Tag-Archiv | Fee

Achtung Buch: Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle von Timothée de Fombelle

IMG_6537

Nach langer Zeit hat es mich wieder einmal tief ins literarische Paris verschlagen. Und das auf eine ganz besondere Art und Weise: Timothée de Fombelle nahm mich mit auf eine Reise in die Lichterstadt, bei der die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit, zwischen märchenhaftem Zauber und Grausamkeit und Kälte des Krieges verschwimmen.

Und über alldem schwebt sie, groß und allmächtig: die Liebe. Denn sie ist es, die schon seit Jahrhunderten – nein, Jahrtausenden – die größten Geschichten zu erzählen vermag. Kraftvoll, voller Tragik, romantisch, sanft und ergreifend. Melancholisch oder träumerisch, leidenschaftlich und mitreißend, verzehrend und schmerzhaft trifft sie mitten ins Herz. Ein Phänomen, das so oft unerklärlich ist und nicht von dieser Welt zu kommen scheint.

IMG_6539

Und genau da setzt Timothée de Fombelles Roman an: In einem der vielen unbekannten Feenreiche, in dem sich der junge Prinz Iliån und die Fee Oliå unsterblich ineinander verlieben. Es herrscht Krieg, an dessen Spitze der Bruder des Prinzen steht. Der Vater sitzt verwirrt und gebrochen nach dem Tod der Frau in seinem Sommerpalast und von Prinz Iliåns Existenz will niemand etwas wissen, machen sie ihn doch alle indirekt für den Tod der Mutter verantwortlich. Eine Liebe zwischen Prinz und Fee ist also nur das Sahnehäubchen auf der Krise und macht die beiden zu Gejagten. Mitten auf der Jagd passiert das Undenkbare: Der Prinz wird in unsere Welt verbannt, ohne die Möglichkeit wieder nach Hause und zu seiner Geliebten zu gelangen.

In der Menschenwelt gelangt er in die Wirren der Kriegszeit im Paris der 30er Jahre, erleidet Gefangenschaft, Krieg und Verfolgung, findet aber auch Freundschaft und Geborgenheit. Doch eins treibt ihn stets an: Die Suche nach der Geliebten und dem Weg zurück ins Feenreich. Er spürt sie, doch sie darf sich nicht zu erkennen geben, da sie sonst auf ewig getrennt wären. Also braucht er Beweise – eine Reise bis in die Gegenwart beginnt, die ihm, der inzwischen zu Joshua Perle wurde, sein wahres Leben zurückgeben soll. Doch kann die Zeit eines Menschenlebens ausreichen, um diese Aufgabe zu bewältigen?

IMG_6538

Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle erzählt die unglaubliche Liebesgeschichte eines ungleichen Paares in einem fernen Land, von einem jungen Mann, der nach Beweisen für das Unglaubliche sucht und somit seiner wahren Liebe und der Heimat wieder nahezukommen versucht. Von Kapitel zu Kapitel eröffnet sich dem Leser eine Welt, nein, es eröffnen sich zwei Welten, die zunächst scheinbar ohne Zusammenhang nebeneinander existieren. Doch genau so, wie die vielen Koffer und Schätze im weißen Seidenpapier nach und nach ihre Geheimnisse enthüllen, offenbaren sich auch zart und leise die Zusammenhänge zwischen dem Feenreich und dem chaotischen Paris der Kriegsjahre. Einem Paris, in dem an einem grauen Tag ein Junge vor der Maison Perle auftaucht und dort die Rolle des verstorbenen Sohn Joshuas annimmt, um in den Krieg zu ziehen. Verletzt streift später ein junge Mann durch einen Wald und wird vom geheimnisvollen Monsieur Perle aufgelesen und gepflegt. Wer ist dieser  Mann? Was verbirgt er in seinen Koffern? Eine Schatzsuche gefüllt mit Emotionen, Geheimnissen und Liebe beginnt, die nach und nach die tragische Liebes- und Lebensgeschichte des Joshua Iliån Perle offenbart .

IMG_6540

Wundervoll poetisch und voller Gefühl erzählt de Fombelle seine Geschichte, die viel mehr ein Märchen ist. Er versteht es, den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann zu ziehen und zu verzaubern. Man beginnt selbst nach den Spuren der Feen zu suchen, nach dem Weg in die andere Welt, da man Perle sein Glück zurückgeben möchte. Bezaubernd melancholisch taucht die Feenwelt vor dem inneren Auge des Lesers auf. Man leidet bis zuletzt, hofft auf den Ausweg, auf das Happy End, das immer weiter in die Ferne zu rücken scheint. Doch noch existiert er, der schwache Hoffnungsschimmer im Herzen Perles und auch des Lesers…

Wieder einmal beweist die französische Literatur, dass sie etwas Besonderes ist, ganz anders, leise im Klang und doch so stark im Gefühl! Ein Buch für diejenigen, die gern die Grenzen zwischen Realität und Märchen verschwimmen lassen, die das Besondere suchen und einfach genießen, mitfiebern und vor allem tief fühlen wollen.

Advertisements

Achtung Buch: Die maskierte Stadt von Geneviève Cogman

IMG_1836

Nachdem mich meine liebe Lesende Samtpfote im letzten Jahr mit Genevève Cogmans Buch „Die unsichtbare Bibliothek“ überrascht hatte, war ich im Fieber. Für Bücherliebhaber gibt es doch nicht besseres als tolle Geschichten. Und wenn es dann noch tolle Geschichten über das tollste Medium überhaupt sind, kann man natürlich die Finger nicht davon lassen. Genauso ging es mir mit der unsichtbaren Bibliothek – einmal eingetaucht, wollte ich gar nicht mehr zurück. Doch dann passierte es: Der zweite Teil traf ein, genau in einer stressigen Phase der Eingewöhnung im neuen Job, zwischen vielen Fortbildungen und noch mehr neuen Eindrücken, die es zu verarbeiten galt. Das Resultat: Leseflaute. Viele neue tolle Bücher mussten im Regal warten, darunter auch „Die maskierte Stadt“. Doch zum Glück nicht sehr lange. Die Sommerferien nahen, der Stress nimmt ab und die Sinne sind geschärft für neue buchige Schätze. So kam es, dass ich mir direkt den zweiten Band der Bibliotheksreihe schnappte und mich im strahlenden Sommerwetter auf meine Gartenliege verzog, um mit Kai und Irene gemeinsam neue Abenteuer zu erleben. Und die sollten auch gar nicht lange auf sich warten lassen…

Zu Beginn des Buches treffen wir auf eine sehr entspannte Irene samt ihres Schützlings Kai, die nun schon seit einigen Monaten in einem viktorianischen London leben und die grausigen und abenteuerlichen Erlebnisse verarbeiten, Dort besteht ihre aktuelle Aufgabe darin, ein seltenes Werk von Bram Stoker zu finden und dieses zur Bibliothek zu bringen. Leicht gesagt, leicht getan? Ganz und gar nicht. Denn, obwohl das Buch relativ schnell in Irenes Besitz kommt, war dies keinesfalls einfach. Ein erster Anschlag während der Auktion und ein zweiter folgten auf dem Fuße. Diesem konnte Irene zwar entgehen, nicht aber Kai. Er, der Drachenjunge, wurde entführt und Irene zieht alle Register, um ihren Schützling zu retten. Ein Himmelfahrtskommando, denn alle Wege führen nach Venedig, in ein Venedig der chaosverseuchtesten Art…

IMG_1837

Doch zunächst kurz zum Cover. Das Design knüpft nahtlos an das des vorhergehenden Bandes an und verweist in seinem dezenten Blauton auf das Wasser, das eine große Rolle spielen soll. Eine Karte von Venedig, Bücher und eine Karnevalsmaske symbolisieren den Handlungsort Venedig und alles in allem wird das Gesamtbild sehr mystisch und geheimnisvoll.

Kaum aufgeschlagen, befindet man sich direkt in der Handlung, die nahtlos an das Ende des ersten Bandes anknüpft. Gewohnt detailliert beschreibt Cogman die Umgebung, Charaktere und Situationen, sodass sofort ein Kopfkino abzulaufen beginnt. Man ist mitten drin im Geschehen und schaut nicht nur zu. Von der Ordnung führt der Weg ins Chaos. Wir begleiten Irene auf der Spur Kais in ein sehr theatralisches und klischeeerfülltes Venedig, das für seinen Zweck nicht hätte besser geschaffen werden können. Im Zentrum stehen die Elfen, Erzfeinde der Bibliothek und der Drachen und nicht nur einmal sieht sich Irene gezwungen, schweren Herzens den einen oder anderen Pakt mit dem durchtriebenen Volk einzugehen, der ihr in mehrerlei Hinsicht das Genick brechen könnte. Umschmeichelnd, grazil bis hin zu diebisch-durchtrieben präsentieren sich die Elfen, ganz anders als im romantischen Märchenbild. Sehr auf ihre eigenen Erfolge bedacht und mit viel Macht und Magie ausgestattet, versuchen sie einzig und allein ihren Zielen zu folgen und diese zu erreichen, ganz gleich zu welchem Preis für die anderen.

Als bestes Beispiel dafür dient Lord Silver, der seine „kleine Maus“ Irene fest in sein Spinnennetz aus Intrigen, Machtspielen und Verzweiflung eingesponnen hält. Doch auch seine Gegenspieler, die Guantes, versetzen der Geschichte eine zusätzliche Portion Spannung und  Tempo, die bei einigen Längen der Handlung auch nötig und sehr erfrischend ist. Irenes Suche nach Kai erfolgt rasant und spannend bis zur letzten Minute. Sie ist bereit, alles zu opfern, um den Freund zu retten. Dabei setzt sie vor allem auf Humor und Kreativität und scheut sich auch nicht davor, so manch unkonventionellen Weg einzuschlagen. Was der Feind kann, kann sie schon lange!

Während der gesamten Geschichte bleibt die Bibliothek an sich diesmal stark im Hintergrund, was mich persönlich nicht gestört hat. Viel mehr eröffnete uns die Autorin auf diese Weise die Möglichkeit, die anderen Welten sowie deren Bewohner näher kennenzulernen. Insbesondere Kais Familie – die Drachen – als Vertreter der Ordnung standen diesmal im Zentrum. Man konnte viel über die Hierarchien in ihren Reihen erfahren und darüber, dass das Chaos als Gegenpol zur „Ordnung“ reinstes Gift für die Drachen ist. Außerdem erfährt man, dass ihnen der Zutritt zu bestimmten Welten nicht möglich ist. Weltpolitik in einer fantastischen Umgebung – ein toller Schachzug der Autorin, der die gesamte Welt noch viel plastischer und vielschichtiger darstellt und den Leser noch intensiver in das Geschehen eintauchen lässt.

IMG_1839

Geneviève Cogmans Schreibstil ist flink, detailliert und absolut bildhaft. Sowohl das viktorianische London als auch das karnevalistische Venedig tauchen als lebendige Kulissen vor dem inneren Auge des Lesers auf und vermitteln eine authentische Kulisse. Man wünscht sich nahezu, gemeinsam mit den Protagonisten durch die Welten reisen zu können und deren Bewohner und Besonderheiten kennenzulernen, ganz gleich, wie gefährlich diese sein mögen. Eine konstante Spannung untermal das Ganze, die dem gesamten Geschehen trotz einiger Längen das richtige Tempo verleiht.

Insgesamt ist „Die maskierte Stadt“ eine rasante und spannende Fortsetzung innerhalb einer einmaligen und grandiosen Atmosphäre, die es schwer macht, einfach wieder aus den Seiten aufzutauchen. Zum Glück liegt schon Band 3 vor mir und wartet darauf, verschlungen zu werden. Eine klare Empfehlung für Bücherliebhaber und Freunde gepflegter Fantasyliteratur sowie fantastischer und liebevoll gezeichneter Charaktere.