„La Ligne“ Latécoère – Erste Flüge nach Afrika & erste Erfahrungen in der Wüste (1926-1929) – „Südkurier“

„La Ligne“ – Latécoère

Die Fluggesellschaft Latécoère wurde von Pierre Latécoère, einem wahren Pionier der Verkehrsfliegerei, gegründet. Schon während des Ersten Weltkriegs, in dem die Flugzeuge fast ausschließlich für militärische Zwecke genutzt wurden, überlegte er, zu welchen anderen – friedlichen – Zwecken man die Maschinen nutzen könne. Er malte sich eine Fluglinie aus, die Südfrankreich über Spanien mit Marokko und sogar Südamerika verbinden solle.  Weihnachten 1918 unternahm Latécoère einen ersten Erkundungsflug nach Spanien, und kurze Zeit später gründete er seine Fluglinie auf dem Flughafen Montaudran bei Toulouse.

Plakat der Fluglinie

Plakat der Fluglinie

Sehr schnell konnte er sehr bekannte und passionierte Piloten wie Didier Daurat, der als erster Pilot 1919 nach Marokko flog, zu seiner Mannschaft zählen. Dank tatkräftiger Unterstützung von Beppo de Massimi und Lyautey konnte 1921 offiziell die Compagnie Générale d’Entreprises Aéronautiques ins Leben gerufen werden, was auch die Erweiterung des Flugverkehrs mit den Linien Casablanca – Dakar – Oran mit sich brachte.

1926 wurde Antoine de Saint-Exupéry eingestellt. Zu dieser Zeit zählten schon Piloten wie Mermoz, Guillaument, Reine, Lécriavin und andere zur Fluggesellschaft, die entweder durch ihren Heldenmut oder aber durch die Werke Saint-Exupérys berühmt werden und bis heute bekannt bleiben sollten.

Antoine und Guillaumet 1930 in Argentinien - unterwegs für die Ligne

Antoine und Guillaumet 1930 in Argentinien – unterwegs für die Ligne

Schnell erkannte Daurat, dass dieser junge Mann hier in der Fluggesellschaft seine Berufung gefunden hatte. Bevor er jedoch selbst zum Berufsflieger werden konnte, musste er eine praktische und strenge Mechanikerlehre durchlaufen, da er bei (den damals sehr häufigen und gefährlichen) Abstürzen in der Lage sein müsse, sein Flugzeug selbst zu reparieren.

Obwohl er an seinem Ziel angekommen war, vermisste er zunächst seine Freunde aus Paris ganz furchtbar. Er pflegte einen intensiven Briefkontakt zu Renée de Saussine, die er in seinem Innersten zur idealen Gefährtin erhoben hatte, um die Leere zu füllen, die Louise nach der Trennung hinterlassen hatte. Das Idealbild, das er sich von ihr zusammenträumte entsprach jedoch nicht wirklich der Realität. Dennoch verband sie beide eine langjährige Freundschaft.

Endlich war der Tag seines ersten Fluges da, und Guillaument gab Saint-Exupéry vor dem Abflug die berühmte Geografiestunde, die in Wind, Sand und Sterne verewigt wurde:

Guillaumet paukte mir Spanien nicht ein, er machte mir das Land vertraut. […].

Die besondere Stimmung machte sich in dem jungen Piloten breit, die ihn mit seinen Kameraden vereinte und die Saint-Exupéry brillant in Worte zu fassen verstand:

Ich schlug den Mantelkragen hoch und trug meine jugendliche Glut unter Leuten spazieren, die von ihr keine Ahnung hatten. Die Berührung mit ihnen aber steigerte meine Stimmung, gerade weil sie mich nicht kannten und nichts von dem Geheimnis in meinem Herzen wussten. Sie beachten mich nicht, die Barbaren, und morgen früh vertrauen sie mir mit den Postsäcken ihr Werk an, sie geben ihre Hoffnungen zu meinen getreuen Händen. So schritt ich, in meinen Mantel gewickelt, wie ein Schutzengel durch ihre Mitte, sie aber sahen meinen Eifer nicht.

Schon bald erhielt er auch seinen Spitznamen Saint-Ex, den aber nur seine Kameraden verwenden durften. Er wohnte zunächst weiter in Toulouse und unternahm von dort aus seine Flüge. Er war begeistert von seinem Posten als Berufspilot und komplett erfüllt davon. Auch die permanente Gefahr und die Todesnähe sah er nicht als negativ. Vielmehr erweckten sie in ihm einen ganz besonderen Blick auf das Leben, in dem alles seinen festen Platz und seine Ordnung hat. Er geriet während seiner Jahre als Berufspilot sehr häufig in Lebensgefahr, was sein eigenes Bewusstsein für das Leben schärfte.

Bei anderen Zwischenlandungen kam er in Dörfer, in denen das provinzielle Leben fast mit den Händen zu greifen war. Für Antoine war das der „Termitenhaufen“ den er in Die Stadt in der Wüste anprangerte. Eine Gesellschaft, in der die Menschen herumhasteten, in ein System gepresst. So sehnte er sich immer wieder nach der Freiheit, die ihm die Busfahrt zum Flugplatz und die Fliegerei an sich boten. So sagt er über den Berufspiloten in Wind, Sand und Sterne:

Der Bauer, der über sein Land hinschreitet, spürt aus tausend Anzeichen den Anmarsch des Frühlings, die Drohung des Spätfrostes und die Verheißung des Regens. Der Berufsflieger erkennt ebenso die Zeichen des Schnees, die Zeichen des Nebels, die Zeichen einer friedlichen Nacht. Die Maschine scheint und von der Natur zu entfernen. Und gerade sie unterwirft uns mit besonderer Strenge den ewigen Naturgesetzen. Mutterseelenallein vor dem gewaltigen Gerichtshof, den ein stürmischer Himmel eingesetzt hat, verteidigt der Flieger seine Post gegen drei Naturgottheiten: Berg, Meer und Sturm.

Seit 1927 verbrachte Antoine viel Zeit in Dakar, wo er die Wüste und ihre Bewohner kennen lernen konnte. Diese sollten in den folgenden Jahren einen großen Einfluss auf sein Leben ausüben.

Antoine als Postchef in Cap Juby

1927 wurde Antoine de Saint-Exupéry zum Postchef von Cap Juby ernannt. Dort sollte er die Spanier mit den Arabern versöhnen – eine Mission mit äußerst geringen Erfolgschancen. Langsam gewann er das Vertrauen beider Parteien und das Unmögliche schien auf einmal doch möglich zu sein. Antoine und seine Techniker lebten dabei in einer Holzbaracke am Strand inmitten von Sand und Flut. Die Versöhnungversuche begannen schon bald Früchte zu tragen, nachdem er spanische Piloten geborgen hatte und andererseits die Mauren zu Freunden machen konnte. Oftmals agierte er in dieser Zeit als Retter für abgestürzte Piloten, die in die „Fänge“ der feindlichen Mauren geraten waren. Neben den Rettungsmissionen zeigte Antoine auch seine Begabung als Botschafter, der eine gute Beziehung zu den Arabern aufgebaut hatte.  Er begann die Wüste zu lieben und sie würde immer einen festen Bestandteil in seinem Leben darstellen, nach dem er sich sehnt. Die Wüste ist ein Ort, wo inmitten von materieller Armut großer geistiger Reichtum existiert.

Trotzdem freute er sich sehr darauf, nach Frankreich zurückzukehren und konnte im Oktober 1928 einen wohlverdienten Urlaub mit seiner Familie verbringen. Aus seiner Zeit am Cap Juby brachte er ein Manuskript für einen Roman mit, den er während der langen und einsamen Wüstennächte geschrieben hatte. Der Titel lautete Courrier Sud – Südkurier.

Südkurier

In Südkurier erzählt Antoine im Wesentlichen die Geschichte des Piloten Jacques Bernis. Seine persönlichen Erfahrungen werden unterbrochen von offiziellen Funksprüchen über seinen Flug. Man erfährt Einzelheiten aus dem Privatleben, aber auch aus dem Beruf des Piloten. Die Fliegerei bedeutete für ihn die Möglichkeit, den Kokon des Ersten Weltkriegs zu verlassen und Freiheit zu genießen. Eines Tages lernt er dabei Genoveva kennen und lieben. Er will für sie das Pilotendasein aufgeben, merkt jedoch, dass ihn das Leben, dass sie gemeinsam „am Boden“ führen würden, nicht befriedigt. So sendet er sie zurück zu ihrem Ehemann und kehrt zurück in sein Leben. Im ganzen Roman finden sich Bruchstücke dieser Romanze.

Südkurier

Südkurier

Betrachtet man den Südkurier, wird schnell deutlich, dass die Figur des Bernis ein Abbild von Saint-Exupéry selbst ist. Die Erfahrungen beider Piloten decken sich zu großen Teilen und auch die Romanze mit Genoveva ist ein Spiegel zu Antoines Erfahrungen und Erlebnissen mit Frauen. Insgesamt entsteht ein Bild des Piloten, der ein facettenreiches Leben zwischen Fliegerei und Privatsphäre lebt. Ein Bild, das sehr realitätsnah ist.

Mit einem offiziellen Funkspruch beginnt der erste Teil, dem eine bildhafte Beschreibung der Wüste vorangeschickt wird. Bernis bereitet sich für den langen und schweren Flug vor. Alles Beschreibungen, die für Antoines Werke charakteristisch sind. Auch die Gefahr und die Todesnähe, die schon erwähnt wurden, haben in dem Buch ihren Platz gefunden, nämlich als sich Bernis der Unsicherheit seines Flugzeugs bewusst wird: jederzeit kann er abstürzen oder in Turbulenzen geraten, aus denen er nicht mehr lebend heraus kommt.

Im Hauptteil werden Bernis‘ Monate in Paris geschildert – eine Beschreibung, die sich mit Antoines Reaktionen nach der Rückkehr in die Heimat sehr deckt. Alte Freunde leben ihr eigenes Leben mit Familie und eigenen Aktivitäten und die Angst besteht, dass er nach und nach zum Teil eines solchen „Termitenhaufens“ werden könne, wenn er lange genug bliebe.

Bernis schrieb in einem Brief an Antoine:

Ich war ja der Wünschelrutenmann, der den zitternden Weidenzweig in der Hand hält und über die ganze Erde gehen will, bis er den Schatz gefunden hat. Aber, sag mir nur, was suche ich denn? Und weshalb stehe ich da am Fenster, in der Stadt, in der alle meine Freunde wohnen, wo eine Wünsche leben und meine Erinnerungen zu Hause sind, und bin doch so unglücklich? Warum kann ich denn hier, zum erstenmal keine Quelle entdecken, warum weiß ich weit und breit keinen Schatz zu graben? 

Doch dann begegnet ihm Genoveva und er scheint die Quelle in der Liebe gefunden zu haben. Genoveva war seine Kindheitsgefährtin und ist mittlerweile mit einem langweiligen Mann verheiratet. Als ihr Kind nach schwerer Krankheit stirbt, will sie mit Bernis fliehen, kann sich jedoch mit seinem mittelmäßigen Pilotenleben nicht anfreunden. Bernis muss erkennen, dass es aussichtslos ist, Genoveva aus ihrer bekannten Welt zu reißen und in seine zu verpflanzen. Er gibt sie schweren Herzens wieder frei und sucht in der Kathedrale Notre-Dame nach Rat. Letztendlich kehrt er in seine Fliegerwelt zurück.

Im dritten Teil werden Tatsachenberichte mit symbolischen Bildern gemischt. In der Nacht verfolgt Antoine Bernis‘ Flug von Toulouse nach Juby, wo ein sturer Postenchef den Piloten trotz eines nahenden Unwetters weiterfliegen lassen will. Bernis nimmt die Herausforderung an. Er kommt heil zurück und erzählt Antoine vom letzten Besuch bei Genoveva. Dieser Bericht hat starke traumhafte Züge. Die Geliebte liegt im Sterben und er kann nicht mehr zu ihr durchdringen. Ihre strahlende Welt scheint im Schatten zu versinken.

Bernis stürzt sich daraufhin wieder in die Fliegerei und die melancholische Stimmung findet ein jähes Ende als der Funktspruch „Pilot tot, Flugzeug zerbrochen, Post intakt“ erklingt.

Auch in diesem Buch findet man eine Fülle von Ideen Antoines vereint. Autobiografie trifft auf Biografie des Freundes und auch Piloten Bernis und wird verwoben zu einem Roman, der nur aus der Feder Antoines stammen kann.

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Quellen und Fotos:

Mehr Informationen zur Fluglinie findet man HIER.

Joy D. Marie Robinson: Antoine de Saint-Exupéry. Schriftsteller,Flieger und Abenteurer. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH 1993.

Beim Klick auf das jeweilige Bild kommt ihr direkt auf die Seite, von der es ursprünglich stammt!

Ein Kommentar

Ein Kommentar zu “„La Ligne“ Latécoère – Erste Flüge nach Afrika & erste Erfahrungen in der Wüste (1926-1929) – „Südkurier“

  1. Faszinierend… den Südkurier habe ich vor sicher 20 Jahren gelesen und nun ist die Geschichte mit den Funksprüchen wieder vor meinem Auge… Danke für diese wundervolle Artikelserie zu „unserem“ Antoine…..

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