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Le phénomène continue: Das Bildnis aus meinem Traum von Antoine Laurain

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Während ich gerade in London auf Klassenfahrt war, erreichte mich ein wundervolles Päckchen meines Lieblingsautors und des Atlantik-Verlags. Ich hatte die Nase gerade aus der Rhapsodie Française genommen als nun auf einmal das Bild aus meinem Traum druckfrisch mit einem wundervollen persönlich gewidmeten Bild, und vielen liebevoll ausgewählten Accessoires vor mir lag. Schon in diesem Moment huschte mir ein Lächeln über die Lippen – ist es doch genau diese Detailverliebtheit, die Antoine Laurain ausmacht.

Doch worum geht es nun in seinem neuen Meisterwerk? Allem voran um eine große und zentrale Frage:

Wie viel sind wir bereit aufzugeben, um die große Liebe zu gewinnen?

Eine Frage, die sich sicher jeder von uns schon einmal gestellt hat. Eine Frage, die den Protagonisten Pierre-François Chaumont eiskalt erwischt. François ist Anwalt, verheiratet mit Charlotte, wohnhaft in Paris, wenn man es einmal knapp und nüchtern zusammenfasst. Denn: Nüchtern gestaltet sich ihr Zusammenleben. Arbeit, Routine und vor allem kein gegenseitiges Verständnis dominieren sein Leben. Kein Verständnis? Ihr habt richtig gelesen, denn François hat ein Hobby: Er sammelt Antiquitäten. Eine Leidenschaft, die schon in frühester Kindheit mit einer Sammlung von Radiergummis begann:

„Eine Sammlung beginnt mit zweien, wenn man auf der Suche nach dem dritten ist.“
(S.22)

Dass er damit jedoch noch nicht die hohe Kunst des Sammelns erreicht hatte, wurde ihm spätestens dann klar, als er sich mit seinem Onkel Edgar – ach, ich hätte ihn so gern kennengelernt – einem Paradiesvogel mit besonderen Eigenarten, über sein Hobby unterhielt. Denn Edgar war es, der ihm den wahren Sinn des Sammelns erklärte. Nicht irgendwelche Antiquitäten oder schöne Dinge solle man sammeln, sondern diese, die eine Geschichte erzählen und die Seele ihrer Vorbesitzer wahren konnten.

„“Wenn du ein echter Sammler werden willst, musst du eines verstehen: Die Dinge, die echten Dinge“, hatte er mit gehobenen Zeigefinger betont, „bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben.““
(S. 27)

Von diesem Moment an änderte sich das Leben François‘ komplett. Er sammelte gezielter und entwickelte einen besonderen Sinn für das Geschäft. Auktionen wurden seine zweite Heimat, sehr zum Leidwesen seiner Frau, die ihn mehr und mehr ins Abseits drängte, sodass sein Hobby bald komplett in sein Arbeitszimmer ausgelagert wurde. Man stelle sich das einmal vor: Regale, Schränke, Ablagen zum Bersten gefüllt mit kleinen und größeren Schätzen, die den vorgegebenen Rahmen zu sprengen drohen! Nach und nach erobert er sich mehr Platz in der Wohnung zurück – sehr zum Missfallen von Charlotte.

Zur Eskalation kommt es jedoch erst, als François bei einer Auktion auf ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, das niemanden geringeren zeigt als ihn selbst. Zu Hause verhöhnt und von den Freunden milde belächelt, macht er sich auf, um die Geschichte des Bildes zu erforschen. Ein Weg, der ihn zu einem Weingut im Burgund und einer jungen Gräfin führt, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Mit großer Freude wird er dort empfangen, schließlich ist es doch er: Aimé-Charles de Rivaille, der Graf von Mandragore… oder etwa nicht?

***

Im Januar habe ich euch ja die ersten beiden auf Deutsch beim Atlantik Verlag erschienenen Bücher von Antoine Laurain vorgestellt. Damals unter dem Titel „Vom Suchen, Finden und Gefunden werden“. Ein Thema, an das ich beim Bild aus meinem Traum nahtlos anknüpfen kann. Denn auch François war verloren, auf der Suche nach dem Glück und der Liebe. Der Job war für ihn keine Erfüllung, genauso wie seine Ehe mit Charlotte. Und wieder einmal war es das Schicksal, das ihm zugute kam: Ein Bild tauchte in einer Auktion auf, nicht irgendein Bild, sondern DAS Bild. Ein Gemälde, das ihn selbst zeigt. Spätestens seit Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray sollte sich der Leser ja der Gefahr bewusst sein, die von einem spontan auftauchenden Bildnis seiner selbst ausgehen könnte, aber wie es so oft der Fall ist, überwog auch hier die Neugier. François musste das Bild haben, um jeden Preis. Und er ging als Sieger aus der Auktion hervor.

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Ehekrach, Spott und mildes Kopfschütteln waren die Reaktionen auf sein Bild und die Ähnlichkeit, die keiner außer ihm zu erkennen vermochte. Doch ihm öffnete all dies die Augen: neue Perspektiven, eine neue Zukunft. Er stürzte sich in die Recherchen und die Mühen sollten belohnt werden. Der Weg führe ihn ins Burgunder Land auf ein Weingut der Gräfin von Mandragore. Dort angekommen schien die Zeit stillzustehen. Fast schon magisch und ein wenig märchenhaft mutet die Geschichte von diesem Moment der Ankunft an. Ein Dorf, das sonst von allen Landkarten gestrichen zu sein scheint und eine traurige Vergangenheit hegt. Ist der Graf doch vor einigen Jahren spurlos verschwunden und die Gräfin einsam und in Trauer. Und nun ist er wieder da. François…. nein, Aimé, oder doch François?

Die Ankunft im Dorf bestimmt eine wichtige Wende im Leben des Anwalts, eine Entscheidung, die nur schwarz oder weiß zulässt. Eine endgültige Entscheidung ohne Weg zurück, egal welche Richtung er einschlagen würde.

„Pierre-François Chaumont, bist du da? Ein Schlag ja, zwei Schläge, nein.“
(S.189)

Auch in diesem Buch von Antoine Laurain dient die Geschichte zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen. Man muss manchmal aus bekanntem Terrain ausbrechen und den Mut haben, Neues zu wagen. Dann wird man auch irgendwann seinen Platz und seine Bestimmung finden.

Paris als Schauplatz rückt dieses Mal etwas in den Hintergrund, aber gerade der Sprung von der Stadt als Ort des unglücklichen Lebens des Anwalts bis hin zum märchenhaften, fast ein wenig wie in Pastell gezeichneten Weingut zeigt gleichzeitig den Weg heraus aus dem trüben Grau zum erfüllten Bunt der Zukunft. Untermalt wird dies von einer Fülle an Details, die lebendiger und liebevoller nicht sein könnten. Jeder Laurain ist davon geprägt, genau wie von einem einzigartigen Charme, der jede Seite zu einem besonderen Genuss macht. Greift zu und erlebt auch mit diesem Buch einen ganz besonderen Genuss, der den Leser mit viel Wärme und einem Glücksgefühl im Inneren zurücklässt

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189 Seiten Leseglück liegen hinter mir, 189 Seiten, die ich mit einem Lächeln im Gesicht beende, in der Gewissheit auf nachfolgende Geschichten und in der Erinnerung an einen Tag im April am Louvre im strahlenden Sonnenschein. An den Tag, an dem ich mit Antoine Laurain genau dort saß und über seine Bücher, Projekte und Gott und die Welt geredet habe. Jede Seite seiner Bücher ist Antoine Laurain, jedes Wort und jeder Satz. Ich bin sehr dankbar, diesem wundervollen Menschen begegnen zu dürfen und freue mich schon auf ein Wiedersehen in Paris. Und bis dahin bleiben ja noch einige wunderbare Geschichte.

Merci, Antoine! Merci pour le bonheur que tu apportes dans ma vie!#

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Achtung Buch: Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

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Thaïs ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen, die sich inmitten von Zirkusleuten als die „unvergleichliche Madame Victoria“ einen Namen als Pferdedresseurin gemacht hatte. Dieses Leben war jedoch nichts für die junge Frau, die dem Zirkus direkt nach ihrem achtzehnten Geburtstag den Rücken kehrte, um in Paris ihr Glück zu machen. Dort lebte sie bis zu dem Tag, an dem sie ein trauriges Ereignis nach Arles rief. Dort sollte sie die Beerdigung ihrer Großmutter ausrichten. Ein Ereignis, dass für Thaïs weniger traurig zu sein schien, als es sollte. Aus dem Plan der schnellen Haushaltsauflösung wurde jedoch nichts, da ihr das Testament der Großmutter einen Strich durch die Rechnung macht. Darin vererbte die unvergleichliche Victoria die Hälfte ihres Hauses Zirkusleuten, von denen die Enkelin noch nie etwas gehört hatte. In einer Nacht schlugen diese Zirkusleute des geheimnisvollen „Cirque perdu“ ihr Lager hinter dem Haus auf und eine wundersame Reise nahm ihren Anfang. Eine Reise, deren Ausgang keiner absehen konnte…

Schon das Cover des Buches hatte mich in der Verlagsvorschau in seinen Bann gezogen, mag ich doch alles, was in und um Paris geschieht, sehr gern. Und in Kombination mit dem Klappentext war es direkt um mich geschehen. Eine Geschichte, die im Zirkus spielt? Und in Frankreich? Das kann nur gut sein, dachte ich mir. Doch Zirkus und Stille, wie kann das nur zusammenpassen? Ist ein Zirkus nicht eine Manege voller Tam Tam, Clownerie und Spektakel? Natürlich nicht, denn immer gibt es auch die tiefe Melancholie, die man mit dem Zirkus in Zusammenhang bringt, das Geheimnisvolle, die Sehnsucht, das Andere. Und genau diese Seite ist es, die der Autor ins Zentrum des Geschehens rückt.

Dies zeigt sich schon direkt zu Beginn in der Figur der Thaïs, die nun, als die Großmutter gestorben ist, ganz allein auf der Welt ist und niemanden mehr hat. Umso unwohler ist ihr, als sie nach Arles fährt, wo die Beerdigung stattfinden soll. Auf einmal ist sie da allein und wird komplett mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Eine Vergangenheit, die sie am liebsten auslöschen würde, zumindest zu Beginn. Der Zirkus ist nicht ihr Freund, eher etwas Fremdes, Anderes, das man als unbequem empfindet…

„Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat -, wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“
S. 7

Und mit der Fremde kennt sich die junge Frau sehr gut aus, hat sie sie doch als Kind am eigenen Körper nahezu schmerzlich erfahren müssen. Wie in einen Kokon hat sich Thaïs eingesponnen, um ihre Vergangenheit so weit wie möglich von sich abzuschotten, um ein normales Leben zu führen. Doch ist es wirklich das, was sie will? Oder wird sie dem Reiz des Fremden, der ihr Leben war, folgen? Und vor allem: Was wird sie am Ende des Weges finden?

Melancholische Fragen voller Tiefe, die den Kern des Buches bilden und die erst zu dem Zeitpunkt richtig aufgeworfen werden, an dem der „Cirque perdu“ auftaucht. Was für en Zirkus: Keine Manege, keine Tiere, nur eine Handvoll kurioser Gestalten, zu denen sich die junge Frau wider Erwarten stark hingezogen fühlt. Wer sind diese Leute, die ihr Lager hinter ihrem Haus aufgeschlagen haben? Welche Verbindung haben sie zu Victoria und welche Geschichten haben sie zu erzählen? Alles ist geheimnisvoll, leise und jeder spricht in Rätseln. Mehr und mehr gerät Thaïs in den Sog des Rätselhaften, der sie mehr und mehr in ihre Vergangenheit hineinzieht. Einem Sog, dem sich die junge Frau nicht lange widersetzen kann und will, bis zu dem Punkt, an dem sie eine Entscheidung treffen muss, die ihr Leben gänzlich verändern wird.

Die Zirkusleute des „Cirque perdu“ haben mich sofort in ihren Bann gezogen und fasziniert. Peter Goldammer Erzählstil trug dazu nicht unwesentlich bei, denn ihm ist es gelungen, dieser Geschichte nicht nur das französische Flair, sondern auch die tiefe Melancholie einzuhauchen, die sie ausmacht. Eine Melodie der leisen Töne, die noch lange in einem nachhallt, während man sich unweigerlich dieselben Fragen stellt, die Thaïs sich stellt. Sie ist es, die ich an manchen Stellen etwas besser kennenlernen hätte wollen. Was war es, das dazu führte, dass sie ihr altes Leben so rigoros von sich abschottete. Sicher – sie wollte normal sein, ein normales Leben führen, wie es alle Mädchen in ihrem Alter taten, wollte ausbrechen und die Welt erobern in der Metropole Paris, wollte dem Fremden, dem Exotischen des Zirkus entfliehen, aber hat sie ihre Vergangenheit doch so sehr „verstört“, dass sie diese so komplett von sich wegschob? Das kann ich ihr nicht ganz glauben, so schnell, wie sie die Leute des „Cirque perdu“ doch wieder in ihre „Fänge“ bekommen konnten. Und auch mich hatten sie sofort mit all der Herzenswärme, den Geheimnissen und den kleinen Weisheiten:

„´Dann stell deine Trauer ins Regal. ´ ´Ins Regal? ´ ´In das Regal deiner Gefühle. ´[…] ´Wie im Supermarkt, alles schön geordnet, direkt vor dir: ein Regal mit deinen Gefühlen drin. Die Menschen wollen immerzu ihre Gedanken ordnen, aber viel wichtiger ist es, die Gefühle zu ordnen. ´“
S.211

Das ist aber auch schon der einzige Aspekt, den ich anmerken möchte. Sicherlich eine subjektive Empfindung, die der Gesamterzählung auch keinen Abbruch tut. „Der Zirkus der Stille“ ist für mich eine Symphonie, ein Gesamtkunstwerk, dass am Ende in vollster Blüte erstrahlte und dabei einen wundervollen Bogen zum Beginn der Erzählung schlug. Rührende Szenen reichen aufschlussreichen die Hand, man ist tief berührt und bewegt und mag gar nicht aus dieser Stimmung auftauchen, die einen wie ein weiches und dennoch schweres Band aus Samt umschlungen hält. Man stellt sich und sein Leben unweigerlich selbst infrage und sinniert über die alltäglichen Dinge des Lebens. Peter Goldammer ist ein wundervolles leises Potpourri der Gefühle gelungen, das für mich definitiv zu den Lesehighlights 2016 gehört.

Don’t you love farce?
My fault, I fear.
I thought that you’d want what I want…
Sorry, my dear!
And where are the clowns
Send in the clowns
Don’t bother, they’re here.

Isn’t it rich?
Isn’t it queer?
Losing my timing this late in my career.
And where are the clowns?
There ought to be clowns…
Well, maybe next year.

(Send in the Clowns)

Das Phänomen Antoine Laurain – vom Suchen, Finden und gefunden werden

Was geschieht, wenn du einem Autor über den Weg läufst, der dich sofort mit seinem Buch in den Bann zieht und verzaubert? Wenn man dieses Buch verschlingt und beseelt zurückbleibt und vergisst, es zu besprechen? Tragisch, denkt ihr? Vielleicht auch Glück, wenn man ein Jahr später das zweite Buch in den Händen hält. Und wenn man sie dann so nebeneinander legt und dabei so ein Bild entsteht…

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… kann das doch nur der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen mir und

Antoine Laurain werden.

Und es wurde nicht nur eine Freundschaft, sondern Liebe. Eine „Liebe mit zwei Unbekannten“ – Antoine und mir. Einem Autor und seiner Leserin, die auf Anhieb dieselbe Sicht auf Paris zu haben scheint, wie er. Kommt mit auf eine Reise durch die Werke von Antoine Laurain und trefft direkt auf eine große Portion

„Liebe mit zwei Unbekannten“

2015 bei Atlantik erschienen, verzaubert es auf Anhieb die Herzen der Leser. Stellt euch vor, vor euch geht eine attraktive Frau die Straße entlang, trägt stolz ihre wundervolle lila Handtasche, die ihr ganzes Leben beinhaltet. Ja, ich weiß, jede Frau denkt, dass ihre Handtasche ihr Leben ist – und in den meisten Fällen ist das ja auch so – so wie bei eben dieser jungen Frau: Laure Valadier. Plötzlich wird sie zum Opfer eines Raubüberfalls. Ein Mann entreißt ihr die Tasche, Laure stürzt und findet sich nach einer unfreiwilligen Nacht im Hotel bewusstlos im Koma wieder.

Unterdessen begibt sich der Buchhändler Laurent auf den Weg zur Arbeit und findet Laures Tasche. Einem inneren Impuls heraus folgend, nimmt er sie mit und durchsucht sie nach Hinweisen auf die Besitzerin. Besonders ein rotes Notizbuch mit Listen fällt ihm ins Auge:

Ich mag es, um die Zeit, wenn alle Leute den Strand verlassen, am Meer spazieren zu gehen.
Ich mag den Namen des Cocktails Americano, aber ein Mojito schmeckt mir besser.
Ich mag den Geruch von Minze und Basilikum.
Ich mag es, im Zug zu schlafen.
Ich mag Landschaftsbilder ohne Menschen…

Derlei Listen finden sich noch viele im Notizbuch, sowie der Zettel einer Reinigungsfirma. Das einzige, was Laurent über die Unbekannte weiß? Nein, ein Buch, von Modiano persönlich signiert, verrät ihm zumindest den Vornamen: Laure. Von diesem Moment an ist Laurent davon besessen, Laure zu finden und bekommt dabei Hilfe von verschiedenster Stelle. Bleibt eine große Frage: Werden sie auch einander finden? Oder wird Laurent das geheimnisvolle Wesen in Laures Leben bleiben, das in dieses hineinplatzte und genauso schnell und leise wieder daraus verschwand?

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Wird es eine große Liebe geben oder wird es eine diese speziellen Begegnungen sein, die Laurain so treffend beschreibt:

„Man ist an etwas Wichtigem vorbeigegangen. An einer Liebe, einem Beruf, einem Umzug in eine andere Stadt, ein anderes Land. An einem anderen leben. Man ist daran vorbeigegangen, aber doch so nah, dass man manchmal, in melancholischen, fast hypnotischen Momenten, trotzdem Teile dieses Möglichen erfassen kann. Etwa wie eine Radiofrequenz, auf der von sehr weither gesendet wird. Der Empfang ist gestört, aber wenn man genau hinhört, kann man Fetzen der Tonspur dieses nicht stattgefundenen Lebens aufschnappen. […]. Aus irgendeinem unbekannten Grund haben wir dem köstlichen Schwindel der paar Zentimeter, die zu überbrücken sind, wenn man sich zum ersten Kuss einem anderen Gesicht zuneigt, nicht nachgegeben. Wir sind daran vorbeigegangen, so nah, dass etwas bleibt.
(S. 186f)

Ja, auch von diesem Buch ist sehr viel geblieben, nachdem ich es geschlossen habe. Aber zunächst noch kurz zum neuen Meisterwerk Laurains, bevor ich mich genauer mit den Besonderheiten der Bücher beschäftige.

„Der Hut des Präsidenten“

Lasst euch eine ganz besondere Geschichte erzählen: Die Geschichte eines edlen schwarzen Filzhutes, der keinem Geringeren gehörte, als Francois Mitterand persönlich. Das Staatsoberhaupt war mit Freunden zum Essen in einem Restaurant, in dem sich zur selben Zeit am Nachbartisch der unscheinbare Buchhalter Daniel aufhält. Der Staatspräsident vergisst den Hut, und eine besondere Reise beginnt.

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Eine Reise des Hutes von Kopf zu Kopf. Zunächst begleitet er Daniel Mercier, den Buchhalter, der diesen möglichst unauffällig an sich nimmt und das Restaurant verlässt. Von da an ändert sich alles im Leben des jungen Mannes. Wurde er sonst immer gedrückt und klein gemacht, schien er von nun an über sich hinauszuwachsen und alle anderen zu beeindrucken.  Auf dem Zenit dieser Erfahrungen passiert das Schreckliche: Daniel vergisst den Hut im Zug…

Doch dieser denkt gar nicht daran, allein zu bleiben und sucht sich die junge Fanny Marquant als neue Trägerin. Wohl behütet macht sich diese dann daran, ihrem ewigen Geliebten ein schlechtes Gewissen für all die leeren Versprechungen der letzten Jahre zu machen. Und so ein fescher Herrenhut tut das auf ganz besondere Weise. Auch Fannys Leben wird nicht mehr so sein, wie es war.

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Veränderungen stehen im Mittelpunkt, Veränderungen, die ausgelöst werden durch die Kopfbedeckung des französischen Staatsoberhauptes. So kommen weiterhin sowohl Pierre Aslan, ein berühmter Parfumeur, der seine Fähigkeiten schon lang verloren zu haben scheint, als auch der noble Bernard Lavallière in den Genuss der besonderen Fähigkeiten des Hutes, der sie zu Höherem aufleben lässt.

Ewig könnte es so weitergehen, potenzielle Anwärter für den Hut gäbe es sicher mehr als genug. Doch irgendwann muss gut sein, und so führt Antoine Laurain alle Fäden mit einem mehr als geschickten und unerwarteten Schachzug zusammen, der zugleich überrascht und zum Schmunzeln bringt!

Chapeau, Monsier Laurain!!

~

Doch was ist es nun, das das Phänomen Laurain ausmacht? Es ist das Gesamtkunstwerk der beiden Bücher. Beginnt man beim Stil, bekommt man zwei Geschichten, die nur von einem Vollblutfranzosen geschrieben worden sein können. Aus jedem Satz, jedem Wort, jeder kleinen Geschichte sprühen der französische Charme sowie das Savoir Vivre der Charaktere wie ein Feuerwerk. Man bekommt das Bild einer Stadt Paris vermittelt, das passt, wie die Faust aufs Auge: großes Gefühl, Charme, das nötige Augenzwinkern und die Lebenslust der Menschen. In Paris ist nichts unmöglich. Man sucht nach dem Glück und findet die große Liebe.

Wo wir direkt beim Kernpunkt beider Romane sind: Suchen und Finden und dem gefunden werden. Sowohl in „Liebe mit zwei Unbekannten“ als auch im „Hut des Präsidenten“ stehen verlorenen Gegenstände im Zentrum, die die Handlung überhaupt zum Laufen bringen. Bei Erstem ist es die gestohlene Handtasche Laures und bei Zweitem der vergessene Hut des Präsidenten. Bleiben wir zunächst bei Laure: Ihre Handtasche geht verloren und eine romantisches Such- und Findspiel beginnt, bei dem man bis fast zuletzt nicht sicher sein kann, wie es endet. Werden sie sich finden? Können beide über ihren Schatten springen und den entscheidenden Schritt in die richtige Richtung machen, oder war alles nur ein kleines Abenteuer?

Suchen und Finden – auch ein großes Leitthema im „Hut des Präsidenten“. Der Hut sucht sich seinen Besitzer auf Zeit und hilft diesem, zu sich selbst zu finden. Hat man im Leben nicht oft Idole oder Vorbilder, Glücksbringer und kleine Dinge, die einem im rechten Moment die Kraft geben, Dinge bewusst oder unbewusst zu verändern? So ein Gegenstand ist dieser Hut. Er verleiht seinen Trägern unbewusst nahezu magische Fähigkeiten und lässt diese über sich hinauswachsen, bzw. lenkt deren Leben in die richtige Richtung. Wäre es nicht schön, so einen Hut in mancher Situation auch zu besitzen?

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All diese Prozesse des Suchens und Findens führen bei Laurain aber immer zu einem Ergebnis: Zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen.

Neben diesem zentralen Thema lässt sich auch feststellen, dass den Autor aktuelle sowie politische und zeitgenössische Geschehnisse sehr beschäftigen, wie beispielsweise die, welche die Buchbranche beeinflussen. So zollt er dem französischen Nobelpreisträger Patrick Modiano Tribut, indem er ihn zu einer Kernfigur seines Romans macht. Auch die „Probleme“ des Buchmarktes kommen vielfältig zur Sprache.Er  beschäftigt sich dabei mit der großen Frage, ob eReader eines Tages das Buch ablösen werden:

„Das Gerät erlaubte es, eine ganze Bibliothek herunterzuladen und sie in der Tasche mit sich herumzutragen. Würde das Papierbuch diesem technischen Wunder standhalten? Trotz der guten Umsätze des Cahier Rouge“ kamen Laurent bisweilen Zweifel.“
(S. 74)

Auch im „Hut des Präsidenten“ findet man eine Vielzahl von Anspielungen auf das Leben in Frankreich, darin speziell dem Frankreich der 80er Jahre. So zeigt er besonders im Kapitel über Bernard Lavallière die politischen Geschehnisse und die Spaltung der Geister auf. Eine Spaltung, die Frankreich schon im 17. Jahrhundert auch in Kultur und Literatur in der sogenannten Querelle des Anciens et des Modernes (Streit der Alten und der Neuen) finden konnte.  Dort zeigte es die geistesgeschichtliche Debatte um die Frage, inwiefern die Antike noch als Vorbild für die zeitgenössische Literatur und Kunst sein könne. Und genau dies zeigt sich im genannten Kapitel auf einer anderen Ebene. Lavallière ändert mit dem Hut seine politischen Ansichten, wird im Denken fortschrittlich, kauft Bilder, die unter seinen Bekannten, die konservativ anmuten und am Alten festhalten, als verpönt gelten und macht seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Ein Mann der Moderne, der den Konservativen gerade ins Gesicht lacht. All dies zeigt er unter dem Deckmantel der beginnenden und fortschreitenden Amtszeit von Mitterand, der zu dieser Zeit der Präsident Frankreichs war und die sozialistische Partei nach vorn brachte.

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Ganz besonders sind auch die Charaktere, die Laurain dem Leser präsentiert. Durch und durch Vollblutfranzosen mit ihrem Stil, ihrem Chi, ihren Extravaganzen, aber auch mit ihrer Melancholie und ihren Sehnsüchten. Jeder Charakter ist für sich ein kleines Kunstwerk. In „Liebe mit zwei Unbekannten“ sind es natürlich Laure und Laurent, die man kennenlernt und denen man bis zur letzten Seite folgen möchte. Doch auch Laurents Tochter Chloé und sein Freund, der sich seine Damen aus dem Internet sucht und diese Kategorisiert sowie der große Modiano, sind einzigartige Wegbegleiter, die im Gedächtnis bleiben.

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Viel mehr Menschen trifft man im „Hut des Präsidenten“, und jeden einzelnen schließt man tief in sein Herz. Da haben wir Mitterand persönlich, die lebenslustige und unglücklich verliebte Fanny, den erfolglosen Parfumeur und so viele mehr. Sie werden nicht nur erwähnt, sie leben in der Geschichte und die Geschichte lebt von ihnen. Mit zarten Pinselstrichen erweckt Laurain sie zum Leben und man genießt jeden einzelnen Moment mit ihnen. Man riecht die Essenzen aus der Duftorgel, man leidet mit Fanny, man bestaunt die so andersartigen Kunstwerke und man wünscht sich, mit Mitterand am Tisch zu sitzen.

Laurain sind zwei Meisterwerke gelungen, die für mich etwas ganz besonderes ergeben: Er hat ein Porträt der Stadt Paris geschaffen, dass mir meine Herzensstadt genauso authentisch zeigt, wie sie ist: als Lichterstadt, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem nichts unmöglich ist, als Ort der Selbstverwirklichung, der Träume und Ziele. Und diese Stadt hat er in zwei wundervolle herzerwärmende Geschichten verpackt, die mehr als das sind: Sie sind voller Tiefe und lassen den Leser lange sinnieren und nachdenken und einfach träumen. Was wäre, wenn meine Handtasche gestohlen würde, oder ich auf einer Parkbank einen schwarzen Filzhut finden würde? Das weiß nur Paris allein…

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Danke für diese zwei wundervollen Bücher, die definitiv zu Lebenswegbegleitern geworden sind. Danke für mein Paris, für unseres, lieber Antoine!

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Wer nicht genug von tollen Besprechungen zu diesem kleinen Schatz bekommen kann, sollte unbedingt bei Arndt von AstroLibrium, mit dem ich gemeinsam durch Paris reiste, vorbeischauen. KLICK

achtung buch: eine buchhandlung auf reisen von christopher morley

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Vor etwa einem Jahr hat sich eine Gruppe von Bücherliebhabern, genannt SOKO Buch, auf die Spuren eines ganz besonderen Buches begeben. Gemeinsam reisten wir nach Brooklyn und besuchten die Buchhandlung Parnassus, von deren Besitzern Mr. Roger und Mrs. Helen Mifflin wir noch viel lernen konnten.

Die Menschen brauchen Bücher, wissen es aber nicht. Meist wissen sie gar nicht, dass es die Bücher, die sie brauchen, überhaupt gibt. (S. 13)

Das war nur eine von vielen Weisheiten, die Mr. Mifflin uns mit auf den Weg gab und „Das Haus der vergessenen Bücher“ zu einem absoluten Herzensbuch für Bücherfreunde macht. 1919 geschrieben und bis heute unverändert voller Herzblut, hat es sich sofort tief in unsere Seele gemogelt und sie verzaubert. Wir haben mit Roger in der Buchhandlung gesessen und hätten ihm ewig zuhören können, sind durch das Brooklyn der Zwanziger Jahre flaniert und sind nebenbei einem literarischen Diebstahl der Sonderklasse auf die Spur gekommen. Aber eins haben wir nicht erfahren: Wie kam Roger Mifflin zu seiner wundervollen Buchhandlung Parnassus?

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Diese Frage sollte im Jahr 2015 beantwortet werden, als im August im Atlantik Verlag „Eine Buchhandlung auf Reisen“ erschien, denn nichts anderes ist der Parnassus! Eine Kutsche, die urig wohnlich eingerichtet  und mit allerhand Büchern zum Verkauf bestückt ist. An Bord Hund Boccaccio und Pferd Peg(asus), die gemeinsam mit Mifflin durch die Lande ziehen, um den Leuten die Literatur schmackhaft zu machen. Diese Stärke hatte unser lieber Roger also schon immer!

„Wenn Sie einem Menschen ein Buch verkaufen, dann verkaufen Sie ihm nicht nur so und so viel Papier, Druckerschwärze und Leim – nein, sie verkaufen ihm ein ganzes, neues Leben, Liebe und Freundschaft und Humor und Schiffe bei Nacht auf hoher See – Himmel und Erde, ich finde, das alles steckt in einem Buch – in einem wirklichen Buch!“
(S. 45)

Dabei will sich Roger jedoch keinesfalls selbst bereichern, sondern denkt nur an das Wohl seiner Leser. Egal wie sehr einer drauf drängen kann, Shakespeare zu lesen – wenn Roger der Meinung ist, dass er nicht reif dafür ist, gibt es keinen Shakespeare, aber dafür eine passende Alternative, die auch meist ins Schwarze trifft.

Morley reist mit uns Lesern an der Hand genau in diese Zeit zurück. In die Zeit, als der Parnassus auf Reisen ging, als Mifflin keine Buchhandlung hatte, als Roger seiner Helen begegnen sollte. Und mit welch großem Knall das geschehen sollte! Helen lebte zu jener Zeit mit ihrem Bruder Andrew, einem begnadeten Schriftsteller, auf der familieneigenen Farm und richtete ihm das Leben, während er auf der Suche nach Inspiration durchs Land vagabundierte und die eigentliche Arbeit vergaß.

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Literatur ist für sie nichts von praktischem Interesse, eher hinderlich in der Gestaltung des Alltags auf der Farm, da sie doch den Bruder von der Arbeit abhält – wenngleich dieser erfolgreich damit ist. Je mehr Andrew jedoch in die literarischen Weiten entschwebt, muss Helen die schwere Farmarbeit für zwei mehr und mehr allein bestreiten. Und als dann eines Tages – bloß gut, der Bruder ist unterwegs – der kleine rothaarige Mann mit seiner reisenden Bibliothek auftaucht und diese Andrew verkaufen will, sieht sie ihre Felle gar davonschwimmen.

Helen, sich der Tatsache mehr als bewusst, dass Andrew nichts lieber täte, als der Hofarbeit im Sinne der Literatur sofort zu entfliehen, sieht nur einen Ausweg aus der misslichen Situation: Sie kauft den Parnassus selbst, hinterlässt Andrew eine Liste mit lebensnotwendigen Hinweisen und macht sich auf in das Abenteuer ihres Lebens. Als erstes bedeutet dies, schneller als der Bruder zu sein und zweitens, Mifflin in den Zug nach Brooklyn zu verfrachten, bevor sie ihren persönlichen literarischen Feldzug beginnen könne – leichter gesagt als getan! Denn eigentlich genießt sie die Anwesenheit des kleinen kuriosen Männleins mehr als ihr lieb ist, und auch er scheint von ihr sehr angetan.

„Aber Bücher sind schließlich doch keine greifbare Welt, und hie und da dürsten wir auch nach irgendwelchen engeren, menschlicheren Beziehungen. Ich bin jetzt seit acht Jahren ganz allein, sieht man von meinem Bruder ab, der vielleicht gestorben ist, ohne es mir mitgeteilt zu haben. Dieses Wanderleben ist gewiss schön, aber einmal muss es doch ein Ende nehmen. Ein Mann muss Wurzeln schlagen, wenn er glücklich sein will.“
(S. 138)

Und auch Helen ist innerlich mehr als Ergriffen und fühlt sich mehr und mehr zu dem kleinen literaturbegeisterten Mann hingezogen. Eine Erkenntnis, die sie trifft wie ein Blitzschlag. Von diesem Momentan an, hat sie nur noch ein Ziel: zu Roger Mifflin zu gehören. Doch bevor beide endgültig zueinander finden (ich sehe das jetzt mal nicht als Spoiler, da dies ja schon anhand Morleys erstem Buch klar war), sind noch einige Hürden zu überwinden, auf die ihr Leser euch besonders freuen könnt.

„Das ist der Moment, in dem eine Frau zu sich selbst findet: wenn sie liebt. Es ist ganz egal, ob sie alt oder fett ist oder keinen Sinn für Romantik hat. Sie spürt das kleine Flattern unter ihren Rippen und fällt vom Baum wie eine reife Pflaume. Es kümmert mich nicht, dass Roger Mifflin und ich möglicherweise ein ebenso seltsames Paar abgaben wie Doktor Johnson und seine Frau. Ich wusste nur eins: Wenn ich den kleinen roten Teufel wiedersähe, würde ich die Seine sein – wenn er mich denn wollte.“
(S. 170)

Morleys „Buchhandlung auf Reisen“ schließt sich nahtlos an seinen Vorgänger – oder eher Nachfolger – an. Eine wortgewaltige und mehr als poetische Hommage an die Literatur, aber auch an die Liebe erwartet den Leser in diesem kleinen Büchlein, das diesmal aus Sicht Helens geschrieben wurde. Wie oft sehnt man sich nach einem Ausbruch aus dem Alltagstrott, nach der wahren Liebe, nach einem Abenteuer, dem keines ebenbürtig sein wird? Wie oft hängen wir unseren Träumen nach, einen ganz neuen Weg zu gehen?

Helen tat dies, brach aus, ging komplett neue Wege und gewann auf ganzer Linie. Sie lernte zu lieben – den Mann ihrer Träume und auch die Literatur. Sie wurde vom Herzblut Mifflins gepackt, genau wie es auch der Leser beim Inhalieren dieser Herzensgeschichte tut. Eine Herzensgeschichte, die sich wie Balsam auf die Seele legt. Viele Zitate habe ich euch gezeigt, noch viel mehr sind markiert, notiert und haben einen Platz in meinem Herzen gefunden.

Liebe Bücherfreunde, vertraut der Liebe zum Buch und eurem Instinkt – dann seid ihr stets auf der richtigen Spur und vielleicht führt diese euch zum ganz großen Lebens- und Liebesglück. Eine wahrer Hochgenuss der Literatur und das nicht nur für Literaturliebhaber. Macht euch auf, schwingt euch auf den Parnassus und schaut zu, wie sich eine hauchzarte Liebesgeschichte entspinnt, die am Anfang so sicher keiner erwartet hätte. Absoluter Herzensbuch-Alarm!

Und wer mir nicht glaubt, sollte beim Kollegen Arndt auf Astro Librium (Klick aufs Bild) vorbeischauen, der ganz sicher genau die selbe Meinung hat!

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achtung app: die neue buchverwaltungs-app skipper-books aus dem hause atlantik

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Dass der Atlantik-Verlag unglaublich tolle Bücher hat, wissen wir ja schon alles. Dass er ein absolut knuffiges Maskottchen namens Skipper hat, auch. Und dass es tolles Merchandise gibt, das die Leserherzen höher schlagen lässt (man denke an die tollen Buchtaschen und das Lesetagebuch) sowieso. Mehr geht nicht, denkt ihr? Doch! Es geht mehr!

Denn ab jetzt wird es wunderbar einfach, seine buchigen Schätze mittels der vor ein paar Tagen erschienenen Skipper-Books App zu verwalten. Wie das funktioniert? Sag ich euch! Ein kleiner Wermutstropfen muss vorab gesendet werden, denn die App ist momentan nur für Nutzer von Apple Produkten (iPhone, iPad, iPod touch) verfügbar und kann kostenlos im iTunes-Store geladen werden.

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Habt ihr das gemacht, könnt ihr direkt beginnen, eure Schätze zu katalogisieren, indem ihr ganz einfach den Barcode des jeweiligen Buches scannt. Schon wird es gefunden und in eurer Bibliothek abgelegt. Und geht das nicht, zum Beispiel weil ihr ein Leseexemplar ohne Barcode habt, gebt ihr das Buch in die Suche ein und werdet dort garantiert auch fündig. Eigentlich wie in jeder anderen App dieser Art auch, nicht wahr? Doch Skipper-Books kann noch viel mehr!

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Ich bin ja eine absolute Freundin des Skipper Lesetagebuchs, da man da neben den gelesenen Büchern auch noch viel Platz für Notizen, Zitate und Lieblingsstellen hat. Und genau das hat die App auch! Auf der ersten Seite findet ihr die allgemeinen Buchinformationen, die automatisch eingefügt werden. Sollte dabei zum Beispiel das Cover des Buches nicht bekannt sein, könnt ihr das selbst hinzufügen.

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Unter Persönliches könnt ihr das Buch mit einem bis fünf Knochen bewerten, den Lesezeitraum eingeben und eintragen, woher ihr das Buch bekommen habt.

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Bei Zitate habt ihr Platz für Lieblingszitate und könnt auch eure Leseeindrücke festhalten.

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Und letztendlich könnt ihr unter dem Reiter Verwaltung auch noch den Lesestatus festlegen und das Buch einer Liste und einem Genre zuordnen.

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Es ist quasi insgesamt das Lesetagebuch für das Handy oder Tablet, das euch stets ein treuer Begleiter sein wird. Und optisch ist es nicht so fad wie viele andere Apps dieser Art, sondern überzeugt mit der knuffigen Skipper-Aufmachung mit Maskottchen und in Hellblau. Und als extra Goodie liegt als gratis ebook noch ein Exemplar des wundervollen „Lesen und lesen lassen“ für jeden Nutzer zum download bereit!

Meine ersten Tests sind allesamt positiv ausgefallen, nix hängt, nix hakt und es funktioniert einfach alles so und noch besser, wie man es von einer solchen App erwartet. Eine wundervolle Erfindung, die jedem Buchfreund ein großes Lächeln ins Gesicht zaubern wird und aus meinem Handy definitiv nicht mehr wegzudenken ist. Definitiv eine App von Buchliebhabern für Buchliebhaber! Probiert es aus und ich verspreche, ihr werdet begeistert sein!

Ich habe die App mit iphone 5 und iOS 8.1.3 sowie dem iPad 3 mit iOS 8.2 getestet.

achtung buch: das haus der vergessenen bücher von christopher morley – ein neuer Fall für die SoKo Buch

Puh… Stockholm liegt hinter uns und die Akademiemorde sind auch aufgeklärt. Zeit für Urlaub meinte der Chef. Aber richtig Urlaub, weit weg, da wo man von Stress, Hektik und Arbeit verschont ist. Was wäre da nahe liegender als eine Zeitreise ins Brooklyn des Jahres 1919.

Eine Straße in Brooklyn im Jahre 1919

Der Krieg ist gewonnen, gute Stimmung macht sich breit, die Cafés florieren und auch kleine Buchhandlungen können die Besucher wieder in ihren Bann ziehen. Eine wirklich starke Anziehungskraft geht von ihnen aus und auch ich kam nicht umhin, mich in der kleinen Buchhandlung Parnassus umzuschauen, ein paar Worte mit dem netten Besitzer, Mr. Mifflin, zu wechseln und seinen Hund Boccacio – genannt „Bock“ hinter den Ohren zu kraulen, als plötzlich die Tür aufgestoßen wurde und ein junger, dynamischer Mann in den Laden kam. Er schien wichtige Dinge mit Mr. Mifflin besprechen zu wollen. Also zog ich mich mit meinem neuen Bücherschatz langsam zurück, nicht ohne jedoch mitzubekommen, dass der junge Mann, Aubrey Gilbert, aus der Werbebranche kommt und Mifflin ein ausgeklügeltes PR-Konzept für die Buchhandlung aufschwatzen wollte. Nun war mein Interesse aber geweckt: Würde ein solches Original wie Mr. Mifflin, stets tabakrauchumweht mit durchdringend blauen Augen, einem kurzen roten Bart und einem sichtlich wachem und cleveren Geist, auf einen solchen Werbescharlatan reinfallen? Dieses Spektakel kann ich mir wirklich nicht entgehen lassen. Also stöberte ich weiter durch die Regale, ein Ohr am Geschehen – das muss doch eine Berufskrankheit sein.

Und ich sollte Recht behalten: Mifflin gelang es doch wirklich, den jungen Werber von seiner Theorie zu überzeugen und ihn noch dazu für die Welt der Bücher zu begeistern! Ein derartig philosophischer und wortgewandter Dialog fand da statt, der noch lange in meinem Kopf herumschwirren wird. Mifflins Thesen waren aber auch einfach zu stichhaltig. Ein Beispiel?

Die Menschen brauchen Bücher, wissen es aber nicht. Meist wissen sie gar nicht, dass es die Bücher, die sie brauchen, überhaupt gibt. (S. 13)

Nun war es Zeit für den Feierabend, doch was ist das? Der Ladenbesitzer lädt den Werbemenschen zum Abendessen ein? Schade, dass ich da nicht Mäuslein spielen kann. Nun habe ich aber auch Hunger – also ab in das kleine Bistro gegenüber. Beim Hinausgehen bleibe ich an einem Buch hängen und es fällt aus dem Regal: Briefe und Reden des Oliver Cromwell von Thomas Carlyle. Schnell hebe ich das Buch auf, stelle es zurück ins Regal und verlasse das Geschäft.

Die Urlaubsruhe soll jedoch nicht lange anhalten, denn am nächsten Tag bekomme ich eine Anruf von unserem Mädchen für alles. Ein neuer Fall wartet auf die SoKo Buch und er spielt sich in eben dieser Buchhandlung in der Gissing Street ab – was für ein Zufall. Also fix ins Büro des Bookland Yard, wo schon unsere Ermittlungsakten aus dem Atlantik Verlag warteten.

Das Haus der vergessenen Bücher lautet der Titel unseres neuen Falls.

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Ein Buch ist verschwunden: Thomas Carlyle… Moment, doch nicht etwa der Cromwell? Genau der ist es. Das Buch, das ich beim Hinausgehen vom Regal gestoßen habe. Wer könnte ein Motiv für den Diebstahl eines alten Buches haben? Da es keinerlei Anhaltspunkte für uns gibt, beschlossen wir, in so viele Richtungen wie möglich zu ermitteln um auf schnellstmöglichem Wege zum Erfolg zu kommen. Da ich ja schon eine erste Begegnung mit dem Werbemann Gilbert hatte, sollte ich mich erneut an seine Fersen heften. Schließlich war er ja abends noch lange in der Buchhandlung gewesen. Nun gut, also mache ich mich mal auf die Suche, doch was ist das? Unser Mädchen für alles macht es sich im Maiskolbenclub, einem Club für bibliophile Menschen, gemütlich und eine neue Assistentin – Titania – hat ihre Arbeit im Buchladen aufgenommen. Und ich muss raus.  Die Ereignisse scheinen sich wirklich zu überschlagen, doch wo ist Aubrey Gilbert?

Während der Cromwell zu den unmöglichsten Zeiten auftaucht und wieder verschwindet, ohne dass wir bisher wissen weshalb, sitze ich im Café und hoffe, dass Gilbert noch einmal zur Buchhandlung kommt – zu dem einzigen Ort, den ich bisher mit ihm in Verbindung bringen konnte. Und das Warten wird belohnt, da kommt er! Augenscheinlich hat er sofort eine Schwäche für die bezaubernde Miss Titania entwickelt, doch Mifflin verwickelt ihn direkt in ein Gespräch über den Cromwell. Gilbert scheint nun endgültig von der Geschichte gepackt zu sein, nicht zuletzt um die Aufmerksamkeit Titanias zu erringen, und beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln.

Plötzlich scheinen sich die Dinge zu überstürzen: Viele Menschen unterschiedlichster Typen scheinen sich für den Cromwell zu interessieren, Gilbert wird das Opfer eines Überfalls, es wurde eingebrochen,… Arbeit ohne Ende. Deshalb muss ich an dieser Stelle auch vorerst schließen und verweise sie freundlich, den Rest der Ermittlungen im gerade erschienenen Begleitbuch, das kurioserweise den gleichen Namen wie unsere Akten trägt, nachzulesen:

9783455600124

 Das Haus der vergessenen Bücher ist wie gemacht für jeden Bücherfreund. Nachdem wir dieses Jahr schon die Sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra besucht haben und in Schweden die Akademiemorde zu den Akten legen konnten, ist dies das dritte Buch über Bücher, welches ausgiebig gelesen wurde und ich muss sagen, es hat sich eine Platz tief in meinem Leserherz erobert. Vor 95 Jahren wurde es zum ersten Mal veröffentlicht und dann sollte es bis ins Jahr 2014 dauern, bis es auch in deutscher Sprache beim Atlantik Verlag erscheint und die Herzen der Büchermenschen im Sturm erobert. Und ich denke, das tut es.

Christopher Morley präsentiert einen bibliophilen Schatz voller Wortwitz, Philosophie und Charme. Besonders Mifflin und der Maiskolbenclub seien dabei zu erwähnen: Eine Gruppe von Bücherliebhabern, die sich treffen, um über die geliebten Bücher zu sprechen. Mehr dazu findet ihr aber beim Kollegen Arndt. Der Buchhändler fungiert dabei als brennender Verfechter der guten Literatur und die Diskussionen über das Gute Buch und den Perfekten Kunden entlocken dem Leser oftmals ein herzliches Schmunzeln.

 Bücher sind doch eigentlich die einzig wahre Medizin, die die kranken Seelen der Menschen nach dem Krieg zu heilen vermag. Und so lautet auch der Leitspruch der Buchhandlung Parnassus:

Wir haben, was Sie wollen. Geistige Unterernährung ist ein ernstes Leiden. Wir haben die richtige Medizin für Sie. (S. 9)

Dazu kommen natürlich noch viele andere liebenswert gezeichnete Charaktere, wie zum Beispiel mein Werbemensch Gilbert, die sich ins Herz der Leser schleichen und einfach dort bleiben. Viel Gefühl und wohl dosierte Spannung im Cromwell-Fall runden die Sache mit und man kann großartige Entwicklungen der Protagonisten bewundern. Ich bleibe hier bei Gilbert, denn die anderen Protagonisten wurden von den anderen SoKo Mitgliedern ausführlich durchleuchtet. Aubrey Gilbert, Anfangs Werbefachmann durch und durch, macht im Laufe des Romans einen Wandel durch, wie das hässliche Entlein zum schönen Schwan. Will er anfangs noch einfach nur einen Werbevertrag mit Mifflin abschließen, wächst er schon bald über sich hinaus und stürzt sich – beseelt von der Liebe und der aufkeimenden Begeisterung für Bücher – in ein turbulentes Abenteuer.

Eigentlich kann er auch gar nicht anders, denn wenn man in diese Geschichte eintaucht, ist man dem Zauber der Bücher schon verfallen. Christopher Morley ist mit diesem Werk eine wundervolle Hommage an den Beruf der Buchhändler gelungen. Die Liebe zum Buch wird auf jeder Seite mehr als deutlich und am Liebsten würde man sich sofort auf den Weg machen, der wundervollen Buchhandlung „Parnassus“ einen Besuch abstatten und im Cromwell oder Dickens oder einem anderen literarischen Schatz stöbern, den Duft der Seiten tief inhalieren und sich zuhause fühlen. Für mich zählt „Das Haus der vergessenen Bücher“ eindeutig zu den buchigen Highlights des Jahres und bekommt das Prädikat „Herzensbuch“ verliehen.

Die gesamten Ermittlungsergebnisse

Wenn ihr auf dieses Bild klickt, kommt ihr direkt zum Gesamtüberblick zu unseren Ermittlungsergebnissen. Jeder von uns hat das Buch unter einem bestimmten Aspekt betrachtet und das Endergebnis ist eine wunderbare runde Sache. Natürlich sind momentan noch nicht alle Besprechungen geschrieben, aber wenn ihr immer einmal vorbei schaut, werdet ihr nach und nach die komplette Welt des Hauses der vergessenen Bücher vorfinden und verstehen können, warum dieses Buch ein Herzensbuch sein muss.

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Besucht auch gerne Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra oder begeitet die SoKo bei den Ermittlungen zu den Akademiemorden!