Achtung Buch: Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

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Und weiterhin hält mich Paris in ihrem Bann! Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges springen wir heute zurück ins Jahr 1889, präzise zum Nachmittag des 29. Oktober, zweieinhalb Tage vor den Abschluss der Exposition Universelle, der Weltausstellung in Paris. Und welch prunkvolles Bild präsentiert sich uns: Einem Bienenstock gleich, summt es und brummt es an allen Ecken und Enden. Aufgeregt und fröhlich plaudernd bewegen sich die fein gekleideten Leute durch die Hallen und Ausstellungsbereiche aus aller Herren Länder. Begeisterung und Staunen ob des Unbekannten und mittendrin fröhlich tobende neugierige Kinder.

Paris – ein Fest für’s Leben! Wahrlich ein passender Spruch, den Hemingway einst prägte. Die Weltausstellung – ein Markenzeichen, das die Stadt Paris auszeichnet, und inmitten des ganzen Spektakels ragt er auf: Der Eiffelturm, Turm der Welt. Gehasst, verflucht und vergöttert zugleich. Ein Symbol der Macht, ein Sieg über die Elemente und ein Sieg der Wissenschaft, die so vieles zu erreichen vermochte und vermag. Mit respektvoller Neugier wird er bestaunt, bestiegen, angezweifelt und ist dennoch in aller Munde. Ein glanzvoller Mittelpunkt des bunten Treibens, das jedoch nicht ganz so makellos ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

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Ein Doppelmord hinter den Kulissen der Exposition. Zwei Polizisten aufgespießt auf den Zeigern der Berneau’schen Uhr, einem Meisterwerk der technischen Entwicklungen, die bisher so noch nie denkbar waren und die einen Höhepunkt der Ausstellung darstellen. Fünf vor zwölf – exakt fünf Minuten vor Mitternacht war die Uhr stehengeblieben. Eine Zufall oder doch eine böse Vorahnung auf die weiteren Geschehnisse? Es ist fünf vor zwölf in Paris – und nicht nur in Paris.

Denn: Die brisante internationale Lage scheint für den Augenblick in den Hintergrund zu rücken, aber nur an der Oberfläche. Im Untergrund brodelt es gewaltig, und jedem halbwegs intelligenten Menschen dürfte es klar sein, dass gerade in Paris, im internationalen und bunten Gewimmel der Nationen während der Ausstellung, ein Funke genügen würde, um die Situation zur Eskalation zu treiben. Wieso? Ganz einfach: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger der politisch und wirtschaftlich hochkarätigen Besucher der Ausstellung eng verknüpft. Da haben wir eine französische Aristokratin – Königin der Salons, die um ihr Familiengeheimnis bangt. Daneben ein deutscher Offizier mit einem großen persönlichen Anliegen, der zum Spielball der Mächte gemacht wird. Ein junger und talentierter Fotograf, der einen wahren Teufelspakt eingeht, um das Herz seiner großen Liebe zu erobern. Und eine stadtbekannte Kurtisane, deren Innerstes undurchdringlich tief ist. Letztendlich versammelt sich das gesamte Who is Who der Weltpolitik an der Spitze des Eiffelturms, um das fulminante Abschlussfeuerwerk zu bewundern. Ein perfekter Zeitpunkt für einen Anschlag, der die Welt in Chaos versinken lassen würde. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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In seinem historisch angelehnten Roman nimmt uns Benjamin Monferat mit auf eine Reise in eine der (meiner Meinung nach) schönsten und spannendsten Epochen der Pariser Geschichte. Das ausgehende 19. Jahrhundert sprühte nur so vor Innovation und Entwicklung und verlor dabei aber nie den traditionellen Charme, der die Stadt so einzigartig macht. Und genau diesen Charme fängt er brillant ein. Man flaniert durch die eindrucksvolle Ausstellung und spürt die Aufregung, Spannung und Neugier fast körperlich, während einem die Vielzahl fremder Düfte um die Nase zu wehen scheint.

Mit viel Authentizität verknüpft er dieses mit den Geschehnissen in der Politik und ganz Europa und gibt auch tiefe Einblick in die damalige Gesellschaft samt der eindrucksvollen Salonkultur. Diese in Kombination mit der Magie der Stadt und der Ausstellung wird abgerundet vom Interesse und der Faszination für die Technischen Innovationen des industriellen Zeitalters, das schon Ende des 19. Jahrhunderts seine Schatten voraus warf.

Zu einem solchen vielseitigen Bild einer Stadt gehören natürlich auch die Charaktere, die Monferat ebenso verschieden, vielseitig und bunt gestaltet. Anfangs von der Fülle der Personen nahezu erschlagen, machte es von Seite zu Seite mehr Freude, sich auf die Spuren der Vicomtesse Albertine de Rocquefort, des jungen Offiziers Friedrich-Wilhelm von Straten, Celeste Marêchal -der Chefin des Hôtel Vernet, Madeleine Royals und Lucien Dantez zu begeben. All diese Figuren erwecken in der Geschichte das Bild der gesamten Pariser Gesellschaft sowie der Internationalen High Society aus den Bereichen Politik und Wirtschaft, sodass man sich direkt von Beginn des Romans an in einer realen und lebendigen Welt wiederfindet.

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Abgerundet wird dies noch durch den zweiten Handlungsstrang, nämlich durch die Ermittlungen im Mordfall der zwei Polizisten. Niemand geringeres als die Polizeilegende Alain Marais wird mit Hilfe des jungen Agenten Pierre Trebut auf die Spuren des Attentäters angesetzt und erleben eine wahre Schnitzeljagd durch die Seine-Metropole. All dies unter dem Deckmantel der absoluten Geheimhaltung, was gar nicht so einfach ist, nachdem mehrere Menschen zu Tode kommen.

Sie merken, liebe Leser, jede Figur – ganz gleich ob Hauptfigur oder auf den ersten Blick unscheinbare Nebenfigur – durchläuft eine große Entwicklung und spielt ihre fest zugedachte Rolle im Räderwerk der vielschichtigen Handlung. Jeder hegt seine Geheimnisse, jeder hat etwas zu verbergen, hat eine Mission zu erfüllen, ist in zwielichtige Machenschaften verstrickt oder folgt eigenen Zielen. Eine Geschichte wie ein großes dreidimensionales Puzzle, das es mit viel Geschick zusammenzufügen gilt. Spannung pur und eins ist klar: Zum Lesen erfordert es einen wachen Geist!

Wie schon angedeutet ist die gesamte Handlung sehr lebendig und verstrickt. Viele Handlungsstränge verlaufen auf den ersten Blick unabhängig parallel voneinander, um irgendwann doch durch winzig kleine Verknüpfungen miteinander verbunden zu werden. Bevor dies jedoch klar wird, bleibt viel Zeit für eigene  Gedanken, Ideen und Interpretationen. Nach und nach lichtet sich das Feld, bis ganz zuletzt alle Fäden in einem besonders fulminanten Feuerwerk zusammenlaufen und sich alles spiegelklar präsentiert. Keine Frage bleibt ungeklärt, keine Verbindung ungelöst! Ein wahrlich literarisches Meisterwerk, das uns Benjamin Monferat da präsentiert.

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Man braucht Zeit für diesen Roman, Zeit, um ihm den Raum zu geben, den er benötigt. Zeit, um die Personen kennenzulernen. Zeit, um zu ermitteln, zu forschen und zu vermuten. Zeit, um das besondere Flair zu genießen, den Charme, der den Roman umgibt und einen wie in eine weiche Decke hüllt, aus der man nicht mehr heraus möchte. Man braucht Zeit, um sich mit Verlusten abzufinden; um sich zu verabschieden; um zu bangen und zu trauern.

Benjamin Monferat hat sich mit diesem Roman selbst übertroffen. Er schuf ein Meisterwerk, eine Hommage an eine Stadt, an das Savoir Vivre, an das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er schrieb einen Roman über einen Anschlag in einer Stadt, die in jüngster Vergangenheit so oft Opfer von Terror wurde und verpackte das so gekonnt in ein Puzzle aus Wahrheit, Geschichte und Fiktion, das man nicht anders kann, als gebannt von Seite zu Seite zu fliegen und dem Geschehen atemlos zu folgen. Benjamin Monferat, dir ist ein Meisterwerk gelungen, das ich sicher nicht das letzte Mal gelesen haben werde! Auch wenn mich der Verlust einer Person mehr als schmerzt… Aber Verluste gehören nun einmal zum Leben. genau wie die Liebe es tut…

 

Achtung Theater: „Terror“ von Ferdinand von Schirach

Terror

Biegler, Verteidiger Daniel Koch – Vorsitzende Ute Menzel – Nelson, Staatsanwältin Anja Schreiber – Protokollführerin Susann Schmidt

Endlich gibt es Neues aus der Kategorie „One Night at the Opera“. Diesmal ist es aber kein schöner Musiktheaterabend, den ich euch präsentieren möchte, sondern ein brisanter Premierenabend aus der Sparte Schauspiel.

Wie an vielen anderen Theatern in Deutschland und in der Welt steht auch bei uns am Theater Plauen-Zwickau seit dem 08.10.2016 das Stück „Terror“ auf dem Spielplan – ein Stück zum nachdenken, in sich gehen und reflektieren. Ein Stück von erschreckender und knallharter Realität. Denn „Terror“ ist kein Fantasiegebilde. Mann kann ihn nicht leugnen oder verdrängen. Er ist da. Allgegenwärtig. Anschläge und Attentate bestimmen die Nachrichten und das Leben der Menschen in allen Ländern. Auch bei uns. Doch um was geht es im Stück genau?

Ferdinand von Schirachs Justizdrama macht den Zuschauer zum Schöffen und gibt ihm somit die Macht, der  den Ausgang des Prozesses direkt mitzuentscheiden. Schuldig oder unschuldig, das ist also die Frage, die wie ein Damoklesschwert von Beginn an über dem Abend schwebt. 124 gegen 164 könnte ein solches Ergebnis lauten. 124 plädieren für Schuldig, 164 für unschuldig – solche Ergebnisse sind es, die momentan an den Theatern besprochen und international ausgewertet werden. Ergebnisse, die die Meinung spalten, die moralische Entscheidungen fordern, welche niemandem leicht fallen dürften und die dennoch binnen weniger Momente getroffen werden müssen.

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Lars Koch, Angeklagter – Leonard Lange

Wir sind mitten dabei in einem Prozess, bei dem ein 31jähriger Angeklagter verhört wird. Lars Koch sein Name, Major der Luftwaffe sein Beruf. Eine Frau, ein Sohn – Boris, 2 Jahre alt. Koch schoss mit seinem Kampfjet eine Zivilmaschine der Lufthansa ab, welche von Terroristen übernommen worden war. Der Terrorist hatte gedroht, ebendiese Maschine in die mit 70.000 Zuschauern ausverkaufte Allianz Arena zu steuern und dort zum Absturz zu bringen. 70.000 Opfer wären die Folge gewesen. Koch widersetzte sich der Anweisung des Vorgesetzten und verhinderte dieses Attentat, indem er das Flugzeug abschoss und somit vom Kurs auf die Arena brachte. Mit der Rettung der 70.000 tötete er jedoch bewusst 164 Menschen (die allerdings in der logischen Konsequenz des Attentats so uns so gestorben wären). Und genau damit befinden wir uns im Konflikt: Ist Lars Koch ein Verbrecher oder ein Held? Der Aspekt der Justiz, nachdem er natürlich schuldig zu sprechen ist, sei hierbei jedoch hinten angestellt, denn die Verhandlung basiert auf einer viel höheren Ebene, der Ebene der Moral.

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Christian Lauterbach, Michael Schramm – Vorsitzende Ute Menzel – Protokollführerin Susann Schmidt

Ohne Kitsch und unnötige Nebenhandlungen und Überraschungen läuft die vom Schauspieldirektor Gilbert Mieroph auf den Punk inszenierte Gerichtsverhandlung ab. Als Kulisse dient ein klassischer Gerichtssaal. Wir haben die Vorsitzende (Ute Menzel), den Angeklagten Lars Koch (Leonard Lange) samt seines Verteidigers (Daniel Koch) und auf anderen Seite die Staatsanwältin Nelson (Anja Schreiber) samt Nebenklägerin Meier (Nadine Assmann). Abgerundet wird das ganze durch den Zeugen Lauterbach (Michael Schramm), den Wachtmeister (René Weidlich) und die Protokollführerin (Susann Schmidt). Nur wenige Leute in einem imposant aufgebautem Gerichtssaal. Eine angespannte Stimmung, die sich auf den Zuschauer überträgt. Standpunkte werden vorgetragen, mit Argumenten untermauert und umgeworfen. Meinungen und Weltbilder prallen aufeinander, die Verhörten werden moralisch in die Ecke gedrängt. Was wäre wenn… Fragen, die schwer zu beantworten sind; die man sich jedoch stellen muss, um ein Urteil fällen zu können. Ein Urteil, das jeder für sich allein fällen muss – in kürzester Zeit. Denn das ist eine weitere Besonderheit dieses Stücks. Wenn man das Buch vorher nicht gelesen hat, findet man sich genau in einem einmaligen Experiment wieder. Im ersten Teil, etwa 80 min. wird man mit der Materie des Falls vertraut gemacht. Was geschah?  Was hätte geschehen können? Wie lauteten die Anweisungen, die der Pilot erhalten hat? Hätte er anders handeln können? Knall auf Fall wie aus einem Maschinengewehr werden die Fakten im angespannten Stakkato abgefeuert und auch die Gerichtsdiener sind sich nicht immer einig, was die impulsiven Reaktionen zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft an verschiedenen Stellen deutlich machten. Eine Reaktion, die rein menschlich ist, im Anbetracht dieses Falls.

20 Minuten Pause

Danach: Etwa 30 Minuten Zeit für die Plädoyers der Staatsanwaltschaft sowie der Verteidigung. Man ist verwirrt, hin und her gerissen in seinen eigenen Gedanken. Lag man richtig mit seiner Entscheidung, oder soll man diese noch einmal hinterfragen? Wann hat sich die eigene Meinung geändert? Und warum? Schuldig? Nicht schuldig? Aber sie wären ja sowieso gestorben… Es sind doch Menschen… Kann man wenige Menschenleben gegen viele aufwiegen? Fragen über Fragen. Man ist gewissermaßen in die Ecke gedrängt. Ging es Lars Koch nicht ebenso? Er musste handeln, binnen Sekunden eine Entscheidung im großen Ausmaß treffen. So wie es nun jeder einzelne Zuschauer tun muss. Koch entschied über 164 Leben, wir in gewisser Weise über eines. Die Saaltüren fliegen auf, Zeit für die Abstimmung. Man bemerkt die Unruhe unter den Leuten, die leisen gemurmelten Diskussionen, ein kurzer Austausch, bevor das Signal zur Abstimmung ertönt. Jeder wirft seinen Abstimmungs-Coin in eine der vorgesehenen Boxen. Schuldig oder Unschuldig. Auch nach der Abstimmung herrscht ein reger Austausch, während hinter den Kulissen das Ergebnis ausgezählt wird. Es schien – zumindest auf unserer Seite – sehr ausgewogen.

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Biegler, Verteidiger Daniel Koch – Wachtmeister Rene Wedlich – Lars Koch, Angeklagter Leonard Lange – Vorsitzende Ute Menzel – Protokollführerin Susan Schmidt

 Die Vorsitzende tritt auf: Lars Koch wird in diesem Fall freigesprochen. Es folgt die Urteilsbegründung und das Stück ist vorbei. Begeisterung und viel Applaus begleiten die Verbeugungsordnung – sehr verdient, denn wenngleich das Stück nicht von viel körperlicher Handlung oder einem fulminanten Bühnenbild geprägt ist, zeigt es eine große sprachliche Kunst. Gesetzestexte, moralische Fragen, Gedankenspiele, Gleichnisse, Anschuldigungen und Verteidigungen reichen sich wie Pistolenschüsse die Hand. Eine Dynamik entwickelt sich, die während des Stückes zu starker Spannung heranwächst und den Zuschauer im Bann hält. Eine großartige Leistung aller Beteiligten, der Regie sowie der Ausstattung!

Ferdinand von Schirach hat für seinen Richter zwei Urteilsbegründungen verfasst, eine, die er spricht, falls der Angeklagte freigesprochen wird, und eine, falls er für schuldig befunden wird. Beide Urteile sind untermauert mit bildhaften Beschreibungen, die jedes Urteil als Plausibel erscheinen lassen. Es gibt folglich kein richtiges Handeln in diesem Fall, was auch die knappen Ergebnisse bei den Abstimmungen zeigen. Aber das eigentliche Ziel der Inszenierung wurde dennoch erreicht: Die Menschen denken nach. Sie überdenken moralische Fragen, denken über den Terror und die Hintergründe nach. Sie Hinterfragen und nehmen es nicht nur hin.

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Vorsitzende Ute Menzel – Protokollführerin Susann Schmidt – Biegler, Verteidiger Daniel Koch – Franziska Meier Nadine Aßmann – Nelson, Staatsanwältin Anja Schreiber

Leute, geht ins Theater. Schaut euch dieses Stück an und hinterfragt euch, das Gesehene, die Welt. Werdet Teil dieser besonderen Atmosphäre! Ich freue mich schon auf unsere nächste Vorstellung und bin sehr gespannt, wie sich das gesamte Projekt weltweit weiterentwickeln wird.

HIER findet ihr die internationalen Abstimmungsergebnisse

Das Copyright aller in dieser Besprechung gezeigten Fotos liegt beim Theaterfotografen Peter Awtukowitsch

Achtung Buch: Die Nachtigall von Kristin Hannah

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Und wieder verschlug mich meine Lesereise nach Paris. Diesmal in ein Paris, das in seinen schwersten Jahren steckte, nämlich mitten in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Noch immer zehrten die Menschen an den Verlusten, Ängsten und sonstigen schlimmen Folgen des Ersten Weltkrieges, als sich die neue Katastrophe unausweichlich anzubahnen begann.     Ein historischer Rahmen, des es wohl recherchiert zu füllen gilt – damit hat sich Hannah eine wahrlich schwierige Aufgabe gestellt. Denn: So aktiv wie sich die deutsche Seite von Beginn des Krieges an zeigte, so passiv verhielten sich die Franzosen. Kristin Hannah gelang es jedoch auf Anhieb, genau diese besondere Stimmung im Land einzufangen. Man erduldete die Übernahme, ohne sich ihr wirklich entgegenzusetzen. Seitens des Vichy-Regimes wurden die Menschen angehalten, sich ruhig zu verhalten und kaum jemand traute sich, dem Feind entgegenzutreten. „Drôle de Guerre“ lautet ein Stichwort – ein passives Verhalten an der Westfront seitens der Franzosen und der Briten. Keine wirkliche Kriegshandlung fand statt. Beruhigend für die Franzosen, die zwar über ein mehrere Millionen Mann starkes Heer verfügten, dieses aber nie auf einen wirklichen offensiven Krieg vorbereitet hatten. Außerdem stütze sich alle Aufmerksamkeit sowieso auf die Maginot-Linie, die es zu verteidigen galt.

Eine wahrlich komische Situation, die so jedoch nicht Bestand hatte. Im Laufe der folgenden Kriegsjahre schlug sich die Passivität im Land um: die Deutschen besetzten das Land mehr und mehr, die Maginot-Linie hatte nicht gehalten. Und auch die Franzosen begannen sich zu regen. Politische Aggression grids um sich und Begriffe wie Deportation, Judenverfolgung, Vertreibung der Bevölkerung, Repressalien und Flucht begannen den Alltag zu prägen. Das Vichy-Régime versagte und gestand sich dieses Versagen nicht ein. Und unter dieser Decke begann man einen Namen zu murmeln: de Gaulle. Ein Mann, den niemand kannte, der aber schon bald mit Begriffen wie Résistance – Widerstand in Verbindung gebracht werden sollte. Eine politische Kulisse, die Kristin Hannah perfekt umzusetzen versteht. Jede Seite des Buches atmet die Seele Frankreichs zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Und inmitten dieser Geschichte haben wir sie: Zwei Schwestern, die vieles gemeinsam haben und doch verschiedener nicht sein könnten: Vianne und Isabelle de Rossignol.

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Beide Frauen leben ihr Leben im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkrieges und müssen allein auf sich gestellt ihren eigenen Weg finden. Nach dem Tod der Mutter scheiterte der Vater an seiner neuen Rolle und die Mädchen schlugen sich mehr oder weniger allein durch – eine Tatsache, die durch das übersprühende Temperament Isabelles noch verschlimmert wurde. Vianne, die Ältere ist glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter. Ein Glück, für das sie wie eine Löwin kämpft. Im Vergleich dazu springt Isabelle zeitlos durch ihr Leben. Kaum zu bändigen ist sie und Regeln und Normen sind ihr fremd. Und genau diese verschiedenen Charakterzüge sind es, die die beiden Frauen an einen Scheitelpunkt bringen: Der Krieg ist da, aber wie geht man mit ihm um?

Viannes Mann Antoine wird einberufen und gerät ziemlich schnell in Kriegsgefangenschaft. Bald schon quartiert sich ein deutscher Offizier bei ihr ein und der Zwiespalt zwischen Abneigung und Kompromissbereitschaft bestimmt das Leben der jungen Frau und ihrer Tochter. Viel schlimmer trifft dies jedoch Isabelle, die sich genau damit nicht abfinden kann. Sie kann nicht still zusehen, wie die Deutschen ihr Land, ihr Leben und nun auch noch ihre Familie okkupieren. Ihre Gefühlsausbrüche schweben permanent wie ein Damoklesschwert über dem Leben der Familie, bis zu dem Tag, an dem sie beschließt, etwas  gegen den Krieg zu tun. Durch ihre Zähigkeit und ihren starken Willen findet sie ihren Platz und ihre Bestimmung in den Reihen der Résistance und ist bereit, selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen – koste es, was es wolle.

„In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.“

Zwei Schwestern, zwei Wege. Wege, die auf den ersten Blick nicht weiter auseinandergehen könnten und die nicht weiter zur Entfremdung führen könnten. Zwei komplexe Erzählebenen, die dem Leser eine breite Sicht auf das Geschehen in Frankreich sowie auf das Leben der Frauen, einmal im privaten und einmal im Widerstand, vermitteln. Eine Sichtweise, die sehr authentisch und klar ist. Vianne erlebt tagtäglich das Grauen der Besatzung mit dem steigenden Mangel der Versorgung bis hin zur harten Durchsetzung der antijüdischen Gesetze. Sie sieht Freunde abtransportiert werden, sie sieht Kinder sterben und erträgt dies. Noch. Im Gegensatz dazu stürzt sich Isabelle in ein wagemutiges Abenteuer: Ihr gelingt es unter dem Decknamen „Nachtigall“ abgeschossene alliierte Piloten über die Pyrenäen zu bringen und wird zu einem der meistgesuchten Feinde der Deutschen. Angst kennt sie dabei nicht. Noch nicht.

Und doch sind es genau diese verschiedenen Wege, die die Schwestern wieder vereinen sollen, ohne dass diese es zu Beginn merken. Beide stellen sie fest, dass der Krieg seine eigenen Regeln schreibt. Vianne, die immer voller Liebe war, muss lernen, dass eine Liebe nicht mehr geliebt werden darf. Isabelle hingegen erfährt die erste große Liebe, allerdings auch eine Liebe, die nicht geliebt werden darf. Doch zum ersten Mal kann sie nun verstehen, wie ihre Schwester bedingungslos alles erdulden kann, um ihre Familie zu schützen. Auch der Verlust des Vaters, von dem beide Schwestern nach dem Tod der Mutter nur Ablehnung erfuhren, prägt das Leben der Schwestern auf besondere Weise. Beide Schwestern beginnen zu kämpfen, jede auf ihre Art und Weise, aber beide – ohne dies zu wissen – für dasselbe Ziel. Und beide haben doch mehr von der anderen in sich, als sie es sich je eingestehen würden.

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Zwei Frauen vor einer einmalig realistisch erschaffenen Kulisse. Zwei Frauen, deren Schicksal mich nachhaltig so stark prägt, dass es nur schwer einzuordnen ist. Zwei Leben, die genau so hätten gelebt werden können. Keine Klischees, keine Übertreibung, sondern zwei präzise herausgearbeitete Charaktere, die für ein ganzes Land stehen. Ihre Entwicklungen und Denkprozesse, die einfach nur beeindruckend sind. Ein über sich selbst Hinauswachsen der ganz besonders großen sprachlichen und stilistischen Klasse wird präsentiert, das einen atemlos an der Seite beider Schwestern hält. Für Romantische Verklärung ist nicht viel Platz, aber dennoch wird jedes zarte Gefühl der Liebe und Zuneigung so klar beschrieben, dass es die Kälte des Krieges wie eine zarte Flamme zu durchdringen vermag.

Ein Roman, der so tief ist, so intensiv und so herzzerreißend, dass ich ihn nie wieder aus meinem Herzen vertreiben mag. Ein Roman, der mich so stark beeindruckt hat, wie es nur wenige Romane mit dieser Thematik zu tun vermögen. Zwei Schwestern, die mich seit der letzten Seite wie zwei Schatten begleiten, mit denen ich eine intensive Zeit verbrachte, mit denen ich lebte, litt und weinte und die mich mit ihrer Stärke zu prägen vermochten. Zwei Schwestern, die ihren Platz in meinem Herzen gefunden haben, die mich nicht nur einmal zum Weinen brachten und die mich festhielten und mir Wärme gaben, als mich die Kälte des Krieges gefangen hielt. Ein Buch für die langen Herbstabende, ein Buch zum sich darin verlieren. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Für mich nahezu unübertrefflich!

„Manche Geschichten haben kein glückliches Ende. Selbst wenn es um Liebe geht. Womöglich vor allem dann.“

 

Die Frauen und Augustus

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Im Rahmen einer tollen Blogtour mit dem dtv habe ich mich gemeinsam mit vier anderen Bloggern mit dem „Augustus“ von John Williams auseinandergesetzt und diesen intensiv durchleuchtet. Was nach dem Lesen bleibt, ist die Erkenntnis, einen wahrlich monumentalen Roman gelesen zu haben, der in seiner Tiefe und Besonderheit nachhallt und das Herz eines jeden Freundes von Rom höher schlagen lassen wird. Ich nehme euch hier mit auf eine kleine Reise durch das Leben des Kaisers und lege mein besonderes Augenmerk dabei auf die Begegnungen mit Frauen und deren Auswirkungen auf das Leben Octavius‘.

Ein besonderes Erlebnis ist dieser Roman auch in der Hörfassung. Berühmte Stimmen aus Fernsehen und Rundfunk erwecken das alte Rom zum Leben und vermitteln ein einmaliges Gefühl, direkt in das Geschehen involviert zu sein.

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Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau – diesen Spruch kennt wohl jeder von euch, doch trifft er auch auf einen der größten und wichtigsten Menschen der römischen Geschichte zu? Eins steht fest: Abgeneigt war Augustus dem schönen Geschlecht in keiner Weise, jedoch konnten ihn nur wenige Frauen wirklich nachhaltig prägen.

Beginnen wir also einmal bei der wichtigsten Frau im Leben eines jeden Mannes: seiner Mutter Atia. Weise und mit mütterlicher Wärme hielt sie stets die Hände über ihren Sohn und warnte ihn vor den Folgen, die ihn erwarten würden, sollte er Cäsars Erbe annehmen. Glanz und Ruhm auf der einen Seite, aber auch Unbekanntes, Dunkles und Mächtiges, dessen Ausmaß er in seinem jungen Alter noch gar nicht ermessen könne.

„Das Testament wurde öffentlich gemacht, und es ernennt Dich zu Cäsars Sohn und Erben. Ich weiß, Dein erster Impuls wird sein, beides anzunehmen, den Namen und das Vermögen, aber deine Mutter fleht dich an zu warten, zu überlegen und abzuschätzen, in welche Welt Dich das Testament Deines Onkels einlädt. Es ist nicht die schlichte Welt von Velletri, diesem Ort auf dem Land, in dem Du Deine Kindheit verbracht hast, (…). Dies ist die Welt Roms, in der niemand Feind noch Freund kennt, in der Freizügigkeit stärker als Tugend bewundert wird und Prinzipien nur den Eigennutz dienen:“
(S. 43)

Trotz aller gut gemeinten Ratschläge tritt Octavius das Erbe des Onkels an und wird binnen wenigen Jahren zu einem mächtigen Herrscher, der seine Mutter aber immer im Herzen trägt, was insbesondere nach deren Tod während der Beerdigungszeremonie deutlich wird. Sehr wohl trug er ihre Ratschläge im Herzen und versuchte diese für sich und das römische Volk umzusetzen. So spricht er über sie:

„Rom wird dich, die du Rom warst, nie wieder erblicken. Ein Verlust, der allein durch deine beispielhafte Tugend zu ertragen ist, die uns doch sagt, dass unser Kummer, währt er zu lang und wird er zu tief empfunden, dem eigentlichen Ziel deines Lebens zuwiderläuft. (…). Du, der du einen ehrenwerten römischen Namen trägst, hast in vollem Maße jene alten Tugenden des Landes verkörpert, die unsere Nation im Laufe ihrer Geschichte genährt und erhalten haben.  (…). Dank deiner Sanftmut besaßt du eine anderen Feinde als die Zeit, die dich nun von uns genommen hat. Rom, ach Rom, blicke auf jene, die hier ruht und sehe in ihr das Beste deines Wesens, deines Erbes.
(S. 122-123)

Insbesondere diese Worte zeigen, welch wichtige Rolle Atia im Leben ihres Sohnes gespielt hat. Sie war es, die ihm die monumentalen Werte, die Ideale vermittelt hat, die für ihn Rom ausmachen. Ihre Güte und Weisheit sollen auf ewig in den Menschen weiterleben. Eine Rede, eine Geste, die nur von wahrer Liebe zeugen kann.

In diesem Zusammenhang sei auch Hirtia zu nennen, deren Mutter zur Zeit der Geburt Octavius‘ als Sklavin in Atias Haushalt arbeitete. Sehr eng war ihre Bindung zu dem kleinen Jungen und bis ins hohe Alter, als sie noch einmal nach Rom fuhr, um die Stadt mit schwindendem Augenlicht ein letztes Mal zu sehen, hielt sie die Erinnerungen an den kleinen Jungen Tavius im Herzen. Nun, nach über fünfzig Jahren sieht sie diesen Jungen am Ende ihres Lebens noch einmal wieder. Er begegnet ihr voller Güte und auch sie entgegnet ihm die Wärme des Herzens.

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Ganz anders war es dabei um die Ehen Octavius‘ bestellt. Arrangiert wurden sie durch Maecenas und erfolglos waren sie. Man mag von Liebe gar nicht sprechen. Die erste Ehe wurde mit Servilia arrangiert und basierte – wie auch alle folgenden Ehen – auf politischen Gründen. Sie wurde niemals geschlossen, da sie in der Endkonsequenz nicht nutzbringend für Rom gewesen wäre. Die zweite Ehe betraf Clodia und ihr lag einer Vereinbarung des Triumvirats zugrunde, mit dem ein Friede mit Antonius einhergehen sollte. Ganz das Gegenteil war jedoch der Fall und somit wurde die Scheidung beschlossen. Die dritte Ehe wurde mit Scribonia beschlossen, mit der Frau, die ihm seine einzige Tochter Julia schenken sollte. Auch diese Ehe wurde letztendlich geschieden.

Wenn man diese Erlebnisse so betrachtet, wird deutlich, dass die Politik und die Liebe einfach nicht zu vereinen sind. Zweckmäßig arrangierte Ehen erfüllen nie den Zweck der Liebe, der zur Zeit Octavius‘ aber sowieso hintergründig war. Allerdings erfüllten seine Ehen nicht einmal die politischen Zwecke, für die sie ausgerichtet wurden. Ist es also verwunderlich, dass er sich den leichten Vergnügungen zuwendete?

Eine Frau gab es jedoch, die sein Herz erreichte, die ganz die Seine war: seine Tochter Julia. Wider aller Gesetzmäßigkeiten ließ er ihr alle Bildung zukommen und sie von seiner neuen Frau Livia – einer starken Person, die genau wusste, was sie wollte und wie sie es bekommt – anstelle einer Amme großziehen. Julia bewunderte Livia und beide Frauen entwickelten über die Jahre hinweg eine gewisse Art von Freundschaft. Und das, obwohl Livia die Berechnung und Härte in Person war, die alles tat, um ihre persönlichen Wünsche und Ziele zu erreichen, koste es was es wolle. Julia lernte die traditionellen Hausarbeiten ebenso wie die Kunst des Latein und der Rhetorik gleichwertig mit den Jungen. Über ihre Kindheit sagte sie:

„Mir scheint, dass ich damals glücklich gewesen bin, vielleicht so glücklich wie sonst nie in meinem Leben, doch nach drei Jahren ging diese Zeit zu Ende, und ich musste zur Frau werden. Es war der Abschied von einer Welt, auf die ich nur erste Blicke geworfen hatte.“
(S. 245)

Und es sollte nicht der letzte Abschied im Leben der jungen aufstrebenden Frau bleiben. Drei Ehemänner hatte sie, die sie nicht liebte. Mit siebzehn wurde sie das erste Mal zur Witwe, als ihr Mann Marcellus verstarb. Es folgte die Ehe mit Marcus Agrippa, dem engen und vertrauten Freund des Vaters, die neun Jahre andauern sollte. Doch auch in Julias Leben dominierte nicht die Liebe, sondern das Pflichtgefühl:

„Ich war des Kaisers Tochter. Ich war auch die Frau von Marcus Agrippa, meines Vaters Freund, zuallererst aber war ich die Tochter des Kaisers. Man ging gemeinhin davon aus, dass meine Pflicht vor allem Rom galt.“
(S. 294)

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Doch genau gegen diese Pflicht begann sich die junge Frau aufzulehnen und widersetzte sich den Gepflogenheiten des Landes. So setzte sie selbstbewusst durch, dass sie die Stadt verlassen dürfe, um an der Seite ihres Mannes zu reisen. Sie lernte die Welt kennen, durchlebte diverse mythische Rituale und musste letztlich doch eines bitter erfahren: Sie würde immer Rom sein und in dessen Pflicht stehen.

„Im Jahr des Konsulats von Tiberius Claudius Nero, Livia Sohn und Ehemann von Vipsania, der Tochter meines Mannes, fuhr ich wieder nach Rom. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt. ich, die eine Göttin gewesen war, kehrte zurück als einfach Frau und verbittert.“
(S. 307)

Nach Agrippa Tod wurde Julia von ihrem Vater an Tiberius Claudius Nero versprochen, dem Ehemann, den sie abgrundtief hasste. Ein Hass, der soweit reichte, dass sie ihn nur mithilfe einer Vielzahl von Liebhabern ersticken konnte. Liebhaber, die ihr zum Verhängnis werden sollten. Denn was Julia nicht merkte war, dass ihre Liebhaber hinter ihrem Rücken gegen ihren Vater verschworen hatten und ein tödliches Komplott schmiedeten. Des Ehebruchs und der Mitschuld bezichtigt würde das unweigerlich den Tod Julias mit sich bringen. Eine Tatsache, die der liebende Vater mit klugen Schachzügen aus der Welt schaffen kann. Aber zu einem teueren Preis: die geliebte Tochter muss ins Exil. Dies war der einzige Weg um ihr Leben und die Ehre der Stadt Rom zu retten. Zwei Schicksale, auf ewig und unzertrennlich aneinander gebunden. Und immer blieb in ihm die Liebe zu seiner Tochter:

„Aller Groll, den ich meiner Tochter gegenüber gehegt haben mag, ist längst versiegt, da ich einsam, dass es trotz ihrer Rolle bei der Verschwörung noch immer eine Julia in ihr gab, die das den Vater liebende Kind blieb und vielleicht alle vernarrt in ihn war, eine Julia, die entsetzt vor dem zurückgewichen sein muss, wozu sie gedrängt wurde, eine Julia die sich immer noch, auch in der Einsamkeit Reggios, an die Tochter erinnert, die sie einmal gewesen war. (…). Ich wünschte mir damit, dass Rom einmal jenes Potential besäße, das ich in meiner Tochter sah. Letzten Endes haben sie mich beide verraten, nur kann ich sie deswegen nicht weniger lieben.“
(S. 432)

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Ja, die Frauen begleiteten Octavius von jungen Jahren an und hinterließen ihre Spuren in seinem Leben. Spuren, die Williams auf eine einzigartige Weise in seinen Briefen lebendig werden lässt und die den Leser bannen. Wie intensiv die Beziehung zwischen Vater und Tochter in diesem Zusammenhang war, zeigt schon allein die Tatsache, dass er ihrer Geschichte ein ganzes Buch im Roman eingeräumt hat. Doch weniger Platz hätte auch nicht gereicht, um das Leben und die Beziehung zwischen Vater und Tochter in all ihrer Vielschichtigkeit darzustellen.

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Flüchtige und zweckdienliche Beziehungen waren es vordergründig, die Octavius‘ Leben prägten, sieht man von seiner Mutter, der Tochter und seiner letzten Frau Livia ab, die einen großen Einfluss auf ihn und die Geschichte Roms hatten. Rom über alles, Rom ist der Atem, das Leben und der Tod. Und dennoch schlummert auch im stärksten Kaiser die Sehnsucht nach der Liebe, die insbesondere bei Julia zu spüren ist, aber auch in der Beschreibung seiner Ehe mit Terentia, einer auf den ersten Blick einfachen Frau, die es jedoch verstand, ihm Liebe und Zuneigung zu geben, für ihn da zu sein und ihm Trost zu spenden. Dinge, die er, das Oberhaupt Roms, nur selten erfahren durfte. Denn es ging schließlich um Rom, immer um Rom…

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Achtung Buch: Holmes und Ich – Die Morde von Sherringford von Brittany Cavallaro

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Manche Bücher kommen genau zur rechten Zeit, so wie dieses. Als ich im März meine erste Klasse übernommen habe, stand das Thema Krimi ganz hoch im Kurs auf dem Lehrplan und damit einhergehend natürlich große Namen wie Sherlock Holmes, Agatha Christie und Alfred Hitchcock. Namen, die aus dem Krimigenre nicht mehr wegzudenken sind und die ihren guten Ruf bis heute gewahrt und verstärkt haben. Agatha Christie erfährt ein großes Comeback im Aufbau Verlag und Sherlock Holmes verfolgt uns in einer brillanten Neuverfilmung als Serie mit dem fabelhaften Mr. Cumberbatch und Co. Doch auch aus dem Bereich Jugendbuch kann man den Charmanten Detektiv mit seinen Markenzeichen Mütze und Pfeife nicht mehr wegdenken. Auf vielfältige Weise begegnet er uns immer wieder, sei es bei Fischer FJB als Young Sherlock Holmes oder nun hier im DTV. Eins haben sie aber alle gemeinsam: Sie verstehen das Publikum zu fesseln.

Und dieses Handwerk versteht auch Brittany Cavallaro in ihrem Buch „Holmes und Ich“, obwohl, oder gerade weil sie einmal eine ganz andere Herangehensweise wählt. Stellt euch vor, ihr müsst eure geliebte Heimat London verlassen, da ihr ein Stipendium für einen Platz an einem Elite-Internat an der Ostküste der USA erhalten habt. Kann passieren, denkt ihr euch. Aber dann trefft ihr genau dort auf den Menschen, der euer Unterbewusstsein schon das ganze Leben lang beschäftigt: Charlotte Holmes, Nachfahrin des einzigartigen und legendären Sherlock Holmes. Und ihr? Ihr seid kein Geringerer als Jamie Watson, Nachfahre Doktor Watsons. Schicksal, Vorhersehung, Zufall oder doch ein abgekartetes Spiel? Findet es heraus! Euch bleibt nicht viel Zeit, denn schon kurze Zeit, nachdem ihr an der Eliteuniversität angekommen seid, geschieht ein erster Mord. Hauptverdächtige: Jamie Watson und Charlotte Holmes. Misstrauen und Beobachtung von allen Seiten folgen auf die Geschehnisse und auf einmal holt euch die Vergangenheit ein. Nur ihr beiden könnt gemeinsam den Mord von Sherringford  aufklären. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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Brittany Cavallaro ist mit ihrer Version von Sherlock Holmes ein toller Auftakt gelungen. Von einer ganz neuen Seite beleuchtet sie das Leben des berühmten Detektivs, nämlich durch die Augen seiner Nachfahrin Charlotte, die ihm gar nicht so unähnlich ist. Ausgestattet mit einer sehr egozentrischen und eigenen Art sowie zahlreichen Ticks, gelingt es ihr sehr schnell den jungen Watson in ihren Bann zu ziehen, der eigentlich nichts wollte, außer ein ruhiges Leben zu führen und eins tunlichst zu vermeiden: Charlotte Holmes zu begegnen. Unmöglich! Denn schon bei der ersten Begegnung ist es um den jungen Mann geschehen. Nach und nach raufen sich die beiden mehr zusammen und Watson gelingt es, den harten Panzer um den Kern Charlottes zu durchbrechen. Beide Charaktere erzählen und berichten parallel über ihre Erlebnisse, sodass der Leser die verschiedenen Gedanken sehr plastisch vermittelt bekommt. Dabei spart die Autorin an keiner Stelle mit Details und Beschreibungen, sodass vor dem inneren Auge des Lesers eine sehr lebendige Welt entsteht. Ebendiese Perspektivenwechsel machen das Buch sehr spannend und halten den Leser in den Seiten gefangen. Man mag das Buch kaum mehr aus den Händen legen, wenn man einmal damit begonnen hat.

Der Autorin ist hier ein wirklich tolles Jugendbuch gelungen. Die gewählte Thematik punktet mit Spannung, einer gut durchdachten Handlung, aber auch mit viel Romantik und Herzblut, was im Jugendgenre einfach auch nicht fehlen darf. Schauplätze und die Atmosphäre sind zauberhaft beschrieben und mit viel Liebe zum Detail zum Leben erweckt worden und stets schwebt die Erinnerung an die großen Vorbilder über der Geschichte. Ein prima Auftakt, den ich jedem Jugendlichen Krimifreund und auch den „großen“ Verehrern von Sherlock Holmes nur empfehlen kann. Ich freue mich schon auf weitere spannende Abenteuer der beiden!

Achtung Buch: Die Bechsteins: Eine Familiengeschichte von Gunna Wendt

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Viele meiner Freunde wissen, dass es mir eine große Freude machen kann, eine gute Biografie in den Händen zu halten und diese natürlich auch zu lesen. Und bei manchen Biografien weiß ich schon lange, dass ich sie lesen will, bevor sie überhaupt auf den Markt kommen. Genauso war es mit der Biografie der Familie Bechstein von Gunna Wendt. Schon in der letzten Verlagsvorschau ist mir das Cover ins Auge gestochen: Mattschwarz. Ein stilisierter Flügel. Goldene Schrift. Schlicht aber alles sagend. Dann noch ein kurzer Blick auf den Klappentext und mein Entschluss stand fest. Dieses Buch muss ich haben – unbedingt!

Und – so viel kann ich jetzt schon sagen – enttäuscht wurde ich keinesfalls. Habe ich erwartet, größtenteils über den Klavierbauer Carl Bechstein zu erfahren, war ich schon auf den ersten Seiten überrascht, welchen Weg die Autorin einschlug. Nicht nur Carl stand im Zentrum der Biografie, sondern die ganze Familie findet Beachtung. Neben Carl waren das vor allem Ludwig Bechstein, der als zukünftiger Autor unter anderem die „Tannhäuser-Sage“ entdeckte, die später Wagner zu seiner berühmten Oper inspirieren sollte.

Doch erst einmal zurück zu Carl. 1826 wurde er geboren und war von einem überragenden Gehör gesegnet, dass ihm mitsamt seinem großen handwerklichen Geschick den Weg zur Karriere eines großen Klavierbauers ebnen sollte. 1953 machte er sich nach harten Lehr- und Wanderjahren mit seiner ersten Werkstatt selbstständig. Ein Jahr, das zum goldenen Jahr der großen Klavierhersteller werden sollte: In New York wuchs Steinway heran, in Leipzig Blüthner und in Berlin Bechstein. Drei große Unternehmen, die allesamt in Deutschland gegründet wurden und bis heute großen Weltruhm genießen. Ja, richtig, auch Steinway stammt aus Deutschland, da Steinway niemand anderer war als ein gewisser Herr Steinweg aus dem Harz.

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Ein erster wichtiger Wegbegleiter für Carl war der Komponist Franz Liszt und es sollten viele weitere folgen, die den guten Ruf der Bechstein-Flügel besiegeln sollten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts ging es steil bergauf, obwohl Carl selbst im Jahr 1900 verstarb. Die drei Söhne übernahmen das Unternehmen, wobei es durch den ersten Weltkrieg zu einer ersten Krise kam: Die Menschen hatten nun andere Dinge im Kopf als die schönen Künste und auch viele Auslandsfilialen mussten geschlossen werden.

Viel schlimmer schadeten jedoch der Zweite Weltkrieg und die Jahre der Weimarer Republik dem Unternehmen. Carls Sohn Edwin gehörte seit den frühen Zwanziger Jahren zu den Förderern Hitlers, den seine Frau Helene liebte und ideell und finanziell stark unterstütze. Dies war ein Makel, der dem Unternehmen nachhaltig schadete, auch nachdem Edwin auf Drängen der Familie das Unternehmen verlassen musste.

Nichts desto trotz blieb das Unternehmen bis heute eine erstklassige Klaviermanufaktur, das noch immer über Weltruhm verfügt und großartige Künstler zu seinen Anhängern zählt. Hat Carl schon zu Beginn seiner Karriere verstanden, geschickt Netzwerke zu spinnen, setzen sich diese bis heute fort und werden in Künstlerkreisen weiter gesponnen. Ganz gleich ob die Beatles, Queen, Elton John oder große Künstler der Klassikszene – alle vereint bis heute der Name Bechstein. Name einer Familie, die eine spannende Geschichte zu erzählen hat, die Gunna Wendt sehr gekonnt niedergeschrieben hat.

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Spannend und informativ erzählt Gunna Wendt die Entstehung der Familiendynastie und setzt ihr Augenmerk dabei auf alle Mitglieder der Familie Bechstein und deren individuellen Entwicklungen. Ergänzt wird dies durch eine Vielzahl gegenwärtiger Stimmen, die sich aktuell zum Stellenwert eines Bechsteinflügels äußern. Interviews mit Pianisten, Musikern und Komponisten wurden im Text eingebunden und bieten so eine absolut abgerundete Geschichte vom Beginn des Flügelbaus bis heute. Für mich als bisherige Steinway-Verehrerin ein wahres Lesevergnügen, das mir auch nach über 10 Jahren direkter und indirekter Orchesterarbeit so viel Neues vermitteln konnte und dabei so viel Freude gemacht hat! Eine wahre Empfehlung für alle Musikfreunde und diejenigen, die gern spannende und sehr gut recherchierte Biografien lesen mögen!

Achtung Buch: Die Vegetarierin von Han Kang

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Als eine der großen literarischen Entdeckungen wird „Die Vegetarierin“ von der südkoreanischen Autorin Hang Kan angepriesen, und das mit Recht. Nachdem ich binnen weniger Tage dieses Werk nahezu verschlungen habe, bin ich noch immer zutiefst aufgewühlt, verstört und zugleich beeindruckt von dem Gelesenen. Im Vorfeld war mir die Autorin gänzlich unbekannt und rückte nur durch meine neugeweckte Liebe zur asiatischen Literatur in meinen Fokus, die oftmals mit leisen Worten so vieles auf eine besondere Art und Weise auszudrücken vermag.

Und genau so war es auch mit diesem Buch. Wenige Sätze genügten, um mich vollkommen in den Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Mittendrin war ich in der Geschichte der Südkoreanerin Yong Hye, einer ganz normalen Ehefrau – fast schon zu normal, wenn man ihrem Ehemann glaubt, der genau das schon zu Beginn des Romans beschreibt:

„Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“, sagt er. „Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen. Auf diese Weise brauchte ich keine intellektuellen Hochleistungen zu vollbringen, um sie für mich zu gewinnen.“

Normal und unscheinbar: Werte, die für ihn groß geschrieben werden. Auf keinen Fall auffallen oder gar anders sein. So lebten sie still miteinander oder doch eher nebeneinander in einem Land, das von ebendiesen Normen geprägt ist. Bis zu jenem besagten Abend, an dem alles Yong Hye vor dem Kühlschrank sitzt, inmitten von haufenweise eingefrorenem Fleisch in allen Variationen. Fleisch, das man von keiner Speisekarte wegdenken kann und das zum Leben gehört wie die Luft zum Atmen. Alle essen Fleisch, die ganze Familie kocht und liebt es. Vegetarismus ist streng verpönt und absolut nicht akzeptabel. Schon gar nicht in Yong Hyes Familie. Doch dann passiert genau in dieser Nacht das Unglaubliche. Yong Hye hört auf Fleisch zu essen, überhaupt alles Tierische wird von der Speisekarte gestrichen. Eine einzige knappe Begründung gibt es immer wieder:

„Ich hatte einen Traum.“

Nich mehr und nicht weniger. Träume waren es von Blut, von Fleisch, vom Fressen und gefressen werden. Aus der Ablehnung des Fleisches wird eine Ablehnung des Essens überhaupt. Mehr und mehr verfällt die junge Frau und geht vor den Augen ihrer Familie zugrunde. Bis es bei einer Familienfeier zur Eskalation kommt: Der Vater, das Oberhaupt der Familie, versucht seine Tochter „zu Vernunft“ zu bringen, indem er ihr gewaltsam Fleisch in den Mund steckt.

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Spätestens in diesem Moment wird alles klar: Fleisch ist nicht nur Fleisch und auch nicht nur ein Symbol für das Essen in Korea. Fleisch steht in diesem Buch als Symbol für Gewalt, für alle Gewalt, gegen die es aufzubegehren gilt. Ganz gleich ob häusliche Gewalt oder andere tätliche Gewalt. Und Yong Hye steht genau in der Mitte des Ganzen als Symbol für den Kampf und für die Freiheit in einer Umgebung, die dieser entgegensteht. Sie steht für den Kampf und für den Wandel.

Und der Wandel ist ein weiterer wichtiger Aspekt, der im Roman schon fast kafkaesk anmutet, wenn nicht sogar ein wenig an Ovids Metamorphosen denken lässt. Mit dem Verzicht auf Fleisch kommt in der jungen Frau nämlich ein großer Wunsch auf: Sie will selbst zur Pflanze werden. Und einen Moment, einen sehr bizarren Moment lang, scheint dieser sogar wahr zu werden. Ein wilder Akt, den ich an dieser Stelle nicht näher beschreiben will, der für mich aber zu einer schockierenden und dennoch sehr faszinierenden Stelle im Buch wurde. Ein Akt der Befreiung, nachdem sie sich schon in der Öffentlichkeit entblößte und der Sonne entgegenstreckte – wie eine Pflanze auf der Suche nach dem rettenden Sonnenlicht.

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Leise Töne dominieren diesen Roman – leise Töne, die so laut in den Ohren widerhallen wie die Gewalt und die Brutalität, die hinter dem gesamten Verhalten Yong Hyes stecken und Auslöser des Ganzen sind. Gewalt und Brutalität, die das Leben der jungen Frau von Kindesbeinen an auf verschiedenste Art und Weise prägten und die immer gut verschlossen unter der Oberfläche gehalten wurden – man muss ja schließlich die Norm wahren.

Der Verzicht auf Fleisch – ein stummer Aufschrei mit einer gravierenden Wirkung. „Lass uns einfach nicht nach Hause gehen“, sagte sie zu ihrer Schwester in jungen Jahren. Damals schon ein leiser Hilferuf, der nie erhört wurde. Vielleicht hätte es etwas geändert, vielleicht auch nicht…

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Tief aufgewühlt lässt mich dieser Roman zurück, voller Fragen, auf die ich momentan keine Antworten finde und vielleicht auch nicht finden werde oder finden will. Nicht umsonst hat „Die Vegetarierin“ den Man Booker International Prize gewonnen und wird hoch im Kurs gehandelt. Er ist ein literarisches Meisterwerk, das einen von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und weit darüber hinaus beschäftigt. Man schaut über die Grenzen, denn dieser Roman steht für weit mehr als für den Vegetarismus in Korea, als für Normen und Auflehnung. Er hält uns einen Spiegel vor, einen Spiegel der Gesellschaft und der Doktrinen. Einen Spiegel derer, die die Freiheit suchen und alles dafür geben. Und steht es nicht jedem Menschen frei, das zu sein? FREI?