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Le phénomène continue: Das Bildnis aus meinem Traum von Antoine Laurain

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Während ich gerade in London auf Klassenfahrt war, erreichte mich ein wundervolles Päckchen meines Lieblingsautors und des Atlantik-Verlags. Ich hatte die Nase gerade aus der Rhapsodie Française genommen als nun auf einmal das Bild aus meinem Traum druckfrisch mit einem wundervollen persönlich gewidmeten Bild, und vielen liebevoll ausgewählten Accessoires vor mir lag. Schon in diesem Moment huschte mir ein Lächeln über die Lippen – ist es doch genau diese Detailverliebtheit, die Antoine Laurain ausmacht.

Doch worum geht es nun in seinem neuen Meisterwerk? Allem voran um eine große und zentrale Frage:

Wie viel sind wir bereit aufzugeben, um die große Liebe zu gewinnen?

Eine Frage, die sich sicher jeder von uns schon einmal gestellt hat. Eine Frage, die den Protagonisten Pierre-François Chaumont eiskalt erwischt. François ist Anwalt, verheiratet mit Charlotte, wohnhaft in Paris, wenn man es einmal knapp und nüchtern zusammenfasst. Denn: Nüchtern gestaltet sich ihr Zusammenleben. Arbeit, Routine und vor allem kein gegenseitiges Verständnis dominieren sein Leben. Kein Verständnis? Ihr habt richtig gelesen, denn François hat ein Hobby: Er sammelt Antiquitäten. Eine Leidenschaft, die schon in frühester Kindheit mit einer Sammlung von Radiergummis begann:

„Eine Sammlung beginnt mit zweien, wenn man auf der Suche nach dem dritten ist.“
(S.22)

Dass er damit jedoch noch nicht die hohe Kunst des Sammelns erreicht hatte, wurde ihm spätestens dann klar, als er sich mit seinem Onkel Edgar – ach, ich hätte ihn so gern kennengelernt – einem Paradiesvogel mit besonderen Eigenarten, über sein Hobby unterhielt. Denn Edgar war es, der ihm den wahren Sinn des Sammelns erklärte. Nicht irgendwelche Antiquitäten oder schöne Dinge solle man sammeln, sondern diese, die eine Geschichte erzählen und die Seele ihrer Vorbesitzer wahren konnten.

„“Wenn du ein echter Sammler werden willst, musst du eines verstehen: Die Dinge, die echten Dinge“, hatte er mit gehobenen Zeigefinger betont, „bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben.““
(S. 27)

Von diesem Moment an änderte sich das Leben François‘ komplett. Er sammelte gezielter und entwickelte einen besonderen Sinn für das Geschäft. Auktionen wurden seine zweite Heimat, sehr zum Leidwesen seiner Frau, die ihn mehr und mehr ins Abseits drängte, sodass sein Hobby bald komplett in sein Arbeitszimmer ausgelagert wurde. Man stelle sich das einmal vor: Regale, Schränke, Ablagen zum Bersten gefüllt mit kleinen und größeren Schätzen, die den vorgegebenen Rahmen zu sprengen drohen! Nach und nach erobert er sich mehr Platz in der Wohnung zurück – sehr zum Missfallen von Charlotte.

Zur Eskalation kommt es jedoch erst, als François bei einer Auktion auf ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, das niemanden geringeren zeigt als ihn selbst. Zu Hause verhöhnt und von den Freunden milde belächelt, macht er sich auf, um die Geschichte des Bildes zu erforschen. Ein Weg, der ihn zu einem Weingut im Burgund und einer jungen Gräfin führt, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Mit großer Freude wird er dort empfangen, schließlich ist es doch er: Aimé-Charles de Rivaille, der Graf von Mandragore… oder etwa nicht?

***

Im Januar habe ich euch ja die ersten beiden auf Deutsch beim Atlantik Verlag erschienenen Bücher von Antoine Laurain vorgestellt. Damals unter dem Titel „Vom Suchen, Finden und Gefunden werden“. Ein Thema, an das ich beim Bild aus meinem Traum nahtlos anknüpfen kann. Denn auch François war verloren, auf der Suche nach dem Glück und der Liebe. Der Job war für ihn keine Erfüllung, genauso wie seine Ehe mit Charlotte. Und wieder einmal war es das Schicksal, das ihm zugute kam: Ein Bild tauchte in einer Auktion auf, nicht irgendein Bild, sondern DAS Bild. Ein Gemälde, das ihn selbst zeigt. Spätestens seit Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray sollte sich der Leser ja der Gefahr bewusst sein, die von einem spontan auftauchenden Bildnis seiner selbst ausgehen könnte, aber wie es so oft der Fall ist, überwog auch hier die Neugier. François musste das Bild haben, um jeden Preis. Und er ging als Sieger aus der Auktion hervor.

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Ehekrach, Spott und mildes Kopfschütteln waren die Reaktionen auf sein Bild und die Ähnlichkeit, die keiner außer ihm zu erkennen vermochte. Doch ihm öffnete all dies die Augen: neue Perspektiven, eine neue Zukunft. Er stürzte sich in die Recherchen und die Mühen sollten belohnt werden. Der Weg führe ihn ins Burgunder Land auf ein Weingut der Gräfin von Mandragore. Dort angekommen schien die Zeit stillzustehen. Fast schon magisch und ein wenig märchenhaft mutet die Geschichte von diesem Moment der Ankunft an. Ein Dorf, das sonst von allen Landkarten gestrichen zu sein scheint und eine traurige Vergangenheit hegt. Ist der Graf doch vor einigen Jahren spurlos verschwunden und die Gräfin einsam und in Trauer. Und nun ist er wieder da. François…. nein, Aimé, oder doch François?

Die Ankunft im Dorf bestimmt eine wichtige Wende im Leben des Anwalts, eine Entscheidung, die nur schwarz oder weiß zulässt. Eine endgültige Entscheidung ohne Weg zurück, egal welche Richtung er einschlagen würde.

„Pierre-François Chaumont, bist du da? Ein Schlag ja, zwei Schläge, nein.“
(S.189)

Auch in diesem Buch von Antoine Laurain dient die Geschichte zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen. Man muss manchmal aus bekanntem Terrain ausbrechen und den Mut haben, Neues zu wagen. Dann wird man auch irgendwann seinen Platz und seine Bestimmung finden.

Paris als Schauplatz rückt dieses Mal etwas in den Hintergrund, aber gerade der Sprung von der Stadt als Ort des unglücklichen Lebens des Anwalts bis hin zum märchenhaften, fast ein wenig wie in Pastell gezeichneten Weingut zeigt gleichzeitig den Weg heraus aus dem trüben Grau zum erfüllten Bunt der Zukunft. Untermalt wird dies von einer Fülle an Details, die lebendiger und liebevoller nicht sein könnten. Jeder Laurain ist davon geprägt, genau wie von einem einzigartigen Charme, der jede Seite zu einem besonderen Genuss macht. Greift zu und erlebt auch mit diesem Buch einen ganz besonderen Genuss, der den Leser mit viel Wärme und einem Glücksgefühl im Inneren zurücklässt

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189 Seiten Leseglück liegen hinter mir, 189 Seiten, die ich mit einem Lächeln im Gesicht beende, in der Gewissheit auf nachfolgende Geschichten und in der Erinnerung an einen Tag im April am Louvre im strahlenden Sonnenschein. An den Tag, an dem ich mit Antoine Laurain genau dort saß und über seine Bücher, Projekte und Gott und die Welt geredet habe. Jede Seite seiner Bücher ist Antoine Laurain, jedes Wort und jeder Satz. Ich bin sehr dankbar, diesem wundervollen Menschen begegnen zu dürfen und freue mich schon auf ein Wiedersehen in Paris. Und bis dahin bleiben ja noch einige wunderbare Geschichte.

Merci, Antoine! Merci pour le bonheur que tu apportes dans ma vie!#

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Achtung Buch: Die Nachtigall von Kristin Hannah

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Und wieder verschlug mich meine Lesereise nach Paris. Diesmal in ein Paris, das in seinen schwersten Jahren steckte, nämlich mitten in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Noch immer zehrten die Menschen an den Verlusten, Ängsten und sonstigen schlimmen Folgen des Ersten Weltkrieges, als sich die neue Katastrophe unausweichlich anzubahnen begann.     Ein historischer Rahmen, des es wohl recherchiert zu füllen gilt – damit hat sich Hannah eine wahrlich schwierige Aufgabe gestellt. Denn: So aktiv wie sich die deutsche Seite von Beginn des Krieges an zeigte, so passiv verhielten sich die Franzosen. Kristin Hannah gelang es jedoch auf Anhieb, genau diese besondere Stimmung im Land einzufangen. Man erduldete die Übernahme, ohne sich ihr wirklich entgegenzusetzen. Seitens des Vichy-Regimes wurden die Menschen angehalten, sich ruhig zu verhalten und kaum jemand traute sich, dem Feind entgegenzutreten. „Drôle de Guerre“ lautet ein Stichwort – ein passives Verhalten an der Westfront seitens der Franzosen und der Briten. Keine wirkliche Kriegshandlung fand statt. Beruhigend für die Franzosen, die zwar über ein mehrere Millionen Mann starkes Heer verfügten, dieses aber nie auf einen wirklichen offensiven Krieg vorbereitet hatten. Außerdem stütze sich alle Aufmerksamkeit sowieso auf die Maginot-Linie, die es zu verteidigen galt.

Eine wahrlich komische Situation, die so jedoch nicht Bestand hatte. Im Laufe der folgenden Kriegsjahre schlug sich die Passivität im Land um: die Deutschen besetzten das Land mehr und mehr, die Maginot-Linie hatte nicht gehalten. Und auch die Franzosen begannen sich zu regen. Politische Aggression grids um sich und Begriffe wie Deportation, Judenverfolgung, Vertreibung der Bevölkerung, Repressalien und Flucht begannen den Alltag zu prägen. Das Vichy-Régime versagte und gestand sich dieses Versagen nicht ein. Und unter dieser Decke begann man einen Namen zu murmeln: de Gaulle. Ein Mann, den niemand kannte, der aber schon bald mit Begriffen wie Résistance – Widerstand in Verbindung gebracht werden sollte. Eine politische Kulisse, die Kristin Hannah perfekt umzusetzen versteht. Jede Seite des Buches atmet die Seele Frankreichs zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Und inmitten dieser Geschichte haben wir sie: Zwei Schwestern, die vieles gemeinsam haben und doch verschiedener nicht sein könnten: Vianne und Isabelle de Rossignol.

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Beide Frauen leben ihr Leben im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkrieges und müssen allein auf sich gestellt ihren eigenen Weg finden. Nach dem Tod der Mutter scheiterte der Vater an seiner neuen Rolle und die Mädchen schlugen sich mehr oder weniger allein durch – eine Tatsache, die durch das übersprühende Temperament Isabelles noch verschlimmert wurde. Vianne, die Ältere ist glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter. Ein Glück, für das sie wie eine Löwin kämpft. Im Vergleich dazu springt Isabelle zeitlos durch ihr Leben. Kaum zu bändigen ist sie und Regeln und Normen sind ihr fremd. Und genau diese verschiedenen Charakterzüge sind es, die die beiden Frauen an einen Scheitelpunkt bringen: Der Krieg ist da, aber wie geht man mit ihm um?

Viannes Mann Antoine wird einberufen und gerät ziemlich schnell in Kriegsgefangenschaft. Bald schon quartiert sich ein deutscher Offizier bei ihr ein und der Zwiespalt zwischen Abneigung und Kompromissbereitschaft bestimmt das Leben der jungen Frau und ihrer Tochter. Viel schlimmer trifft dies jedoch Isabelle, die sich genau damit nicht abfinden kann. Sie kann nicht still zusehen, wie die Deutschen ihr Land, ihr Leben und nun auch noch ihre Familie okkupieren. Ihre Gefühlsausbrüche schweben permanent wie ein Damoklesschwert über dem Leben der Familie, bis zu dem Tag, an dem sie beschließt, etwas  gegen den Krieg zu tun. Durch ihre Zähigkeit und ihren starken Willen findet sie ihren Platz und ihre Bestimmung in den Reihen der Résistance und ist bereit, selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen – koste es, was es wolle.

„In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.“

Zwei Schwestern, zwei Wege. Wege, die auf den ersten Blick nicht weiter auseinandergehen könnten und die nicht weiter zur Entfremdung führen könnten. Zwei komplexe Erzählebenen, die dem Leser eine breite Sicht auf das Geschehen in Frankreich sowie auf das Leben der Frauen, einmal im privaten und einmal im Widerstand, vermitteln. Eine Sichtweise, die sehr authentisch und klar ist. Vianne erlebt tagtäglich das Grauen der Besatzung mit dem steigenden Mangel der Versorgung bis hin zur harten Durchsetzung der antijüdischen Gesetze. Sie sieht Freunde abtransportiert werden, sie sieht Kinder sterben und erträgt dies. Noch. Im Gegensatz dazu stürzt sich Isabelle in ein wagemutiges Abenteuer: Ihr gelingt es unter dem Decknamen „Nachtigall“ abgeschossene alliierte Piloten über die Pyrenäen zu bringen und wird zu einem der meistgesuchten Feinde der Deutschen. Angst kennt sie dabei nicht. Noch nicht.

Und doch sind es genau diese verschiedenen Wege, die die Schwestern wieder vereinen sollen, ohne dass diese es zu Beginn merken. Beide stellen sie fest, dass der Krieg seine eigenen Regeln schreibt. Vianne, die immer voller Liebe war, muss lernen, dass eine Liebe nicht mehr geliebt werden darf. Isabelle hingegen erfährt die erste große Liebe, allerdings auch eine Liebe, die nicht geliebt werden darf. Doch zum ersten Mal kann sie nun verstehen, wie ihre Schwester bedingungslos alles erdulden kann, um ihre Familie zu schützen. Auch der Verlust des Vaters, von dem beide Schwestern nach dem Tod der Mutter nur Ablehnung erfuhren, prägt das Leben der Schwestern auf besondere Weise. Beide Schwestern beginnen zu kämpfen, jede auf ihre Art und Weise, aber beide – ohne dies zu wissen – für dasselbe Ziel. Und beide haben doch mehr von der anderen in sich, als sie es sich je eingestehen würden.

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Zwei Frauen vor einer einmalig realistisch erschaffenen Kulisse. Zwei Frauen, deren Schicksal mich nachhaltig so stark prägt, dass es nur schwer einzuordnen ist. Zwei Leben, die genau so hätten gelebt werden können. Keine Klischees, keine Übertreibung, sondern zwei präzise herausgearbeitete Charaktere, die für ein ganzes Land stehen. Ihre Entwicklungen und Denkprozesse, die einfach nur beeindruckend sind. Ein über sich selbst Hinauswachsen der ganz besonders großen sprachlichen und stilistischen Klasse wird präsentiert, das einen atemlos an der Seite beider Schwestern hält. Für Romantische Verklärung ist nicht viel Platz, aber dennoch wird jedes zarte Gefühl der Liebe und Zuneigung so klar beschrieben, dass es die Kälte des Krieges wie eine zarte Flamme zu durchdringen vermag.

Ein Roman, der so tief ist, so intensiv und so herzzerreißend, dass ich ihn nie wieder aus meinem Herzen vertreiben mag. Ein Roman, der mich so stark beeindruckt hat, wie es nur wenige Romane mit dieser Thematik zu tun vermögen. Zwei Schwestern, die mich seit der letzten Seite wie zwei Schatten begleiten, mit denen ich eine intensive Zeit verbrachte, mit denen ich lebte, litt und weinte und die mich mit ihrer Stärke zu prägen vermochten. Zwei Schwestern, die ihren Platz in meinem Herzen gefunden haben, die mich nicht nur einmal zum Weinen brachten und die mich festhielten und mir Wärme gaben, als mich die Kälte des Krieges gefangen hielt. Ein Buch für die langen Herbstabende, ein Buch zum sich darin verlieren. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Für mich nahezu unübertrefflich!

„Manche Geschichten haben kein glückliches Ende. Selbst wenn es um Liebe geht. Womöglich vor allem dann.“

 

Achtung Buch: Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

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Thaïs ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen, die sich inmitten von Zirkusleuten als die „unvergleichliche Madame Victoria“ einen Namen als Pferdedresseurin gemacht hatte. Dieses Leben war jedoch nichts für die junge Frau, die dem Zirkus direkt nach ihrem achtzehnten Geburtstag den Rücken kehrte, um in Paris ihr Glück zu machen. Dort lebte sie bis zu dem Tag, an dem sie ein trauriges Ereignis nach Arles rief. Dort sollte sie die Beerdigung ihrer Großmutter ausrichten. Ein Ereignis, dass für Thaïs weniger traurig zu sein schien, als es sollte. Aus dem Plan der schnellen Haushaltsauflösung wurde jedoch nichts, da ihr das Testament der Großmutter einen Strich durch die Rechnung macht. Darin vererbte die unvergleichliche Victoria die Hälfte ihres Hauses Zirkusleuten, von denen die Enkelin noch nie etwas gehört hatte. In einer Nacht schlugen diese Zirkusleute des geheimnisvollen „Cirque perdu“ ihr Lager hinter dem Haus auf und eine wundersame Reise nahm ihren Anfang. Eine Reise, deren Ausgang keiner absehen konnte…

Schon das Cover des Buches hatte mich in der Verlagsvorschau in seinen Bann gezogen, mag ich doch alles, was in und um Paris geschieht, sehr gern. Und in Kombination mit dem Klappentext war es direkt um mich geschehen. Eine Geschichte, die im Zirkus spielt? Und in Frankreich? Das kann nur gut sein, dachte ich mir. Doch Zirkus und Stille, wie kann das nur zusammenpassen? Ist ein Zirkus nicht eine Manege voller Tam Tam, Clownerie und Spektakel? Natürlich nicht, denn immer gibt es auch die tiefe Melancholie, die man mit dem Zirkus in Zusammenhang bringt, das Geheimnisvolle, die Sehnsucht, das Andere. Und genau diese Seite ist es, die der Autor ins Zentrum des Geschehens rückt.

Dies zeigt sich schon direkt zu Beginn in der Figur der Thaïs, die nun, als die Großmutter gestorben ist, ganz allein auf der Welt ist und niemanden mehr hat. Umso unwohler ist ihr, als sie nach Arles fährt, wo die Beerdigung stattfinden soll. Auf einmal ist sie da allein und wird komplett mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Eine Vergangenheit, die sie am liebsten auslöschen würde, zumindest zu Beginn. Der Zirkus ist nicht ihr Freund, eher etwas Fremdes, Anderes, das man als unbequem empfindet…

„Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat -, wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“
S. 7

Und mit der Fremde kennt sich die junge Frau sehr gut aus, hat sie sie doch als Kind am eigenen Körper nahezu schmerzlich erfahren müssen. Wie in einen Kokon hat sich Thaïs eingesponnen, um ihre Vergangenheit so weit wie möglich von sich abzuschotten, um ein normales Leben zu führen. Doch ist es wirklich das, was sie will? Oder wird sie dem Reiz des Fremden, der ihr Leben war, folgen? Und vor allem: Was wird sie am Ende des Weges finden?

Melancholische Fragen voller Tiefe, die den Kern des Buches bilden und die erst zu dem Zeitpunkt richtig aufgeworfen werden, an dem der „Cirque perdu“ auftaucht. Was für en Zirkus: Keine Manege, keine Tiere, nur eine Handvoll kurioser Gestalten, zu denen sich die junge Frau wider Erwarten stark hingezogen fühlt. Wer sind diese Leute, die ihr Lager hinter ihrem Haus aufgeschlagen haben? Welche Verbindung haben sie zu Victoria und welche Geschichten haben sie zu erzählen? Alles ist geheimnisvoll, leise und jeder spricht in Rätseln. Mehr und mehr gerät Thaïs in den Sog des Rätselhaften, der sie mehr und mehr in ihre Vergangenheit hineinzieht. Einem Sog, dem sich die junge Frau nicht lange widersetzen kann und will, bis zu dem Punkt, an dem sie eine Entscheidung treffen muss, die ihr Leben gänzlich verändern wird.

Die Zirkusleute des „Cirque perdu“ haben mich sofort in ihren Bann gezogen und fasziniert. Peter Goldammer Erzählstil trug dazu nicht unwesentlich bei, denn ihm ist es gelungen, dieser Geschichte nicht nur das französische Flair, sondern auch die tiefe Melancholie einzuhauchen, die sie ausmacht. Eine Melodie der leisen Töne, die noch lange in einem nachhallt, während man sich unweigerlich dieselben Fragen stellt, die Thaïs sich stellt. Sie ist es, die ich an manchen Stellen etwas besser kennenlernen hätte wollen. Was war es, das dazu führte, dass sie ihr altes Leben so rigoros von sich abschottete. Sicher – sie wollte normal sein, ein normales Leben führen, wie es alle Mädchen in ihrem Alter taten, wollte ausbrechen und die Welt erobern in der Metropole Paris, wollte dem Fremden, dem Exotischen des Zirkus entfliehen, aber hat sie ihre Vergangenheit doch so sehr „verstört“, dass sie diese so komplett von sich wegschob? Das kann ich ihr nicht ganz glauben, so schnell, wie sie die Leute des „Cirque perdu“ doch wieder in ihre „Fänge“ bekommen konnten. Und auch mich hatten sie sofort mit all der Herzenswärme, den Geheimnissen und den kleinen Weisheiten:

„´Dann stell deine Trauer ins Regal. ´ ´Ins Regal? ´ ´In das Regal deiner Gefühle. ´[…] ´Wie im Supermarkt, alles schön geordnet, direkt vor dir: ein Regal mit deinen Gefühlen drin. Die Menschen wollen immerzu ihre Gedanken ordnen, aber viel wichtiger ist es, die Gefühle zu ordnen. ´“
S.211

Das ist aber auch schon der einzige Aspekt, den ich anmerken möchte. Sicherlich eine subjektive Empfindung, die der Gesamterzählung auch keinen Abbruch tut. „Der Zirkus der Stille“ ist für mich eine Symphonie, ein Gesamtkunstwerk, dass am Ende in vollster Blüte erstrahlte und dabei einen wundervollen Bogen zum Beginn der Erzählung schlug. Rührende Szenen reichen aufschlussreichen die Hand, man ist tief berührt und bewegt und mag gar nicht aus dieser Stimmung auftauchen, die einen wie ein weiches und dennoch schweres Band aus Samt umschlungen hält. Man stellt sich und sein Leben unweigerlich selbst infrage und sinniert über die alltäglichen Dinge des Lebens. Peter Goldammer ist ein wundervolles leises Potpourri der Gefühle gelungen, das für mich definitiv zu den Lesehighlights 2016 gehört.

Don’t you love farce?
My fault, I fear.
I thought that you’d want what I want…
Sorry, my dear!
And where are the clowns
Send in the clowns
Don’t bother, they’re here.

Isn’t it rich?
Isn’t it queer?
Losing my timing this late in my career.
And where are the clowns?
There ought to be clowns…
Well, maybe next year.

(Send in the Clowns)

Das Phänomen Antoine Laurain – vom Suchen, Finden und gefunden werden

Was geschieht, wenn du einem Autor über den Weg läufst, der dich sofort mit seinem Buch in den Bann zieht und verzaubert? Wenn man dieses Buch verschlingt und beseelt zurückbleibt und vergisst, es zu besprechen? Tragisch, denkt ihr? Vielleicht auch Glück, wenn man ein Jahr später das zweite Buch in den Händen hält. Und wenn man sie dann so nebeneinander legt und dabei so ein Bild entsteht…

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… kann das doch nur der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen mir und

Antoine Laurain werden.

Und es wurde nicht nur eine Freundschaft, sondern Liebe. Eine „Liebe mit zwei Unbekannten“ – Antoine und mir. Einem Autor und seiner Leserin, die auf Anhieb dieselbe Sicht auf Paris zu haben scheint, wie er. Kommt mit auf eine Reise durch die Werke von Antoine Laurain und trefft direkt auf eine große Portion

„Liebe mit zwei Unbekannten“

2015 bei Atlantik erschienen, verzaubert es auf Anhieb die Herzen der Leser. Stellt euch vor, vor euch geht eine attraktive Frau die Straße entlang, trägt stolz ihre wundervolle lila Handtasche, die ihr ganzes Leben beinhaltet. Ja, ich weiß, jede Frau denkt, dass ihre Handtasche ihr Leben ist – und in den meisten Fällen ist das ja auch so – so wie bei eben dieser jungen Frau: Laure Valadier. Plötzlich wird sie zum Opfer eines Raubüberfalls. Ein Mann entreißt ihr die Tasche, Laure stürzt und findet sich nach einer unfreiwilligen Nacht im Hotel bewusstlos im Koma wieder.

Unterdessen begibt sich der Buchhändler Laurent auf den Weg zur Arbeit und findet Laures Tasche. Einem inneren Impuls heraus folgend, nimmt er sie mit und durchsucht sie nach Hinweisen auf die Besitzerin. Besonders ein rotes Notizbuch mit Listen fällt ihm ins Auge:

Ich mag es, um die Zeit, wenn alle Leute den Strand verlassen, am Meer spazieren zu gehen.
Ich mag den Namen des Cocktails Americano, aber ein Mojito schmeckt mir besser.
Ich mag den Geruch von Minze und Basilikum.
Ich mag es, im Zug zu schlafen.
Ich mag Landschaftsbilder ohne Menschen…

Derlei Listen finden sich noch viele im Notizbuch, sowie der Zettel einer Reinigungsfirma. Das einzige, was Laurent über die Unbekannte weiß? Nein, ein Buch, von Modiano persönlich signiert, verrät ihm zumindest den Vornamen: Laure. Von diesem Moment an ist Laurent davon besessen, Laure zu finden und bekommt dabei Hilfe von verschiedenster Stelle. Bleibt eine große Frage: Werden sie auch einander finden? Oder wird Laurent das geheimnisvolle Wesen in Laures Leben bleiben, das in dieses hineinplatzte und genauso schnell und leise wieder daraus verschwand?

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Wird es eine große Liebe geben oder wird es eine diese speziellen Begegnungen sein, die Laurain so treffend beschreibt:

„Man ist an etwas Wichtigem vorbeigegangen. An einer Liebe, einem Beruf, einem Umzug in eine andere Stadt, ein anderes Land. An einem anderen leben. Man ist daran vorbeigegangen, aber doch so nah, dass man manchmal, in melancholischen, fast hypnotischen Momenten, trotzdem Teile dieses Möglichen erfassen kann. Etwa wie eine Radiofrequenz, auf der von sehr weither gesendet wird. Der Empfang ist gestört, aber wenn man genau hinhört, kann man Fetzen der Tonspur dieses nicht stattgefundenen Lebens aufschnappen. […]. Aus irgendeinem unbekannten Grund haben wir dem köstlichen Schwindel der paar Zentimeter, die zu überbrücken sind, wenn man sich zum ersten Kuss einem anderen Gesicht zuneigt, nicht nachgegeben. Wir sind daran vorbeigegangen, so nah, dass etwas bleibt.
(S. 186f)

Ja, auch von diesem Buch ist sehr viel geblieben, nachdem ich es geschlossen habe. Aber zunächst noch kurz zum neuen Meisterwerk Laurains, bevor ich mich genauer mit den Besonderheiten der Bücher beschäftige.

„Der Hut des Präsidenten“

Lasst euch eine ganz besondere Geschichte erzählen: Die Geschichte eines edlen schwarzen Filzhutes, der keinem Geringeren gehörte, als Francois Mitterand persönlich. Das Staatsoberhaupt war mit Freunden zum Essen in einem Restaurant, in dem sich zur selben Zeit am Nachbartisch der unscheinbare Buchhalter Daniel aufhält. Der Staatspräsident vergisst den Hut, und eine besondere Reise beginnt.

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Eine Reise des Hutes von Kopf zu Kopf. Zunächst begleitet er Daniel Mercier, den Buchhalter, der diesen möglichst unauffällig an sich nimmt und das Restaurant verlässt. Von da an ändert sich alles im Leben des jungen Mannes. Wurde er sonst immer gedrückt und klein gemacht, schien er von nun an über sich hinauszuwachsen und alle anderen zu beeindrucken.  Auf dem Zenit dieser Erfahrungen passiert das Schreckliche: Daniel vergisst den Hut im Zug…

Doch dieser denkt gar nicht daran, allein zu bleiben und sucht sich die junge Fanny Marquant als neue Trägerin. Wohl behütet macht sich diese dann daran, ihrem ewigen Geliebten ein schlechtes Gewissen für all die leeren Versprechungen der letzten Jahre zu machen. Und so ein fescher Herrenhut tut das auf ganz besondere Weise. Auch Fannys Leben wird nicht mehr so sein, wie es war.

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Veränderungen stehen im Mittelpunkt, Veränderungen, die ausgelöst werden durch die Kopfbedeckung des französischen Staatsoberhauptes. So kommen weiterhin sowohl Pierre Aslan, ein berühmter Parfumeur, der seine Fähigkeiten schon lang verloren zu haben scheint, als auch der noble Bernard Lavallière in den Genuss der besonderen Fähigkeiten des Hutes, der sie zu Höherem aufleben lässt.

Ewig könnte es so weitergehen, potenzielle Anwärter für den Hut gäbe es sicher mehr als genug. Doch irgendwann muss gut sein, und so führt Antoine Laurain alle Fäden mit einem mehr als geschickten und unerwarteten Schachzug zusammen, der zugleich überrascht und zum Schmunzeln bringt!

Chapeau, Monsier Laurain!!

~

Doch was ist es nun, das das Phänomen Laurain ausmacht? Es ist das Gesamtkunstwerk der beiden Bücher. Beginnt man beim Stil, bekommt man zwei Geschichten, die nur von einem Vollblutfranzosen geschrieben worden sein können. Aus jedem Satz, jedem Wort, jeder kleinen Geschichte sprühen der französische Charme sowie das Savoir Vivre der Charaktere wie ein Feuerwerk. Man bekommt das Bild einer Stadt Paris vermittelt, das passt, wie die Faust aufs Auge: großes Gefühl, Charme, das nötige Augenzwinkern und die Lebenslust der Menschen. In Paris ist nichts unmöglich. Man sucht nach dem Glück und findet die große Liebe.

Wo wir direkt beim Kernpunkt beider Romane sind: Suchen und Finden und dem gefunden werden. Sowohl in „Liebe mit zwei Unbekannten“ als auch im „Hut des Präsidenten“ stehen verlorenen Gegenstände im Zentrum, die die Handlung überhaupt zum Laufen bringen. Bei Erstem ist es die gestohlene Handtasche Laures und bei Zweitem der vergessene Hut des Präsidenten. Bleiben wir zunächst bei Laure: Ihre Handtasche geht verloren und eine romantisches Such- und Findspiel beginnt, bei dem man bis fast zuletzt nicht sicher sein kann, wie es endet. Werden sie sich finden? Können beide über ihren Schatten springen und den entscheidenden Schritt in die richtige Richtung machen, oder war alles nur ein kleines Abenteuer?

Suchen und Finden – auch ein großes Leitthema im „Hut des Präsidenten“. Der Hut sucht sich seinen Besitzer auf Zeit und hilft diesem, zu sich selbst zu finden. Hat man im Leben nicht oft Idole oder Vorbilder, Glücksbringer und kleine Dinge, die einem im rechten Moment die Kraft geben, Dinge bewusst oder unbewusst zu verändern? So ein Gegenstand ist dieser Hut. Er verleiht seinen Trägern unbewusst nahezu magische Fähigkeiten und lässt diese über sich hinauswachsen, bzw. lenkt deren Leben in die richtige Richtung. Wäre es nicht schön, so einen Hut in mancher Situation auch zu besitzen?

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All diese Prozesse des Suchens und Findens führen bei Laurain aber immer zu einem Ergebnis: Zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen.

Neben diesem zentralen Thema lässt sich auch feststellen, dass den Autor aktuelle sowie politische und zeitgenössische Geschehnisse sehr beschäftigen, wie beispielsweise die, welche die Buchbranche beeinflussen. So zollt er dem französischen Nobelpreisträger Patrick Modiano Tribut, indem er ihn zu einer Kernfigur seines Romans macht. Auch die „Probleme“ des Buchmarktes kommen vielfältig zur Sprache.Er  beschäftigt sich dabei mit der großen Frage, ob eReader eines Tages das Buch ablösen werden:

„Das Gerät erlaubte es, eine ganze Bibliothek herunterzuladen und sie in der Tasche mit sich herumzutragen. Würde das Papierbuch diesem technischen Wunder standhalten? Trotz der guten Umsätze des Cahier Rouge“ kamen Laurent bisweilen Zweifel.“
(S. 74)

Auch im „Hut des Präsidenten“ findet man eine Vielzahl von Anspielungen auf das Leben in Frankreich, darin speziell dem Frankreich der 80er Jahre. So zeigt er besonders im Kapitel über Bernard Lavallière die politischen Geschehnisse und die Spaltung der Geister auf. Eine Spaltung, die Frankreich schon im 17. Jahrhundert auch in Kultur und Literatur in der sogenannten Querelle des Anciens et des Modernes (Streit der Alten und der Neuen) finden konnte.  Dort zeigte es die geistesgeschichtliche Debatte um die Frage, inwiefern die Antike noch als Vorbild für die zeitgenössische Literatur und Kunst sein könne. Und genau dies zeigt sich im genannten Kapitel auf einer anderen Ebene. Lavallière ändert mit dem Hut seine politischen Ansichten, wird im Denken fortschrittlich, kauft Bilder, die unter seinen Bekannten, die konservativ anmuten und am Alten festhalten, als verpönt gelten und macht seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Ein Mann der Moderne, der den Konservativen gerade ins Gesicht lacht. All dies zeigt er unter dem Deckmantel der beginnenden und fortschreitenden Amtszeit von Mitterand, der zu dieser Zeit der Präsident Frankreichs war und die sozialistische Partei nach vorn brachte.

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Ganz besonders sind auch die Charaktere, die Laurain dem Leser präsentiert. Durch und durch Vollblutfranzosen mit ihrem Stil, ihrem Chi, ihren Extravaganzen, aber auch mit ihrer Melancholie und ihren Sehnsüchten. Jeder Charakter ist für sich ein kleines Kunstwerk. In „Liebe mit zwei Unbekannten“ sind es natürlich Laure und Laurent, die man kennenlernt und denen man bis zur letzten Seite folgen möchte. Doch auch Laurents Tochter Chloé und sein Freund, der sich seine Damen aus dem Internet sucht und diese Kategorisiert sowie der große Modiano, sind einzigartige Wegbegleiter, die im Gedächtnis bleiben.

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Viel mehr Menschen trifft man im „Hut des Präsidenten“, und jeden einzelnen schließt man tief in sein Herz. Da haben wir Mitterand persönlich, die lebenslustige und unglücklich verliebte Fanny, den erfolglosen Parfumeur und so viele mehr. Sie werden nicht nur erwähnt, sie leben in der Geschichte und die Geschichte lebt von ihnen. Mit zarten Pinselstrichen erweckt Laurain sie zum Leben und man genießt jeden einzelnen Moment mit ihnen. Man riecht die Essenzen aus der Duftorgel, man leidet mit Fanny, man bestaunt die so andersartigen Kunstwerke und man wünscht sich, mit Mitterand am Tisch zu sitzen.

Laurain sind zwei Meisterwerke gelungen, die für mich etwas ganz besonderes ergeben: Er hat ein Porträt der Stadt Paris geschaffen, dass mir meine Herzensstadt genauso authentisch zeigt, wie sie ist: als Lichterstadt, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem nichts unmöglich ist, als Ort der Selbstverwirklichung, der Träume und Ziele. Und diese Stadt hat er in zwei wundervolle herzerwärmende Geschichten verpackt, die mehr als das sind: Sie sind voller Tiefe und lassen den Leser lange sinnieren und nachdenken und einfach träumen. Was wäre, wenn meine Handtasche gestohlen würde, oder ich auf einer Parkbank einen schwarzen Filzhut finden würde? Das weiß nur Paris allein…

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Danke für diese zwei wundervollen Bücher, die definitiv zu Lebenswegbegleitern geworden sind. Danke für mein Paris, für unseres, lieber Antoine!

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Wer nicht genug von tollen Besprechungen zu diesem kleinen Schatz bekommen kann, sollte unbedingt bei Arndt von AstroLibrium, mit dem ich gemeinsam durch Paris reiste, vorbeischauen. KLICK

achtung buch: ziemlich schlechteste freunde von stephan serin

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Manche Dinge verdrängt man im Leben und manche holen einen auch nach sieben Jahren wieder ein: So geht es Markus aus Ostberlin, der vor zehn Jahren ein Erasmus-Jahr in Pau in Frankreich absolvierte und nun plötzlich eine E-Mail seines damaligen Kumpels Sebastian im Postfach hat, der heiraten wird und ihn zur Feier nach Pau einlädt. Auf einmal sind alle Erinnerungen an das Jahr in der Ferne wieder ganz nah:

Markus möchte sein Studium aufpeppen, seine Französischkenntnisse verbessern und nebenbei noch mit vielen hübschen Französinnen in möglicht engen Kontakt kommen. Was gibt es dafür besseres, als ein Erasmus-Jahr im Land selbst. Los geht die Reise ins kleine Städtchen Pau.

Schon am Flughafen trifft Markus auf seinen zukünftigen Weggenossen, der gerade in eine oberpeinliche Verabschiedungsszene mit seiner Freundin Josepha vertieft ist und, als beide allein im Flugzeug sind, prompt den Entschluss fasst, Markus nicht mehr von der Seite zu weichen. Obwohl beide nicht viel gemein haben und Markus es sehr witzig findet, den naiven und lebensbejahenden Sebastian, der noch dazu sehr unter dem Scheffel seiner Freundin Josepha steht, zu veralbern, bilden beide eine Art Notallianz, die am Ende vielleicht doch nicht ganz so furchtbar war, wie Markus zunächst erwartete.

Aber nun zu den wichtigen Dingen, französische Sprache und französische Frauen: Beides schwieriger zu finden, als man denkt! Die Frauen zeigen kein Interesse auf die vielseitigen Annäherungsversuche und französische Sprechen kann man auch kaum, da ja auf den Erasmus Partys alles gesprochen wird, außer Französisch. Auch mit den deutschen Studenten verscherzt es sich der liebe Markus schnell und Frauen aus anderen Ländern? Auf keinen Fall… Man ist ja schließlich in Frankreich. Und so ziemlich schnell ziemlich allein im Land der Träume.

Bis da plötzlich die kecke Marijo aus Madagaskar, Roger und Guillaume von der bizarren Black-Islamic-Metal-Band Immortal Ayatollah und sein Interesse an französischer Politik auftauchen und sein Leben in Pau nun doch noch aufrütteln…

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Stephan Serin beschreibt in seinem Buch viel mehr als das Erasmus Jahr seines Protagonisten Markus. Viel mehr nimmt er Anteil an den schlechten Bedingungen im Wohnheim, am Desinteresse der französischen Studenten an vielen wichtigen Dingen, an der Politik an den Hochschulen sowie an den studentischen Verbindungen und Gruppierungen.

Er nimmt uns mit auf eine Reise durch Pau, sicher eine Selbstreflexion eigener Erfahrungen, und lässt uns seinem Protagonisten auf knapp 450 Seiten über die Schulter schauen, während er von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt und die schmerzliche Erfahrung machen muss, dass einem auch in Frankreich die süßen Französinnen nicht so zufliegen. Serins Darstellungen waren größtenteils sehr amüsant und luden zum Schmunzeln ein, wenn auch phasenweise etwas langatmig und unspektakulär, da die Probleme unseres Protagonisten doch etwas zu wenig Stoff für die vielen Seiten hergaben. Ein Aufschwung folgte jedoch mit der Bekanntschaft von Marijo und den Metallern, die ordentlich frischen Wind in das Buch und somit auch die Lesefreude zurück brachten.

Markus macht während des Romans auch eine merkliche Entwicklung durch, was der Geschichte sehr gut tut, da man bis gut zur Hälfte permanent gewillt ist, ihn für seine oberflächliche Art in den Allerwertesten zu treten. Zuletzt war jedoch nicht alles schlecht am Jahr in Pau, Markus lernt, über seinen Schatten zu springen und so ganz schlechteste Freunde sind er und Sebastian ja vielleicht doch nicht!

Insgesamt ist „Ziemlich schlechteste Freunde“ ein lockeres Lesevergnügen mit einigen Längen, die aber durch den Charme und Humor größtenteils wieder ausgeglichen werden konnten. Ich hatte viel Freude am Buch und kann es gerade jetzt als Sommerlektüre empfehlen! 😀