Tag-Archiv | Goldene Zwanziger

Achtung, Buch: Himbeeren mit Sahne im Ritz von Zelda Fitzgerald

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Zelda Fitzgerald ist vor allem durch ihren Ehemann bekannt geworden. Sie war die Frau des großen Autors Scott F. Fitzgeralds. Kaum ein Autor prägte die Roaring Twenties mehr als er. Doch auch Zelda schrieb und veröffentlichte eigene Werke, wenn auch teilweise unter Scotts Namen.

Berühmt geworden als Muse und Frau an der Seite des großen Scott F. Fitzgerald, prägte Zelda schon bald ein eigener Schaffensdrang. Die beiden waren wohl das berühmteste Künstlerpaar ihrer Zeit. Stets umgeben von Glamour und Ruhm, füllten sie die Titelseiten der damaligen Presse – sowohl der Unterhaltungs- als auch der Literaturpresse. 1920 publizierte Scotty seinen ersten Roman, im selben Jahr, in dem er das eigensinnige Südstaaten-Flappermädchen Zelda heiratete. Sie entsprach genau dem Frauenbild, das er in seinen Romanen stets in den Fokus rückte. Doch Zelda war mehr als nur Muse und Flapper. Sie schrieb eigene Geschichten, die sie zunächst des Geldes wegen unter dem Namen ihres Mannes publizierte. Nun erschien vor Kurzem unter dem Tirel „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ eine Sammlung von elf Erzählungen aus der Feder der einzigartigen Künstlerin. Vor allem das weibliche Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger war es, das sie in den Fokus ihrer Erzählungen rückte.

Auch in „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ sind es solche modernen, extravaganten junge Frauen, deren Leben im Mittelpunkt steht. Wir begleiten elf junge Heldinnen, die große Träume haben, sich durchsetzen und hart um Erfolg und vor allem um die Liebe kämpfen müssen. Da scheint sich der Wunsch nach dem großen Ruhm zu erfüllen, ist kurz darauf aber nicht mehr von Belang, da das Mädchen das große Glück in einer bürgerlichen Liebe gefunden hat. Ein anderes Mädchen schnuppert Broadwayluft und kehrt dann doch zufrieden in die Kleinstadt zurück. Eine Dritte ruiniert fast ihren Ruf und macht später doch eine außergewöhnliche Karriere. Wir haben – so die Titel der Geschichten – „Mädchen mit Talent“, „Das Südstaatenmädchen“, „Das Mädchen, das dem Prinzen gefiel“ und „Die erste Revuetänzerin“.

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All diesen Mädchen schrieb Zelda mit leichter Hand, viel Charme und einer gewissen Portion Naivität und Melancholie eine Lebensgeschichte auf den Leib. Man taucht mitten hinein in die Welt der Goldenen Zwanziger, berauscht von Nachtclubs und Partys. Man begleitet die jungen Frauen auf ihrem Weg durch Paris, beobachtet sie bei den Versuchen der Selbstinszenierung, die unabdingbar zum Leben dieser Zeit gehört. Alles ist in Bewegung, unaufhörlich, jeder will sich vergnügen, jeder will Erfolg und Ruhm in einer schillernden Welt, die sich am Ende doch meist nur als schöner Schein entpuppt.

Kaum jemandem könnte es besser gelingen, diese Stimmungen zu Papier zu bringen, als einer Frau, die genau dies alles am eigenen Körper erfahren musste. Zwar nicht mit der gleichen, fast fühlbar schmerzhaften Tiefe, mit der ihr Mann Scott arbeitete, aber dennoch mit einer ergreifenden Melancholie, gelingt es Zelda, die Stimmung der Zeit einzufangen und dem Leser zu vermitteln. Als kluge Beobachterin und Kennerin ihrer Zeit, blickt sie hinter die Fassade und vermittelt tiefe Einblicke in die Gedanken- und Lebenswelt der jungen Frauen, die sie so stilvoll porträtiert. Hinreißend und sinnlich wird man durch eine Welt geführt, in der die hohe Kunst der Selbstinszenierung zum guten Ton gehört und bekommt dennoch auch vor Augen gehalten, welch hohen Preis man unter Umständen für ein Leben im Glanz zu zahlen hatte. Es ist ein harter Kampf, der jeden Tag und jede Nacht aufs Neue gekämpft werden muss. Und nicht nur an wenigen Stellen lassen sich Parallelen und autobiografische Züge zum Leben der Autorin finden. Man erfährt von der Kluft zwischen Arm und Reich, ebenso wie man mit der Nase auf die dunklen Seiten des Ruhms gestupst wird. Abtreibung und Selbstmord stand zu dieser Zeit oftmals hoch im Kurs – wurde aber meist überspielt. So verfährt Zelda auch in ihrem Buch, in dem diese Themen nur sachte am Rande aufgegriffen werden. Die Wirkung wird dadurch jedoch nur noch verstärkt, was besonders am Tod der jungen und aufstrebenden Revuetänzerin Grace deutlich wird. Eine Geschichte, die noch lange in mir nachhallen wird.

„Gin und Champagner“ sind das Zaubermittel, das dafür gesorgt hat, dass die Welt so lange geschafft hat, durchzuhalten. Gin und Champagner als Symbole für die Zeit der Goldenen Zwanziger, als Symbol für all die jungen Seelen, die in dieser Zeit lebten und versuchten, ihren Weg zu gehen und zur Zufriedenheit zu finden. Zelda Fitzgerald schrieb in ihren Erzählungen so leise, so melancholisch, so zart und dennoch so brutal, widersprüchlich und hinreißend, wie es die Zeit der Entstehung wiederspiegelte. Das Werk ist der Spiegel eines Talents, das sich viel zu oft hinter dem Namen des eigenen Mannes verstecken musste und viel mehr gewürdigt werden sollte. So gern würde ich noch ewig zwischen den Seiten verweilen, mit den jungen Mädchen und Männern durch die Nachtclubs flanieren und sie auf ihrem Lebensweg begleiten, doch irgendwann ist der letzte Tropfen Gin getrunken, das letzte Glas Champagner geleert und man muss zurückkehren in die Realität. Dies aber nicht, ohne Zelda einen besonderen Platz im Herzen eingeräumt zu haben.

Himbeeren mit Sahne im Ritz von Zelda Fitzgerald

Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz. Erzählungen
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eva Bonné
Manesse Verlag, Zürich 2016

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Achtung Buch: Die Liebenden im Chamäleon-Club von Francine Prose

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Nachdem wir gemeinsam tief in die berührenden Kurzgeschichten der „Pariser Symphonie“ eingetaucht waren, dauert es nicht lange, bis der liebe Arndt von AstroLibrium mir Folgendes schrieb:

„Die Liebenden im Chamäleon-Club – Das MUSST du lesen Paris vor und während des Zweiten Weltkriegs aus einer ganz besonderen Perspektive – nein aus ganz besonderen Perspektiven!“

Okay, dachte ich, nachdem ich Arndt jetzt schon für meine Herzensstadt begeistern konnte, wollte und musste ich ihm bei diesem Tipp einfach vertrauen – lag er doch auch bei der „Pariser Symphonie“ mehr als richtig. Und ich sollte nicht enttäuscht werden. Anstatt eines Buches erwartete mich ein Potpourri aus sechs, ja ihr lest richtig, aus sechs Büchern, die im Werk von Francine Prost vereint sind und deren Fäden im legendären Chamäleon-Club zusammenlaufen. Diese Bücher sind:

„Der Teufel am Steuer – Das Leben der Lou Villars“ von Nathalie Dunois

„Erschaffen Sie sich neu“ – von Lionel Maine

„Paris im Rückspiegel“ – von Lionel Maine

„Die Memoiren der Suzanna Dubois Tsenyi“ von Suzanna Dubois Tsenyi

„Die Baronin bei Nacht“ von Lily de Rossignol

„Der Briefwechsel des Fotografen Gabor Tsenyi“ – Gabor – Tsenyi – Archiv

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Dazu sei eine Sache vorab anzumerken, bevor Sie, liebe Leser, sich auf die Suche nach diesen Büchern machen sollten. Sie werden sie – der größten Wahrscheinlichkeit nach nicht finden. Denn: Der Roman von Francine Prost basiert war auf einem Gerüst von realen Persönlichkeiten und Geschehnissen, konnte jedoch an vielen Stellen nicht ausreichend historisch gefestigt werden, sodass sich die Autorin die Freiheit herausnahm, ihm den Mantel der Fiktion überzustülpen. Dies tat der Qualität des Buches jedoch keinerlei Abbruch – so viele soll schon gesagt werden – sondern macht es zu einem Meisterwerk der „Historifiktion“.

Zwei Dinge stehen im unmittelbaren Zentrum des Romans: Lou Villard und der Chamäleon-Club. Wer aber ist Lou Villard? Eine junge Frau, die von Klein auf orientierungslos ist, burschikos, sportlich, mit einer Vorliebe für Jungenkleidung geboren, keine wahre Schönheit und ausgestattet mit der wahnwitzigen Idee, eins wie ihr großes Idol Jeanne d’Arc Großes für ihr geliebtes Heimatland zu vollbringen. Und Großes wird sie vollbringen – Schreckliches zwar, aber definitiv Großes.Bis dahin sollen jedoch einige Jahre ins Land gehen. Jahre, in denen Lou verzweifelt nach dem kranken Bruder sucht, der in irgendeine Anstalt eingewiesen worden sein soll. Jahre der Schmach und der Ausgrenzung, nirgends passt sie hin. Überall wird sie benutzt, ausgenutzt und geschunden, dabei sucht sie nur etwas Liebe und Glück. Doch jeder, bei dem sie dies zu finden glaubte, missbrauchte sie wieder nur für die eigenen Zwecke – bis sich Jahre später das Blatt wendet und aus dem Opfer ein Täter wird, der die Weltgeschichte verändern soll.

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Doch noch befinden wir uns im Paris der „Goldenen Zwanziger“ mit all seiner schillernden Freizügigkeit. Zoomen wir direkt ins Nachtleben – in den legendären Chamäleon-Club, dessen Besitzerin Yvonne gerade versonnen ihr Chamäleon streichelt, das – passend zu ihrem Kleid eine rote Farbe angenommen hat. Dort treffen wir auch auf Lou, entspannt in Männerkleidern, ihre Geliebte Arlette im Arm – eine Szene, die von dem jungen ungarischen Fotografen Gabor Tsenyi für die Ewigkeit auf Zelluloid gebannt wird und die später noch die wahre Macht und Gefahr des Bildes zeigen soll. Ein erster Schritt zur Unsterblichkeit Lous wurde mit diesem Bild gegangen und zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass aus dem Kunstwerk einst etwas Entartetes werden sollte. Gabor war dabei nur eine Person, die Lou im Club kennenlernen sollte und die ihr den Weg in die Zukunft ebnen würden.

Niemand geringeres als die Familie Rossignol persönlich nahmt Lou unter ihre Fittiche und machte sie zur ersten Rennfahrerin Frankreichs, und in ihrer Freizeit war es der Schriftsteller Lionel Maine, der ihr die schillernden Seiten der Stadt zeigt. Lou blühte merklich auf, kann zum ersten Mal sie selbst sein, ihren Traum leben, auf der Rennbahn ein kleines bisschen wie ihr Idol Jeanne d’Arc für Frankreich kämpfen – wenn auch nur hinter dem Steuer. Dafür verzichtete sie sogar auf den Rest Weiblichkeit und lässt sich beide Brüste transplantieren, um besser und sicherer hinter das Lenkrad zu passen. Der Sport und die Liebe zur Tänzerin Arlette lassen dies jedoch alles zu Nichtigkeiten werden.

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Ewig hätte es so weitergehen können. Das erste Mal, dass Lou glücklich war. Doch es sollte ihr nicht vergönnt sein. Mit der Machtergreifung der Nazis änderte sich alles, auch die Situation in Paris. Alles „untypische“ – so auch der Chamäleon-Club galt nun als entartet und gehört ausgemerzt: Allem voran natürlich auch Frauen, die in Männerkleidung auftraten und dazu noch Autorennen fuhren. Einst als Favorit für Olympia gehandelt, verlor Lou nun direkt ihre Lizenz und dazu noch die Geliebte, die sich lieber in die Arme des Polizeichefs begab, der Lou nicht sonderlich mochte, um es harmlos auszudrücken. Einmal mehr stand Lou am Abgrund ihres Lebens, verraten und enttäuscht. Das Land, für das sie alles gab, hat sie fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.

Der rettende Anker kommt diesmal von gänzlich unerwarteter Seite. Eine Einladung zu den Olympischen Spielen nach Berlin führt Lou direkt in die Arme Hitlers und Inge Walisers, der deutschen Ikone des Rennsports. Eine erneute Verblendung, von der Lou nichts ahnt. Bedingt durch den Hass auf die Heimat, von der sie sich verraten und ausgestoßen fühlt, begibt sie sich nur zu gern in die offenen Hände der Nazis, die ihr neue Möglichkeiten bieten und sie zu einer ihrer besten und gefährlichsten Waffen machen sollen. Wie ein Racheengel kehrt sie zurück nach Paris – in ein Paris, das nicht mehr ihre Stadt ist. Dennoch kreuzen ihre Wege immer wieder die der alten „Freunde“, ohne dass diese eine Ahnung von Lous neuer Funktion haben. Ich glaube, manchmal – zumindest zu Beginn – war sich Lou dieser selbst nicht ganz bewusst.

Lou Villars – eine tragische Figur, eine tragische Liebesgeschichte im Zentrum eines Romans, der von den Bekannten Lous erzählt wird. Verschiedene Perspektiven wechseln sich ab, Protagonisten aus den verschiedensten Schichten reichen sich die Hand, um dem Leser ein ganzheitliches Bild der Zeit zu vermitteln, was brillant gelingt. Man erlebt die Gründung der Résistance ebenso  wie die Passivität der Franzosen gegenüber den Deutschen zu Beginn des Krieges, man wird Augenzeuge der politischen Veränderungen, man atmet direkt die Luft dieser Zeit.

Keine Sichtweise kommt zu kurz und jede Persönlichkeit trägt zur Ganzheit der Geschichte bei. Dabei basiert diese fiktionale Erzählung durchaus auf wahren Begebenheiten und Persönlichkeiten. So begründet niemand anderes die Biografie Lou Villars als Violette Morris, was man nach schon kurzer Recherche belegen kann. Auch der Fotograf lässt Rückschlüsse auf den real existierenden Fotografen Brassaï zu. Eine grandiose Verschmelzung von Realität und Fiktion. Ganz großes literarisches Kino.Wer darüber mehr erfahren möchte, sei herzlich eingeladen, auch den Lebensweg Arndts zu diesem Buch zu folgen. HIER findet ihr seine berührende Besprechung!

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Und am Ende bleibt immer nur Lou. Lou Villars, die nichts hatte als einen Traum und ein Idol: Sie wollte als moderne Jeanne d’Arc für ihr Land da sein. Ein Traum, eine Sehnsucht und ihre Besonderheit, die sie letztendlich zu einer absonderlichen Person machten. Lou, die nach jedem Strohhalm griff, um einfach nur sie selbst und glücklich zu sein und am Ende schmerzlich erfahren musste, dass sie wieder und wieder ausgenutzt wurde. Tief berührt lässt mich dieses Buch zurück. Tief berührt und zerrissen über Lou und die Schuldfrage, die über allem schwebt. Die Schuld besteht, eindeutig. Lou folterte, quälte und verriet Menschen und ihr eigenes Land. Das ist unbestreitbar und auch unverzeihlich. Dennoch regt sich in mir ein „aber“. Kann man einen Hund, der das ganze Leben von Welpenbeinen an getreten und misshandelt wurde, verübeln wenn er beißt? Ein merkwürdiges Gleichnis, ich weiß. Aber je mehr ich mich in Lou hineindenke, ist es doch genau das, was passiert ist. Von Kindesbeinen an wurde sie schlecht behandelt, nicht für voll genommen, eingezwängt in Paradigmen, benutzt und missbraucht, um andere ans Ziel zu bringen. Hatte sie ihren Zweck erfüllt, wurde sie fallengelassen. Nichts von dem entschuldigt den Schmerz, den sie anderen angetan hat, aber tief im Inneren sehe ich noch immer das kleine Mädchen, das einfach nur sein wollte wie Jeanne d’Arc, ihre Liebe und ihren Bruder finden und im Rausch der Geschwindigkeit ihr Talent beweisen wollte. Das Mädchen, das so viele Enttäuschungen und so viel Schmerz erdulden musste, bis es innerlich schwarz vor Rache und Gram sein musste…

Ein literarisches Meisterwerk, das tief nachhallt und auch noch lange in mir klingen wird. Fragen, die mich beschäftigen. Fragen, auf die ich Antworten suche. Werde ich sie je finden? Ich weiß es nicht.