Tag-Archiv | Das Bild aus meinem Traum

Le phénomène continue: Das Bildnis aus meinem Traum von Antoine Laurain

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Während ich gerade in London auf Klassenfahrt war, erreichte mich ein wundervolles Päckchen meines Lieblingsautors und des Atlantik-Verlags. Ich hatte die Nase gerade aus der Rhapsodie Française genommen als nun auf einmal das Bild aus meinem Traum druckfrisch mit einem wundervollen persönlich gewidmeten Bild, und vielen liebevoll ausgewählten Accessoires vor mir lag. Schon in diesem Moment huschte mir ein Lächeln über die Lippen – ist es doch genau diese Detailverliebtheit, die Antoine Laurain ausmacht.

Doch worum geht es nun in seinem neuen Meisterwerk? Allem voran um eine große und zentrale Frage:

Wie viel sind wir bereit aufzugeben, um die große Liebe zu gewinnen?

Eine Frage, die sich sicher jeder von uns schon einmal gestellt hat. Eine Frage, die den Protagonisten Pierre-François Chaumont eiskalt erwischt. François ist Anwalt, verheiratet mit Charlotte, wohnhaft in Paris, wenn man es einmal knapp und nüchtern zusammenfasst. Denn: Nüchtern gestaltet sich ihr Zusammenleben. Arbeit, Routine und vor allem kein gegenseitiges Verständnis dominieren sein Leben. Kein Verständnis? Ihr habt richtig gelesen, denn François hat ein Hobby: Er sammelt Antiquitäten. Eine Leidenschaft, die schon in frühester Kindheit mit einer Sammlung von Radiergummis begann:

„Eine Sammlung beginnt mit zweien, wenn man auf der Suche nach dem dritten ist.“
(S.22)

Dass er damit jedoch noch nicht die hohe Kunst des Sammelns erreicht hatte, wurde ihm spätestens dann klar, als er sich mit seinem Onkel Edgar – ach, ich hätte ihn so gern kennengelernt – einem Paradiesvogel mit besonderen Eigenarten, über sein Hobby unterhielt. Denn Edgar war es, der ihm den wahren Sinn des Sammelns erklärte. Nicht irgendwelche Antiquitäten oder schöne Dinge solle man sammeln, sondern diese, die eine Geschichte erzählen und die Seele ihrer Vorbesitzer wahren konnten.

„“Wenn du ein echter Sammler werden willst, musst du eines verstehen: Die Dinge, die echten Dinge“, hatte er mit gehobenen Zeigefinger betont, „bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben.““
(S. 27)

Von diesem Moment an änderte sich das Leben François‘ komplett. Er sammelte gezielter und entwickelte einen besonderen Sinn für das Geschäft. Auktionen wurden seine zweite Heimat, sehr zum Leidwesen seiner Frau, die ihn mehr und mehr ins Abseits drängte, sodass sein Hobby bald komplett in sein Arbeitszimmer ausgelagert wurde. Man stelle sich das einmal vor: Regale, Schränke, Ablagen zum Bersten gefüllt mit kleinen und größeren Schätzen, die den vorgegebenen Rahmen zu sprengen drohen! Nach und nach erobert er sich mehr Platz in der Wohnung zurück – sehr zum Missfallen von Charlotte.

Zur Eskalation kommt es jedoch erst, als François bei einer Auktion auf ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, das niemanden geringeren zeigt als ihn selbst. Zu Hause verhöhnt und von den Freunden milde belächelt, macht er sich auf, um die Geschichte des Bildes zu erforschen. Ein Weg, der ihn zu einem Weingut im Burgund und einer jungen Gräfin führt, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Mit großer Freude wird er dort empfangen, schließlich ist es doch er: Aimé-Charles de Rivaille, der Graf von Mandragore… oder etwa nicht?

***

Im Januar habe ich euch ja die ersten beiden auf Deutsch beim Atlantik Verlag erschienenen Bücher von Antoine Laurain vorgestellt. Damals unter dem Titel „Vom Suchen, Finden und Gefunden werden“. Ein Thema, an das ich beim Bild aus meinem Traum nahtlos anknüpfen kann. Denn auch François war verloren, auf der Suche nach dem Glück und der Liebe. Der Job war für ihn keine Erfüllung, genauso wie seine Ehe mit Charlotte. Und wieder einmal war es das Schicksal, das ihm zugute kam: Ein Bild tauchte in einer Auktion auf, nicht irgendein Bild, sondern DAS Bild. Ein Gemälde, das ihn selbst zeigt. Spätestens seit Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray sollte sich der Leser ja der Gefahr bewusst sein, die von einem spontan auftauchenden Bildnis seiner selbst ausgehen könnte, aber wie es so oft der Fall ist, überwog auch hier die Neugier. François musste das Bild haben, um jeden Preis. Und er ging als Sieger aus der Auktion hervor.

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Ehekrach, Spott und mildes Kopfschütteln waren die Reaktionen auf sein Bild und die Ähnlichkeit, die keiner außer ihm zu erkennen vermochte. Doch ihm öffnete all dies die Augen: neue Perspektiven, eine neue Zukunft. Er stürzte sich in die Recherchen und die Mühen sollten belohnt werden. Der Weg führe ihn ins Burgunder Land auf ein Weingut der Gräfin von Mandragore. Dort angekommen schien die Zeit stillzustehen. Fast schon magisch und ein wenig märchenhaft mutet die Geschichte von diesem Moment der Ankunft an. Ein Dorf, das sonst von allen Landkarten gestrichen zu sein scheint und eine traurige Vergangenheit hegt. Ist der Graf doch vor einigen Jahren spurlos verschwunden und die Gräfin einsam und in Trauer. Und nun ist er wieder da. François…. nein, Aimé, oder doch François?

Die Ankunft im Dorf bestimmt eine wichtige Wende im Leben des Anwalts, eine Entscheidung, die nur schwarz oder weiß zulässt. Eine endgültige Entscheidung ohne Weg zurück, egal welche Richtung er einschlagen würde.

„Pierre-François Chaumont, bist du da? Ein Schlag ja, zwei Schläge, nein.“
(S.189)

Auch in diesem Buch von Antoine Laurain dient die Geschichte zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen. Man muss manchmal aus bekanntem Terrain ausbrechen und den Mut haben, Neues zu wagen. Dann wird man auch irgendwann seinen Platz und seine Bestimmung finden.

Paris als Schauplatz rückt dieses Mal etwas in den Hintergrund, aber gerade der Sprung von der Stadt als Ort des unglücklichen Lebens des Anwalts bis hin zum märchenhaften, fast ein wenig wie in Pastell gezeichneten Weingut zeigt gleichzeitig den Weg heraus aus dem trüben Grau zum erfüllten Bunt der Zukunft. Untermalt wird dies von einer Fülle an Details, die lebendiger und liebevoller nicht sein könnten. Jeder Laurain ist davon geprägt, genau wie von einem einzigartigen Charme, der jede Seite zu einem besonderen Genuss macht. Greift zu und erlebt auch mit diesem Buch einen ganz besonderen Genuss, der den Leser mit viel Wärme und einem Glücksgefühl im Inneren zurücklässt

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189 Seiten Leseglück liegen hinter mir, 189 Seiten, die ich mit einem Lächeln im Gesicht beende, in der Gewissheit auf nachfolgende Geschichten und in der Erinnerung an einen Tag im April am Louvre im strahlenden Sonnenschein. An den Tag, an dem ich mit Antoine Laurain genau dort saß und über seine Bücher, Projekte und Gott und die Welt geredet habe. Jede Seite seiner Bücher ist Antoine Laurain, jedes Wort und jeder Satz. Ich bin sehr dankbar, diesem wundervollen Menschen begegnen zu dürfen und freue mich schon auf ein Wiedersehen in Paris. Und bis dahin bleiben ja noch einige wunderbare Geschichte.

Merci, Antoine! Merci pour le bonheur que tu apportes dans ma vie!#

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