Tag-Archiv | Die maskierte Stadt

Achtung Buch: Die maskierte Stadt von Geneviève Cogman

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Nachdem mich meine liebe Lesende Samtpfote im letzten Jahr mit Genevève Cogmans Buch „Die unsichtbare Bibliothek“ überrascht hatte, war ich im Fieber. Für Bücherliebhaber gibt es doch nicht besseres als tolle Geschichten. Und wenn es dann noch tolle Geschichten über das tollste Medium überhaupt sind, kann man natürlich die Finger nicht davon lassen. Genauso ging es mir mit der unsichtbaren Bibliothek – einmal eingetaucht, wollte ich gar nicht mehr zurück. Doch dann passierte es: Der zweite Teil traf ein, genau in einer stressigen Phase der Eingewöhnung im neuen Job, zwischen vielen Fortbildungen und noch mehr neuen Eindrücken, die es zu verarbeiten galt. Das Resultat: Leseflaute. Viele neue tolle Bücher mussten im Regal warten, darunter auch „Die maskierte Stadt“. Doch zum Glück nicht sehr lange. Die Sommerferien nahen, der Stress nimmt ab und die Sinne sind geschärft für neue buchige Schätze. So kam es, dass ich mir direkt den zweiten Band der Bibliotheksreihe schnappte und mich im strahlenden Sommerwetter auf meine Gartenliege verzog, um mit Kai und Irene gemeinsam neue Abenteuer zu erleben. Und die sollten auch gar nicht lange auf sich warten lassen…

Zu Beginn des Buches treffen wir auf eine sehr entspannte Irene samt ihres Schützlings Kai, die nun schon seit einigen Monaten in einem viktorianischen London leben und die grausigen und abenteuerlichen Erlebnisse verarbeiten, Dort besteht ihre aktuelle Aufgabe darin, ein seltenes Werk von Bram Stoker zu finden und dieses zur Bibliothek zu bringen. Leicht gesagt, leicht getan? Ganz und gar nicht. Denn, obwohl das Buch relativ schnell in Irenes Besitz kommt, war dies keinesfalls einfach. Ein erster Anschlag während der Auktion und ein zweiter folgten auf dem Fuße. Diesem konnte Irene zwar entgehen, nicht aber Kai. Er, der Drachenjunge, wurde entführt und Irene zieht alle Register, um ihren Schützling zu retten. Ein Himmelfahrtskommando, denn alle Wege führen nach Venedig, in ein Venedig der chaosverseuchtesten Art…

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Doch zunächst kurz zum Cover. Das Design knüpft nahtlos an das des vorhergehenden Bandes an und verweist in seinem dezenten Blauton auf das Wasser, das eine große Rolle spielen soll. Eine Karte von Venedig, Bücher und eine Karnevalsmaske symbolisieren den Handlungsort Venedig und alles in allem wird das Gesamtbild sehr mystisch und geheimnisvoll.

Kaum aufgeschlagen, befindet man sich direkt in der Handlung, die nahtlos an das Ende des ersten Bandes anknüpft. Gewohnt detailliert beschreibt Cogman die Umgebung, Charaktere und Situationen, sodass sofort ein Kopfkino abzulaufen beginnt. Man ist mitten drin im Geschehen und schaut nicht nur zu. Von der Ordnung führt der Weg ins Chaos. Wir begleiten Irene auf der Spur Kais in ein sehr theatralisches und klischeeerfülltes Venedig, das für seinen Zweck nicht hätte besser geschaffen werden können. Im Zentrum stehen die Elfen, Erzfeinde der Bibliothek und der Drachen und nicht nur einmal sieht sich Irene gezwungen, schweren Herzens den einen oder anderen Pakt mit dem durchtriebenen Volk einzugehen, der ihr in mehrerlei Hinsicht das Genick brechen könnte. Umschmeichelnd, grazil bis hin zu diebisch-durchtrieben präsentieren sich die Elfen, ganz anders als im romantischen Märchenbild. Sehr auf ihre eigenen Erfolge bedacht und mit viel Macht und Magie ausgestattet, versuchen sie einzig und allein ihren Zielen zu folgen und diese zu erreichen, ganz gleich zu welchem Preis für die anderen.

Als bestes Beispiel dafür dient Lord Silver, der seine „kleine Maus“ Irene fest in sein Spinnennetz aus Intrigen, Machtspielen und Verzweiflung eingesponnen hält. Doch auch seine Gegenspieler, die Guantes, versetzen der Geschichte eine zusätzliche Portion Spannung und  Tempo, die bei einigen Längen der Handlung auch nötig und sehr erfrischend ist. Irenes Suche nach Kai erfolgt rasant und spannend bis zur letzten Minute. Sie ist bereit, alles zu opfern, um den Freund zu retten. Dabei setzt sie vor allem auf Humor und Kreativität und scheut sich auch nicht davor, so manch unkonventionellen Weg einzuschlagen. Was der Feind kann, kann sie schon lange!

Während der gesamten Geschichte bleibt die Bibliothek an sich diesmal stark im Hintergrund, was mich persönlich nicht gestört hat. Viel mehr eröffnete uns die Autorin auf diese Weise die Möglichkeit, die anderen Welten sowie deren Bewohner näher kennenzulernen. Insbesondere Kais Familie – die Drachen – als Vertreter der Ordnung standen diesmal im Zentrum. Man konnte viel über die Hierarchien in ihren Reihen erfahren und darüber, dass das Chaos als Gegenpol zur „Ordnung“ reinstes Gift für die Drachen ist. Außerdem erfährt man, dass ihnen der Zutritt zu bestimmten Welten nicht möglich ist. Weltpolitik in einer fantastischen Umgebung – ein toller Schachzug der Autorin, der die gesamte Welt noch viel plastischer und vielschichtiger darstellt und den Leser noch intensiver in das Geschehen eintauchen lässt.

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Geneviève Cogmans Schreibstil ist flink, detailliert und absolut bildhaft. Sowohl das viktorianische London als auch das karnevalistische Venedig tauchen als lebendige Kulissen vor dem inneren Auge des Lesers auf und vermitteln eine authentische Kulisse. Man wünscht sich nahezu, gemeinsam mit den Protagonisten durch die Welten reisen zu können und deren Bewohner und Besonderheiten kennenzulernen, ganz gleich, wie gefährlich diese sein mögen. Eine konstante Spannung untermal das Ganze, die dem gesamten Geschehen trotz einiger Längen das richtige Tempo verleiht.

Insgesamt ist „Die maskierte Stadt“ eine rasante und spannende Fortsetzung innerhalb einer einmaligen und grandiosen Atmosphäre, die es schwer macht, einfach wieder aus den Seiten aufzutauchen. Zum Glück liegt schon Band 3 vor mir und wartet darauf, verschlungen zu werden. Eine klare Empfehlung für Bücherliebhaber und Freunde gepflegter Fantasyliteratur sowie fantastischer und liebevoll gezeichneter Charaktere.

 

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