„La Ligne“ in Südamerika (1929 – 1931) – „Nachtflug“

Die Aéropostale

Wir schreiben einen Frühlingstag im Jahre 1929. Leutnant Chassin, der Direktor des Fortgeschrittenenkurses in Luftnavigation traf in einem Café in Brest auf elf engagierte Studenten, darunter auf den jungen Piloten Saint –  Exupéry. Obgleich er im Kurs öfters als geistesabwesend galt, verstand er es wiederum, mit mathematischem Scharfsinn sowie erfinderischer Brillanz zu überzeugen und glänzte vor allem im Bereich bemerkenswerter Erfindungen.

Parallel zum Kurs arbeitete sich Antoine durch die Korrekturfahnen seines „Südkuriers“, der nach der Veröffentlichung mit großem Gefallen von allen Kameraden im Kurs gelesen und stark gelobt wurde. Insbesondere der Vorgesetzte, Chassin, sah darin ein großartiges Debüt eines wahren Poeten. Neben seiner kreativen Tätigkeit konzentrierte sich Antoine jedoch primär auf den Kurs und die damit verbundenen Prüfungen, die er allesamt bestand. Dennoch galt er offiziell als durchgefallen, da von Ministerialvertreter verlangt wurde, dass mindestens zwei Kandidaten durch die Prüfung fallen mussten, um das Niveau des Kurses nicht anzweifeln zu lassen. Diese Farce tat seinem fliegerischen Erfolg jedoch keinen Abbruch, denn Latécoère und Daurat schickten den jungen Piloten nach Buenos Aires, wo er seinen Dienst bei der Compagnie Generäle Aeropostale antreten sollte, die aus den Latécoère Linien in Südamerika entstanden war.

Am 12. Oktober 1929 kam er dort an und wurde freudig von seinen alten Kameraden Memoz und Guillaumet begrüßt, die auch bei der neuen Linie Buenos Aires – Mendoza – Santiago de Chile eingesetzt worden waren. Schon kurz darauf wurde er zum Direktor der Aeroposta Argentina ernannt… und war mit dieser Beförderung eher unglücklich als erfreut. In verschiedenen Briefen und Schriftzeugnissen äußert er sich nachdenklich bis traurig darüber, dass er mit seinem früheren Leben eigentlich sehr zufrieden gewesen sei und durch die neue Rolle „beschwert und gealtert“ ist. Auch das Leben in der Großstadt war für ihn, der die Weite und Stille der Wüste gewöhnt war, eine große Belastung, der er nur an einem Ort entkommen konnte: in der Luft. Dort war er frei, inspizierte fertige Flugplätze, suchte Plätze für neue und erwies des Öfteren großes diplomatisches Geschick im Umgang mit den verschiedensten Menschen, die ihm auf seinen Reisen begegneten.

Antoine leistete einen großen Beitrag zum Ausbau der gesamten Fluglinie. Er richtete eine ganze Reihe neuer Flughäfen im Süden des Landes ein und wollte die Linie am liebsten bis nach Punta Arenas ausbauen, was aber nicht gestattet wurde. Dennoch erkundete er das Gebiet sehr ausführlich und brachte von dort viel schriftstellerisches Material mit, das in seinen folgenden Büchern Verwendung finden sollte. So nimmt die goldene vulkanische Landschaft des Südens Einzug in „Wind, Sand und Sterne“:

„Weiter südlich sind ältere Vulkane bereits von einem goldenen Rasen bedeckt… Das Leben hat von einem jungen Stern Besitz ergriffen, wo die gute Krone fruchtbarer Erde sich endlich auf dem nackten Gestein angesiedelt hat… So kurz nach dem Überfliegen des schwarzen Gesteins fühlt man das Wunder des Menschen doppelt.“
(Wind, Sand und Sterne)

Auch die Beobachtung der Menschen spielte seit jeher eine große Rolle in Antoines Leben. Gerade auf den Reisen in unbekannte Gebiete erfuhr er, dass jedes einzelne Leben wie ein kleines Königreich zu betrachten ist, das man als Außenstehender niemals komplett erschließen können wird. Ende 1930 wurde die Südlinie beendet und ab April desselben Jahres wurden die wöchentlichen Flüge von Patagonien nach Buenos Aires aufgenommen. Währenddessen arbeitete Didier Daurat an einer weiteren wichtigen Fluglinie  zwischen Toulouse und Buenos Aires, um dem Konkurrenzkampf mit den deutschen und amerikanischen Fluglinien in Bezug auf den Transport der Post nicht zu unterliegen.

Die Kameraden und die Liebe

Memoz, ein sehr erfahrener Nachtflugpilot sollte nun als allererster Pilot den Ozean überqueren, um diese Mission zu Erfolg zu bringen – eine Unternehmung mit sehr geringen Erfolgschancen aufgrund der Entfernung und den großen Gefahren. Memoz blickte dieser Gefahr jedoch offenen Herzens ins Gesicht und das Undenkbare war gelungen: Am 15. Mai 1930 erreichte die erste ausschließliche Luftpost zwischen Frankreich und dem Pazifik nach viereinhalb Tagen ihren Bestimmungsort.

Mermoz zieht ein in Antoine de Saint-Exupérys Werke: Einerseits im Kapitel „Kameraden“ in „Wind, Sand und Sterne“ und andererseits kann man vermuten, dass er auch Pate für die Figur des Fabien im „Nachtflug“ stand.

Auch Guillaumet findet Erwähnung in Antoines Büchern. Tief beeindruckt zeigt er sich vom Können des Kameraden. Sein Absturz über den Anden und das anschließende Himmelfahrtskommando einer Rettungsaktion, die es so sicher nur einmal gab, dominieren das Kapitel „Kameraden“ in „Wind, Sand und Sterne“. Nach fünf Tagen tauchte er stark geschwächt und nur vom Gedanken an seine geliebten Freunde und Familie getrieben wieder auf. Die Naturgewalten sind die größten Gefahren im Leben eines Piloten, denn man kann sie nicht vorhersagen und auch genauso wenig beeinflussen. Mit einem staunenden Respekt beschreibt Antoine die Begegnung mit Stürmen, Gewittern und anderen unvorhersehbaren Dingen voller Bildgewalt. Guillaumet sagt über seine Rettung in „Wind, Sand und Sterne“:

„Wenn meine Frau glaubt, dass ich lebe, dann glaubt sie, dass ich marschiere. Die Kameraden glauben auch, dass ich marschiere. Alle glauben an mich. Da wäre ich ein Schweinehund, wenn ich nicht marschierte.“

Guillaumet ist ein Symbol des Verantwortungsbewusstseins, das Antoines Philosophie stets untermauert. Man trägt eine Mitverantwortung für die, die man liebt und auch für alles, was lebt, was im Werden begriffen ist und woran man selbst im Sinne des großen Ganzen beteiligt ist. Der Körper ist, so Saint-Exupéry, also eigentlich nur ein Werkzeug, auf das man stolz sein sollte. Er ist ein Werkzeug, das im Dienste des Geistes steht. Sehr bildhaft beschreibt Antoine dies anhand der Figur Guillaumets in „Wind, Sand und Sterne“:

„ich sagte ihm: Feste! Noch mal! Lass nicht nach! Schlag zu! – Aber es war ein Herz erster Wahl, es setzte wohl aus, aber es ging immer wieder an. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie stolz ich auf mein Herz war.“

Antoine und Guillaumet waren wie Brüder, die bis zu Guillaumets Tod im Jahre 1940 in erster Verbundenheit standen.

Doch auch in Antoines Privatleben tat sich einiges. Während der 18 Monate in Buenos Aires begegnete er Consuelo Suncin, die später seine Frau werden sollte. Damit erfüllte sich eine lang gehegte und in seinen Briefen immer wieder deutlich werdende Sehnsucht nach der Ehe und der idealen Partnerin. Umso kurioser mutet es an, dass Consuelo alles andere als die idealen Voraussetzungen mitbrachte. Nie konnte diese temperamentvolle, unberechenbare Frau ihm den Seelenfrieden und das Verständnis entgegenbringen, nach denen er sich so sehnte. Dennoch liebten sich beide stürmisch. Wahrscheinlich traf auch hier einmal mehr das Sprichwort zu, nach dem sich Gegensätze anziehen. Während der gesamten Ehe fühlte sich Antoine Consuelo innig zugetan und verantwortlich, auch in den Zeiten der Trennung aus beruflichen Gründen.

Nachtflug

1931 kehrte Antoine nach Frankreich zurück und brachte nicht nur seine Verlobte, sondern auch noch ein neues Manuskript mit. Es handelte sich dabei um „Vol de Nuit“ – „Nachtflug“, das im Dezember 1931 den Prix Fémina gewinnen sollte, in 15 Sprachen übersetzt und außerdem verfilmt wurde.

„Nachtflug“ erzählt die Geschichte dreier Postflugzeuge, die nachts nach Buenos Aires fliegen. Zwei der drei Maschinen treffen planmäßig ein, die dritte jedoch bleibt verschollen. Im Zentrum steht der Direktor der Fluggesellschaft: Rivière, ein harter Mann, der nicht nur über die Flüge entscheidet, sondern auch für den Erfolg der Linie geradezustehen hat. In wechselnder Perspektive begleiten wir den Piloten Fabien bei seinem unheilvollen Nachtflug und auf der anderen Seite den Direktor, der Befehle erteilt und über seine Arbeit reflektiert.

Eine einfach strukturierte Handlung mit viel Tiefe, denn Antoine stellt damit keine geringere als eine der größten ethischen Fragen der Menschheit: Kann man das individuelle Glück (Fabien) über das Handeln im Sinne eines großen ganzen Glücks (Rivière) stellen?

Antoine de Saint-Exupérys Figuren sind allesamt Spiegel bestimmter Überzeugungen und Gedankengänge. Da haben wir den harten Direktor Rivière, dessen Maxime lautet:

„Man soll die lieben, über die man befiehlt; aber man soll es ihnen nicht sagen.“
(Nachtflug)

Die strikte Disziplin und Härte diedsnen dabei nicht nur dem Wohle der Linie sondern auch dem Schutz der Piloten, die so weniger leichtsinnig zu agieren wagten.

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