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Beginn der literarischen Interessen Antoine de Saint-Exupérys

 

Wie schon angedeutet wurde, regten sich in Antoine schon im Jahr 1923 erste Züge in Richtung Schriftstellerei. Er diskutierte mit Freunden über die Philosophie des Schreibens und erste Züge seiner eigenen Philosophie werden deutlich:

Die Gefahr der Sprache, die das Denken verfälschen kann.

Für Antoine ist es eine Notwendigkeit zu denken und zu sehen, bevor man überhaupt schreiben kann. Man darf die Macht des geschriebenen Wortes nicht unterschätzen und muss erst lernen, das Umfeld zu sehen und seine Gedanken zu kontrollieren, bevor man diese zu Papier bringt. Er verachtete Schriftsteller, die nur des Erfolges wegen schrieben und die nur mit Worten spielen. So kritisiert er in einem Brief an Renée de Saussine beispielsweise Ibsen in einer Weise, die für Antoines Philosophie bezeichnend ist:

„Er (Ibsen) wollte Dinge begreiflich machen, die er für wahr hielt. Und in diesem Falle steht der Mensch höher als sein Werk, wie es auch aussehen mag.“

Antoine legte strenge Maßstäbe an sich und überprüfte sein eigenes Handeln stets und ständig. Er lebte in seinen Werken und war authentisch mit diesen. An seine Mutter schrieb er:

Will man wissen, wie ich bin, muß man mich in dem suchen, was ich schreibe und was das gewissenhafte und durchdachte Ergebnis meiner Gedanken und Beobachtungen darstellt.

Immer wichtiger wurde das Schreiben für den jungen Mann und er begann zu glauben, dass er dann glücklich sein würde, wenn er jeden Tag schreiben könne. Immer häufiger erwähnte er in Briefen an seine Mutter seinen Roman, von dem heute vermutet wird, dass es die Kurzgeschichte „L’aviateur‘ ist, die 1926 veröffentlicht wurde. Andererseits kann sich dies auch auf ein anderes Manuskript beziehen „Manon, danseuse“, das zu dieser Zeit nicht veröffentlicht wurde.

In einem anderen Brief schreibt er, dass dieses Manuskript verloren gegangen sei. Man vermutet, dass damit eine längere Fassung von „Der Flieger“ gemeint ist.

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Der Flieger

1926 wurde „Der Flieger“ oder im Original „L’aviateur“ in Le Navire d’Argent von Jean Prévost veröffentlicht. Prévost war beeindruckt von den einprägsamen Schilderungen Antoines und wollte die Kurzgeschichte unbedingt lesen. Sofort stand fest, dass er „L’aviateur“ – wenn auch nur in gekürzter Form – publizieren wird. „L’Evasion de Jacques Bernis“ (Die Flucht des Jacques Bernis) erschien unter dem Titel „L’aviateur“ in acht Fragmenten.

Meist wird dieses Werk nur kurz als Saint-Exupérys erstes Werk genannt. Das ist sehr schade, denn schon in diesen acht kurzen Auszügen stecken schon sehr viele der Ideen und Ansätze, die in den anderen Werken von Bedeutung sein werden und die Philosophie Antoines widerspiegeln.

Er zeigt die Gefühle und Erfahrungen der Piloten, die einsam am Himmel sind und dennoch mit den Kameraden vereint. Alle Kameraden haben dasselbe Schicksal, dieselben Erfahrungen und Erlebnisse, die ihr Dasein als Piloten ausmachen. Sie sind vereint im Denken und in den Gefühlen und in der Kameradschaft. Er beschreibt das Gefühl der inneren Erfüllung beim Start des Flugzuges, die Wahrnehmung des Flugzeugs und der Erde aus Sicht des Piloten – das Eins werden mit der Maschine. All dies wird uns später in Wind, Sand und Sterne wieder begegnen.

Genau wie die Figur des harten Vorgesetzten, der seine Zuneigung gegenüber seinen Piloten unter dem Deckmantel der Härte verstecken muss, um sie vor Leichtsinn zu bewahren. Auch diese Figur führt Antoine de Saint-Exupéry in den kurzen Fragmenten schon ein.

Einsamkeit – welcher Pilot kennt sie nicht, der oben allein am Himmel ist. Meist helfen die Gedanken an die geliebten Menschen daheim und vor allem an die Kameraden, denen es genauso geht. Eine Einsamkeit, die verbindet. Auch nach einem Absturz, in der der Pilot der Gefahr ins Auge blicken muss. Oftmals sind es auch dort die Erinnerungen, die ihnen die Kraft verleihen weiter zu machen und zu kämpfen.

Die Bruchlandung des Piloten und der Tod von Bernis im letzten Fragment verweisen auf die Allgegenwärtigkeit des Todes hin, mit der die Piloten stets konfrontiert werden. Sie müssen sich schon früh mit ihm vertraut machen und dürfen ihn nicht fürchten. Auch Antoine hatte diese Vertrautheit aufgrund des frühen Verlusts des Vaters und des Bruders sein Leben lang tief im Herzen.

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Saint-Exupéry selbst gab die Fliegerei nicht auf und flog gelegentlich für die Compagnie Aérienne francaise. Doch trotz dessen er regelmäßig fliegen konnte und seine ersten Schriften publiziert wurden, war er von einer inneren Unruhe getrieben und suchte nach seinem wahren Platz im Leben. Als Vertreter für die Spedition vermisste er die Wärme einer Gemeinschaft und  sah kein wahres Ziel und keine sinnvolle Aufgabe in seinem momentanen Berufsleben. Hinzu kam noch das tragische Schicksal seiner Schwester Marie-Madeleine, die 1926 nach schwerer Krankheit verstarb. Ein weiterer schmerzhafter Einschnitt und Verlust, der das Leben der Saint-Exupérys prägen sollte.

Zu dieser schweren Zeit suchte Antoine Halt und Unterstützung bei seinem alten Lehrer und Freund Abbé Sudour, der Antoine sehr gut kannte und genau wusste, was seinem jungen Schützling fehlte. Er machte ihn mit Beppo de Massimi bekannt, der der Direktor der neu gegründeten Fluggesellschaft Latécoère war. Eine Bekanntschaft, die einen einschneidenden Wendepunkt in Antoines Leben ausmachte, denn er bot dem jungen Mann sofort einen Verwaltungsposten im Madrider Büro an. Antoine beharrte jedoch darauf, selbst fliegen zu wollen und hielt schließlich am 11. Oktober 1926 die Einladung zum Einstellungsgespräch in seinen Händen.

In Toulouse sprach er auf dem Flughafen Montaudran vor und lernte dort den Flugdirektor Didier Daurat kennen. Daurat wurde für Antoine zum Sinnbild der strengen Cheffigur, der durch die strengen Anforderungen starke Persönlichkeiten aus seinen Piloten machen würde und unter dessen harter Schale ein weicher Kern steckt. Antoine selbst ging gestärkt aus der strengen Lehre hervor und konnte sein inneres Potential erkennen und realisieren. Auch in seinen Werken verewigte er Daurat: In Nachtflug findet man ihn in der Figur des Rivière wieder und in Die Stadt in der Wüste in Caid.

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Die Basis für Antoine de Saint-Exupérys neue Zukunft war geschaffen und in Arbeitskleidung und mit ölverschmierten Händen begann sein neues Leben, das seinen Geist und seine Philosophie entscheidend formen sollte.

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Copyright und Quellen:
Bilder:

Joy D. Marie Robinson: Antoine de Saint-Exupéry. Schriftsteller,Flieger und Abenteurer. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH 1993.
Collagen selbst gebastelt aus Bildern aus dem eben genannten Buch und aus Peter Sis: Der Pilot und der kleine Prinz. Aladin, 2014.
Quellen/Zitate:
Joy D. Marie Robinson: Antoine de Saint-Exupéry. Schriftsteller,Flieger und Abenteurer. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH 1993.
„L’aviateur“ auf: http://www.trussel.com/saint-ex/navire.htm
Das Zitat über Antoine stammt aus: Louise de Vilmorin: „Ma Fièvre me raconte de belles histoires d’Amour“. In: Marie Claure, Nr. 13 (Okt. 1955), S. 109.
Der Auszug aus dem Gedicht „Fiancailles pour rire“ stammt aus: Louise de Vilmorin: Poèmes. Paris 1970, S. 21/22.
Das Zitat über Ibsen stammt aus: Briefe an Rinette, S. 410.
Antoine über sich selbst in: Briefe an seine Mutter, S. 512.

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